Ocean Dream - Reisen und Abenteuer des Simon Brown

Grau – unzählige Facetten von Grau … Die trübe Sicht durch den Regen prägt den Anblick Londons von der Themse aus, als die „Ocean Dream“ in die Western Docks einläuft. Es ist der Nachmittag des 1. Oktober 1834, ein kalter und ungemütlicher Tag. Langsam schiebt sich der Dreimaster an den vom Kapitän und dem Ersten Offizier auserkorenen Ankerplatz.
„Die Kreuzmarssegel einholen!“, schreit Edgar Bradshaw mit kräftiger Stimme in die Maste. „Jetzt das Großobermarssegel und zum Schluss das Großuntermarssegel reffen! – Gut gemacht, Männer.“
„Eichenholzfässer, gefüllt mit in Salz eingelegten Heringen – darauf wäre ich nie gekommen.“ Schmunzelnd wendet sich Simon an William Scott, der auf den letzten Meilen bis zum Hafen von Aberdeen neben ihm reitet. „Auf so eine Idee kommt wohl nur ein ausgekochtes Schlitzohr.“
„Mich als ausgekochtes Schlitzohr zu bezeichnen … Ich weiß nicht so recht“, sinniert der Schotte laut vor sich hin. Er dreht sich im Sattel um und vergewissert sich, dass bei seinen Begleitern alles in Ordnung ist.
„William, ich denke, Simon trifft den Nagel ...
Feiner Nebel hängt in der Luft. Simon hat gerade seine Augen geöffnet und schlägt nun mit Mühe die klamme Wolldecke zurück. Er muss doch noch eingeschlafen sein. In einiger Entfernung nimmt er ein knirschendes Geräusch wahr, das sich in gleichmäßigen Abständen wiederholt. Was ist das nur? Deuten kann er es nicht. Die anderen Männer sitzen am Feuer, aber Simon begibt sich zunächst zu dem kleinen Bach, aus dem er schon am Vorabend frisches Teewasser geholt hat. Auf einem größeren Felsen direkt am Ufer geht er auf die Knie und beugt sich über die Wasseroberfläche. Mit den Innenflächen seiner Hände schaufelt er das kühle Nass ins Gesicht und vertreibt damit die restliche Müdigkeit. Gerade als Simon wieder aufsteht und sich anschickt, zu den anderen zurückzukehren, nimmt er wieder dieses gleichmäßige Geräusch wahr, das er nun besser deuten kann. Es hört sich so an, als würde jemand Erde schaufeln. Simon sieht sich um und erkennt in einiger Entfernung Brodric Muir und Cory Ferguson, die tatsächlich mit Schaufeln arbeiten. Er wundert sich kurz, geht dann aber doch zu den Kutschen zurück und setzt sich zu den anderen Männern ans Feuer. McIntosh drückt ihm wortkarg einen schwarzen Emaillebecher in die Hand. „Tee!“
„Mr. Brown, Mr. Boyt, mein Kompagnon Thomas Baxter und ich möchten uns für die Einladung hier an Bord herzlich bedanken!“
William Scott sitzt zwischen Thomas Baxter und Simon Brown zusammen mit den Offizieren der „Ocean Dream“ vor einem reichlich gedeckten Dinnertisch in der Messe. Vor zwei Tagen, am 10. September 1834 gegen 9 Uhr vormittags, war der Dreimaster durch den Firth of Forth in den Hafen von Leith gesegelt und hatte vor den Piers von Scott & Baxter, Wine & Spirit Merchants festgemacht.
Simon und George Boyt hatten einige Male darüber spekuliert, was William Scott wohl für eine Person sein müsste, um zu dem redseligen, freundlichen, farbenfrohen Thomas Baxter zu passen. Ganz erstaunt waren sie, als sie diesem hochgewachsenen, muskulösen blonden Mann mit seinen blauen Augen gegenüberstanden. Schon der erste Handschlag bei der Begrüßung machte ihnen deutlich, dass es sich bei dem Schotten um einen Mann der Tat handeln musste. Im Vergleich zu Thomas Baxter war seine Kleidung dezenter und die einzelnen Stücke waren aufeinander abgestimmt. Seine schwarzen, kniehohen Stiefel glänzten, was bei George Boyt den Eindruck erweckte, dass William Scott ganz sicher verheiratet sein müsste. Er sprach deutlich weniger als Thomas Baxter, aber die Worte, die er benutzte, waren präzise gewählt und ließen auch aufgrund seiner durchdringenden tiefen Stimme seinem Gegenüber kaum einen Handlungsspielraum.
Grelle Blitze erhellen den Nachthimmel, der Sturm weht mit ohrenzerreißendem Brüllen, und der klirrende Wind lässt alles Lebendige zu frostigem Eis erstarren. Hemd, Jacke und Hose kleben wie steife Säcke auf nasser, zitternder Haut. An Ärmeln und Saum haben sich kleine Eiskristalle gebildet. Simon kniet auf dem Deck vor einer Ladeluke und versucht, sie mit einer Plane abzudichten. Er hat sich mit einem Karabinerhaken, den er an seinem Gürtel trägt, in eines der über das Deck gespannten Sicherungsseile eingehakt. Das bewahrt ihn allerdings nicht davor, in unregelmäßigen Abständen von über das Deck krachenden Wellen umgerissen zu werden. Unter großen Anstrengungen müht er sich, die Plane mit einem Seil zu fixieren, aber seine steif gefrorenen Finger bekommen keinen Knoten zustande. Die nächste Welle trifft ihn so unvorbereitet, dass er rücklings auf die Planken schlägt. Mühsam kämpft er sich zurück auf die Beine. Die Kälte entzieht ihm seine letzten Kräfte. Das Zittern seiner Glieder und das Klappern seiner Zähne kann er kaum noch kontrollieren. Sorgenvoll blickt Simon zum Achterdeck, aber die Nacht schluckt alles Licht. Er kann nicht einmal erkennen, ob sich überhaupt jemand dort aufhält. Wieder reckt sich das Schiff mit einer nächsten Welle steil empor, um gleich darauf abzukippen und unvermittelt in die Tiefe zu rauschen. Simon schreit seine Wut und Verzweiflung in den Sturm und in die Nacht hinaus, aber er bekommt keine Antwort. Mutlos sackt er auf die Knie, als ihn jemand im Vorbeigehen an der Schulter streift.
„Simon, schau nur: Es wird ganz dunkel draußen!“
Simon erhebt sich aus seinem bequemen Ledersessel in Ashley Ricklebys Büro, geht zur Fensterfront und stützt seine Hände auf die Fensterbank. Der Himmel hat sich plötzlich zugezogen, und es sieht so aus, als könne es jeden Moment einen Wolkenbruch geben. Aber Simons Augen suchen etwas anderes. Es ist sein Schiff, das dort hinten auf Kiel liegt.
„Wir liegen gut im Zeitplan, Ashley“, stellt er fest. „Von hier sieht sie schon sehr elegant aus, die ‚Ocean Dream‘. Proportionen und Linienführung finde ich ausgesprochen gelungen. Da haben Luca und David gezeigt, was sie können. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sie ausgezeichnet zusammenarbeiten.“