Ocean Dream - Reisen und Abenteuer des Simon Brown

„Sehen Sie, Mr. Brown: Alles wird gut, wenn man sich nur an die Spielregeln hält.“ Lieutenant Walsh sitzt mit zufriedener Miene an seinem Schreibtisch im East India House. Heller Sonnenschein flutet durch die hohen Fenster des Büros, sodass Simon und George, die vor dem Schreibtisch sitzen, blinzeln müssen.
„Kapitän“, fährt der Lieutenant fort, „ich habe Sie und Mr. Brown einbestellt, weil Ihre Unterlagen vollständig sind. Das Transportmaterial wird am Samstag, dem 25. Oktober, um 7 Uhr morgens am Anleger für Sie bereitstehen.“ Kurz schaut Lieutenant Walsh von seinen Unterlagen auf und nimmt George Boyt in den Blick. „Ich nehme an, Sie haben sich um einen Liegeplatz am Anleger gekümmert, Kapitän?“
„Sie wäre sehr hartnäckig, das waren ihre letzten Worte gestern Abend.“ Simon sieht in die aufmerksam gespannten Gesichter von George Boyt und Edgar Bradshaw, die mit ihm in der Kapitänskajüte der „Ocean Dream“ sitzen.
„Na, wenn das kein Tête-à-Tête erster Klasse war, dann weiß ich es auch nicht!“, schießt es aus dem Ersten Offizier heraus.
„Mr. Bradshaw, bitte!“, maßregelt ihn der Kapitän. „Wir haben es hier mit einer verzwickten Situation zu tun. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie sich die Sache entwickeln wird?“
„Entschuldigen Sie, Sir, natürlich.“ Bradshaw macht ein betretenes Gesicht.
Simon seufzt. „Mir wäre sehr daran gelegen, wenn wir einen Weg finden könnten, wie ich das scheinbar Unvermeidbare doch noch ...
Grau – unzählige Facetten von Grau … Die trübe Sicht durch den Regen prägt den Anblick Londons von der Themse aus, als die „Ocean Dream“ in die Western Docks einläuft. Es ist der Nachmittag des 1. Oktober 1834, ein kalter und ungemütlicher Tag. Langsam schiebt sich der Dreimaster an den vom Kapitän und dem Ersten Offizier auserkorenen Ankerplatz.
„Die Kreuzmarssegel einholen!“, schreit Edgar Bradshaw mit kräftiger Stimme in die Maste. „Jetzt das Großobermarssegel und zum Schluss das Großuntermarssegel reffen! – Gut gemacht, Männer.“
„Eichenholzfässer, gefüllt mit in Salz eingelegten Heringen – darauf wäre ich nie gekommen.“ Schmunzelnd wendet sich Simon an William Scott, der auf den letzten Meilen bis zum Hafen von Aberdeen neben ihm reitet. „Auf so eine Idee kommt wohl nur ein ausgekochtes Schlitzohr.“
„Mich als ausgekochtes Schlitzohr zu bezeichnen … Ich weiß nicht so recht“, sinniert der Schotte laut vor sich hin. Er dreht sich im Sattel um und vergewissert sich, dass bei seinen Begleitern alles in Ordnung ist.
„William, ich denke, Simon trifft den Nagel ...
Feiner Nebel hängt in der Luft. Simon hat gerade seine Augen geöffnet und schlägt nun mit Mühe die klamme Wolldecke zurück. Er muss doch noch eingeschlafen sein. In einiger Entfernung nimmt er ein knirschendes Geräusch wahr, das sich in gleichmäßigen Abständen wiederholt. Was ist das nur? Deuten kann er es nicht. Die anderen Männer sitzen am Feuer, aber Simon begibt sich zunächst zu dem kleinen Bach, aus dem er schon am Vorabend frisches Teewasser geholt hat. Auf einem größeren Felsen direkt am Ufer geht er auf die Knie und beugt sich über die Wasseroberfläche. Mit den Innenflächen seiner Hände schaufelt er das kühle Nass ins Gesicht und vertreibt damit die restliche Müdigkeit. Gerade als Simon wieder aufsteht und sich anschickt, zu den anderen zurückzukehren, nimmt er wieder dieses gleichmäßige Geräusch wahr, das er nun besser deuten kann. Es hört sich so an, als würde jemand Erde schaufeln. Simon sieht sich um und erkennt in einiger Entfernung Brodric Muir und Cory Ferguson, die tatsächlich mit Schaufeln arbeiten. Er wundert sich kurz, geht dann aber doch zu den Kutschen zurück und setzt sich zu den anderen Männern ans Feuer. McIntosh drückt ihm wortkarg einen schwarzen Emaillebecher in die Hand. „Tee!“
„Simon, schau nur: Es wird ganz dunkel draußen!“
Simon erhebt sich aus seinem bequemen Ledersessel in Ashley Ricklebys Büro, geht zur Fensterfront und stützt seine Hände auf die Fensterbank. Der Himmel hat sich plötzlich zugezogen, und es sieht so aus, als könne es jeden Moment einen Wolkenbruch geben. Aber Simons Augen suchen etwas anderes. Es ist sein Schiff, das dort hinten auf Kiel liegt.
„Wir liegen gut im Zeitplan, Ashley“, stellt er fest. „Von hier sieht sie schon sehr elegant aus, die ‚Ocean Dream‘. Proportionen und Linienführung finde ich ausgesprochen gelungen. Da haben Luca und David gezeigt, was sie können. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sie ausgezeichnet zusammenarbeiten.“