Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

  Telefonservice: +49 (0) 44 42/93 92 0

  Schneller Versand

  Unkompliziert erreichbar

  Sicher Einkaufen dank SSL

6.7 Verlorene Zeit

„Sie glauben ja nicht, wie sehr ich mich nach diesen ganzen Strapazen auf ein ausgiebiges Bad freue ..."

„Sie glauben ja nicht, wie sehr ich mich nach diesen ganzen Strapazen auf ein ausgiebiges Bad freue. Es wird das Erste sein, wonach ich mich im Hotel erkundigen werde, das kann ich Ihnen versichern!“ Mary Garner seufzt und streicht sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Nur zu verständlich“, antwortet Simon, der neben ihr reitet, ein wenig gedankenverloren. Wie viele lebendige Gespräche wurden in der Gruppe seit Beginn ihrer gemeinsamen Reise schon geführt – umso mehr, je intensiver man sich kennengelernt hatte. Mit Beginn der Sahara-Durchquerung waren die Gespräche dagegen weniger geworden, bis sie während der Entführung fast gänzlich zum Erliegen gekommen waren. Interessiert wendet Simon sich im Sattel seines Dromedars zu den Mitreisenden um und stellt beruhigt fest, dass sie sich wieder viel zu erzählen haben. Vielleicht werden die Gespräche auch wieder lebendiger, weil das Ziel Suez nun in unmittelbare Nähe rückt.
Kaum eine Stunde später sehen sie vor sich die türkis schimmernden Reflexe des Sonnenlichts auf den sanften Wellen des Roten Meeres, während sich um sie herum immer noch die letzten Sanddünen entlangziehen. Am Ende der Wasserfläche liegt eine nahezu sandfarbene, monoton und beinahe trostlos wirkende Stadt – Suez, das Ziel dieser Reiseetappe. Direkt vor der Stadt angekommen, verabschieden sich Lieutenant Frost, Qasim und die Führer der „Egyptian Transit Company“ von den Männern der Tuareg – nicht ohne ihnen einen großen Dank für die Rettung und die Begleitung bis nach Suez auszusprechen. Während Qasim wieder zur Reisegesellschaft zurückkehrt, macht sich Lieutenant Frost mit mehreren Begleitern auf den Weg in die Stadt.
Langsam zieht die Karawane der Tuareg an den wartenden Reisenden vorbei und Simon erkennt die junge Targia Lalla ult Salah, die mit ihrem Dromedar neben ihm anhält. Sie schaut ihn mit ihren tiefbraunen Augen freundlich an. „Allah möge mit dir sein, Sahib, und dir ein langes Leben schenken.“
Simon freut sich über ihre persönliche Verabschiedung. „Das wünsche ich dir auch, Lalla. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft. Übrigens: Der Brautpreis muss hoch sein, denn was nichts kostet, ist nichts wert.“
Ohne ein weiteres Wort setzt die junge Targia ihren Weg fort, während Qasim sich mit Erleichterung an die Gruppe der Reisenden wendet: „Geschafft, wir haben Suez erreicht! Hier gibt es zwei Hotels, und wir sind im ‚Shepherd’s‘ untergebracht. Von der Veranda hat man einen schönen Blick auf das Rote Meer.“
„Für das bessere Hotel hat es wohl nicht gereicht, was?“, lässt sich Cliff Hawkings‘ unangenehme Stimme vernehmen. „Waghorn & Co. müssen also sparen … Oder sie stecken sich ein paar Extrapiepen in die Taschen.“
„Entschuldigung, Mr. Hawkings, waren Sie schon einmal in Suez?“, platzt es aus Mary Garner heraus.
„Scheinbar nicht“, bemerkt Qasim mit ruhigem Tonfall, „denn dann wüsste er, dass das ‚Shepherd’s Hotel‘ das erste Haus am Platz ist.“
Dezentes Lächeln macht sich unter den Reisenden breit, nur Cliff Hawkings verzieht keine Miene.
„Zudem hat das Hotel den Vorteil, dass dort auch das Transit Office für unser Gepäck untergebracht ist“, setzt Qasim seine Erklärung fort. „Ihr Gepäck, das Sie über die ‚Egyptian Transit Company‘ vorgeschickt haben, wird dort bereits angekommen sein, nehme ich an. Aber ich möchte an dieser Stelle schon einmal betonen, dass die sich bei der Transitverwaltung im Hotel mit ihrem Gepäck keine sonderlich große Mühe geben werden, abgesehen davon, dass sie es auf das Schiff bringen. Für Übergewicht ist übrigens ein Aufpreis zu zahlen und Sie müssen diesen selbst erfragen. Das Gepäck, für das der Aufpreis nicht bezahlt wurde, wird nicht an Bord sein, wenn wir in See stechen.“

Etwa eine Stunde später sitzen Simon, Raj, Thomas Hodgson und Major Eltringham auf der Veranda des „Shepherd’s Hotel“ und schauen auf das Rote Meer.
„Wirklich eine öde Gegend hier“, stellt der Major fest.
„Besser trostlos und langweilig, als aufregend und gefährlich“, meint Raj und lehnt sich zufrieden zurück.
Die Männer nicken zustimmend und zeigen sich erfreut, weil in diesem Augenblick ein Ober mit einem Tablett an den Tisch kommt und jedem ein Bier serviert.
„Sagen Sie, junger Mann“, wendet sich der Major an den Ober, „wie groß ist Suez?“
Der junge Araber zuckt mit den Achseln. „Keine Ahnung, Sir. Ich denke, mehrere Tausend … Suez ist kein Dorf.“
„Und was für ein Bier haben wir hier?“
„Ein Pale Ale. October Beer nennt es sich, Sir.“ Da der Major ihn weiter aufmerksam ansieht, fühlt sich der junge Mann wohl verpflichtet, dem Gesagten noch etwa hinzuzufügen: „Es wird bei der ‚Hodgson‘s Brewery‘ in Bow bei London gebraut und kommt regelmäßig mit dem Postschiff aus Bombay. Es wird allgemein gerne getrunken, Sir.“
„Na dann, Prost!“ Simon, der ziemlich durstig ist, erhebt sein Glas, doch da betreten Lieutenant Frost und Qasim die Veranda. Der Lieutenant ruft dem davoneilenden Ober hinterher: „Bitte noch zwei Bier!“
Als die Männer ihre Gläser wieder auf den Tisch absetzen, bemerkt Raj: „Kräftig, aber süffig, ein wirklich gutes Bier.“
„Ja, dagegen ist nichts einzuwenden“, nickt Major Eltringham. „Erst recht nicht, wenn es kaum Alternativen gibt.“ Neugierig betrachtet er das Flaschenetikett genauer. „Hm … ‚Hodgson’s Brewery‘, Bow … Verwandtschaft von Ihnen, Mr. Hodgson?“
„Nein, Major. Wir stammen zwar aus London, aber mit Bierbrauern sind wir meines Wissens nicht verwandt.“
Während die Männer sich leichthin unterhalten, wirft Simon Lieutenant Frost einen nachdenklichen Blick zu. Der wirkt abwesend und nicht ganz bei der Sache. „Alles in Ordnung, Mr. Frost?“, fragt Simon.
Frost bewegt langsam den Kopf hin und her. „Nicht alles optimal, aber es gibt immer eine Lösung. Es wird nur alles ein wenig länger dauern.“ Er nimmt einen großen Schluck von seinem Bier und führt dann näher aus: „Unser Gepäck ist wohlbehalten im Hotel eingetroffen. Aber leider haben wir das Schiff verpasst, das wir eigentlich nehmen wollten. Das Dampfschiff, die ‚Hugh Lindsay‘ hat bereits gestern, also am Freitag, den 20. März, Suez in Richtung Cosseir – oder Al-Qusair, wie die Araber sagen – verlassen. Aus diesem Grund müssen wir umdisponieren. Ich werde morgen schauen, ob wir ein Segelschiff finden, das uns bis Aden mitnehmen kann. Von dort aus stehen unsere Chancen gut, einen Frachtsegler zu finden, der nach Bombay segelt. Aber wer konnte auch damit rechnen, dass wir entführt werden! Nun gut, wir wollen uns nicht beklagen; schließlich leben wir noch.“
„Ich habe mir heute Morgen den Uferbereich einmal etwas näher angesehen. Der ist ja viel zu flach für größere Schiffe.“ Simon zeigt mit der ausgestreckten Hand zum Meer. „Ich vermute, die Schiffe ankern weiter draußen, sodass die Passagiere und die Waren mit kleineren, flacheren Booten dorthin gebracht und abgeholt werden müssen …“
„Oh Gott“, wirft Major Eltringham ein. „Das klingt aufwendig!“
„Ja, aufwendig ist das schon“, nickt der Lieutenant, „aber nicht anders möglich. Gut erkannt, Mr. Brown. Wenn Sie dort hinten aufs Meer hinausschauen, etwa drei bis vier Meilen weit, dann erkennen Sie gerade noch so eine aufgeschüttete Barriere. Die soll jede Annäherung von Schiffen mit einem Tiefgang von mehr als fünf Fuß gänzlich verhindern. Der gesamte Personen- und Warentransport erfolgt mittels kleinerer Segelschiffe, die bei Gegenwind auch gerudert werden können.“
In diesem Augenblick wird Frost von einer aufgebracht heranrauschenden Mary Garner unterbrochen, in deren Gefolge sich Diana Hodgson befindet. „Ich glaube es nicht!“, ruft Mary Garner entrüstet aus, „Das ist doch nicht deren Ernst!“ Die beiden Damen lassen sich am Nachbartisch nieder.
„Gibt es ein Problem, Diana?“, erkundigt sich ihr Ehemann besorgt.
Seine Frau fährt sich durch die notdürftig zurechtgemachten Haare. „Thomas, das Wasser auf unserem Zimmer ist ganz widerlich, vor allem das Badewasser.“
„Ja, so ist es!“, stimmt Miss Garner zu. „Da ist das Baden kein Genuss.“ Sie wirft einen Blick zum Tisch der Männer, die sich alle das Lachen verkneifen müssen. „Simon, grinsen Sie jetzt auch noch?“
„Entschuldigen Sie.“ Simon bemüht sich um eine ernste Miene. „Nein, natürlich nicht.“
„Pfui, ist das Schadenfreude oder der missglückte Versuch, Ihr Bedauern zum Ausdruck zu bringen?“ Mary Garner schüttelt den Kopf. „Sie wissen doch, wie sehr ich mich auf ein ausgiebiges Bad gefreut habe.“
„Was ist denn genau das Problem mit dem Wasser?“, erkundigt sich Hodgson mit beruhigendem Ton.
„Es riecht muffig und schmeckt brackig, richtiggehend salzig und modrig“, echauffiert sich seine Frau.
„Salzig und modrig?“
„Ja, in Herrgotts Namen, so ist es!“
„Wie sollte es auch anders sein“, mischt sich nun Qasim mit ruhiger Stimme ein. „Hier in Suez wird man kein Trinkwasser zum Waschen verwenden – das ist viel zu kostbar. Das Wasser in der Kanne auf dem Waschtisch ist gefiltertes Wasser aus dem Roten Meer, also nicht zum Trinken geeignet, sondern nur zum Zähnereinigen und zum Waschen … genau wie das Badewasser.“
„Meine Damen“, ergreift nun Lieutenant Frost das Wort, „schauen Sie, auf dieser Seite dort liegt die Sahara, und wie wir wissen, gibt es bis Kairo keine Oase, also auch kein frisches Wasser. Auf der anderen Seite von Suez haben wir die Sinai-Halbinsel, also auch wieder Wüste, und hier, direkt vor uns, liegt das Rote Meer, das ist bis oben hin voll mit Salzwasser. Das heißt, das gesamte Trinkwasser muss mittels Karawanen von Kairo hierhergebracht werden. Also mögen sich die Damen bitte wieder beruhigen. Freuen wir uns doch alle, dass wir an diesem Ort überhaupt Wasser zum Waschen und Baden haben.“
Für einen kurzen Moment herrscht betretene Stille. Schließlich schlägt Robin Frost vor: „Meine Damen, darf ich Ihnen vielleicht ein erfrischendes Getränk empfehlen?“
„Was sollen wir bestellen, Lieutenant?“, fragt Diana Hodgson immer noch empört – das brackige Badewasser ist nicht vergessen.
„Bestellen Sie einen Gin Punsch, eine schöne neue Erfindung. Er besteht aus Gin, Sodawasser und ein oder zwei saftige Orangenscheiben – einfach herrlich und hier auf der Veranda des ‚Shepherd’s‘, zusammen mit dem schönen Blick über das Rote Meer, ein wahrer Genuss.“

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages befindet sich die kleine Reisegesellschaft zusammen mit einer kleinen Anzahl anderer Passagiere an Bord einer Zweimast-Brigg namens „Resolution“ draußen auf dem Roten Meer. Der Transport von Menschen und Waren mithilfe mehrerer kleiner Boote ist reibungslos verlaufen und die Anker konnten zügig gelichtet werden.
Simon hat sich einen Platz auf einem leinenbezogenen Klappstuhl im vorderen Deckbereich gesucht und beobachtet aufmerksam die Tätigkeiten der Mannschaft in den Segeln.
„Puh, das war ein schönes Stück Arbeit, unser komplettes Gepäck und die ganze Post an Bord zu verstauen!“ Mit einem Seufzer lässt sich Qasim wie ein nasser Sack auf einen Klappstuhl neben Simon fallen.
„Jetzt kannst du dich erholen“, meint Simon zufrieden. Aber sie haben nicht lange ihre Ruhe, bis sich Mary Garner und Diana Hodgson zu ihnen gesellen. Auch die Damen finden zwei Klappstühle in der Runde.
„Da haben wir aber Glück, dass der Lieutenant so gute Kontakte hat und es so zügig weitergeht “, freut sich Diana Hodgson.
„In der Tat“, nickt Qasim, „aber das Allerbeste ist, dass wir hier auf der ‚Resolution‘ ausreichend Kajüten und Betten haben. Das ist nicht die Regel auf diesen Frachtschiffen.“
„Schaut einmal nach links, da kommt ein Uniformierter“, stellt Mary Garner mit respektvollem Unterton fest. „Die sehen ja schon ausgesprochen gut aus in ihren Uniformen – und dieser erst!“
„Ah, das ist der Erste Offizier“, unterbricht Simon die Schwärmerei und erhebt sich genau wie Qasim von seinem Stuhl.
Der Erste Offizier ist ein großer, kräftiger Mann mit blonden Haaren, die etwas keck unter seiner Uniformmütze hervorschauen. „Guten Tag“, grüßt er in die Runde, „ich hoffe, Sie haben es sich an Bord so bequem gemacht, wie es eben auf einem Schiff möglich ist.“
„Ja, Sir, vielen Dank“, antwortet Simon. „Darf ich vorstellen: Mrs. Hodgson und Miss Garner, Mr. Qasim von Waghorn & Co. und mein Name ist Simon Brown.“
„Sie sind alle mit Lieutenant Frost an Bord gekommen, richtig? Mein Name ist Kirk Cooper und ich bin der Erste Offizier auf der ‚Resolution‘.“
„Sehr erfreut.“ Simon ergreift weiter das Wort für die Runde. „In der Tat ist es relativ bequem für uns an Bord, vor allem, weil wir zuvor von Kairo aus durch die Wüste gereist sind. Es wirkt ja geradezu so, als wären Sie auf Gäste eingestellt?“
„So ist es“, bestätigt Kirk Cooper. „Die Zahl der Reisenden auf dem Roten Meer steigt kontinuierlich an, und das bringt gutes Geld in die Kassen unserer Eigentümer, Langley & Co. Traders aus Liverpool.“
„Cooper, hier sind Sie!“ Ein älterer Herr in Uniform kommt über das Deck zu ihnen herangeeilt.
„Entschuldigen Sie, Sir, ich bin im Gespräch mit den Passagieren. Darf ich vorstellen: Mr. Simon Brown, Mr. Qasim von Waghorn & Co., Miss Garner und Mrs. … Cockson …?“
„Mrs. Hodgson“, erklärt die Angesprochene, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Entschuldigen Sie, Mrs. Hodgson. Ich darf Ihnen unseren Kapitän vorstellen, Mr. Bradley Smith.“
Kapitän Smith ist ein kräftiger Mann mit auffallend intensiv strahlenden blauen Augen, die von buschigen weißen Augenbrauen beschattet werden. Auch sein Bart ist voll und üppig – nur die weißen Haare unter der Schirmmütze trägt er stoppelig kurz geschnitten. Sein Gesicht ist von Sonne und Salzwasser gebräunt und gegerbt. Der Kapitän wirft einen freundlichen, aber kurz angehaltenen Blick in die Runde. „Herzlich willkommen an Bord, meine Damen und Herren. Ich hoffe, dass wir eine recht angenehme Reise zusammen erleben werden. Machen Sie es sich bequem, und bitte entschuldigen Sie mich, ich werde auf dem Achterdeck erwartet.“
Nachdem die beiden Herren davongeeilt sind, wendet sich Diana Hodgson Mary Garner zu und flüstert ihr etwas ins Ohr, woraufhin beide Damen zu kichern beginnen.
„Was gibt es so Amüsantes?“ Unbemerkt hat sich Raj mit einem Klappstuhl in der Hand zu ihnen gesellt. Erschrocken fahren die beiden Damen kurz zusammen, dann bemerkt Mary Garner etwas spitz: „Eine Bemerkung unter Damen … nicht bestimmt für Männerohren.“
„Setz dich zu uns, Raj.“ Simon macht eine einladende Handbewegung. Bevor einer der Herren nach dem allgemeinen Stühlerücken noch einmal auf das Getuschel der Damen zurückkommen kann, wechselt Diana Hodgson geschickt das Thema. „Schauen Sie doch einmal zurück: dieser Blick! Einmalig, so romantisch. Da liegt Suez am Ende des Roten Meeres und links und rechts davon türmen sich riesige Hügel von Wüstensand, die der Szenerie beinahe einen Rahmen geben. Ein wunderbares Motiv für ein Gemälde!“
Die Reisenden folgen diesem Hinweis gerne und vertiefen sich in die Aussicht. Als die Sonne gegen Abend beginnt, an Steuerbord unterzugehen, leert sich zunehmend das Deck. Schließlich sitzen nur noch Simon und Raj auf ihren Klappstühlen und beobachten, wie die untergehende Sonne die scharfen Kämme der Hügel zum Vorschein bringt und tiefe Schatten in die Schluchten wirft.
„Ein wunderschöner Sonnenuntergang … fast märchenhaft“, meint Simon gedankenversunken.
„Märchenhaft?“, fragt Raj verwundert. „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“ Er wirft Simon einen Blick zu. „Denkst du an Marala?“
„Ja, oft“, nickt Simon, „aber in solchen Momenten immer.“
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Was möchtest du wissen?“
„Du sagtest vor einigen Tagen einmal, dass du nicht wüsstest, ob sie noch am Leben wäre, da doch schon eine lange Zeit vergangen wäre. Von was für einer Zeit sprechen wir da? Wann ist ihr Gatte verstorben?“
„Meghnad Kapur ist am 22. April letzten Jahres in London verstorben. Ich konnte aber erst am 25. Juli mit meinem Schiff in Amerika in See stechen. Aber einfach mal so nach London segeln, das funktionierte natürlich nicht. Das Schiff, die Mannschaft, meine Geschäftspartner, alles kostete Geld, viel Geld – und das bis heute. Ich muss also auch immer sehen, dass wir Umsatz machen, damit ich mir die Suche nach Marala leisten kann. So kauften wir in Savannah an der Ostküste der Vereinigten Staaten dreitausend Ballen Baumwolle, die wir in Frankreich verkauften. In Portugal und dem französischen Bordeaux kauften wir Wein, den wir in London wieder verkauften. Die britische Hauptstadt erreichten wir am 30. August letzten Jahres.“
„Das klingt nach einer abwechslungsreichen Arbeit …“
„Das stimmt, Raj, aber das kostet auch alles Zeit, wertvolle Zeit, die für die Suche nach Marala verloren ist.“
„Was hättest du denn anders machen können?“
Simon schüttelt den Kopf und blickt nachdenklich aufs Meer. „Wahrscheinlich nichts. In London kam ich in Kontakt mit der Firma Scott & Baxter, Wine & Spirit Merchants. Die Firma wollte Whisky und Wein für die East India Company nach Bombay transportieren lassen.“
„Ausgezeichnet, besser kann es doch gar nicht laufen.“
„Ja, stimmt schon, aber der Whisky lag noch in Schottland und musste erst besorgt werden. So zog sich alles wieder hin. Naja, vom Rest meiner Reise über Amsterdam, Mainz und Triest habe ich dir ja schon erzählt. Heute sind auf den Tag genau elf Monate seit Meghnad Kapurs Tod vergangen – fast ein ganzes Jahr. Natürlich stelle ich mir häufig die Frage, ob Marala überhaupt noch am Leben ist.“
Raj wirft ihm einen traurigen Blick zu. „Darauf habe ich leider keine Antwort.“
„Nein, ich auch nicht“, seufzt Simon. „Aber ich brauche diese Antwort, deshalb bin ich auf dem Weg nach Indien, und meine Seele wird erst zur Ruhe kommen können, wenn ich Gewissheit habe.“
Raj kratzt sich sein dickes, schwarzes Haar, sodass es lustig zu Berge steht. „Hast du denn irgendeine Vermutung, wo sich Marala befinden könnte? Ich will dich nicht entmutigen, aber Indien ist gewaltig groß; es gibt mitunter schier endlose Strecken zu bewältigen.“
„Die Familie ihres verstorbenen Gatten stammt aus Peschawar. Da werde ich mit meiner Suche beginnen.“
„Ah.“ Raj nickt. „Peschawar ist ein Handelszentrum unweit des Khyber-Passes. Durch die Stadt verläuft eine wichtige Handelsroute, die Delhi-Kabul-Straße. Dort leben überwiegend Paschtunen, aber letztes Jahr fielen die Sikhs unter Maharadscha Ranjit Singh in Peschawar ein und setzten große Teile der Stadt in Brand. Ich war vor ein paar Jahren einmal dort, aber ich habe keine Ahnung, wie es dort heute ausschaut.“
Simon runzelt besorgt die Stirn. „Dann sind meine Papiere von der East India Company wie beispielsweise die Passierscheine in Peschawar wertlos?“
„Streng genommen schon, aber die Sikhs sind ein relativ tolerantes Volk, wie ich hörte. Ich gehe stark davon aus, dass die Papiere der East India Company besser sind als gar nichts.“
„Das ist gut zu wissen.“
Schweigend schauen die beiden ein paar Augenblicke auf den roten Sonnenball, der sich anschickt, hinter dem Horizont zu versinken. „Hast du dir überhaupt schon Gedanken darüber gemacht, was du machen willst, wenn du in Bombay indischen Boden betrittst?“, fragt Raj schließlich nach.
„Ich denke, ich werde zunächst einmal Mr. Bottlewalla aufsuchen, den indischen Kaufmann Jamsetjee Jejeebhoy. Ich kenne ihn von einer vorherigen Reise und hoffe, dass er mir weiterhelfen wird.“
„Wie gut kennst du denn diesen Jejeebhoy? Kannst du ihm wirklich vertrauen?“
„Ich habe ihn bisher einmal getroffen, im November 1832.“
„Puh.“ Mit bedenklicher Miene sieht Raj seinen Freund an. „Du hast ihn nur einmal vor zwei Jahren getroffen … und du meinst, du kannst ihm vertrauen? Entschuldige, Simon, das nehme ich dir nicht ab!“
„Raj, ich habe ihn über Dr. William Jardine kennengelernt, einen schottischen Arzt und Mitinhaber eines bedeutenden Handelshauses. Die beiden sind beste Freunde, und da ich Dr. Jardine vertraue, vertraue ich auch Bottlewalla.“
„Stell dir das Reisen in Indien nicht so einfach vor“, wirft Raj ernst ein. „Alleine die Orientierung zu behalten in diesem riesigen Land wird für dich eine Herausforderung sein. Dazu bewegst du dich auf ungewohntem Terrain, begegnest den verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Sprachen und Dialekten. Ich denke, für dein Abenteuer in Indien ist es von enormer Bedeutung, dass du einen loyalen indischen Boy findest, der dich die ganze Reise über begleitet, sich im Land ausgezeichnet auskennt und mehrere Sprachen und Dialekte versteht.“
Simon sieht Raj verwundert an. „Ich denke nicht, dass ich dich gerade verstehe … Soll ich mir einen jungen Inder suchen?“
„Ach, du meinst ein Boy ist ein Junge? Nein, in unserem Zusammenhang nicht notwendigerweise. Der indische Boy ist eine Art Diener, aber eigentlich auch viel mehr als das. Wie erkläre ich dir das am einfachsten? Letztlich ist es ist eine Person, ob jünger oder älter, die du dafür bezahlst, dass sie Aufgaben für dich erledigt: ein klassischer Kammerdiener, ein Diener im Haushalt, jemand, der Botengänge für dich macht, der als Übersetzer oder Scout fungiert, also als Führer in einer dir unbekannten Gegend …“
„Ich verstehe, Raj, ich verstehe …“ Simon muss angesichts der eifrigen Erklärung grinsen. „Ich benötige Hilfe. Alleine werde ich die Person nicht finden können, aber Bottlewalla wird gute Kontakte haben.“
„Das vermutest du.“
„Ja, darauf vertraue ich“, erklärt Simon fest.
Wieder herrscht nachdenkliches Schweigen, dann sieht Raj Simon fest an. „Ich mache dir einen Vorschlag: Ich habe noch ein paar Tage Urlaub und könnte dich zu diesem Bottlewalla in Bombay begleiten und mir ein eigenes Bild von ihm machen. Danach könnten wir gemeinsam mit einem Schiff nach Surat aufbrechen und von dort nach Ahmedabad reisen, wo ich stationiert bin. Wahrscheinlich ist es vorteilhafter, in Surat oder Ahmedabad nach einem geeigneten Boy zu suchen als in Bombay … So jemand wäre näher dran an Peschawar, an der Landschaft und den Gegebenheiten vor Ort. Von da an müsstest du deinen Weg ohne mich finden, Simon.“
„Das klingt nach einem guten Plan, Raj. Danke für deine Unterstützung!“
„Hm, vielleicht solltest du mir dann in regelmäßigen Abständen Briefe über dein Befinden und den Fortschritt deiner Suche zukommen lassen. Dann wüsste ich in etwa, wo du dich gerade aufhältst, wie es dir geht und wo ich zu suchen anfangen müsste, wenn die Sache aus dem Ruder läuft.“
Simon lächelt den Freund an. „So machen wir es, Raj. Aber jetzt muss ich in die Koje; ich kann meine Augen kaum noch offenhalten.“

Ein dumpfes Rumpeln und wiederholtes Schlagen wecken Simon aus einem tiefen, traumlosen Schlaf. Es ist dunkel in der Kajüte, die er sich mit Raj teilt. Auch sein Kojennachbar wälzt sich offenbar wach hin und her. Schließlich stellen sie fest, dass es gegen 6 Uhr am frühen Morgen des 24. März 1835 ist. Die „Resolution“ ist vor einigen Stunden in den Hafen von Al-Qusair auf der ägyptischen Seite des Roten Meeres eingelaufen. Auf dem Weg zum Frühstück sehen Simon und Raj, dass die Mannschaft damit beschäftigt ist, die Lebensmittelvorräte an Bord aufzufrischen. Schon gegen 10 Uhr lässt Kapitän Bradley Smith die Segel wieder setzen. Das nächste Ziel – Dschidda oder Jeddah, wie es bei den Engländern heißt – liegt etwa 410 Seemeilen entfernt auf der arabischen Seite des Roten Meeres, unweit von Mekka. Als sie am späten Abend des 26. März Dschidda erreichen, stellen die Reisenden verwundert fest, dass dort das Dampfschiff „HCS Hugh Lindsay“ vertäut im alten Hafen liegt. Während sich Cliff Hawkings und Thomas Hodgson schnell einig darüber sind, dass die Reisegesellschaft am folgenden Tag das Schiff wechseln sollte, um zügiger nach Bombay zu kommen, erklärt ihnen Lieutenant Frost, dass er zunächst einmal Kontakt aufnehmen werde.
Am nächsten Mittag kehrt er von seiner Mission auf der „HCS Hugh Lindsay“ zurück auf die „Resolution“, wo ihn die meisten Mitreisenden bei einer kühlen Zitronenlimonade an Deck erwarten.
„Sollen wir unsere Koffer jetzt packen?“, begrüßt ihn Cliff Hawkings.
„Nein, Mr. Hawkings, das ist nicht notwendig“, erwidert der Lieutenant ruhig. „Wir bleiben bis Aden auf der ‚Resolution‘.“
„Aber Lieutenant, damit bin ich nicht einverstanden …“, protestiert Hawkings.
„Selbstverständlich. Ich könnte schon wieder aus der Haut fahren … Hawkings!“ Mary Garner springt zornig von ihrem Stuhl auf und die Röte steigt ihr ins Gesicht. „Können Sie den Lieutenant nicht ausreden lassen? Nein, das können Sie natürlich nicht. Sie müssen ihm ins Wort fallen und Ihre unqualifizierten Kommentare abgeben. Bringen die uns weiter? Nein, kein Stück! Also halten Sie doch einfach Ihren Mund.“
Mit stierenden Augen und Schweiß auf der Stirn empört sich Cliff Hawkings: „Miss Garner, alles, aber auch alles, was ich sage, passt Ihnen nicht. Vielleicht gehören Sie einfach nicht in unsere Reisegruppe.“
„Wie bitte?“ Plötzlich wirkt Mary Garners versteinertes Gesicht wie ein glühender Feuerball.
Gerade will sie sich erneut aus ihrem Deckstuhl erheben, doch Lieutenant Frost stellt sich beruhigend in die Mitte der Gruppe. „Bitte entspannen Sie sich, meine Herrschaften! Ich würde Ihnen gerne in Ruhe erklären, wie es bis Bombay weitergeht.“ Er blickt kurz in die Runde und alle nicken stumm. „Ich hatte an Bord der ‚Hugh Lindsay‘ eine interessante Unterhaltung mit dem Kapitän, Commander John Wilson, der mir erklärte, dass er auf Kohle wartet. Wahrscheinlich aufgrund der Wetterlage verspätet sich das Kohleschiff um ein paar Tage. Wilson hofft, dass die Brigg heute oder morgen eintreffen wird. Dann müssen 180 Tonnen Kohle in den Bauch der ‚Hugh Lindsay‘ verladen werden, was etwa vier Tage in Anspruch nehmen wird. Zudem sollten wir nicht außer Acht lassen, dass wir die Passage bis Aden auf der ‚Resolution‘ schon bezahlt haben. Aus diesen Gründen bin ich mit Commander Wilson übereingekommen, dass wir erst in Aden auf die ‚Hugh Lindsay‘ wechseln werden, zumal sie dort die Kohlebunker erneut komplett auffüllen müssen, damit der Weg nach Bombay bewältigt werden kann … Das sind immerhin 1.600 Seemeilen.“
„Das klingt doch ausgesprochen plausibel“, bestätigt Major Eltringham. „Und wenn ich davon ausgehe, dass das Auffüllen der Kohlebunker in Aden auch etwa vier Tage in Anspruch nehmen wird, wird die ‚Hugh Lindsay‘ uns nicht wieder davonfahren.“ Auch der Rest der Gruppe, bis auf Cliff Hawkings, signalisiert Frost Zustimmung.
„Gut, dann gehe ich davon aus, dass jetzt alle Unklarheiten beseitigt sind“, stellt der Lieutenant erleichtert fest. „Demzufolge werde ich alles Weitere klären und mich bei Kapitän Smith erkundigen, wann er gedenkt, die Segel zu setzen.“

Die Sonne steht hoch am Himmel und es weht ein laues Lüftchen aus Nordost bei ruhiger See und angenehm warmer Temperatur, als die „Resolution“ gegen zwei Uhr nachmittags in den Hafen von Aden einläuft. Wie ausgestorben liegt der Hafen mit seinen Kaianlagen da, obwohl er mit Schiffen gut belegt ist. Nur der Erfahrung von Kapitän Smith und seiner Mannschaft ist es zu verdanken, dass sie zügig einen Platz am Anleger finden.
„Warum ist es so ruhig hier?“, wundert sich Helen Ward, die neben Mary Garner an der Reling steht. „Es ist ja kaum etwas los.“
„Ach, fast hätte ich es vergessen“, erwidert Miss Garner. „Es ist ja wieder Freitag, der Sonntag der Muslime.“
Helen Ward nickt: „Das Freitagsgebet, ja, das wird es sein.“
„Die ‚Hugh Lindsay‘ ist schon vorgestern an uns vorbeigefahren“, kommt es aus dem Hintergrund von einem der Deckstühle. „Wir mussten ja unbedingt noch Kaffee in Mokka laden. Wir hätten schon früher in Aden sein können“, ätzt Cliff Hawkings. Mittlerweile reagiert kaum noch jemand aus der Reisegruppe auf seine Kommentare. Mary Garner rollt nur in Richtung ihrer Freundin mit den Augen.
„Ist doch alles gut gelaufen, genau wie der Lieutenant es vorausgesagt hat“, bemerkt Raj in die Gruppe. Robin Frost schiebt sich grinsend an ihm vorbei in Richtung Gangway und bemerkt trocken: „Dann will der Lieutenant mal sehen, ob wir heute noch auf der ‚Hugh Lindsay‘ unsere Kajüten beziehen können.“
Es dauert nicht lange, bis die Gruppe von einem Schiff zum anderen umziehen und sich dort neu einrichten kann. Sie verbringen eine ruhige Nacht im Hafen von Aden und finden sich am nächsten Morgen nach dem Frühstück unter einem schattenspendenden Segel an Deck der „Hugh Lindsay“ erneut zusammen.
Diana Hodgson nimmt an einem der Tische Platz und wendet sich sogleich an die anderen Damen: „Miss Garner, Mrs. Eltringham, machen wir doch heute einen Damentisch auf.“
„Gute Idee, Diana!“ Florence Eltringham folgt ihr und zwinkert Mrs. Hodgson zu: „Dann können wir tatsächlich einmal über Dinge sprechen, die die Herren nichts angehen.“
Auch Helen Ward und Mary Garner lassen sich nicht lange bitten und stecken mit den anderen Damen die Köpfe zusammen.
Die meisten männlichen Reisenden dagegen sind zunächst damit beschäftigt, die „Hugh Lindsay“ zu erkunden, da sie sich das erste Mal in ihrem Leben auf einem Raddampfer befinden. Simon steht gerade zwischen Major Eltringham und Thomas Hodgson an der Reling vor einem der großen Kästen, die die Schaufelräder abdecken, als Lieutenant Frost in Begleitung eines freundlich blickenden Uniformierten zu ihnen tritt. „Meine Herren, haben Sie es sich an Bord schon bequem gemacht?“, begrüßt sie der Lieutenant.
„Ja, danke, Sir“, erwidert Eltringham. „Die Kajüten sind zwar etwas beengt, aber recht modern.“
„Schön zu hören, Major. Darf ich Ihnen den Zweiten Offizier Mr. Fisher vorstellen? Das sind die Reisenden Major Eltringham, Mr. Hodgson und Simon Brown.“
Der Zweite Offizier ist ein kleiner, kräftig gebauter Mann mit einem üppigen schwarzen Schnauzbart, der mit seinen nach oben gezwirbelten Enden die Blicke auf sich zieht. Er nickt in die Runde und begrüßt die Passagiere:
„Meine Herren, herzlich willkommen an Bord. Unsere Kajüten sind in der Tat ausgesprochen klein, wie die meisten anderen Räume auf unserem Schiff. Aber die Kohle benötigt nun einmal ihren Platz. Die ‚Hugh Lindsay‘ ist zwar nicht das größte Schiff, aber sie misst immerhin fast 43 Meter in der Länge und 7 Meter 60 in der Breite und kommt auf ein Gewicht von 414 Tonnen. Wir haben hier den ersten Dampfsegler, der vom Bombay Dockyard gebaut wurde. Er wurde im Oktober 1829 zu Wasser gelassen. Von Aden aus benötigen wir übrigens zwischen zehn und elf Tage bis nach Bombay.“
„Klingt gut“, antwortet Eltringham. „Hoffentlich kommt uns nicht wieder etwas dazwischen.“
„Verzeihen Sie die Frage, Mr. Fisher“, wendet sich nun Thomas Hodgson an den Offizier. Was bedeutet denn dieses HCS? Wir haben bei britischen Schiffen doch sonst immer HMS …“
„Nun, Mr. Hodgson, HCS bedeutet ‚Honourable Company‘s Ship‘, weil es nicht His Majesty, Seiner Majestät, gehört, sondern der East India Company.“ Mr. Fisher fügt augenzwinkernd hinzu: „Hinter so einer spitzfindigen Frage möchte ich einen Anwalt oder Steuereintreiber vermuten …?“
„Ersteres, Sir“, bestätigt Hodgson.
„Ziehe ich eindeutig vor“, lacht der Offizier. „Aber zurück zum Schiff: An Backbord und Steuerbord sehen Sie in der Mitte des Schiffes jeweils eine große runde Abdeckung, die erst kurz oberhalb der Wasserlinie endet. Darunter arbeiten unsere beiden Schaufelräder, die jeweils von einer Dampfmaschine angetrieben werden. Bei diesen Maschinen handelt es sich um britische Qualitätsarbeit, denn sie wurden bei Henry Maudslay in London gebaut und haben jeweils 80 PS. Das bedeutet, die ‚Hugh Lindsay‘ schafft sechs Meilen pro Stunde, ohne dass wir unsere Segel an den drei Masten benötigen.“
„Aber dafür ist sie ganz schön gefräßig“, wirft Eltringham ein. „180 Tonnen Kohle, wie uns Lieutenant Frost berichtete, sind nicht gerade wenig.“
Raj, der gerade zu ihnen tritt, hat die letzten Worte mitgehört und ergänzt: „Also warten wir noch vier Tage geduldig, bis alle Kohlebunker voll sind.“
„Vier Tage?“ Der Zweite Offizier hebt verwundert die Augenbrauen. „In Aden ist das kaum möglich, weil wir hier außerordentlich schlecht Personal bekommen. Zudem arbeiten die Männer einfach nicht zügig.“ Mr. Fisher zeigt in Richtung Gangway. „Schauen Sie selbst, wie wenige Männer wir haben, die die Schubkarren mit der Kohle auf das Schiff bringen. Und die Bunker müssen randvoll sein, wenn wir nach Bombay wollen. Die East India Company ist so unzufrieden mit der Personalsituation in Aden, dass es laut der Zeitung Times Planungen gibt, die Kohlestation ins etwa 300 Seemeilen östlich gelegene Mukalla zu verlegen.“
„Mr. Fisher, Sir“, wirft Simon unruhig ein, „wann, glauben Sie, können wir in Richtung Bombay in See stechen?“
„Das kann man schlecht vorhersehen. Sechs bis acht Tage? Aber wir haben auch schon mehr als vierzehn Tage warten müssen, bis die Bunker voll waren.“
Raj wirft Simon einen besorgten Blick zu. Ihm muss klar sein, dass Simon diese Neuigkeiten bedrücken werden. Simon erwidert kopfschüttelnd den Blick seines Freundes. „Wieder zehn Tage, die mir bei der Suche nach Marala verloren gehen, während ich hier nutzlos herumsitze? Wirklich?“
„Tja, daran kannst du wohl nichts ändern, Simon. Es ist nun einmal so, wie es ist.“
„Ja, ist wohl so, Raj. Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gefühl dabei.“ Nach kurzem Nachdenken wendet er sich an den Zweiten Offizier: „Mr. Fisher, wäre es denkbar, dass ich bei der Kohlebeladung helfe? Ich kann mit einer Schubkarre umgehen.“
Der Zweite runzelt die Stirn. „Wie war gleich Ihr Name?“
„Brown, Simon Brown.“
„Das ist nicht vorgesehen, Mr. Brown. Außerdem ist das eine äußerst schwere Arbeit … Nichts für unsere Reisenden.“
„Darf ich es nicht einmal versuchen?“, bleibt Simon hartnäckig. „Das Einzige, was ich benötige, ist ein vernünftiges Paar Handschuhe.“
„Mr. Brown, so einfach geht das nicht. Möglicherweise gibt es sogar Vorschriften, die das untersagen … Und wenn Sie nach kurzer Zeit aufgeben, macht das auch keinen guten Eindruck.“
„Sir, ich bin doch derjenige, der sich blamiert.“
„Sie vergeben sich doch nichts, Sir“, mischt sich Raj ins Gespräch ein. „Wenn er es doch einfach ausprobieren möchte …“
„Ich kann das so nicht entscheiden, Sir“, erklärt Mr. Fisher. „Aber ich biete Ihnen an, umgehend den Kapitän zu fragen und in ein paar Minuten zurück zu sein.“
Wortlos warten die beiden Männer, den Blick aufs Meer gerichtet, bis der Zweite Offizier zu ihnen zurückkehrt. „Mr. Brown, Ihrem Ansinnen steht keine unserer Vorschriften entgegen, allerdings gibt der Kapitän zu bedenken, dass Sie auf eigene Gefahr hin handeln. Wir seien nicht dafür verantwortlich, wenn sich jemand öffentlich der Lächerlichkeit preisgeben wolle … Aber das haben Sie nicht von mir. Melden Sie sich unter Deck beim Midshipman Connor O’Brian mit schönen Grüßen vom Zweiten.“
„Danke, Sir.“ Simon rutscht ein Stein vom Herzen. Jetzt kann er wenigstens etwas tun, anstatt einfach nur abzuwarten.
„Du willst jetzt wirklich Kohle schieben?“, vergewissert sich Raj noch mal.
„Ja, Raj, ich will das machen. Vielleicht habe ich heute Abend Blasen an den Händen, meine Knochen werden mir wehtun und ich kann nicht sagen, wie lange ich das Ganze durchhalte. Aber es fühlt sich besser an, alles getan zu haben, was möglich ist … Dadurch fühle ich mich Marala näher.“

Auf den Lagerdecks erstreckt sich ein Gewirr aus dunklen Gängen; wer sich hier bewegt, muss immer wieder dicken Deckenbalken, Ständerwerken und Männern mit Schubkarren ausweichen. Simon sucht sich seinen Weg durch dieses Labyrinth und steht endlich vor einem kräftig gebauten Mann in seinem Alter, dessen Wangen von Kohlestaub bedeckt sind.
„Entschuldigung, ich suche den Midshipman Connor O’Brian.“
„Sie haben ihn gefunden“, erwidert der andere knapp. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich soll Sie vom Zweiten grüßen. Würde mich gerne mit einer Schubkarre nützlich machen, damit die Kohle unter Deck kommt.“
Der Midshipman hebt erstaunt die Brauen. „Wer sind Sie?“
„Simon Brown. Ich bin einer der Reisenden.“
„Und wer hat Ihnen diese Schnapsidee in den Kopf gesetzt?“
„Niemand, ich will einfach helfen.“
Immer noch zweifelnd sieht O’Brian Simon ungläubig an. „Können Sie denn überhaupt mit einer Schubkarre umgehen? Stellen Sie sich das nicht so einfach vor, wenn so ein Ding mit Kohle beladen ist. Schließlich hat die Karre vorne nur ein Rad, und wenn Sie keine Erfahrung haben, kippt Ihnen die Karre um und die Kohle versperrt den Fahrweg.“
„Ich bekomme das hin, versprochen.“
„Und was, wenn nicht?“
„Dann beenden wir das Experiment … Sie schmeißen mich raus“, schlägt Simon vor.
„Ich schmeiße Sie raus, wann immer ich es für richtig halte?“
„Ja, dann gehe ich ohne Widerspruch, versprochen.“
Der Midshipman seufzt ergeben. „Na dann, versuchen wir‘s. Aber nicht hier unter Deck, Mr. Brown. Folgen Sie mir!“ Der Seemann führt Simon aus dem Schiffsbauch und draußen bis vor die Gangway. „Hey, Ricky, warte kurz!“, ruft er einen schwarzhaarigen, drahtigen Arbeiter heran. „Das hier ist Simon Brown. Gib ihm vernünftige Lederhandschuhe, ein Hosenleder und eine Schubkarre. Er wird heute bei euch oben helfen, die Kohle aufs Schiff zu bringen.“
„Jawohl, Sir.“ Ricky legt seinen rechten Zeigefinger an den Schirm seiner Mütze und wendet sich seinem neuen Mitarbeiter zu. „Simon geht in Ordnung? Ich bin Ricky.“
„Natürlich, Ricky.“
„Folge mir in den Schuppen dort drüben; da liegt die Kohle, aber auch deine Ausrüstung.“ Ricky schiebt seine leere Schubkarre vor sich her, während er Simon fragt: „Wo kommst du her?“
„Amerika. Und du?“
„Aus Indien. Deiner Kleidung nach zu urteilen bist du kein Kohlentrimmer.“
„Nein, ich bin Mitreisender nach Bombay.“
„Du bist einer der Gäste auf dem Schiff?“ Wie vom Donner gerührt bleibt Ricky stehen. „Kannst du überhaupt mit einer voll bepackten Karre umgehen? … Ah, deshalb hat O’Brian dich zu mir geschickt! Der will dich nicht unter Deck arbeiten lassen, weil es da unten eng zugeht und du alles blockierst, wenn du dich mit der Kohle ablegst.“ Ricky setzt sich wieder in Gang. „Wir probieren das aus, aber wenn du uns hier nur aufhältst, dann fliegst du gleich wieder. Haben wir uns verstanden?“
„Ja, abgemacht.“
Kurz darauf steht Simon, ausgestattet mit robusten Handschuhen, einem Lederschutz für seine Hose und einer Schubkarre, neben dem Kohlentrimmer vor einem großen Kohlehaufen. Zwei kräftige schwarze Arbeiter schaufeln ihnen die Karren voll. Anschließend folgt Simon Ricky und schiebt die Karre über eine ausgefahrene Spur zum Schiff. Mit einem kräftigen, geschickten Schwung geht es auf die Gangway, dann mit aller Kraft die breite Planke hinauf auf das Deck der „Hugh Lindsay“ und schließlich zu einer breiteren Ladeluke. Über ein sicherndes Kantholz kippen sie die Kohle hinunter auf einen Haufen. Unter Deck wird die Kohle wieder auf Schubkarren verladen und von dort in die Kohlebunker verbracht.
Für Simon geht es gleich wieder zum Kohleschuppen, wo die Schubkarre erneut vollgeladen wird und das Ganze von Neuem beginnt. Die Sonne brennt unablässig vom wolkenlosen Himmel und nach ein paar Fuhren steht Simon nicht nur der Schweiß auf der Stirn, sondern seine Klamotten kleben regelrecht an seinem Körper und sein Herz pumpt unablässig. Stunde um Stunde vergeht, nur unterbrochen von kurzen Pausen, um Wasser zu trinken. Als Ricky ihm zuruft, dass sie für den Tag fertig wären, ist Simon doch ganz schön erleichtert. Er bringt wie die anderen Kohlentrimmer seine Schubkarre in den Schuppen, wo sie vor dem großen, rabenschwarzen Haufen abgestellt werden.
„Simon, du hast gut gearbeitet“, erklärt Ricky anerkennend. „Was sagen deine Knochen und deine Hände?“ Simon zieht vorsichtig die Handschuhe aus und schaut prüfend auf seine Handflächen. Erleichtert stellt er fest: „Die Handschuhe haben ihre Aufgabe recht gut gemacht. Drei … nein, vier Blasen an den Fingern, aber nichts Gewaltiges.“
„Dann bis morgen?“, fragt Ricky und grinst. „Du wirst einen riesigen inneren Schweinehund überwinden müssen.“
„Bis morgen, Ricky“, antwortet Simon nur.
„Wir lassen uns überraschen …“

Vier volle Tage verbringt Simon damit, Kohle aufs Schiff zu schieben. Am zweiten Tag plagt ihn dabei vor allem sein unterer Rücken, in dem sich ein fortwährendes wallendes Stechen bemerkbar macht. Glücklicherweise lässt dieser Schmerz in der Nacht und im Verlauf des dritten Tages merklich nach; stattdessen spürt er gegen Abend kaum noch seine Schultern, was er auf das anstrengende, kontrollierte Auskippen der Kohlekarre über der Ladeluke zurückführt. Am Ende des vierten Tages ist sich Simon sicher, fast jeden Knochen und Muskel seines Körpers zu kennen.
Am Dienstag, dem 31. März 1835, kann sich die „Hugh Lindsay“ tatsächlich mit randvollen Kohlebunkern auf den Weg nach Bombay machen. Von den Kohlentrimmern bekam Simon zum Abschied ein anerkennendes Schulterklopfen und zwei Schnäpse – echten Arrak von Java, wie ihm Ricky versicherte. Den ersten Tag auf See verbringt Simon schlafend in seiner Koje. Erst am späten Nachmittag wird er wieder wach und begibt sich, nachdem er sich etwas frisch gemacht hat, an Deck. Dort trifft er auf einen großen Teil der Reisegruppe.
„Mr. Brown, Sie leben ja noch!“, ruft Major Eltringham aus. „Setzen Sie sich zu uns.“ Als Simon sich niederlässt, spürt er seinen Muskelkater und verzieht das Gesicht.
„Wie geht es Ihnen?“, fragt Mary Garner besorgt.
Simon hebt seine Hände und dreht die Handflächen nach außen. „Denen hier geht es deutlich besser. Ich spüre alle meine Knochen im Körper, aber auch das wird wieder. Was mich nicht umbringt, wird mich stärker machen“, erklärt er lächelnd.
„Entschuldigen Sie, Mr. Brown, dass ich Sie so direkt darauf anspreche“, fährt Mary Garner mit sanfter Stimme fort, „aber wir haben uns schon gefragt, warum es für Sie so bedeutend war, dass die Kohle schnellstmöglich aufs Schiff kommt. Raj teilte uns mit, dass es wegen einer Frau wäre …?“
Simon wirft Raj einen verärgerten Blick zu. Es ist ihm gar nicht recht, dass sein Freund seine Geschichte ausgeplaudert hat.
Nun mischt sich auch Diana Hodgson vorsichtig, aber freundlich ein: „Sie müssen uns alles über diese geheimnisvolle Frau erzählen! Wir sind einfach zu neugierig und haben so eine lange Überfahrt vor uns …“
„Natürlich“, antwortet Simon wenig begeistert. „Sie wollen mir damit sagen, dass Sie nicht anders können und dass wir ja noch so viel Zeit auf dieser Reise haben. Also …“
Er holt nur einmal tief Luft, da haben sich neben Diana Hodgson und Mary Garner auch Florence Eltringham und Helen Ward erwartungsvoll um ihn herum versammelt. Es ist offensichtlich, dass die Damen jede Art von Klatsch freudig begrüßen.
„Im Alter von zwölf Jahren durfte ich das erste Mal meinen Vater auf eine Verkaufsfahrt nach London begleiten“, beginnt Simon. „Dort begegnete ich einem indischen Mädchen in meinem Alter. Sie hieß Marala …“

Manchmal macht man diese unangenehme Erfahrung, dass man ein Ziel in einer bestimmten Zeit erreichen will oder muss und sich einem dann immer wieder Ereignisse in den Weg stellen, die einen behindern, zurückwerfen oder einfach sehr viel Zeit kosten. Langsam, aber sicher fühlt man sich immer ohnmächtiger; das Ziel scheint in weite Ferne zu rücken oder gar nicht mehr erreichbar zu sein.
Das Gefühl, ich würde Marala zu spät oder gar nicht mehr finden, beschlich mich immer öfter, je näher ich Indien kam. Dass ich mit der Schubkarre Kohle auf die „Hugh Lindsay“ transportierte, um meine Reise dadurch zu beschleunigen, war auch ein Versuch, mich zu beruhigen, egal, ob es sehr hilfreich oder nur mäßig hilfreich war … Meiner Seele tat es auf jeden Fall gut.