5.8 Der lange Arm der englischen Krone

Feiner Nebel hängt in der Luft. Simon hat gerade seine Augen geöffnet und schlägt nun mit Mühe die klamme Wolldecke zurück. Er muss doch noch eingeschlafen sein. In einiger Entfernung nimmt er ein knirschendes Geräusch wahr, das sich in gleichmäßigen Abständen wiederholt. Was ist das nur? Deuten kann er es nicht. Die anderen Männer sitzen am Feuer, aber Simon begibt sich zunächst zu dem kleinen Bach, aus dem er schon am Vorabend frisches Teewasser geholt hat. Auf einem größeren Felsen direkt am Ufer geht er auf die Knie und beugt sich über die Wasseroberfläche. Mit den Innenflächen seiner Hände schaufelt er das kühle Nass ins Gesicht und vertreibt damit die restliche Müdigkeit. Gerade als Simon wieder aufsteht und sich anschickt, zu den anderen zurückzukehren, nimmt er wieder dieses gleichmäßige Geräusch wahr, das er nun besser deuten kann. Es hört sich so an, als würde jemand Erde schaufeln. Simon sieht sich um und erkennt in einiger Entfernung Brodric Muir und Cory Ferguson, die tatsächlich mit Schaufeln arbeiten. Er wundert sich kurz, geht dann aber doch zu den Kutschen zurück und setzt sich zu den anderen Männern ans Feuer. McIntosh drückt ihm wortkarg einen schwarzen Emaillebecher in die Hand. „Tee!“
Erst jetzt bemerkt Simon die Teekanne, die in den Flammen hängt. „Danke“, kommt ihm ein erstes gequältes Wort über die Lippen, für die anderen kaum verständlich. Während McIntosh seinen Becher mit dampfendem Tee füllt, fragt Dugal McIntyre: „Simon, wie geht es dir?“
„Nun ja – wir haben immer noch zwei Tote …“
„Aye, und sie werden auch nicht weniger“, bestätigt William Scott verständnisvoll. „Aber ihre Gesichter verblassen mit der Zeit.“
Simon setzt seinen Becher an die Lippen und vergisst, dass der Inhalt heiß ist. So zuckt er zusammen als der Tee seine Lippen berührt. „Verdammt, ich sehe immer noch alles direkt vor mir.“
„Aber die Kerle wollten uns ausrauben“, wendet Brodric Muir ein. „Der eine hätte mich getötet, wenn du ihn nicht erwischt hättest. Das ist sicher. Danke, mein Freund, du hast mir das Leben gerettet.“
Simon schaut in die Gesichter der kriegserfahrenen Schotten und fragt sich, ob das Töten von Menschen für sie inzwischen zur Gewohnheit geworden ist. Wird das Töten umso normaler, je mehr man tötet?
„Simon, träumst du?“ Der neben ihm sitzende Cleit Martin stößt ihn an. „Pass auf deinen Tee auf, sonst gießt du ihn dir noch über die Hose.“
Simon hält den Becher wieder gerade. „Verdammt noch mal!“, flucht er. „Und was graben eigentlich Brodric und Cory dort hinten?“
„Die Toten müssen doch unter die Erde“, antwortet Gow Duncan, und Simon muss schwer schlucken.
„Männer, packt die Klamotten zusammen und löscht das Feuer! Wir brechen in einer Stunde auf.“ William Scott nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Becher und erhebt sich, wobei er den Reisegast mit einer Handbewegung zu sich winkt. „Simon, auf ein Wort.“
Simon drückt Cleit seinen Becher in die Hand und beeilt sich wieder einmal, dem Schotten zu folgen. Eigentlich hat er gedacht, dass der einige vertrauliche Worte mit ihm wechseln will. Da William allerdings nicht stehenbleibt, sondern auf einem schmalen steinigen Weg einen Hang hinaufsteigt, der links und rechts von Heidebüschen gerahmt ist, wird ihm klar, dass es wohl nicht bei ein paar Worten bleiben wird. Immer steiler windet sich der holprige Weg den Hang hinauf, so dass Simon seine Schritte mit Vorsicht setzen muss, um nicht abzustürzen. Wie ein Wiesel klettert Scott vorneweg und Simon ist beeindruckt, wie geschickt er sich bewegt. Oben angekommen, wartet er schon auf einem dicken Felsen auf ihn. „Schau dich um!“, ruft er.
Simon hat sich beim Aufstieg so sehr auf den Weg konzentriert, dass ihm völlig entgangen ist, wie sie die Nebelgrenze durchbrochen haben. Nun ist er beeindruckt von dem Panorama, das sich vor ihm ausbreitet. Wie ein seidiger Teppich liegt unter ihnen der Nebel in den Tälern und Niederungen, während sich an der einen oder anderen Stelle Bergspitzen durch ihn bohren.
„Darf ich?“ Simon deutet auf den Platz neben dem Schotten auf dem Felsen.
„Aye, sicher. Setz dich.“ Mit ausgestrecktem Arm zeigt Scott auf einen Berg mit gerundetem Gipfel, der sich in einiger Entfernung von ihnen aus dem Nebel erhebt. „Darf ich vorstellen? Der Buck of Cabrach. Wie der gälische Name schon sagt, handelt es sich eben um einen großen Buckel. Glaubst du, der Buckel wäre gerne ein Berg?“
„Der Buckel – ein Berg?“, fragt Simon verblüfft. „Ich glaube, ich verstehe deine Frage nicht …“
„Ist doch ganz einfach. Berg – der Begriff klingt so erhaben, so beeindruckend. Buckel dagegen …“
„Aber du kannst doch aus einem Buckel keinen Berg machen.“
„Warum nicht?“
„Ja, weil ein Berg viel höher ist und meistens eine Spitze hat.“
„Würde der Buck of Cabrach am Meer stehen, sagen wir einmal in der Nähe von Aberdeen, würde er viel größer wirken. Wäre er dann ein Berg?“
„Nein, er sähe doch immer noch buckelig aus.“ Nachdem Simon Scotts Frage zunächst nicht wirklich ernst genommen hat, denkt er nun intensiver darüber nach. „Oder doch …? Der Tafelberg in Kapstadt hat auch keine Spitze, ist aber ohne Zweifel ein Berg. Warum stellst du mir diese Frage?“
„Sie beschäftigt mich halt. Also, wäre der Buck of Cabrach wohl gerne ein Berg?“, beharrt der Schotte.
„Was weiß ich? Es gibt nun einmal Dinge, die lassen sich nicht ändern, die sind so, wie sie sind.“
„Du meinst also, der Buck of Cabrach muss sich damit abfinden, ein Buckel zu sein?“
„Ja, so ist es wohl. Er wird sich damit abfinden müssen“, bestätigt Simon.
„Dann habe ich noch eine Frage.“ William Scott schaut jetzt sehr interessiert. „Wenn du dir die Gegend um uns herum so ansiehst – was ist das erste Wort, das dir einfällt?“
Wieder schaut Simon seinen Begleiter fragend an, um dann zu antworten: „Friedlich … Alles wirkt so friedlich heute Morgen, gerade im Gegensatz zur gestrigen Nacht.“
„Aye, so sehe ich das auch“, nickt William. „So, und jetzt liegen die Fakten auf dem Tisch. Frieden … in Frieden leben können, das Hab und Gut und das Leben anderer achten – das sind Werte, die mir außerordentlich wichtig sind.“
„Ja, natürlich sind sie das.“
„Um diese Werte zu schützen, muss man unter Umständen bereit sein, sich zur Wehr zu setzen. Nichts anderes haben wir gestern Nacht getan.“
„Jetzt wird mir einiges klar.“
„Aye, die Räuber haben unseren Frieden gestört, sie wollten unser Hab und Gut an sich reißen und hätten uns, ohne zu zögern, unsere Leben genommen. Nichts, aber auch gar nichts hätten wir anders machen können, als wir es getan haben. Manche Dinge sind nun einmal so, wie sie sind. Ein Buckel ist und bleibt ein Buckel.“
Stumm und nachdenklich sitzt Simon auf dem Felsen und schaut in die Ferne, was William Scott dazu veranlasst, weiterzusprechen. „Dass du dir über die beiden Männer, denen du das Leben genommen hast, Gedanken machst, zeigt, dass du ein ausgeprägtes Gewissen hast. Bewahre es dir. Aber akzeptiere auch, dass es Dinge gibt, die so sind, wie sie sind. Was ich damit sagen will: Urteile sorgfältig. Hast du dich aber entschieden, dann handle und akzeptiere die Lage.“
Wie nebenbei greift William Scott in seine Westentasche, wirft einen Blick auf seine goldene Taschenuhr und springt auf. „Oh, die Stunde ist fast um! Wir sollten wieder zu den anderen zurückkehren.“

Über Stock und Stein führt der Weg die Gruppe in immer entlegenere Gegenden der Highlands. Mit ihren Fuhrwerken kommen sie nur mühsam voran.
„Was hat William von dir gewollt?“ Neugierig beugt sich der neben Simon reitende Muir zu ihm hinüber.
„Wir haben über die gestrige Nacht gesprochen, über den Frieden, die Werte, die wir vertreten, und die beiden Männer, die ich umgebracht habe.“ Simon muss erneut schwer schlucken, während er die Worte ausspricht.
„Es gibt Dinge, Simon, die lassen sich nicht ändern. Das wüsstest du, wenn du im Krieg gewesen wärst“, gibt Brodric zu bedenken.
„Ihr habt so viel mehr Lebenserfahrung als ich, und im Krieg gehört das Töten von Menschen sicherlich zum täglichen Geschäft. Ein Großonkel sagte mir vor einigen Jahren einmal, dass im Krieg jedes Mittel recht sei – Hauptsache, man trüge den Sieg davon.“
„Für viele Männer mag das stimmen, aber ganz sicher nicht für William Scott. Er ist auf der einen Seite zwar dickköpfig, unnachgiebig und stur, auf der anderen Seite aber auch durchsetzungsstark, hartnäckig und fair. Wenn du mich fragst, war William Scott einer der besten Soldaten in Wellingtons Armee. Schau dich um, Simon, jeder von uns hier würde für ihn durchs Feuer gehen. Da bin ich mir ganz sicher.“
„Was meinst du mit fair? Deine Worte waren durchsetzungsstark, hartnäckig und fair.“
„Captain William Scott war unser Kompanieführer. Ihm wäre es niemals eingefallen, auch nur einen seiner Männer für seinen persönlichen Vorteil oder eine Beförderung zu opfern. Niemals hätte er uns ins offene Messer laufen lassen und ich glaube auch nicht, dass er von uns etwas verlangen würde, was er nicht selbst zu leisten bereit wäre.“
„Du schwärmst ja geradezu von ihm.“
„Wie für eine Frau? Ganz sicher nicht!“ Brodric schüttelt den Kopf. „Ich erkläre es dir an einem Beispiel. Wir waren in den Diensten der Scots Guards und befanden uns auf der Iberischen Halbinsel im Krieg gegen Bonys Truppen.“
„Bony?“
Dem Schotten steht jetzt ein Grinsen im Gesicht. „Unser Spitzname für Napoleon Bonaparte, Bony. Wie dem auch sei, jedenfalls kam es Ende Juli 1809 vor Talavara in Spanien zu einer gewaltigen Schlacht, bei der sowohl die Franzosen als auch wir große Verluste erlitten. Wir lagen westlich von Talavara, als die Franzosen mit einer enormen Wucht und einem höllischen Lärm gegen unsere Reihen anstürmten. In so einer Situation ist es von unschätzbarem Wert, wenn dein Anführer Furchtlosigkeit und Zuversicht ausstrahlt und damit zeigt, dass er der Situation gewachsen ist. Plötzlich fuhr ein sanftes Beben durch unsere Körper, das dem einen oder anderen Gänsehaut bereitete. Parallel dazu hörten wir, zunächst ganz leise, dann immer lauter, das Getrappel von Pferdehufen, bis wir sie zu Hunderten auf unsere Reihen zu galoppieren sahen: die französischen Kürassiere, mit Harnisch und Helm, den Säbel im Anschlag – ein beängstigender Anblick. Im letzten Augenblick, bevor sie in unsere Reihen brachen, wurden sie durch eine Husareneinheit der Königlich Deutschen Legion abgedrängt, so dass sie uns glücklicherweise nicht erreichten.
In einiger Entfernung vor unserer Linie schrie ein verletzter Husar vor Schmerzen, ein Säbel steckte tief in seiner Schulter. William klopfte mir von hinten auf die Schulter und schrie: ‚Cleit und Brodric, holt ihn da weg!‘ Dann zeigte er in Richtung des Husars und uns war klar, was er wollte. Wir sollten den Verletzten in Sicherheit bringen. Unverzüglich rannten wir los, so schnell wir konnten, durch die umherliegenden Reihen gefallener Soldaten und Pferde hindurch, hinüber zu dem Husar, immer in der Angst, die Kürassiere könnten die nächste Attacke reiten. Als wir unser Ziel erreichten, nahmen wir ihn auf und trugen ihn zu unseren Leuten zurück. Keinem von uns war aufgefallen, dass William mitgelaufen war. Erst jetzt bemerkten wir, wie er sich über einen verletzten Franzosen beugte. Mühsam zog er ihn unter seinem Pferd hervor – sein linkes Bein war eingeklemmt. Unter großer Kraftanstrengung schulterte er ihn und kam langsam in unsere Richtung. Gleichzeitig bemerkten wir, dass das Beben zurückkam und damit auch die französischen Reiter. Hektisch brachten wir den verwundeten Husar hinter unsere Linie, übergaben ihn an zwei wartende Soldaten mit einer Trage und schauten uns gespannt nach William um. Gebückt, den vor Schmerz stöhnenden Franzosen geschultert, suchte er sich seinen Weg durch die tot umherliegenden Soldaten und Pferde. Je näher er kam, desto deutlicher sahen wir, wie schwer er atmete und wie sehr er sich quälte. Keine Ahnung, was er gedacht haben muss, in der Gewissheit, die galoppierenden Kürassiere im Nacken zu haben, aber ohne zu wissen, wie viel Zeit ihm noch blieb, bevor sie ihn erreichten. Zum Schluss war es haarscharf. Mit letzter Kraft schaffte er es, sich durch unsere Reihen zu drücken. In dem Augenblick, in dem ihm bewusst wurde, dass er es geschafft hatte, ging er mit dem verletzten Franzosen auf den Schultern in die Knie. Vorsichtig nahmen wir ihm den Mann ab. Aus einer klaffenden Schnittwunde am linken Oberarm pulsierte das Blut heraus und sowohl sein linkes Schienbein als auch sein Wadenbein waren gebrochen. Glücklicherweise gelang es uns, mithilfe der Königlich Deutschen Legion auch diesen Angriff der Franzosen abzuwehren.“
„Hat der Franzose überlebt?“
„Aye, er hat überlebt. Wie sich später herausstellte, war er übrigens ein leitender Offizier. Colonel François Leroy war sein Name. Drei oder vier Monate später kam er im Gefangenenaustausch gegen englische Offiziere frei. Etwa ein weiterer Monat verging, dann wurde William plötzlich zu Wellington zitiert.“
„Zu Wellington persönlich?“
„Ja, der französische Colonel hatte den Vorfall gemeldet, und William bekam für seinen Mut und seine Tapferkeit eine hohe französische Auszeichnung, die ‚Ehrenlegion‘ – übrigens von Napoleon höchstpersönlich unterschrieben.“
„Das ist ja kaum zu glauben!“ Simon ist sehr beeindruckt.
„Jetzt kannst du dir vielleicht vorstellen, warum wir an William Scotts Seite geblieben sind und für Scott & Baxter arbeiten.“
Ein lautes „Stopp!“ unterbricht ihre Unterhaltung, und der am Anfang des Trecks reitende William Scott streckt seinen rechten Arm in die Höhe. Vor ihnen liegt ein Bauernhaus mit einer angrenzenden größeren Scheune. Aus dem Hauseingang kommen zwei Männer auf sie zu, die William Scott zu kennen scheint, da er sie sehr herzlich begrüßt. Vom Aussehen her könnten sie Vater und Sohn sein. Bald werden die Fuhrwerke neben der Scheune unter einem Vordach abgestellt und die Pferde versorgt, anschließend erhält die Reisegruppe in der großen Küche des Bauernhauses ein warmes Mittagessen: Karottensuppe mit Fleischeinlage und Brot.
Simon spukt die ganze Zeit eine Frage im Kopf herum: Waren sie erwartet worden? Der lange Tisch in der Küche war bereits für eine ganze Reihe von Personen eingedeckt. Nur zwei Gedecke hat Tibby, die Ehefrau des Bauern Struan McNeil, nach ihrer Ankunft noch gebracht. Simon wird der Platz neben dem jüngeren der beiden Männer zugewiesen, bei dem es sich tatsächlich um den Sohn des Hauses, Keith McNeil, handelt.
„Simon … Ich darf doch Simon sagen …?“
„Ja, selbstverständlich.“
„Mein Name ist Keith. Ihr werdet gleich nach dem Essen einige meisterhafte Whiskys zum Probieren bekommen.“
„Hast du sie destilliert?“
„Nein, die Whiskys sind allesamt älter als zehn Jahre. Ich bin jetzt einundzwanzig, da hätte ich ja schon mit zehn Whisky brennen müssen.“ Keith lacht amüsiert. „Das wäre dann doch etwas früh gewesen, obwohl ich meinem Vater schon von klein an auf dem Hof zur Hand gehe. Du bist aus Amerika?“
„Ja, aus Boston“, erklärt Simon, fragt sich aber, woher der junge Mann das schon wissen kann, wenn sie doch erst kurze Zeit auf dem Hof sind.
Eine weitere Stunde vergeht, dann haben die Männer ihre Pferde vor zwei schmale einachsige Karren mit ausgesprochen breiten Rädern gespannt, die offenbar dazu dienen, dass die Karren in dem tiefen, weichen Untergrund nicht versinken und sich leichter bewegen lassen.
Cory legt Simon einen Arm um die Schulter. „Du wirst erstaunt sein von dem, was du gleich zu sehen bekommst.“
„Das hat mir Alec vor einiger Zeit auch schon gesagt, und ich soll auf jeden Fall auf dem Weg bleiben.“ Simon schaut nach links, nach rechts, dann wieder geradeaus. „Aber welcher Weg?“
„Du musst einfach den McNeils folgen, behalte sie im Blick. An dieser Stelle gibt es nur einen schmalen Kamm, der das Moor teilt. Ein paar Meter links oder rechts und du versinkst auf Nimmerwiedersehen.“
Die Feuchtigkeit zieht durch das derbe Leder der Stiefel, so dass alle Männer mittlerweile mit nassen Füßen durch das kniehohe Gestrüpp wandern - mit zwei Ausnahmen, denn die McNeils tragen Gummistiefel. Je weiter sie gehen, desto zahlreicher säumen Birken ihren Weg, bis sie sich schließlich in einem dichten Wald befinden. Einige Meter links und rechts des Weges steht etwa knietief das Wasser zwischen den Bäumen.
„Simon, nicht vom Weg abkommen!“, mahnt William Scott und schaut sich nach seinem Gast um.
„Keine Angst, ich passe schon auf. Sorgen mache ich mir erst, wenn die Dunkelheit hereinbricht und wir die Hand vor Augen nicht mehr sehen können“, antwortet der Amerikaner.
„Das sollte nicht passieren. Durch diese Hölle bekommen mich in der Nacht keine zehn Pferde“, stellt Gow Duncan fest, der einen der beiden Karren lenkt. „Hier sind wir den Geistern wehrlos ausgeliefert.“
„Struan“, fragt Scott den neben ihm gehenden Farmer, „leben Geister in diesem Wald?“
„Natürlich wohnen hier Geister.“ Diese Aussage in Verbindung mit McNeils ernsten Gesichtsausdruck treibt Gow Duncan Schweißperlen auf die Stirn. „Es mag vielleicht etwa ein halbes Jahr her sein, als man ein paar Meilen von unserem Farmhaus entfernt in den frühen Morgenstunden einen halb tot geschlagenen Rotrock gefunden hat. Er soll sich an nichts erinnern können, aber überlebt haben.“
„Ich hab‘s euch doch gesagt“, platzt es aus dem Kutscher heraus. „Reizt keine Geister, ihr könnt ihnen nicht aus dem Weg gehen!“
Für einen Moment folgen die Männer den McNeils wortlos, bis William Scott einsilbig fragt: „Steuereintreiber?“
„Aye“, bestätigt Struan McNeil ebenso einsilbig.
„Seltsamer Zufall“, stellt Scott fest.
Unerwartet bleiben Vater und Sohn McNeil auf einer kleinen Lichtung stehen und blicken sich nach allen Seiten um. Dann gehen sie gezielt auf ein breites Gestrüpp zu, dass sie packen und zur Seite ziehen. Dahinter kommt ein Unterstand zutage, der sich perfekt in die Umgebung einpasst. Schwere Balken stützen die mit Heide und anderen Pflanzen bewachsene Decke. Die Seiten sind mit Erde gefüllt und begrünt, so dass die gesamte Konstruktion wie ein kleiner Hügel anmutet. Struan McNeil bittet die Gruppe um William Scott, einen Moment zu warten, während er mit seinem Sohn den Eingang betritt. Seltsamerweise verschwinden sie für einige Minuten, dann ist Keith McNeil wieder zurück. „Wollen Sie mir jetzt folgen?“
Simon staunt, als er den scheinbaren Unterstand betritt: Es geht zunächst einige Meter durch einen Tunnel. Einige Öllampen leuchten ihnen den Weg, dann stehen sie plötzlich in einer geräumigen Höhle, in der sogar ein ausgewachsener Elefant Platz fände. Mehrere Bottiche stehen auf der einen Seite und zwei kupferne Brennblasen auf der anderen. Im nächsten Augenblick wendet sich Keith an Simon: „Hast du schon einmal eine Whiskybrennerei besichtigt?“
„Ja, mittlerweile schon drei.“
„Dann weißt du ja, dass hier auf der einen Seite unsere Maischebottiche sind, an die sich die Gärbottiche anschließen und dort, auf der anderen Seite, unsere Brennblasen.“
Simon nickt. „Beeindruckend, was ihr hier unter der Erde geschaffen habt.“
„Aye, und wenn du die anschließende Höhle siehst, mit all den Whiskyfässern, dann kommt dir das wie das Paradies vor“, erklärt Keith mit einem Grinsen.
Mittlerweile haben sich auch Struan McNeil und William Scott zu ihnen gesellt.
„Du musst wissen, Simon“, berichtet Scott, „die angrenzende Höhle, in der der Whisky reift, hat Struan mit einigen Freunden eigenhändig gegraben.“
„Folgen Sie uns, Mr. Brown“, bittet McNeil mit einer Handbewegung und gibt seinem Sohn einen leichten Stoß an die Schulter. Als Simon den anderen durch eine schwere Tür in die angrenzende Höhle folgt, strömt ihm unverzüglich der Duft schweren Whiskys in die Nase. Vier lange doppelstöckige Reihen Eichenholzfässer reifen jeweils auf zwei dicken Holzbohlen, die auf einem Bett aus Bruchsteinen liegen. An den Wänden hängen Öllampen, die die Höhle in ein dämmriges Licht tauchen. „Simon, was hältst du von der Brennerei?“, wendet sich William Scott an ihn.
„Sie wirkt ausgesprochen professionell, passt sich ausgezeichnet in die Umgebung ein, fällt überhaupt nicht auf und ist deshalb wohl eine der am besten getarnten Schwarzbrennereien Schottlands.“  
Die McNeils schmunzeln und Simon fragt: „Aber warum eigentlich illegal? Diese Brennerei muss doch den Wettbewerb mit den legalen Brennereien gar nicht fürchten?“
„Nun, Simon, das ist eine Geschichte über die Möglichkeiten zur gegebenen Zeit.“
„Was meinst du damit?“
„Lass mich antworten, William“, wirft Struan McNeil dazwischen und berührt den Schotten am Unterarm. „Sehen Sie, Simon, ich möchte sagen, ich war immer schon ein zielstrebiger, arbeitsamer Kerl und versuche, aus allem das Beste zu machen. Allerdings bin ich weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, was mich auch nicht sonderlich interessierte, und am Anfang stellte dies in der Tat kein Problem dar. Mein Whisky verkaufte sich immer gut, denn das Destillieren von Whisky hat mich zeitlebens fasziniert und begeistert. Ich möchte sagen, mein Whisky kann sich sehen lassen.“
„Der ist ausgezeichnet“, entfährt es William Scott. „Du wirst ihn sicherlich noch probieren dürfen, Simon.“
„Danke, William. Wissen Sie, Simon, als ich anfing, waren die Kontrollen der Rotröcke, der britischen Soldaten, selten und ungenau. Aber das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Sie setzen uns Brenner immer stärker unter Druck, entweder das Whiskybrennen zu lizenzieren oder die Whiskyerzeugung aufzugeben. Da Keith ein guter Schüler ist und das Lesen und Schreiben erlernt hat, werden wir in den nächsten Jahren in der Lage sein, eine offizielle Lizenz zu erwerben.“
„Das wäre doch eine tolle Sache“, platzt es aus Simon heraus.
„Aye, das wäre es. Aber bis dahin müssen wir unentdeckt bleiben und unseren Whisky über Freunde verkaufen, wie etwa William und Thomas. Ohne diese Freunde hätten wir große Probleme mit dem Abverkauf. Aber von irgendetwas müssen wir auch heute leben.“
Simon schaut zu William hinüber. „Wie bringt ihr denn den illegalen Whisky in den offiziellen Kreislauf?“
William Scott sieht ihn durchdringend an. „Das bleibt aber unter uns, Simon!“
„Bei Gott, William!“, bestätigt Simon.
„Wenn wir den Whisky als Scotch Single Malt verkaufen könnten, würden wir den besten Preis bekommen, aber dann würden wir die Frage gestellt bekommen, von wem er stammt. Also ist er ein Teil unseres Scott & Baxter Fine Old Blended Whisky.“
„Das heißt, ihr verschneidet unterschiedliche Whiskys miteinander?“
„Aye, aber nicht hauptsächlich Malt Whiskys, sondern Grain Whiskys, also leichte Korn-Whiskys. Der Korn-Whisky ist komplett verzollt und wird mit ein paar Prozent Malt Whisky verschnitten, damit er mehr Komplexität erhält, intensiver und spannender duftet und schmeckt.“
„Ah, jetzt verstehe ich. Der kleinere Anteil unverzollten Whiskys geht in der größeren Menge verloren …“
„… und ist uns nicht nachzuweisen“, vollendet William Scott den Satz.
„Entschuldigt, Männer.“ Keith McNeil drängt sich mit einer Flasche Whisky in der einen und einigen Emaille-Bechern in der anderen Hand in den Kreis der Männer.
„Stilvolle Gläser können wir nicht bieten, aber einen guten Tropfen haben wir allemal.“ Der junge McNeil hält die Becher in die Runde. Dann hört man nur noch das Gluckern aus der Whiskyflasche und ein einstimmiges „Slàinte mhath!“.
„Der zunächst fast süßliche Eindruck in der Nase erinnert mich sehr an Cream Sherry. Da ist aber noch viel mehr: zarte gelbe Früchte, Nüsse und Honig … Die Röstaromen vom Eichenholzfass nicht zu vergessen“, schwärmt William Scott und hält sich immer wieder den Becher unter die Nase, bevor er einen guten Schluck auf der Zunge verteilt und ihn schließlich genussvoll hinunterschluckt. „Diese delikate, fruchtige Süße auch am Gaumen, die Nüsse, das Eichenholz und … einen Augenblick … eine Spur Trockenheit. Zum Schluss dann dieses angenehme Finale. Für mich ein herrlicher Whisky. Eigentlich zu schade für einen Blended Whisky.“
Die allgemeine Zustimmung in der Runde veranlasst Simon zu der Frage: „Werden sich Schwarzbrennereien dauerhaft halten können?“
„Nein“, ist die spontane Antwort von Struan McNeil. „Bei dem Druck, den die Rotröcke machen, glaube ich nicht, dass auch nur ein Schwarzbrenner überleben wird. Sie folgen uns mittlerweile in die entlegensten Winkel Schottlands und durchkämmen jeden einzelnen Busch. Außerdem haben sie Spitzel angeworben und wir müssen außerordentlich vorsichtig sein, wem wir etwas anvertrauen oder bei wem wir etwa Gerstenmalz oder Brennereiwerkzeuge einkaufen oder reparieren lassen. Ich vertraue auf Gott, dass wir noch so lange im Verborgenen weiterarbeiten können, bis Keith bei uns mit einsteigen wird. Dann werden wir unverzüglich eine Lizenz beantragen.“
„Wir arbeiten daran, dass ihr noch einige Zeit unerkannt weitermachen könnt“, beendet William Scott die Unterhaltung und erinnert an den Grund, aus dem man diesen verborgenen Ort aufgesucht hat. Nach weiteren zwei Stunden sind vier Fässer mit feinstem Malt Whisky verladen und die Männer treten den Rückweg an, der durch das Gewicht des Whiskys auf dem aufgeweichten Boden sehr beschwerlich ist. Zeitweise können die Pferde die Wagen nicht alleine ziehen, sodass die Männer gezwungen sind, tatkräftig mit anzufassen. Am Anwesen der McNeils werden die Whiskyfässer auf das leere Fuhrwerk umgeladen und die Männer lassen den Abend bei einem schmackhaften Haggis und geschmortem Black Pudding mit einer herrlichen Flasche Whisky ausklingen. Die nächsten Tage arbeiten die Händler von der Farm der McNeils aus; sie erwerben bei weiteren im Verborgenen operierenden Brennereien das eine oder andere Fass Whisky und verladen diese auf das zweite Fuhrwerk, welches am Ende des vierten Tages in etwa die gleiche Anzahl Fässer aufweist wie das erste Fuhrwerk. Schließlich wird auch das zweite Fuhrwerk mit einer dunklen Plane aus Segelstoff gegen das schottische Wetter und die Blicke allzu neugieriger Spitzel abgedeckt und die Familie McNeil lädt zum Abschied zu einem deftigen Mahl und zwei speziellen Flaschen eines Cask Strength Malt Whiskys, der Simon derart in die Glieder fährt, dass er sich schon recht früh zu Bett begibt.

Am nächsten Morgen wird Simon durch kräftiges Schubsen aus seinen Träumen gerissen. „Simon, aufstehen! Du verschläfst noch den ganzen Tag.“
Mühsam öffnet er die Augen und schaut in das grinsende Gesicht von Dugal McInyre, der sich über ihn beugt. „Bist du schon im Winterschlaf? Der Whisky ist dir wohl nicht gut bekommen?“
„Keine Ahnung“, brummt Simon. „Er ist mir jedenfalls stärker in den Kopf gestiegen als gewöhnlich.“
„Das war Cask Strength Whisky, da kann das schon einmal passieren. Der wurde ja noch nicht mit Wasser heruntergesetzt, hatte also noch seine Originalstärke, die er nach der Lagerung im Fass besitzt … Ich schätze den von gestern auf knapp sechzig Prozent.“
Mühsam stemmt Simon sich von seinem Nachtlager hoch. In seinem Kopf macht sich ein pochender Schmerz bemerkbar. Glücklicherweise bringt ihn der Duft von frischem Tee aus der Küche der McNeils auf andere Gedanken. Zum Tee gibt es ein paar stark gesalzene Spiegeleier, Speck und gebackene Bohnen. Als er nach dem Frühstück vor die Tür tritt, muss er überrascht feststellen, dass der Rest der Gruppe schon abreisefertig ist. Sogar die Zügel seines bereits aufgezäumten Pferdes bekommt er von Cleit Martin in die Hand gedrückt. „Cask Strength Whisky wirft auch das kräftigste Kampfross um!“
Simons fragender Gesichtsausdruck veranlasst Tibby McNeil, ihn zu beruhigen: „Sie sind nur etwas früher schlafen gegangen als die vorangegangenen Tage.“ Sie reicht ihm zum Abschied die Hand. „Passen Sie auf sich auf, Simon!“
„Danke für die Gastfreundschaft“, antwortet er nur kurz, weil Keith, der neben seiner Mutter steht, erklärt: „Hoffentlich treffen wir uns einmal wieder, Simon. Was du wohl in ein paar Jahren alles so zu berichten hast …?“
„Vielleicht wirst du dann schon eine lizenzierte Brennerei eröffnet haben. Und ich werde in einem Pub in Boston oder London sitzen und einen McNeil‘s Malt Whisky probieren …“
Nachdem auch der Proviant für den Heimweg verstaut wurde, macht sich die Gruppe um William Scott auf den Rückweg nach Aberdeen. Auf dem teils steinigen, teils sehr morastigen Boden des schmalen Weges kommen die Reitpferde ebenso wie die Fuhrwerke nur mühsam voran. Einen großen Teil ihrer heutigen Strecke folgen die Männer mehr oder weniger dem Verlauf des Flusses Don. Einige Stunden vergehen, in denen kaum etwas gesprochen wird; alle scheinen mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Außerdem kommt es immer wieder zu kurzen Regenschauern, und der nasskalte Wind dringt durch jede Ritze ihrer Kleidung. Als sich Simon nach einiger Zeit im Sattel eine andere Sitzposition sucht, merkt er, wie steif seine Muskulatur geworden ist. Er schaut sich zu den hinter ihm reitenden Begleitern um, die allesamt ihre Mützen tief ins Gesicht gezogen, ihre Jackenkragen aufgestellt und ihre Hände so weit wie möglich in ihre Jackenärmel zurückgezogen haben. Plötzlich hört er William Scott mit lauter Stimme rufen: „Halt, Männer!“
Simon wendet sich wieder um. Direkt vor ihnen erhebt sich rechts eine Brücke, die beide Ufer des Don miteinander verbindet. Der Regen hat nachgelassen und Scott holt seine goldene Taschenuhr heraus, um festzustellen: „Fast zwei Uhr. Wir sollten gleich irgendwo eine kurze Rast machen, damit wir etwas in den Magen bekommen. Ein heißer Tee sollte uns allen gut tun.“
„Nichts dagegen einzuwenden, William“, meldet sich Brodric zu Wort.
„Hey, ihr da“, schreit plötzlich Dugal so laut vom Kutschbock herunter, dass Simon zusammenzuckt, „was glaubt ihr, dort zu fischen?“
Vom Fluss antwortet eine tiefe, dunkle Stimme: „Hier wird geangelt, nicht einfach gefischt! Forellen und Lachse sind unser Ziel.“
Simon stemmt sich aus dem Sattel hoch und lässt seinen Blick auf die Böschung unterhalb der Brücke schweifen, wo er den Besitzer der Stimme vermutet. Er erkennt dort unten drei ältere Männer mit weißen Haaren, die lange Angelruten ausgeworfen haben. Einer von ihnen steht am Ufer, die anderen beiden auf Sandbänken, die sich aus dem seichten Flussbett erheben.
„Schon was am Haken?“, will Dugal jetzt wissen und muss auch dieses Mal nicht lange auf eine Antwort warten.
„Das Feuer brennt, der Tee ist aufgesetzt und die ersten Lachse grillen vor sich hin.“
In die Augen der Reisenden tritt ein hungriges Leuchten, sodass sich William Scott veranlasst sieht zu rufen: „Könnte sich eine gute Handvoll Reisende dazugesellen?“
„Schotten?“
„Aye, bis auf einen.“
Sassenach?“
„Aye, aber kein Engländer, Amerikaner.“
Simon beugt sich zu Alec hinüber und fragt: „Sassenach? Bin ich gemeint?“
„Aye, Sassenach bedeutet so viel wie Fremder. Meistens sind aber die verachteten Engländer gemeint.“
„Der kann auf die Pferde aufpassen“, kommt es von unten.
William Scott dreht sich zu Simon um und sagt: „Du hast es ja gehört, Simon. Du passt auf Pferde und Fuhrwerke auf, die anderen Männer werden sich ausruhen und Essen fassen.“
Sassenach! Die kennen mich doch gar nicht und Engländer bin ich auch nicht! So ein Mist“, flucht Simon vor sich hin und fügt mit ironischem Unterton hinzu: „Na, das ist doch echte Gastfreundschaft.“
Zügig sitzen die Männer ab und schicken sich an, einem kleinen steilen Pfad neben der Brücke nach unten zu folgen, doch William Scott ordnet an: „Cory und Brodric, ihr versorgt zunächst die Pferde und werdet anschließend essen.“
Einige Zeit später, die Pferde sind längst versorgt, steht Simon immer noch auf dem Weg und hält Wache. Vom Flussufer her vernimmt er zwar Stimmen, kann aber nicht verstehen, was gesprochen wird. Dann endlich mühen sich Alec und Gow den steilen Pfad neben der Brücke hinauf, um ihn abzulösen. „Simon, du sollst nach unten kommen und auch etwas essen“, sagt Gow mit einem zufriedenen Grinsen, um sich dann einen Essensrest aus den Zähnen zu pulen.
„Hat es denn geschmeckt?“, fragt Simon.
„Frischer Fisch und heißer Tee, es war wunderbar“, meint Alec. „Du solltest dich beeilen, William wird zügig aufbrechen wollen.“
An der Feuerstelle empfängt ihn einer der Gastgeber mit den Worten „Aye, da kommt unser Pilgervater!“
Da Simon sich nicht sicher ist, wie der Satz gemeint ist, entschließt er sich zu einem schlichten „Guten Tag“.
Der neben ihm stehende Angler schaut ihn ein wenig argwöhnisch an und reicht ihm einen Holzteller mit Lachs, Brot und Käse. „Das sind übrigens Keith und Finley, und ich bin Craig. Stärken Sie sich, wird Ihnen gut tun. Sie stammen wirklich aus Boston?“
„Danke für den Fisch“, erwidert Simon höflich und greift beherzt nach dem Teller. Er freut sich, endlich etwas Warmes in den Magen zu bekommen und dann auch noch etwas so Feines. „Ja, ich bin aus Boston.“
Schon ein paar Minuten später erhebt sich William Scott. „Männer, wir müssen aufbrechen.“ An die Angler gerichtet, erklärt er: „Danke für das gute Essen, den Tee und die Geselligkeit. Erleichtert können wir feststellen, dass die größten Anstrengungen und der längste Teil der Reise hinter uns liegen. Morgen sind wir in Aberdeen.“

Gerade einmal eine halbe Stunde, nachdem sie aufgebrochen sind, kommen sie an eine Wegbiegung, hinter der ein schwarz uniformierter Mann steht, der seine Arme weit ausbreitet, sobald er den Tross gesehen hat, um ihn an der Weiterfahrt zu hindern. „Halt, Zollkontrolle! Im Namen Seiner Majestät König George muss ich Sie auffordern, sich auszuweisen und Ihre Ladung zu erklären.“
Erschrocken fährt Simon im Sattel zusammen und es schießt ihm durch den Kopf: „Das zweite Fuhrwerk ist randvoll beladen mit Fässern schwarz gebrannten Whiskys!“
Vom rechten Wegrand tritt nun ein britischer Offizier neben den Zöllner, seinen Säbel in der Hand. „Guten Tag, meine Herren, ich bin Second Lieutenant Edgar FitzGerald und ich darf Sie bitten, den Anordnungen von Riding Officer Edgar Butler vom Zoll Seiner Majestät Folge zu leisten.“
Ein metallisches Klappern hinter Simon lässt ihn vermuten, dass die Männer um William Scott ihre Waffen ergreifen. Im selben Augenblick lässt Second Lieutenant FitzGerald die Spitze seines Säbels sinken und sogleich springen fünfzehn bis zwanzig britische Soldaten, ihre Musketen im Anschlag, aus den umliegenden Gebüschen.
„Rotröcke!“, hört Simon Alec McIntosh hinter sich abfällig sagen. William Scott reißt den rechten Arm in die Höhe und schreit: „Die Hände von den Waffen! Alle! Sofort!“ In ruhigem und freundlichem Ton setzt er dann fort: „Guten Tag, meine Herren. Ich bitte um Entschuldigung, meine Männer sind etwas nervös. Wir wurden vor einigen Tagen überfallen. Mein Name ist William Scott von Scott & Baxter aus Edinburgh und ich bin mit meinen Männern in den Highlands unterwegs, um unter anderem Whisky zu kaufen. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Aberdeen.“
„Whisky …“, wiederholt der Zöllner Edgar Butler mit einem hintergründigen Lächeln. „Dann wollen wir uns Ihre Ladung doch einmal etwas genauer anschauen.“
„Sie haben es gehört, Mister Scott“, ordnet der Offizier an. „Lassen Sie absitzen und die Planen von den Fuhrwerken entfernen.“
„Muss das denn sein? Das ist doch völlig unnötige Arbeit“, kommentiert der Kutscher Dugal McIntyre.
„Machen Sie, was wir von Ihnen verlangen, und Sie werden in etwa einer Stunde Ihren Weg fortsetzen können.“
„Los, Männer, absitzen und die Planen von den Fuhrwerken herunterziehen!“, befiehlt William Scott. Als er in eine seiner Satteltaschen greift, steht sofort ein britischer Soldat neben ihm, die Muskete auf ihn gerichtet. Scott hebt seinen freien Arm und verteidigt sich: „Entschuldigung, ich suche die Dokumente unserer Ladung.“
Second Lieutenant FitzGerald befiehlt: „Mr. Scott, ziehen Sie Ihre Hand ganz langsam aus der Tasche heraus.“ Der Schotte leistet Folge und bringt einen Stapel Papiere zum Vorschein. Als sich Scott dem Zollbeamten zuwendet, fällt sein Blick auf Simon, der seine Nervosität kaum verbergen kann. Wie gelingt es bloß William und den anderen, so ruhig und ausgeglichen zu bleiben? Simons Gedankengang wird durch die laute Stimme des Zöllners unterbrochen: „Möchte einer der Herren noch etwas sagen, vielleicht noch eine Erklärung zur Ladung abgeben, was sich vor dem britischen Gesetz strafmildernd auswirken könnte?“
Simon stockt der Atem und ihm wird bewusst, dass sie in den nächsten Minuten allesamt zu Straftätern werden. Wie hoch ist eigentlich das Strafmaß für Steuerhinterziehung im Vereinigten Königreich? Edgar Butler ergänzt: „Wenn jemand noch etwas erklären oder aussagen möchte, dann sollte er es jetzt tun, bevor die Planen von den Fuhrwerken gezogen werden. Wenn sie erst gefallen sind, ist es zu spät, meine Herren!“ Mit ernster Miene schaut der Riding Officer jedem Einzelnen der Gruppe in die Augen. Als sein Blick auf Simon fällt und der Officer ihm wortlos in die Augen starrt, versucht Simon dagegenzuhalten und dem Blick des Zöllners nicht auszuweichen. Obwohl es kalt und windig ist, fühlt Simon den Schweiß unter seinen Achseln und auf seiner Stirn. Erst nach einer scheinbaren Ewigkeit wandert Edgar Butlers Blick zu William Scott, der ausgesprochen ruhig und freundlich erklärt: „Darf ich Ihnen vielleicht jetzt die Dokumente zur Einsicht reichen?“
„Ja, natürlich“, antwortet der Riding Officer und blättert darin herum. Genau in dem Augenblick kommen unter den Planen die schweren Eichenholzfässer zum Vorschein und als auch die Plane vom hinteren Fuhrwerk auf dem Boden liegt, wischt sich Simon mit dem Jackenärmel den Schweiß von der Stirn. Die Spannung ist kaum noch auszuhalten. „FitzGerald, übernehmen Sie die Dokumente und lesen Sie die einzelnen Fassnummern vor, so, wie sie pro Brennerei angegeben werden. Mr. Scott und ich werden sie dann auf den Fuhrwerken suchen.“ Der Blick des Zöllners wandert zu William Scott, der zustimmend nickt.
Lange Minuten vergehen, bis alle Fässer auf dem ersten Fuhrwerk genannt und gefunden wurden. Als sich der Riding Officer und Scott dem zweiten Fuhrwerk zuwenden, kneift Simon für einen kurzen Augenblick seine Augen zusammen. FitzGerald sagt etwas, aber Simon versteht es zunächst nicht bewusst. Erst als sich der Zöllner und Scott über die Anzahl der Fässer einig sind, wird ihm klar, worüber sie gerade gesprochen haben – in Salz eingelegte Heringe …?
„Sehen Sie, Mr. Scott, war doch gar nicht so schlimm, und wie schon eingangs gesagt: In einer Stunde kann alles vorbei sein.“ Second Lieutenant FitzGerald streckt dem Schotten seine Hand entgegen. „Und nichts für ungut. Nicht alle Kontrollen laufen so zivilisiert und ungefährlich ab wie diese. Von daher sind wir gezwungen, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.“
„Das ist schon verständlich“, antwortet William Scott erleichtert.
Nur für Simon ist nichts mehr verständlich. Auch der Blick in die Gesichter seiner Begleiter gibt ihm keine Antwort. „Wenn die Fässer mit dem schwarz gebrannten Whisky nun gefälschte Dokumente haben“, grübelt Simon, „wer ist als Hersteller angegeben? Die McNeils werden es wohl nicht sein. Was ist aber, wenn ein Fass geöffnet werden muss?“ Die nächste Frage des Riding Officers Edgar Butler reißt Simon schreckartig aus seinen Gedanken: „Es wäre wohl vermessen, wenn wir um ein paar Salzheringe bitten würden?“ Wieder ist Simon verblüfft, als William Scott in aller Ruhe den Kutscher Gow Duncan fragt: „Bevor ihr die Plane verzurrt: Kommst du noch an das Fass heran, bei dem der Deckel leicht beschädigt ist?“
„Ja, kein Problem, William.“ Im nächsten Moment steht der Kutscher schon auf der Ladefläche des Fuhrwerkes und gibt jedem Soldaten einen Salzhering in die Hand. Nachdem der Zöllner seinen Hering verspeist hat, reicht er dem Schotten die Dokumente zurück. „Mr. Scott, alles in Ordnung. Wir wünschen Ihnen eine gute Weiterreise.“
„Dem möchte ich mich anschließen, Mr. Scott“, bestätigt Second Lieutenant FitzGerald. Dann wendet er sich seinen Rotröcken zu: „Soldaten, angetreten …!“

Simon steigt wie alle anderen in den Sattel, und der Zug setzt sich auf William Scotts Kommando in Bewegung. Simon reitet nun neben Alec McIntosh in der letzten Reihe; er ist sehr erleichtert, dass die Zollkontrolle glimpflich ausgegangen ist, aber er wagt es nicht, all die Fragen zu stellen, die ihm auf der Zunge brennen. In den nächsten Stunden folgen die Männer dem Fluss Don, bis er eine Neunziggradkurve macht. Dort treffen sie auf einen Weg, der südlich nach Fraser Castle und nördlich nach Kemnay führt. In dem kleinen Ort Kemnay übernachten die Männer in einer Scheune, die zu einem Pub gehört, dessen Besitzer William Scott noch aus napoleonischen Zeiten kennt. Bei einem deftigen Abendessen, begleitet von ein paar Ale, sieht Simon den richtigen Augenblick gekommen. „Jetzt spannt mich doch nicht weiter auf die Folter! Was ist da genau mit dem Zoll und dem Whisky gelaufen? Wo kommen die Salzheringe plötzlich her?“
Völlig unerwartet bricht ein ohrenbetäubendes Gelächter los. Glücklicherweise sind die Männer zurzeit die einzigen Gäste. Als es langsam ruhiger wird, wendet sich William Scott an Simon: „Ich glaube, wir können dir unser Geheimnis anvertrauen. Die Männer haben alle Order von mir erhalten, dir nichts zu sagen und sich nichts anmerken zu lassen. Wie du dir vorstellen kannst, stehen wir alle mit einem Bein im Gefängnis. Gleichgültig, wie man moralisch dazu steht und ob die Gesetze gerecht sind oder nicht – wir haben sie zu befolgen. Wir waren uns allerdings nicht sicher, ob du dem Druck des Zöllners und der Rotröcke gewachsen sein würdest. Nun, du hast dich ausgezeichnet geschlagen, daher folgt nun die Erklärung.“
Simon nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Ale und blickt dabei in die grinsenden Gesichter seiner Begleiter. „Darf ich vorher eine kurze Frage stellen?“
„Aye, natürlich.“ Auch William Scott führt sein Glas zum Mund.
„Hätte sich der Riding Officer nicht mit dem lädierten Heringsfass zufrieden gegeben, was wäre dann geschehen?“
„Du meinst, wenn wir ein anderes Fass hätten öffnen müssen?“ William Scott stellt sein Bierglas auf den Tisch zurück.
„Ja, genau.“
„Dann hätte er auch Heringe gefunden. Das ganze zweite Fuhrwerk hat tatsächlich Heringe geladen!“, erklärt der Schotte nun mit einem Schmunzeln auf der Lippen. „Alles andere wäre ein unkalkulierbares Risiko.“
„Aber wo ist dann der Whisky geblieben?“
„Der Whisky ist bereits auf dem Weg nach Edinburgh.“
„Aber wie ist das möglich? Ich war die ganze Zeit mit euch zusammen. Ich habe sogar mitgeholfen, den Whisky auf das zweite Fuhrwerk zu verladen und die Plane zu verzurren.“
Wieder grinsen sich die Männer an, dann wirft Dugal McIntyre ein: „Aye, dafür bin ich verantwortlich. Ich war derjenige, der auf die Idee kam, dir ein paar Tumbler Cask Strength Whisky einzuschenken. Deshalb habe ich dich auch heute geweckt – wollte wissen, ob du noch lebst. Zumindest hat es geklappt.“
„Das kann man wohl sagen. Ich habe ausgezeichnet geschlafen, nur heute Morgen hat mein Schädel gebrummt. Aber wie habt ihr es jetzt angestellt, die Fässer auszutauschen?“, fragt Simon neugierig.
William Scott beugt sich leicht über den Tisch, um leiser sprechen zu können. „Ein paar unserer Männer sind einige Tage später als wir mit einem baugleichen Fuhrwerk an Bord von Edinburgh an Aberdeen vorbei bis zum Hafen Peterhead gesegelt. Dort haben sie die Salzheringe gekauft und auf das Fuhrwerk verladen. Dann sind sie in Richtung der McNeils gefahren und haben unweit von ihnen bei einem befreundeten Farmer übernachtet. Da sie einige Tage vor uns dort ankamen, wussten die McNeils auch schon in etwa, mit wie vielen Personen wir anreisen würden.“
„Ich habe es geahnt“, nickt Simon. „Als wir bei den McNeils ankamen, haben sie uns begrüßt und Tibby stand vor der Tür des Farmhauses. Anschließend sind wir direkt zum Mittagessen in die Küche gegangen und es war schon eingedeckt … Bis auf zwei Gedecke, wenn ich mich nicht irre. Die wussten also schon, dass wir kommen.“
„Aye, dass wussten sie. Als wir dich dann mit dem Whisky gewissermaßen betäubt hatten, haben wir die Fuhrwerke ausgetauscht, und das Fuhrwerk mit dem illegalen Whisky unverzüglich in der Nacht auf die Reise nach Peterhead geschickt. In der Nacht sind alle Katzen grau, und die Rotröcke wissen nicht genau, mit wie vielen ‚Katzen‘ sie es zu tun haben. Und wir sind währenddessen mit dem legalen Whisky und den Salzheringen … Aber das hast du ja alles mitbekommen.“
„Dir hätte übrigens auffallen können, dass die Fuhrwerke ausgetauscht worden sind“, meint Cleit Martin, „wenn auch nur an einer Kleinigkeit.“
„Sag es mir: Woran hätte ich es erkennen können?“
„An der Farbe der Fuhrwerke. Die beiden, mit denen wir losgefahren sind, sind glänzend schwarz. Bei dem, das wir ausgetauscht haben, ist dem Maler ein Tropfen Grün hineingefallen.“
„Das ist nicht wahr, oder?“ Simon schaut in die Runde, springt von seinem Stuhl auf, nimmt eine Öllampe von der Wand des Pubs und macht sich auf in die Scheune. Da die beiden Fuhrwerke direkt nebeneinander stehen, fällt ihm im Licht der Öllampe der Unterschied tatsächlich ins Auge. Als er sich umdreht, steht William Scott hinter ihm, der ihm gefolgt sein muss. „Wir haben dich an der Nase herumgeführt, Simon. Ich denke, du hast Verständnis dafür, oder?“

Natürlich konnte ich William Scott und seine Männer verstehen. Sie gingen füreinander durch Dick und Dünn, kannten sich schon ihr halbes Leben lang und mich nur eine kurze Zeit. Da durfte ich mich schon eher wundern, dass sie mir die Geschichte überhaupt in allen Einzelheiten erzählten. Vielleicht konnte ich sogar ein wenig stolz darauf sein, dass ich mittlerweile ein gewisses Maß an Vertrauen bei ihnen genoss.
Über eine andere Sache, die ich in Schottland erlebt hatte, sollte ich mir mein ganzes Leben lang den Kopf zerbrechen. Sie ist für mich umrissen durch die Begriffe Recht, Gesetze und Gerechtigkeit. Wenn das Recht alle Verhaltensregeln einer Gemeinschaft umfasst, so sind Gesetze im Besonderen solche Regeln, die von den Mächtigen erlassen werden und nach denen wir, das Volk, uns zu richten haben – ansonsten werden wir bestraft. Dabei ist es unerheblich, ob uns als Einzelnen die Gesetze auch gerecht erscheinen. Ist es gerecht, wenn man Whiskybrenner dazu zwingt, für jeden Liter Whisky, den sie in der kargen Landschaft Schottlands der Natur abtrotzen, hohe Steuern zu bezahlen? Ist es gerecht, wenn man diese Whiskybrenner, die seit Generationen feinen Whisky destillieren, dazu zwingt, ihre Brennerei zu lizenzieren und alles zu dokumentieren, obwohl sie nicht in der Lage sind zu lesen und zu schreiben? So bleibt für uns, das Volk, wohl nur die Hoffnung, dass diejenigen, die die Gesetze machen, stark im Glauben sind, ein ausgeprägtes Gewissen haben und das Wohl des Volkes stets im Auge behalten.

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