5.7 Wasser des Lebens und Tod in den Highlands

„Mr. Brown, Mr. Boyt, mein Kompagnon Thomas Baxter und ich möchten uns für die Einladung hier an Bord herzlich bedanken!“
William Scott sitzt zwischen Thomas Baxter und Simon Brown zusammen mit den Offizieren der „Ocean Dream“ vor einem reichlich gedeckten Dinnertisch in der Messe. Vor zwei Tagen, am 10. September 1834 gegen 9 Uhr vormittags, war der Dreimaster durch den Firth of Forth in den Hafen von Leith gesegelt und hatte vor den Piers von Scott & Baxter, Wine & Spirit Merchants festgemacht.
Simon und George Boyt hatten einige Male darüber spekuliert, was William Scott wohl für eine Person sein müsste, um zu dem redseligen, freundlichen, farbenfrohen Thomas Baxter zu passen. Ganz erstaunt waren sie, als sie diesem hochgewachsenen, muskulösen blonden Mann mit seinen blauen Augen gegenüberstanden. Schon der erste Handschlag bei der Begrüßung machte ihnen deutlich, dass es sich bei dem Schotten um einen Mann der Tat handeln musste. Im Vergleich zu Thomas Baxter war seine Kleidung dezenter und die einzelnen Stücke waren aufeinander abgestimmt. Seine schwarzen, kniehohen Stiefel glänzten, was bei George Boyt den Eindruck erweckte, dass William Scott ganz sicher verheiratet sein müsste. Er sprach deutlich weniger als Thomas Baxter, aber die Worte, die er benutzte, waren präzise gewählt und ließen auch aufgrund seiner durchdringenden tiefen Stimme seinem Gegenüber kaum einen Handlungsspielraum.
Genussvoll schiebt sich William Scott nun ein Stück Fleisch in den Mund, kaut ein paarmal darauf herum und spült es zusammen mit einem Schluck vom Chai de Bordes aus Bordeaux hinunter. „Sie haben einen guten Koch hier an Bord, meine Herren. Ich muss schon sagen, der Lammbraten ist ein Gedicht. Und dieser Bordeauxwein passt ausgezeichnet dazu: die reife dunkle Beerenfrucht in Verbindung mit dem eleganten Eichenholz …“ Scott wendet sich seinem Partner zu: „Thomas, wie viele Flaschen haben wir heute davon gekauft?“
„150 Kisten, William, Chai de Bordes Rouge.“ Strahlend erhebt Baxter sein Glas und prostet in die Runde.
„Entschuldigen Sie, Mr. Baxter …“ Der Kapitän stellt sein Glas nach einem kräftigen Schluck zurück auf den Tisch. „Mittlerweile wissen Sie ja schon eine ganze Menge über uns Amerikaner. Gerne würden wir natürlich auch etwas mehr über Sie erfahren.“
„Selbstverständlich, Mr. Boyt. William und ich arbeiten nunmehr seit über fünfundzwanzig Jahren zusammen. Wir kennen uns aber noch viel länger, ich würde sagen, von Kindertagen an. Sie müssen wissen, ich bin in Stirling aufgewachsen und William in Bridge of Allan, nur ein paar Meilen von uns entfernt.“
„Wann genau wir uns kennengelernt haben, kann ich gar nicht mehr sagen, aber wir waren in der Tat noch sehr jung“, ergänzt William Scott.
„Unsere Väter haben sich während ihrer Zeit bei den Pionieren in der britischen Armee angefreundet, und später haben sich dann auch die Familien kennengelernt“, wirft Thomas Baxter ein.
Scott nickt. „Mein Vater war später als leitender Mitarbeiter in einer der Kupferminen in Bridge of Allan tätig, doch als die letzte Mine geschlossen wurde, sah es erst einmal düster aus. Glücklicherweise wurde jedoch nur ein paar Jahre später mineralisiertes Wasser gefunden, und dank Sir Robert Abercromby wurde aus Bridge of Allan ein Erholungs- und Kurzentrum mit einer Therme, in der mein Vater Arbeit in der Verwaltung fand. Thomas und mich verband schon immer die Liebe zu Wein und Whisky, und als er Anteile des Weinhandelshauses eines entfernten Onkels in Leith bei Edinburgh erbte, stieg ich dort als Kompagnon ein. Einige Jahre später waren alle anderen Anteilseigner ausgezahlt und Thomas und ich wurden die alleinigen Eigentümer von Scott & Baxter.“
„So ist es, meine Herren. William und ich haben in der Vergangenheit einige Kavernen gepachtet, für die Leith weithin bekannt ist.“
„Kavernen?“, fragt George Boyt interessiert nach. „Was ist das?“
„Das sind große unterirdische Hohlräume, in denen wir junge Rotweine, hauptsächlich aus Frankreich, einlagern. Sie entwickeln sich durch diese Lagerung großartig. Außerdem pflegen wir beste Kontakte zu den unterschiedlichsten Whiskybrennern“, erläutert Thomas Baxter begeistert.
„Nicht zu vergessen sind unsere ausgezeichneten Kontakte zur britischen Regierung und zur Ostindien-Kompanie, wie Sie ja bereits persönlich feststellen konnten, Mr. Brown“, ergänzt William Scott. „Das ist vor allem Thomas‘ Verdienst.“
Baxter muss schmunzeln. „Ich hätte es nicht besser formulieren können, William.“
„Bleibt denn bei all der Arbeit auch noch Zeit für das Private?“, lenkt der Erste Offizier das Gespräch in eine andere Richtung.
„Aber natürlich“, grinst Thomas Baxter und wirft Simon einen leicht verschwörerischen Blick zu. „Fragen Sie Mr. Brown; er durfte sich von meinen Fähigkeiten schon überzeugen.“
Simon kann dem Schotten nicht ganz folgen, was seinem Gesichtsausdruck anzusehen sein muss, denn Baxter scheint sich veranlasst zu fühlen, konkreter zu werden. „Brown, Sie wissen doch – am Morgen, als wir zur Ostindien-Kompanie wollten, sind Sie um ein Haar in die Ladys Saunders und Walsh hineingelaufen. Ich konnte die peinliche Situation gerade noch retten.“
„Wenn Sie es sagen“, antwortet Simon knapp. Er hat die Situation ganz anders in Erinnerung, zieht es aber vor, sich nicht darüber zu streiten.
„Ja, man kann wohl behaupten, der Thomas Baxter kommt gut an bei den Frauen. Sie lieben meine freundliche, lustige Art und mein gemütliches Wesen.“
„Entschuldigen Sie, Mr. Baxter“, wirft nochmals der Erste Offizier ein, „ich wollte eigentlich nur wissen, ob Sie verheiratet sind …“
„Ach so, Mr. Bradshaw. Nein, dafür hatte ich bis heute keine Zeit. Aber mein Freund William ist verheiratet, und zwar schon ziemlich lange. Seine Frau heißt Eleanor, stammt auch aus Stirling und ist genauso blond wie William.“ Thomas Baxter ergreift sein Weinglas, hält es in die Höhe und ruft: „Ein Prost auf die Frauen, ohne die unser Leben trostlos und öde wäre!“
Nachdem alle Männer ihre Gläser geleert haben, räuspert sich William Scott und wendet sich, wieder ernsthaft, Simon zu: „Nun, Mr. Brown, Sie wollen uns also tatsächlich auf unserem Ritt in die Highlands begleiten?“
Simon nickt begeistert. „Aber natürlich, Mr. Scott. Ich bin sehr gespannt, was uns dort erwartet. Mein Großvater hat mir schon so viel über die Highlands und ihre Whiskys berichtet. Wohin wird uns der Weg führen?“
„Zunächst werden wir morgen mit dem Schiff nach Aberdeen aufbrechen. Von dort aus geht es gen Norden bis nach Huntly und Dufftown.“
„Wer wird uns begleiten, Mr. Scott? Sie sind doch sicher auch dabei, Mr. Baxter?“
Der Angesprochene schüttelt sich theatralisch. „Um Gottes willen, das ist nichts für mich; diese Strapazen würde ich nicht überstehen! Tagelang im Sattel sitzen, die Nässe, die Kälte … einfach furchtbar!“
William Scott muss herzhaft lachen und bestätigt dann: „In der Tat, das ist nichts für Thomas. Während ich das spartanische Leben liebe, ist es bei ihm das genaue Gegenteil. Wie Sie sehen, Mr. Brown, wir ergänzen uns fürwahr ausgezeichnet. Also, wir werden mit zwei zweispännigen Fuhrwerken und sechs bewaffneten Männern reisen. Die Männer werden Sie auf der Fahrt nach Aberdeen kennenlernen, es sind deftige Burschen.“
„Bewaffnet?“, stößt Simon verblüfft aus.
„Ja, diese Whiskytransporte sind nicht ganz ungefährlich. Mit unserem ‚Wasser des Lebens‘ oder, wie wir hier sagen, uisge beatha wird viel Geld verdient, und in der Einsamkeit der Highlands sind wir ein leichtes Ziel und ein Räuber ist schnell auf Nimmerwiedersehen verschwunden“, erklärt William Scott sachlich. „Ehe ich es vergesse, Mr. Brown: Denken Sie an warme Kleidung. Die Nächte sind empfindlich kalt und es regnet nicht selten … Ist eben Schottland.“
Schallendes Gelächter erfüllt die Messe und William Scott sieht sich verdattert um, dann versteht er, was die Männer so erheitert, und muss selbst grinsen. „Ich vergaß, ich sitze ja hier mit wettererprobten Seemännern zusammen. Also, dann …“

Am nächsten Tag segeln die Männer um William Scott zusammen mit Simon von Leith nach Aberdeen, wo sie in einer kleinen Herberge nächtigen. Am frühen Morgen des 14. September brechen sie nach einem reichhaltigen Frühstück mit Haggis, Black Pudding und Tee auf. Als Simon hinter William Scott die Herberge verlässt, sitzen die beiden Kutscher Dugal McIntyre und Gow Duncan schon auf den Böcken ihrer Fuhrwerke, vor denen je zwei kräftige Kaltblüter stehen und ihren dampfenden Atem in den Morgennebel schnauben. Die anderen vier Begleiter sitzen auf den Rücken ihrer Reitpferde: Brodric Muir, Alec Mcintosh, Cory Ferguson und Cleit Martin. An ihnen sind Simon am Vortag vor allem ihr verwegener Ausdruck und ihre wortkarge Art aufgefallen. Die vier ausgesprochen kräftigen Burschen verbergen ihr langes offenes Haar unter Baretts, die dasselbe Karomuster aufweisen wie ihre Kilts. Alle sechs Männer gehören dem Clan der MacLeans an, wie sie Simon gestern voller Stolz mitteilten, und stammen von der Insel Mull. Zu ihrer traditionellen Kluft tragen sie Hemden, lederne Westen und hohe Stiefel aus derbem Leder. Im Gegensatz zu gestern sind die Männer heute alle schwer bewaffnet – auch wenn Simon darauf schon vorbereitet war, hat ihn dieser Umstand doch kurz in Erstaunen versetzt. Bei den beiden Fuhrwerken handelt es sich um moderne, mit Blattfedern ausgestattete Fahrzeuge, die für Simon identisch aussehen: Sie sind glänzend schwarz gestrichen und tragen die goldfarbene Aufschrift „Scott & Baxter, Wine & Spirit Merchants, Edinburgh“.
Gerade als Simon im Sattel des ihm zugewiesenen Rappen eine angenehme Sitzposition gefunden hat, reicht ihm William Scott eine Pistole herüber. „Zu Ihrer Verteidigung“, sagt er knapp. „Können Sie damit umgehen?“
Überrascht betrachtet Simon die Waffe, steckt sie sich dann aber mit einem kurzen Nicken in den Gürtel.
„Whisky ist flüssiges Gold, und Gold weckt Neider, Diebe und Räuber“, stellt Scott zum wiederholten Male fest. „Wir sollten vorbereitet und immer auf der Hut sein, Mr. Brown. Da wir in den nächsten Tagen näher zusammenrücken müssen, schlage ich vor, zeitraubende Höflichkeitsfloskeln zu lassen. Ich bin William, und das auf den Kutschböcken sind Dugal und Gow.“ Der Schotte dreht sich im Sattel zu den anderen um und stellt vor: „Brodric, Cleit, Cory und Alec.“
„Simon“, antwortet der Amerikaner.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren, lasst uns also unverzüglich aufbrechen“, bestimmt William Scott und legt die Reihenfolge fest, wer an welcher Stelle zu reiten oder zu fahren hat. Dann drückt der Schotte seinem Schimmel die Hacken in die Seiten, und der Zug setzt sich in Bewegung.
Einige Zeit geht es schweigend vorwärts, durch den Morgen und hinaus aus der Stadt, doch schließlich wird Simon, der an Williams Seite reitet, aus seinen Gedanken gerissen: „Sag schon: Was beschäftigt dich? Du hast seit einiger Zeit kein einziges Wort mehr gesprochen.“
Simon überlegt kurz. „Vor einigen Tagen habe ich Sie … entschuldige … dich als Gentleman in feinstem Zwirn kennengelernt, und jetzt reitest du neben mir wie ein Abenteurer, in Begleitung von sechs bis an die Zähne bewaffneten Kerlen.“
William Scott dreht sich um und mustert seine Begleiter, dann richtet er seinen Blick wieder schmunzelnd nach vorne. „Eine der Situation angepasste Verhaltensweise, würde ich sagen. Ich kenne die Männer schon eine gefühlte Ewigkeit, daher nehme ich das gar nicht als so ungewöhnlich wahr. Aber mal etwas ganz anderes, Simon: Unser Ziel, das schottische Hochland, ist dünn besiedelt; das Wetter ist meistens windig und regnerisch, da wächst nicht viel, und das, was man erntet, fault recht schnell, wird ungenießbar oder verliert seinen Wert. Die Menschen, die hier leben, müssen also ihre Ernte unter großen Anstrengungen und Entbehrungen der Natur regelrecht abtrotzen. Da ist es nur verständlich, dass sie etwas aus ihrem Korn machen wollen, was man aufbewahren kann und was seinen Wert behält.“
„Du sprichst von Whisky“, unterbricht Simon seinen Begleiter.
„Ja, genau, dem ‚Wasser des Lebens‘, Schottlands zweiter Währung, so würde ich meinen. Whisky lässt sich in Eichenholzfässern gut aufbewahren, wird mit zunehmender Lagerzeit immer wertvoller und damit auch immer besser verkäuflich. Er ist vielleicht das Beste, was man hier oben aus Getreide machen kann.“
„Entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber zunächst scheint mir Brot sehr wichtig zu sein.“
William nickt. „Natürlich ist Brot wichtig, aber bei der dauerhaften Nässe hier oben schimmelt alles in Windeseile. Vom Erlös des Whiskys aber kannst du dir alles Notwendige kaufen und dein Vieh kannst du mit dem Treber füttern, der bei der Whiskyherstellung abfällt.“
Simon ist beeindruckt. „Das klingt ja wie ein Kreislauf; man könnte fast den Eindruck eines ausgewogenen Systems gewinnen.“
„Tja, wenn da nicht König William, seine Vorgänger und die teuren Kriege wären“, seufzt der Schotte.
Einen kurzen Moment muss Simon nachdenken, bis er Williams Gedanken folgen kann. „Du denkst an die Alkoholsteuer.“
„Genau“, bestätigt der Schotte und erklärt: „Alles, was sich gut verkauft, wird besteuert, so auch das ‚Wasser des Lebens‘ oder, wie der Franzose zu sagen pflegt, das Eau de Vie. Die Alkoholsteuer verteuert den Whisky und macht es deshalb schwieriger, ihn zu verkaufen. Außerdem ist eine ganze Menge Schriftkram zu erledigen und es sind Bücher zu führen. Und so häufen sich für viele hier im schottischen Hochland die Probleme. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen und können weder lesen noch schreiben, also ist der Schriftkram für sie nicht zu bewältigen. Das, was viele von ihnen dagegen vorzüglich können, ist Whiskybrennen, das haben sie im Gefühl. Die meisten Hersteller sind Bauern; sie verstehen es zu feilschen, aber nichts vom Verkaufen. Also muss der Whisky günstig sein, will heißen: keine Alkoholsteuer, günstiger Preis, leichter Verkauf. Deshalb tun sich viele hier oben so schwer mit der Alkoholsteuer, die übrigens schon seit 1644 erhoben wird. Aber erst seit Inkrafttreten der britischen Personalunion im Jahre 1707 wird sie auch durch englische Steuerbeamte eingetrieben.“
„Nachvollziehbar, dass die Bauern die Steuer nicht zahlen wollen“, murmelt Simon nachdenklich, „aber auch problematisch: Der König sitzt am längeren Hebel.“
„So ist es, Simon. Aus diesem Grund haben in den letzten Jahren immer mehr schottische Whiskyhersteller ihre Brennerei lizensiert, führen Geschäftsbücher und zahlen die Alkoholsteuer an den Staat. Außerdem haben sie größere Brennblasen angeschafft und die Regierung hat die Alkoholsteuer gesenkt – so können sie den Whisky billiger herstellen und der Preisunterschied zu den Schwarzbrennern wird trotz Steuer immer geringer, was den Kleinen ihre Arbeit weiter erschwert. Dagegen argumentiert die Regierung, dass viele Briten zu viel Whisky und Gin trinken würden und man mithilfe der Alkoholsteuer den Konsum einschränken könnte. Ich hingegen glaube, dass die Alkoholsteuer zum größten Teil für Kriege ausgegeben wird, die wir auf dem Kontinent oder in Übersee führen.“
„Vermutlich“, nickt Simon und klopft seinem Rappen den Hals.
„Apropos Krieg.“ William streckt sich, um eine bequemere Position einzunehmen. „Die Männer, die uns begleiten, sind treue Kerle und Krieger. Wir haben allesamt gegen Napoleon Bonaparte gekämpft und waren sogar am 18. Juni 1815 in Waterloo dabei.“
Simon kann sich nicht vorstellen, wie es sein muss, in den Krieg zu ziehen. Er war damals ein dreijähriger Knirps. „Wenn man so etwas zusammen erlebt und durchgemacht hat, vertraut man sich sicherlich blind.“
„Ja“, bestätigt William knapp, ohne weiter darauf einzugehen.

Am Nachmittag erreichen sie das Örtchen Oldmeldrum, das von sanften Hügeln umgeben zwischen abgeernteten Getreidefeldern liegt. Während Simon die reizvolle Umgebung betrachtet, steuert William gezielt die Glen-Garioch-Destillerie an. „Männer, lasst uns zügig schauen, dass wir ein paar Fässer Whisky auf das erste Fuhrwerk bekommen!“
Nachdem er seine Befehle erteilt hat, wendet sich Scott Simon fragend zu: „Was ist, Simon, worauf wartest du?“
„Ich habe mich nur gefragt, ob der Name Glen Garioch irgendeine Bedeutung hat …“
„Nun, Glen stammt aus dem Gälischen und bedeutet Tal, und Garioch heißt ‚zwischen Hügeln oder Bergen‘. Also, das Tal zwischen Hügeln und Bergen, übrigens in Schottland auch bekannt als die Kornkammer von Aberdeenshire. Sowohl die Menge als auch die Qualität der Gerste, die hier wächst, sind außergewöhnlich.“
Simon beeilt sich, Anschluss an den Schotten zu halten, der sein Pferd nicht bremst. „Kannst du mir vielleicht auch noch etwas zu Oldmeldrum sagen?“
„Meldrum, wie wir Schotten sagen, bedeutet so viel wie ‚auf dem Bergrücken‘.“ William muss lachen.
„Hey, was ist da los?“, ruft Alec Mcintosh, der hinter ihnen reitet. „Wenn ihr jetzt nicht aufpasst, sind wir gleich an der Brennerei vorbei.“
William Scott dreht sich zu seinem Freund um und grinst. „Das passiert, wenn man sich auch noch als Fremdenführer versucht, Alec.“
Die Männer lachen, während sie vor dem Gelände der Brennerei Halt machen.
„Stellt die Fuhrwerke dort gegenüber dem Brennhaus ab und kümmert euch um die Pferde! Ich werde schauen, ob ich einen der Mansons finden kann. Simon, hast du schon einmal eine Whiskybrennerei von innen gesehen?“
„Nein, ich bin aber sehr daran interessiert.“
„Also, folge mir!“, antwortet der Schotte knapp und verschwindet mit großen Schritten durch das Eingangstor zum Hof der Brennerei, aus dem kurze, harte Hammerschläge zu hören sind. Simon beeilt sich hinterherzukommen. Die Hauptgebäude um den Hof sind allesamt aus grauem Granit gebaut, scheinbar für die Ewigkeit. In der Luft liegt der süßliche Geruch gemälzter Gerste und weckt den Wunsch nach einem frischen Bier. Scott geht zu einem kräftigen, bärtigen Mann in einer langen Lederschürze, der einen schweren Hammer in der einen und ein Treibeisen in der anderen Hand hält. Er hat augenscheinlich die Fassringe des vor ihm stehenden Eichenholzfasses nachgeschlagen. „Latha math.“
Latha math, Mr. Scott.“
„Wir möchten gerne zu John Manson oder zu seinem Bruder.“
„Die beiden Mansons sind nicht da; sie sind schon den ganzen Tag unterwegs.“
„So ein Pech“, zeigt sich William Scott enttäuscht. „Hm, es hätte so gut laufen können …“
„Warten Sie, ich hole den Junior.“
Kaum ein paar Minuten später steht ein etwa dreißigjähriger blonder Mann vor ihnen, der sie ebenfalls mit einem freundlichen „Latha math“ begrüßt. „Mein Name ist John Manson. Was kann ich für Sie tun?“
William Scott schaut den Mann prüfend an. „Sind Sie der Sohn von Alexander oder von John?“
„John Manson ist mein Vater“, erklärt der Junior freundlich.
„Freut mich, mein Name ist William Scott und dieser junge Mann neben mir ist der Amerikaner Simon Brown.“
„Mr. Brown, sind Sie das erste Mal in Schottland?“
„Ja, das erste Mal“, nickt Simon.
„Mr. Manson, wir sind von Scott & Baxter aus Edinburgh und möchten Whisky bei Ihnen kaufen. Wir besuchen mehrere Brennereien in den Highlands und wollten gerne unseren Einkauf noch heute bei Ihnen beginnen. Jetzt ist Ihr Vater aber mit Ihrem Onkel unterwegs – sollten wir dann besser morgen wiederkommen?“
„Das wird nicht nötig sein“, wendet John Manson höflich ein. „Wir erwarten meinen Vater in der nächsten Stunde zurück. Ihre Firma Scott & Baxter ist mir aus unseren Büchern sehr wohl bekannt, Mr. Scott.“ Dann wendet sich Manson Simon zu: „Haben Sie Interesse, unsere Brennerei zu besichtigen, Mr. Brown?“
„Ja, Mr. Manson, das würde mich freuen.“
„Entschuldigen Sie, Mr. Manson“, unterbricht William Scott. „Unsere Männer warten draußen vor dem Tor. Können sie vielleicht irgendwo die Pferde versorgen?“
„Natürlich“, antwortet John Manson und wendet sich an den Mann mit der Lederschürze: „Gerald, kümmern Sie sich um die Männer und ihre Pferde, während ich den Herren die Brennerei zeige.“
„Gerne, Sir.“
„Nun denn, folgen Sie mir.“
Zügigen Schrittes geht John Mason voran und führt sie durch verschiedene größere und kleinere Räume im Inneren der Brennerei, bis sie in einer Art Lagerhalle angekommen sind, deren Dach von einem geordneten System schlanker Balken getragen wird. An der einen Seite der Halle stehen mehrere große Holzkästen, die bestimmt doppelt so hoch sind wie ein erwachsener Mann.
„Schauen Sie, hier wird die Gerste angeliefert, die wir zunächst zügig mälzen, das heißt, wir bringen sie kontrolliert zum Keimen, damit sich die im Gerstenkorn enthaltene Stärke in Malzzucker umwandelt. Dadurch wird die Gerste für uns besser lagerfähig. Dazu wird das Korn in den Bottichen, die sie hier auf der linken Seite sehen, gewässert. Anschließend kommt sie auf die Tenne. Wenn sie mir bitte folgen würden.“
John Manson führt sie in den nächsten Raum, der groß und luftig ist und dessen Boden etwa knöchelhoch mit Gerste bedeckt ist.
„An diesem Ort keimt das feuchte Korn. Damit es durch die entstehende Wärme nicht zu Schimmelbildung kommt, muss die Gerste immer wieder mit Rechen gewendet werden.“ Manson zeigt auf die entsprechenden Geräte, die in einer Ecke des Raumes stehen. „Anschließend verbringen wir das Korn in den nächsten Raum, der einen fein gelöcherten Boden hat, die sogenannte Darre. Unter der Darre befinden sich Öfen, die mit Torf befeuert werden. Die rauchigen Dämpfe ziehen beim Trocknen durch die Gerste, was sich später an einer rauchigen, torfigen Note des Malzes erkennen lässt. Das Ergebnis ist das sogenannte Braumalz. So, meine Herren, mit dieser Apparatur hier schroten wir das Braumalz; genau genommen mahlen wir es wie ein Bäcker sein Korn, damit wir es anschließend in die großen Eichenholzfässer dort drüben geben können, die sogenannten Maischbottiche, in denen die restliche Stärke in Zucker umgewandelt und die so entstehende, sogenannte Würze gefiltert wird.“ Manson verharrt für einen kurzen Moment, um dann fortzufahren: „Würze ist die zuckerhaltige Lösung, die wir von den festen Bestandteilen des gemahlenen Korns abtrennen.“
Der junge Schotte führt sie weiter in den nächsten Raum, ohne dabei mit dem Erzählen innezuhalten. „Wenn der Vorgang abgeschlossen ist, wird die Würze unter Zugabe von Hefe in den Fässern dort drüben vergärt. Das Ergebnis ist unser Bier, das wir später bestimmt noch probieren werden.“
Simon sieht William Scott an, der ausspricht, was Simon nur denkt: „Mmh, da läuft mir das Wasser im Munde zusammen.“
Als Nächstes betreten sie einen ausgesprochen hohen Raum, der durch massive Eichenbalken über den hier untergebrachten birnenförmigen Brennblasen geprägt ist.
„Die größere unserer beiden Brennblasen ist eine Rohbrennblase, in der wir ein Destillat mit etwa zwanzig Volumenprozent Alkohol erzeugen. Die andere Brennblase dort drüben ist eine Feinbrennblase, in der wir den Mittellauf eines Brennvorgangs vom Vor- und Nachlauf abtrennen.“
„Kupfer“, stellt Simon mit Blick auf das Material fest. „Sind Brennblasen immer aus Kupfer?“
„Ja, bei der Destillation von Whisky werden ausschließlich Kupferbrennblasen eingesetzt, die wir hier ebenfalls mit Torffeuer beheizen. Dabei müssen wir aufpassen, dass die Maische nicht anbrennt und dass wir alle leichten Alkohole und Rückstände entfernen.“
Mittlerweile steht John Manson vor einem verschlossenen Messingkasten, in den mehrere Glasscheiben eingelassen sind. In seinem Innern sind fünf vasenähnliche Glasgefäße zu sehen, die sich nach unten jeweils verjüngen und in eine Rohrleitung münden. Über den Vasen befinden sich ebenfalls Rohre, die sich von außen schwenken oder verschließen lassen. „Das ist unser Spirit-Safe, eine Apparatur, die es dem Brenner ermöglicht, das Destillat so zu lenken, dass wir schlussendlich reinen Alkohol erhalten – ohne Fuselstoffe oder blind machende Alkohole.“ Schon im nächsten Augenblick steht Manson, nur ein paar Meter weiter, vor einem weiteren großen Eichenholzfass, an dem ein dicker Schlauch befestigt ist, auf dem am anderen Ende ein Absperrhahn montiert ist. „So, an dieser Stelle füllen wir den Whisky für mehrere Jahre in Eichenholzfässer, also in Port-, Sherry- oder Madeirafässer.“
„Mr. Manson“, wirft Simon interessiert ein, „wie kommen Sie an die Fässer? Und verändert sich der Whisky geschmacklich nicht sehr, wenn Sie gebrauchte Fässer benutzen, in denen vorher beispielsweise Sherry reifte?“
Manson grinst. „Mr. Brown, wir benutzen in Schottland grundsätzlich gebrauchte Fässer. Großteile des Port-, Sherry- und Madeirageschäftes liegen in britischer Hand, und so werden diese Weine in Fässern von Portugal und Spanien nach England gebracht, oftmals nach Bristol, und dort auf Flaschen gezogen. Die gebrauchten Fässer in die Erzeugerländer zurückzubringen wäre unwirtschaftlich, deshalb werden sie nach Schottland verkauft. Um auf Ihre zweite Frage zu antworten, müssen wir zwei Dinge differenzieren: Werden die Fässer direkt wieder befüllt, so gibt es geschmackliche Veränderungen. Werden sie auseinandergebaut, ausgehobelt, wieder zusammengebaut und neu getoastet, das heißt ausgebrannt, dann sind kaum noch geschmackliche Veränderungen zu befürchten.“
„Welche Vorgehensweise ist denn besser?“, will Simon wissen.
„Nun, das ist eine Frage des Geschmacks, und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Wir verkaufen beides gut, sowohl Whisky aus wieder befüllten Fässern als auch Whisky aus aufgearbeiteten Fässern.“
In diesem Augenblick öffnet sich die Tür und ein älterer Mann betritt den Raum, der aufgrund seiner Ähnlichkeit zu seinem Sohn zweifelsfrei John Manson senior sein muss. „Latha math, William!“
Latha math“, antwortet Scott. „Dein Sohn hat dich ausgezeichnet vertreten und uns die Brennerei gezeigt. Darf ich vorstellen? Mr. Simon Brown aus Amerika.“
Manson senior nickt dem Besucher freundlich zu. „Latha math, Mr. Brown. Ich hoffe, Sie haben den Rundgang genossen. Die Brennerei ist unser ganzer Stolz, mein Bruder Alexander und ich haben sie eigenhändig aufgebaut.“
„Ich bin beeindruckt von dem, was ich gesehen habe, Mr. Manson.“
„Ich denke, dein Sohn wird in deine Fußstapfen treten, John“, stellt Scott fest. „Und ich glaube, er wird es richtig gut machen.“
Ein kurzes Blitzen ist in den Augen des Vaters zu sehen, kaum wahrnehmbar und schnell wieder verschwunden. „Was wünscht man sich mehr, als dass etwas in der Familie weitergeführt wird, was man selbst aufgebaut hat? Was können wir denn nun für euch tun? Vielleicht Whisky verkaufen?“
„Genau deshalb sind wir gekommen und würden uns freuen, wenn wir das Geschäft noch heute unter Dach und Fach bringen könnten.“ Fragend schaut William Scott zwischen Vater und Sohn hin und her.
„Hervorragend, dann lasst uns keine Zeit verlieren“, bestätigt John Manson senior. „John, kannst du bitte Elliot dazuholen, damit wir unverzüglich mit der Auswahl der Fässer beginnen können?“
„Natürlich“, antwortet der Junior.
Während er davoneilt, ergänzt sein Vater: „Sie müssen wissen, Elliot Mackay ist unser Brennmeister, und der weiß am besten, wie lange der Whisky in welchen Fässern reift und wo er liegt. Übrigens, wo übernachtet ihr, William?“
„Keine Ahnung, wir sind auf dem direkten Weg zu euch gekommen.“
„Dann machen wir es wie beim letzten Mal. Du und Mr. Brown schlaft bei uns in den Gästezimmern und deine Männer können hier in der Brennerei übernachten. Dort haben sie frisches Wasser und meine Frau Elizabeth wird für ihr leibliches Wohl sorgen.“
„Danke für das Angebot“, freut sich Scott.
In den nächsten zwei Stunden folgen William Scott, Simon Brown und die Mansons ihrem Brennmeister durch mehrere Lagerhäuser und probieren immer wieder ein paar Tropfen Whisky aus dem einen oder anderen Fass, bis sie sich entschieden und zehn Fässer des flüssigen Goldes gekauft haben.

Am nächsten Morgen sind die Whiskyfässer schon auf dem ersten Fuhrwerk verladen und mit einer großen Plane abgedeckt worden, als William Scott, Simon und John Mason senior im Büro der Brennerei zusammentreffen, um die Abrechnung und die Zolldokumente abzustimmen. Kaum eine halbe Stunde später sitzen sie schon wieder im Sattel ihrer Pferde und der Tross setzt sich in Bewegung. Dunkle Wolken ziehen auf, doch Simon, der heute neben Brodric Muir reitet, beschäftigt viel mehr das Gefühl, dass ihn die anderen Männer beobachten. Plötzlich bricht lautes Gelächter aus, während Cleit Martin, der hinter Simon reitet, mit unverständlichen Schimpfwörtern um sich wirft. Fragend blickt sich Simon um, und Brodric Muir klärt ihn auf: „Cleit hat gerade eben eine Wette verloren, deshalb schimpft er jetzt vor sich hin.“
„Worum ging es bei der Wette?“, fragt Simon neugierig.
„Um dich, Simon.“
„Um mich?“
„Ja, Dugal, der Kutscher auf dem ersten Bock“ – Brodric zeigt nach vorne – „hat mit Cleit gewettet, dir werde nach dem gestrigen Tag im Sattel heute der Hintern so sehr schmerzen, dass du das Pferd ganz sicher nicht besteigen und auf einem der Kutschböcke Platz nehmen würdest.“
Von vorne schreit William Scott: „Wie kommst du denn auf diesen Blödsinn, Cleit?“
„Na, weil der Simon doch Seefahrer ist! Seefahrer und Pferde, das passt doch gar nicht zusammen.“
Wieder bricht Gelächter aus.
„Was war der Wetteinsatz?“, will Simon wissen.
„Eine Runde feinsten Whiskys bei GlenDronach“, erklärt Alec Mcintosh.
„Ausgezeichnet, die zweite Runde geht dann an mich“, meint Simon und dreht sich im Sattel um, um die Männer anzusehen.
„Da lassen wir uns nicht zweimal bitten, Simon“, erwidert Mcintosh mit einem Grinsen.
Eine Weile reiten sie schweigend weiter, bis es langsam zu regnen beginnt. Die dunklen Wolken verheißen längeren Niederschlag. Die Gruppe hält sich nördlich und erreicht nach einiger Zeit den Fluss Ythan, dem sie flussaufwärts bis nach Fyvie folgen. Kurz oberhalb des Ortes liegt der See, an den sich Fyvie Castle anschließt.
„Das Schloss gehört seit über fünfzig Jahren den Gordons aus Aberdeen, aber eine gewisse ‚grüne Lady‘ spukt bis heute in seinen Mauern“, erläutert William Scott und rückt sein Barett mit dem Schottenmuster auf seinem Kopf zurecht.
„Ein Geist auf Fyvie Castle? Sollte man daran glauben?“, brummelt Cory Ferguson unschlüssig.
„Mit Geistern macht man keine Späße!“, ruft der zweite Kutscher Gow Duncan entsetzt aus. „Das holt einen meistens wieder ein. Glaubt es mir.“
„Gow, denkst du, die ‚grüne Lady‘ würde dich verfolgen und im Schlaf überfallen?“, macht sich Cory Ferguson lustig.
„Du wirst schon sehen, was du davon hast“, antwortet Gow Duncan trotzig.
„Männer, wer ist denn nun diese ‚grüne Lady‘?“ Alec schaut Simon fragend an, der aber natürlich nur unwissend seine Schultern heben kann.
William Scott räuspert sich. „Die ‚grüne Lady‘ ist der bekannteste Geist auf Fyvie Castle. Vermutlich handelt es sich dabei um die wandelnde Lady Lilias Drummond, die Ehefrau von Alexander Seton, Besitzer des Schlosses im frühen 17. Jahrhundert. Für mehr Informationen sollten wir das Schloss einfach besuchen. Es liegt doch gleich dort hinter dem See, nur ein paar hundert Meter von hier entfernt.“ William Scott schaut unauffällig zu Duncan hinüber. „Was meint ihr?“
„Bist du verrückt?! Wir sollten niemals schlafende Hunde wecken! Da bekommen mich keine zehn Pferde hin!“ Der Kutscher ist offensichtlich bis in die Knochen abergläubisch und versteht da keinen Spaß.
Ein Außenstehender würde das Gelächter der Männer wohl kaum verstehen, denn mittlerweile gießt es wie aus vollen Kübeln.
„Wollen wir uns nicht wenigstens dort unterstellen, bis der Regen nachlässt?“, stichelt Scott.
„Nein, auf keinen Fall! Ich fahre weiter!“, bellt Duncan und wischt sich mit der flachen Hand das Regenwasser von der Stirn.
Der Treck zieht nun westwärts. Für den restlichen Weg bis zur GlenDronach-Destillerie hat William Scott etwas mehr als vier Stunden eingeplant, doch durch das unwegsame Gelände werden daraus mehr als sechs Stunden. Einmal müssen die Männer das erste, mit zehn Fässern Glen-Garioch-Whisky beladene Fuhrwerk in einer Senke anschieben, damit es die Pferde durch den morastigen Boden ziehen können. Als sie gegen Abend endlich den Hof der Whiskybrennerei erreichen, müssen sie feststellen, dass sich dort keine Seele mehr befindet und alle Türen verschlossen sind. Die Enttäuschung ist allen deutlich anzusehen.
„Verdammt“, grummelt Dugal McIntyre von seinem Kutschbock. „Ihr sollt sehen, wir werden es kaum erwarten können, dass morgen früh die Sonne aufgeht … Wir werden die Nacht über kein Dach über dem Kopf haben. Hört ihr? Die ganze Nacht nicht!“
„Welche Sonne?“, murrt Brodrick Muir zurück. „Heute haben wir sie doch den ganzen Tag nicht gesehen! Warum sollte sie sich morgen zeigen?“
„Jetzt macht euch doch nicht gleich ins Hemd!“ William Scott wirkt nun auch leicht gereizt. „Früher, als wir gegen Napoleon gekämpft haben, haben uns weder tagelange Regenfälle noch Kälte etwas ausgemacht.“
„Ja, das war früher … lange her und wir sind alle nicht jünger geworden“, bellt Cleit Martin in Scotts Richtung. „Außerdem habe ich immer gehofft, die alten Zeiten sind vorbei.“
„Regen und Kälte sind unangenehm, da stimme ich euch zu“, versucht Scott seine Männer zu beruhigen. „Aber zumindest zischen uns hier keine Kugeln um die Ohren.“
In diesem Augenblick öffnet sich die Tür eines der vor der Brennerei befindlichen Häuser und ein Mann mit einem schweren Umhang im Karomuster eines Clans kommt zu ihnen herüber: „Feasgar Math, Ghràdhach Fir. Ich habe Sie gerade vorbeireiten sehen.“
Feasgar Math, an Tighearn“, erwidert William Scott den Gruß. Er versucht zu lächeln, obwohl seinen Männern deutlich sichtbar die nasse Kleidung am Körper klebt. „Wir möchten gerne Whisky kaufen. Ist Mr. James Allardice im Hause?“
Is e m’Ainm, Kyrk Crayton. Ich vertrete ihn, wenn er auf Reisen ist.“
„Was haben die gesagt?“, raunt Simon Brodrick Muir zu. Der flüstert zurück: „Doch ein Dach über dem Kopf heute Nacht.“
„Nein, was haben sie gerade gesagt?“
„Ach so, die haben nur ‚Guten Abend‘ gewünscht und sich vorgestellt.“
„Kyrk Crayton?“
„Ja, Simon, so heißt der Mann, ist wohl der Stellvertreter hier. Wenn du es doch verstanden hast, warum fragst du mich?“
Simon wundert sich selbst, hört dann jedoch lieber wieder dem Einheimischen zu.
„Nein, Sir, Mr. Allardice ist nicht da. Wir wissen nicht, wann er zurückkommt. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihnen helfen. Nun folgen Sie mir bitte, ich werde Sie erst einmal ins Trockene bringen. Kommen Sie dort hinüber zur Scheune.“ Der Highlander zeigt auf ein Gebäude aus Granitstein.
Ein paar Minuten später stehen sie samt Pferden und Fuhrwerken in einem größeren Raum, den Simon im Halbdunkel noch nicht ganz überblicken kann. Kyrk Crayton befeuert zwei Laternen und drei Männer der Reisegesellschaft kümmern sich darum, die Pferde abzusatteln und zu versorgen. Die anderen richten im vorderen Bereich der Scheune einen Schlafplatz ein, den sie mit trockenem Stroh auslegen.
„Ach ja, kein Lagerfeuer in der Scheune!“ Die Stimme des Highlanders lässt keinen Raum für Diskussionen.
„Natürlich nicht“, beeilt sich William Scott zu beteuern.
„Jetzt gehe ich erst einmal zurück zum Manor House und organisiere etwas zu essen und zu trinken für Sie.“
Kaum eine halbe Stunde später sitzen die Männer gut gelaunt in einer Runde, der Regen ist vergessen und sie lassen es sich schmecken. Kyrk Crayton setzt sich mit einer Flasche GlenDronach Malt Whisky in ihre Mitte und zieht den Korken heraus, um den Inhalt in die vor ihm stehenden Gläser zu füllen.
„Nicht, dass Sie sich einen Schnupfen holen, Gentlemen“, erklärt er mit einem Lächeln in die Runde. Mit einem lauten „slàinte mhath!“ stoßen die Männer an und lassen so den anstrengenden Tag hinter sich.

Schon am nächsten Morgen führen Kyrk Crayton sowie der Brennmeister Charles McKnee, mit einem Whiskyheber und einem Glas bewaffnet, William und Simon durch die Lagerhäuser von GlenDronach. Immer wieder öffnet McKnee zielsicher das eine oder andere Fass, um eine Probe zu entnehmen. Schließlich ist man sich einig und es werden die gekauften Fässer aus dem Lager auf das erste Fuhrwerk verladen sowie die Dokumente erstellt. McKnee erklärt Simon in der Zwischenzeit die Whiskyproduktion.
„Beim Mälzen, Mr. Brown, machen wir uns einen Umstand der Natur zunutze. Wir haben beim Korn, genauer gesagt, bei der Gerste, so gut wie keinen Zucker, den wir zu Alkohol und Kohlensäure vergären könnten, sondern überwiegend Stärke.“ Der Brennmeister streckt Simon ein paar Körner auf seiner Hand entgegen. „Das Gerstenkorn hat auf der einen Seite den Keimling, aus dem die neue Frucht entsteht und auf der anderen Seite das Stärkelager, welches den Keimling so lange versorgt, bis er Wurzeln gebildet hat und sich selbst versorgen kann. Beide sind im Gerstenkorn durch ein dünnes Häutchen voneinander getrennt. Wenn wir das Gerstenkorn mehrmals bei unterschiedlichen Temperaturen wässern, erwacht der Keimling, das Häutchen löst sich auf, und der Keimling kommt direkt in Kontakt mit der Stärke. Sehen sie hier, Mr. Brown, das geschieht an dieser Stelle in der Brennerei.“ Der Brennmeister hebt den Deckel von einem der größeren Holzbottiche, die hier stehen, damit Simon einen Blick hineinwerfen kann. „Behutsam beginnt sich die Stärke in Zucker umzuwandeln. Wir müssen nun die Keimlinge entfernen, sonst fressen sie den entstehenden Zucker, den wir ja möglichst vollständig behalten wollen, um ihn zu Bier zu vergären. Wenn wir die Gerste auf dem Darrboden über mehr oder weniger rauchigem Torffeuer trocknen, erhalten wir das Darrmalz, und je nach Trockentemperatur riecht und schmeckt das Korn milder, rauchiger oder kräftiger. Das Bierbrauen geschieht übrigens dort drüben im nächsten Raum.“
McKnee geht voran und Simon steigt der malzige, hefige Geruch frischen Bieres deutlich wahrnehmbar in die Nase. Sie durchqueren ein paar weitere Räume, bis sie schließlich vor den kupfernen Brennblasen stehen. Simon betrachtet den oberen Hals einer Brennblase, der sich nach oben immer mehr verjüngt und dann plötzlich um über neunzig Grad nach unten wegkippt.
„Die Alkoholdämpfe steigen im Hals nach oben und werden nach dem Knick der Kupferleitung nach draußen und dann durch einen großen, mit Wasser gefüllten Bottich geleitet. Dabei wird der heiße Whiskydampf abgekühlt und verflüssigt sich wieder …“
„Entschuldigt …“ Cory Ferguson schaut um die Ecke. „Wir haben den Whisky jetzt verladen und William will unverzüglich aufbrechen.“
„Sind wir fertig?“, fragt Simon Charles McKnee.
„Fast. Das junge Destillat muss nun noch für viele Jahre in Eichenholzfässern lagern, damit es zu einem hochwertigen Whisky heranreift.“ Der Brennmeister reicht Simon zum Abschied seine Hand.
„Mr. McKnee, vielen Dank für den interessanten Einblick in die Whiskyherstellung.“
„War mir ein Vergnügen, Mr. Brown. Hals- und Beinbruch!“

Die Pferde geben grummelnde Geräusche von sich; sie scheinen sich zu unterhalten, während sich die Männer von der GlenDronach-Destillerie verabschieden. Fast schlagartig hört der Regen auf und der Himmel wird endlich einmal heller. Auf unzureichend befestigten Wegen führt sie ihre Reise an den Ruinen von Bognie Castle und Huntly Castle vorbei nach Dufftown. Zeitweilig reiten sie an den Flüssen Deveron und Fiddich entlang. Erst in den späten Abendstunden erreichen sie die Mortlach-Destillerie. Da es trocken ist, schlagen sie der Einfachheit halber ihr Nachtlager in der Nähe des Hofeingangs auf.
Nach getätigtem Einkauf am nächsten Tag bricht der Tross in südliche Richtung auf. Simon reitet wieder einmal neben William Scott und kann den Blick auf die Landschaft genießen.
„William, mir brennt da eine Sache unter den Nägeln.“
„Dann raus damit, Simon. Was ist es?“
„Wir sind mit zwei Fuhrwerken unterwegs, waren bis jetzt bei drei Whiskybrennereien und haben alle gekauften Fässer auf das erste Fuhrwerk geladen. Wäre es …“
Simon kann seinen Satz nicht zu Ende bringen, weil Scott ihm ins Wort fällt: „… nicht besser gewesen, die Fässer auf beide Fuhrwerke zu verteilen?“
„Genau das wollte ich fragen. Die Pferde, die den vollen Wagen ziehen, hätten es sehr viel einfacher.“
William nickt mit einem wissenden Lächeln. „Das ist zwar richtig, aber nur so, wie wir es jetzt machen, werden wir die Tour erfolgreich in Edinburgh abschließen können.“
„Aber …“
„Ich kann deine Neugier sehr gut nachvollziehen, aber es wäre sehr aufwendig, dir die Zusammenhänge im Detail zu erklären, und wir haben dafür jetzt nicht die Zeit. Ich verspreche dir, in ein paar Tagen wirst du alles besser verstehen. Vielleicht noch eine Frage mit einer kurzen Antwort?“
„Ja, was ist unser nächstes Ziel?“
„Die Cabrach, ein ausgesprochen naturbelassenes, fast menschenleeres Gebiet. Wir werden einige Zeit am Deveron entlangreiten und heute Nacht unter freiem Himmel schlafen.“
Der Weg führt die Männer durch unwegsames, teils unberührtes Gelände. Stundenlang sitzen sie in ihren Sätteln, lassen die Orte Laggan und Bridgend hinter sich und sehen danach keine Menschenseele mehr, geschweige denn ein Haus oder eine Hütte. Als es langsam dunkel wird, fällt Simon auf, wie konzentriert und aufmerksam William Scott die Umgebung mustert und ganz gezielt eine Stelle aussucht, die von drei Seiten durch einen Hang abgeschirmt ist. Als der Tross zum Stillstand kommt, zeigt William Scott seinen Begleitern, wie sie die Wagen abstellen, wo die Pferde angebunden werden sollen und wo das Lagerfeuer entstehen soll. Simon hört aufmerksam zu, was Alec Mcintosh nicht entgeht. „Da kommt er wieder durch, der alte Offizier“, witzelt er.
„Ich bin beeindruckt, wie genau sich William auskennt. Ich weiß nicht, ob ich diese Stelle so schnell gefunden hätte.“
„Der weiß genau, was er macht, Simon. Wir Männer konnten uns im Krieg immer auf Offizier Scott verlassen; der versteht das Kriegshandwerk in Perfektion und hat keinen von seinen Männern leichtsinnig geopfert. Jetzt lass uns Steine und Holz für das Lagerfeuer suchen. Dugal und Gow kümmern sich um die Pferde.“
Nach getaner Arbeit sitzen die Männer rund um das Lagerfeuer. In der Flamme hängen ein Topf mit Suppe und eine Kanne mit Teewasser. Nach dem Essen macht eine Whiskyflasche die Runde, und nachdem William die Wachen eingeteilt hat, ziehen sich die übrigen Männer auf ihre Nachtlager zurück. Simon ist heilfroh, dass es den ganzen Tag nicht mehr geregnet hat und er somit trocken nächtigen kann. Er liegt Kopf an Kopf mit Brodric Muir, mit dem Rücken an einem der Wagenräder. Der Tag war dermaßen anstrengend, dass es nur ein paar Minuten dauert, bis er einschläft.

Simon steht am Heck der „Whitecap“ und starrt auf den Anleger, von dem aus Marala ihm zuwinkt. Der Abstand zwischen ihnen vergrößert sich, doch im nächsten Augenblick steht Marala auf dem Deck der „Norfolk“ und sieht Callum dabei zu, wie er unter lautem Getöse von der zu Wasser gelassenen Schaluppe von Bord ins endlose Meer gerissen wird. Plötzlich hört Simon Gewehrschüsse, und madegassische Soldaten drängen sich durch die aufgetretene Tür ins Haus der Dupins. Überraschend wird ein Gewehrlauf auf Felana, Jeans Schwester, gerichtet. Simon wirft sich in den Schuss und stürzt zu Boden …
Als er die Augen aufreißt, muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass ihm tatsächlich Gewehrkugeln um die Ohren fliegen. Das Wiehern von Pferden und die Schreie von Menschen mischen sich im Dunkel. Sofort trennen sich für Simon Traum und Wirklichkeit. Blitzschnell wühlt er sich aus seiner Wolldecke heraus und springt auf die Knie. Ein paar Sekunden benötigt er, um sich zu orientieren und zu realisieren, was geschieht: Schüsse in der Dunkelheit, düstere Gestalten, ein Angriff. Ohne darüber nachzudenken, zieht Simon die Pistole aus seinem Gürtel und spannt den Hahn. Ein in einen langen Umhang gehüllter Angreifer stürzt sich auf den neben Simon knienden Muir, der ausgerechnet jetzt sein Gewehr nachlädt. Das kurze Aufblitzen eines langen Dolches zeigt Simon die Gefahr, in der sich Brodric befindet. Simon legt an und schießt. Der Angreifer sackt zusammen und schlägt direkt neben Brodric auf den Boden, wo er regungslos liegen bleibt. Simon stürzt sich auf den Angreifer, ohne dass er im Dunkeln erkennen kann, wo dieser genau getroffen ist, greift nach dem Dolch und will gerade aufstehen, als ihn Brodric am Ärmel festhält und „taing!“ schreit.
Simon zuckt verwundert zusammen, springt auf und dreht sich um. Ein mit schwarzer Farbe im Gesicht bemalter kräftiger Hüne reißt ihn aus vollem Lauf auf den Rücken und begräbt ihn unter sich. Schon fährt die scharfe Klinge eines Messers auf ihn herab, die Simon nur mit Mühe an seinem Kopf vorbeilenken kann, sodass sie neben seinem rechten Ohr tief in den Boden dringt. Mit voller Kraft rammt Simon dem Angreifer seinen Dolch in den Rücken. Der reißt seine Augen weit auf, stemmt sich hoch und schnappt verzweifelt nach Luft. Blut rinnt aus seinen Mundwinkeln und tropft Simon ins Gesicht. Sekunden später bricht der Körper über ihm leblos zusammen. Mühsam wälzt Simon den Toten von sich herunter und stellt erleichtert fest, dass der Kampflärm nachgelassen hat und kein neuer Ansturm auf ihn zukommt. Die Angreifer scheinen sich zurückgezogen zu haben.
„Simon, geht es dir gut?“ William beugt sich so unerwartet über ihn, dass Simon erschrocken zusammenzuckt. „Die werden sich so schnell nicht wieder sehen lassen.“
Simon keucht und wischt sich die Stirn. „Warum bist du dir da so sicher?“
„Weil sie drei Männer verloren haben.“ Dugal McIntyre reckt drei Finger seiner rechten Hand in die Höhe. „Einen hat Gow erwischt, die anderen zwei hast du erledigt, Simon.“
Stocksteif steht er da und kann sich nicht bewegen, als ihm bewusst wird, was er gerade getan hat. „Du hast zwei Menschen umgebracht … zwei Menschen umgebracht … umgebracht … einfach umgebracht.“
„Du hast dich gut geschlagen“, holt Cleit Martin ihn aus seinen Gedanken. „Auf dich kann man sich im Kampf verlassen.“
Simon wendet sich an Brodric und fragt ihn: „Taing, du hast taing geschrien. Was bedeutet das?“
„Danke. Es bedeutet, danke, dass du mir das Leben gerettet hast.“
Nun treten auch Cory Ferguson und Gow Duncan in die Runde, die gerade nach den Pferden gesehen haben.
„Wie sieht es aus, Gow?“, erkundigt sich William.
„Haben sich beruhigt“, stöhnt der Schotte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er hält sich seinen rechten Oberarm.
„Die Wagen sind auch unversehrt“, berichtet Alec Mcintosh. „Was ist los mit dir, Gow? Hat es dich erwischt?“
„Aye, ich hoffe, die Kugel hat mich nur gestreift.“
„Setz dich dort hin, damit wir uns die Verletzung anschauen können“, ordnet William an. „Männer, wir sollten uns am Lagerfeuer erst einmal einen Whisky gönnen, an Schlaf ist doch sowieso nicht mehr zu denken.“
„Ein Dram Whisky, eine gute Idee“, meint Alec und setzt sich ohne zu zögern auf einen der größeren Steine. Simon lässt sich ihm gegenüber nieder und William zeigt auf den Platz neben ihm: „Nichts dagegen?“
„Nein, setz dich.“
„Gow, raus aus Jacke und Hemd“, befiehlt William, der mittlerweile eine Flasche Whisky und ein offensichtlich unbenutztes Taschentuch in seinen Händen hält. „Simon, schau dir den Stoff um das Loch in seinem Hemd und das Loch in seiner Lederjacke genau an. Wir müssen unbedingt wissen, ob das Material vollständig ist.“
Kritisch prüft Simon im Licht des Lagerfeuers Hemd und Jacke, bevor er bestätigt: „Vollständig.“
„In Ordnung, dann halt mal deinen Arm in meine Richtung, Gow.“ Scott fasst den Korken der Whiskyflasche mit seinen Zähnen und mit einem dumpfen „Plopp“ zieht er ihn aus der Flasche. Großzügig durchnässt er das Taschentuch mit dem Whisky und reinigt dann damit Gows blutende Oberarmwunde. Als Scott das Tuch langsam durch die Wunde zieht, dringt ein gequälter Brummton durch Gows aufeinandergepresste Lippen – ein Indiz für die Schmerzen, die er leidet. Unvermittelt nimmt er William die Whiskyflasche aus der Hand, setzt sie an die Lippen und genehmigt sich einen kräftigen Schluck, bevor er ausruft: „Was Whisky nicht heilt, dafür gibt es keine Heilung!“
Nun macht die Whiskyflasche die erste Runde unter den Männern. William Scott neigt sich zu Simon hinüber und meint: „Der Erste verfolgt dich noch eine Weile.“
„Der Erste?“
„Der Erste, dem du das Leben genommen hast. Das war er doch heute, oder? Bei mir war es jedenfalls damals so. Ich hatte keine andere Wahl und du hattest sie heute auch nicht.“
„Keine andere Wahl? Ich habe zwei Menschen umgebracht und hatte keine andere Wahl?“ Simon ist erschüttert und aufgewühlt. So viel geht ihm durch den Kopf. „Vor einigen Jahren hat eine junge Frau einen bedeutend älteren Mann heiraten müssen, weil ihre Eltern es so wollten. Ich musste es damals geschehen lassen, ich hatte keine andere Wahl. Heute suche ich verzweifelt nach ihr. In einem gewaltigen Sturm vor etwa eineinhalb Jahren auf dem Atlantik musste ich vom Quarterdeck der ‚Norfolk‘ aus mit ansehen, wie Callum Milton, einer meiner besten Freunde, über Bord in den Tod gerissen wurde. Ich hatte keine andere Wahl.“
„Du hattest auch heute keine andere Wahl“, mischt sich Brodric Muir ein. „Sonst hätte es mich erwischt. Das war ein brutaler Überfall, Simon. Diese Männer wären über Leichen gegangen, um an unseren Whisky und damit unser Geld zu kommen. Gegen Feinde muss man sich zur Wehr setzen. Im Krieg kannst du nicht alles alleine machen, du brauchst gute Kameraden. Diese Erfahrung mussten wir in der Vergangenheit allesamt machen.“
„Brodric, ich kann dich verstehen …“, hebt Simon an.
Doch Muir unterbricht ihn und schaut ihm fest in die Augen, als er betont: „Du, Simon Brown, kannst immer an meiner Seite kämpfen.“
Gerade als Simon etwas erwidern will, erklärt William Scott: „Das ist das größte Kompliment, das dir ein Krieger machen kann. Hier, nimm den Whisky und trink.“ Scott drückt Simon die Flasche in die Hand, in der sich nur noch ein kleiner Schluck befindet.
„Erzähl uns lieber von der jungen Frau“, wirft jetzt Cleit Martin ein und die Augen von allen anderen richten sich gespannt auf Simon. „Warst du in sie verliebt?“
Simon seufzt und genehmigt sich den letzten Schluck Whisky. Dann schaut er in die Runde und gesteht: „In sie verliebt … Ja, das bin ich noch heute …“

Schottland hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen: die herrliche Landschaft, die freundlichen Menschen, der faszinierende Whisky. In meinem Leben sollten noch viele Reisen dorthin folgen. Glücklicherweise waren nicht alle so aufregende Abenteuer wie diese erste Reise im Herbst 1834. In William Scott und Thomas Baxter, diesen so unterschiedlichen Charakteren, die sich ausgezeichnet ergänzten, hatte ich zwei echte Freunde gefunden. Doch ich konnte noch nicht erahnen, wie sehr sie mir ans Herz wachsen würden.
Oft sind es die falschen Entscheidungen, die man im Leben trifft, die Fehler, die man macht, oder auch die schrecklichen Ereignisse, die einem widerfahren, aus denen der Mensch am meisten lernt. Ich hatte nicht verhindern können, dass Marala den falschen Mann heiratet und dass Callum Milton ertrinkt. Und jetzt hatte ich auch noch zwei Menschenleben auf dem Gewissen. Meine bösen Träume würden vorerst nicht verblassen, ganz im Gegenteil.

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