5.6 Böse Träume und neue Erkenntnisse

Grelle Blitze erhellen den Nachthimmel, der Sturm weht mit ohrenzerreißendem Brüllen, und der klirrende Wind lässt alles Lebendige zu frostigem Eis erstarren. Hemd, Jacke und Hose kleben wie steife Säcke auf nasser, zitternder Haut. An Ärmeln und Saum haben sich kleine Eiskristalle gebildet. Simon kniet auf dem Deck vor einer Ladeluke und versucht, sie mit einer Plane abzudichten. Er hat sich mit einem Karabinerhaken, den er an seinem Gürtel trägt, in eines der über das Deck gespannten Sicherungsseile eingehakt. Das bewahrt ihn allerdings nicht davor, in unregelmäßigen Abständen von über das Deck krachenden Wellen umgerissen zu werden. Unter großen Anstrengungen müht er sich, die Plane mit einem Seil zu fixieren, aber seine steif gefrorenen Finger bekommen keinen Knoten zustande. Die nächste Welle trifft ihn so unvorbereitet, dass er rücklings auf die Planken schlägt. Mühsam kämpft er sich zurück auf die Beine. Die Kälte entzieht ihm seine letzten Kräfte. Das Zittern seiner Glieder und das Klappern seiner Zähne kann er kaum noch kontrollieren. Sorgenvoll blickt Simon zum Achterdeck, aber die Nacht schluckt alles Licht. Er kann nicht einmal erkennen, ob sich überhaupt jemand dort aufhält. Wieder reckt sich das Schiff mit einer nächsten Welle steil empor, um gleich darauf abzukippen und unvermittelt in die Tiefe zu rauschen. Simon schreit seine Wut und Verzweiflung in den Sturm und in die Nacht hinaus, aber er bekommt keine Antwort. Mutlos sackt er auf die Knie, als ihn jemand im Vorbeigehen an der Schulter streift.
„Lass dich nicht unterkriegen, Simon“, hört er eine ruhige, vertraute Stimme.
Erschrocken zuckt er zusammen und reißt die Augen auf. „Callum, du lebst?!“
„Natürlich lebe ich, und das auch noch viel sorgenfreier als du. Ich bin übrigens gekommen, um dich abzuholen. Sieh dich nur an: Du bist mehr tot als lebendig. Wie du dich quälst, wie du frierst, wie du verzweifelst!“
Zielstrebig geht sein Freund auf die Reling zu – der Seegang, der Sturm und die Wellen können ihm scheinbar nichts anhaben. Im nächsten Augenblick spürt Simon einen Kuss auf seiner Wange, und ein wärmender Schauer durchläuft seinen ganzen Körper bis in seine Fußspitzen. Neben ihm steht eine junge Frau mit langen pechschwarzen Haaren, dunkler Haut und lächelnden braunen Augen.
„Hallo, Simon.“
„Marala, du bist auch hier? Gott sei Dank!“
Noch bevor Simon eine Antwort bekommt, hört er Callum rufen: „Marala, ich bin an der Reling!“
Simon kämpft sich zurück auf die Beine. Als er zu Callum hinüberschaut, steht Marala bereits neben ihm. Sie winkt ihm. „Simon, lass uns gehen, komm mit uns.“
„Marala, Marala!“, schreit Simon und versucht, mit seinen eisigen, schmerzenden Fingern seinen Karabinerhaken vom Sicherungsseil zu lösen. Als er wieder aufschaut, sieht er, wie Callum Marala bei der Hand nimmt und ihr auf die Reling hilft.
„Ich bekomme diesen verdammten Haken nicht auf!“ Verbissen reißt Simon mit seinen steifen Fingern am Sicherungsseil. Dann schreit er so laut er kann: „Marala, Callum, wartet auf mich!“ Er sitzt in der Falle – und just in diesem Moment springen die beiden da drüben über Bord …
Schlagartig sitzt Simon aufrecht in seiner Koje, die Hand an seiner mit Schweiß bedeckten Stirn. Sein ganzer Körper ist klitschnass, kleine Rinnsale laufen seinen Rücken hinunter. Wieder einer dieser Albträume, die ihn seit Callums Tod verfolgen! Allerdings schleicht sich seit seiner Ankunft in London immer häufiger auch Marala in diese Träume. Dabei weiß er nicht einmal, wie sie heute ausschaut. Würde er sie überhaupt wiedererkennen, wenn er vor ihr stünde?

Wenig später macht sich Simon, von der unruhigen Nacht völlig zerschlagen, auf zum Frühstück mit den anderen Offizieren der „Ocean Dream“ in der Messe.
„Mr. Brown“, spricht ihn der Erste Offizier nach der allgemeinen Begrüßung an, „Ihr Großvater hat seine überaus guten Kontakte spielen lassen. Wir sind hocherfreut, Ihnen mitteilen zu können, dass der größte Teil der Ladung verkauft ist.“
„Na, das ist doch eine gute Nachricht, Mr. Bradshaw“, erwidert Simon. „Auf meinen Großvater ist eben Verlass. Was haben wir aktuell noch an Bord?“
„Nun, 150 Kisten vom Chai de Bordes Rouge und den Fasswein von der Quinta da Plansel. Die Adressen, die Ihr Großvater uns gegeben hat, waren überaus hilfreich. Sowohl Garfield & Company als auch Townsend, Garner & Smith, Rutherford, Asbury & Co. und Berry Brothers teilten uns mit, dass wir ihnen auch zukünftig Ladungen anbieten können.“ Edgar Bradshaw sucht den Blick des Kapitäns, der zustimmend nickt.
„Nun, dann sollte ich mich als Nächstes um den Fasswein kümmern …“, überlegt Simon.
Da wirft George Boyt ein: „Simon, dein Großvater sagte mir gestern, dass du dich bitte diesbezüglich mit einem Mr. Thomas Baxter besprechen solltest. Er würde ihn schon viele Jahre kennen und Geschäfte mit ihm machen. Mr. Baxter ist einer der beiden Inhaber von Scott & Baxter, Wine & Spirit Merchants in Edinburgh.“
„Scott & Baxter …? Dieser Name ist mir irgendwo schon einmal über den Weg gelaufen.“
„Dein Großvater hat bereits einen Termin für dich vereinbart, am Donnerstag, den 4. September, um vier Uhr nachmittags, und zwar im ‚The Grenadier‘ in der Wilton Row in Belgravia.“
„4. September? Das ist doch heute!“
„Genau so ist es“, bestätigt der Kapitän schmunzelnd.
Nachdenklich nimmt Simon noch einen Schluck von seinem Tee. „Scott & Baxter“, murmelt er, „jetzt fällt es mir ein: Das stand als Brandzeichen auf einigen Holzkisten im Laden meines Großvaters. Whisky, ja, mein Großvater bezieht Whisky von denen. Aber, George, hat er denn auch gesagt, woran ich diesen Thomas Baxter erkenne?“
George muss grinsen. „Er sagte nur, dass du keine Schwierigkeiten haben würdest, ihn zu finden, du solltest dich einfach nur an den lustigsten Gesellen vor Ort halten. Baxter wäre meistens ausgesprochen redselig und stünde daher häufig im Mittelpunkt einer Unterhaltung.“
„Vier Uhr heute Nachmittag, sagst du. Hm … Dann habe ich noch genügend Zeit, mich mit Mr. Yadav zu treffen.“
„Yadav? Wer ist denn das? Klingt irgendwie indisch“, meint der Offizier Connor O‘Brien.
„Das ist korrekt“, bestätigt Simon. „Naresh Yadav ist Inder, ein Bekannter eines Bekannten von Abhay Roshan, dem Vater von Marala. Abhay hat mir geraten, mich einmal mit ihm zu treffen. Er arbeitet im Hafen und scheint seine Augen und Ohren überall zu haben.“
„Und wie steht es in der Sache Marala grundsätzlich, wenn ich fragen darf?“
„Nun.“ Simon tupft sich abschließend den Mund mit seiner Serviette ab. „So wie es ausschaut, könnte Naresh Yadav tatsächlich einige Informationen für mich haben. Es ist möglich, dass die drei Witwen von Meghnad Kapur auf dem Weg nach Indien sind. Es gibt Gerüchte, dass sie von London nach Holland gebracht wurden, um sie von dort nach Bombay einschiffen zu lassen.“
George Boyd hebt die Augenbrauen. „Simon, was machen wir, wenn sich die Gerüchte verdichten? Wie geht es dann weiter?“, fragt der Kapitän.
„In dem Fall werde ich mich um Fracht nach Indien kümmern, aber so weit sind wir noch nicht. Dieser Yadav arbeitet für eine Londoner Reederei und teilte mir vor zwei Tagen mit, er habe Beweise dafür, dass drei Frauen einer wohlhabenden indischen Familie in der letzten Woche nach Amsterdam gereist seien.“
„Dann fahren wir also nach Indien?“ Der Erste Offizier horcht gespannt auf.
Simon wiegt bedächtig den Kopf. „Möglich, Mr. Bradshaw. Wenn es das Schicksal so vorsieht, heißt unser nächstes Ziel Indien. Deshalb auch die Fracht, denn von Luft und Liebe kann Simon Brown Traders nun einmal nicht existieren.“
„Wohl wahr, Mr. Brown“, nickt Bradshaw. „Aber sehen Sie sich nicht stets der Versuchung ausgesetzt, Marala ohne Zeitverlust nachzureisen und möglichst schnell nach Indien zu kommen?“
„Natürlich würde ich gerne unverzüglich nach Indien aufbrechen. Aber wer kann mir sagen, wo ich sie finden werde und wie viele Monate die Suche in Anspruch nehmen wird?“ Simon wirft einen festen Blick in die Runde. Er weiß, dass er seine Offiziere bei der Stange halten muss. „Außerdem bin ich mir, meinen Kompagnons und der Mannschaft hier an Bord verpflichtet, Geld zu verdienen – für sie und ihre Familien. Dennoch werde ich natürlich alles versuchen, um Marala in Sicherheit zu bringen oder, im schlimmsten Falle, mich davon überzeugen, dass sie nicht mehr am Leben ist. Vorher wird es für mich nicht zu Ende sein.“ Simon seufzt und schaut in die Gesichter seiner Offiziere. „Solange sich beides miteinander vereinbaren lässt, reisen wir zusammen.“
„So machen wir es“, bekräftigt der Kapitän abschließend. „Denn bis heute können wir uns nicht beklagen. Die bisherigen Geschäfte waren ausgesprochen erfolgreich. Und damit das so bleibt, sollten jetzt alle an die Arbeit gehen.“

Gegen Mittag drückt sich Simon durch die Tür des übervollen „The Dock’s Inn“. Die Luft ist stickig, Rauchschwaden stehen unter der Decke, die Kerzenbeleuchtung ist kläglich und durch die kleinen, schmutzigen Fensterscheiben fällt kaum Tageslicht. Simon schiebt sich durch die eng zusammenstehenden, überwiegend männlichen Besucher des Pubs und hält Ausschau nach dem Inder Naresh Yadav, einem kleinen schlanken Mann mit pechschwarzen Haaren, exaktem Linksscheitel und einem breiten Schnauzbart. Es vergehen einige Minuten, bis er ihn endlich in der scheinbar letzten Ecke des Pubs findet. Als Naresh Simon erblickt, lächelt er und hebt seine Hand, um sich bemerkbar zu machen.
„Möchten Sie etwas trinken, Mr. Brown?“, fragt er, als Simon an seinen Tisch tritt, und zeigt auf die vor ihm stehende Flasche.
„Gerne, Mr. Yadav, dasselbe wie Sie.“
„Bin gleich zurück!“ Der Inder springt von seinem Platz auf und ist schon verschwunden.
„Na, das kann ja dauern“, denkt Simon und lässt seinen Blick durch das Lokal schweifen. Die Stimmung ist ausgelassen und laut. Überraschend kehrt Yadav schon nach kurzer Zeit mit einem Glas in der Hand zurück.
„Das ging aber fix!“, äußert Simon verblüfft.
Der Inder grinst. „Der eine Mann hinter der Bar ist ein Freund von mir.“
Verwundert betrachtet Simon das Etikett der giftgrünen Flasche auf dem Tisch. Doch bevor er etwas sagen kann, erklärt der Inder: „Das ist Crabbie’s Green Ginger Wine, gehört zu meinen Lieblingsgetränken. Ist erfrischend und gesund.“
„Grüner Ingwerwein?“ Simon schaut noch immer ungläubig auf das Etikett, während der Inder sein Glas füllt.
„Keine Angst, das Getränk ist nicht grün, sondern bernsteinfarben. Grün ist nur die Flasche. Cheers!“
„Zum Wohl!“ Auch Simon erhebt sein Glas und nimmt einen kräftigen Schluck. „Mmh – aromatisch, vollmundig und im Finish eine gewisse Schärfe.“
Yadav kichert. „Keine Angst, das Getränk ist wirklich sehr gut und gesund.“
Genüsslich setzt Simon sein Glas an den Mund und trinkt einen weiteren erfrischenden Schluck. „Gute Idee von diesem Crabbie.“
„John Crabbie stammt aus Edinburgh, aber der Ingwer aus meiner Heimat Indien“, strahlt Yadav stolz und holt dabei ein Blatt Papier aus seiner Jackentasche. „Schauen Sie, Mr. Brown: Diese Seite stammt aus der Passagierliste der ‚Hastings‘ vom 27. August, die von London nach Amsterdam gesegelt ist. Hier im unteren Drittel finden Sie die Namen der Personen, die mir aufgefallen sind. Bitte seien Sie vorsichtig, Mr. Brown. Die Namen wurden mit Tinte geschrieben.“
Simon streicht mit der flachen Hand über den Tisch, um sich zu versichern, dass er trocken ist, und zieht dann den Zettel so zu sich hinüber, dass er den Text lesen kann. Langsam fährt er mit dem Finger die Namensliste herunter und plötzlich beginnt er im Flüsterton vorzulesen: „Amir Nasri, Tarek Kapur, Faruk Kapur, Lali Kapur, Ranjana Kapur … Marala Kapur.“ Ungläubig starrt Simon Naresh an, dann senkt er den Blick und liest den letzten Namen noch einmal: „Marala Kapur.“
„Sehen Sie, das ist der Beweis, und ich habe einen Freund gefragt, der direkt an den Schiffen arbeitet. Er hat mir bestätigt, dass die drei Frauen an Bord gegangen sind.“
„Bitte, Naresh, können Sie mir das Blatt aus der Passagierliste überlassen?“
Der Inder hebt abwehrend die Hände. „Unter keinen Umständen, Mr. Brown! Wenn auch nur herauskommt, dass ich es mir geborgt habe, werde ich schon die größten Schwierigkeiten bekommen.“
Simon beugt sich leicht vor. „Ich brauche es als Beweis für Abhay und Harsha, sie wollen doch Gewissheit haben, dass ihre Tochter noch lebt. Wer weiß schon, dass Sie sich das Blatt geborgt haben?“
„Niemand! Es darf auch niemand wissen.“
„Auf wen fällt der Verdacht, wenn das Blatt nicht wieder auftaucht?“
„Keine Ahnung, Mr. Brown.“ Yadav zuckt mit den Achseln. „Aber es wäre auch nicht richtig, es Ihnen zu überlassen.“
„Mr. Yadav“, bittet Simon nun, „was wäre, wenn Marala Ihre Tochter wäre? Wollten Sie nicht einen Beweis dafür, dass Ihre Tochter noch am Leben ist, wie es ihr geht und wo sie sich befindet?“
„Ja, natürlich wollte ich es wissen, aber …“
Simon greift in seine Jackeninnentasche und holt einige Banknoten heraus. Langsam, aber für Außenstehende kaum sichtbar drückt er sie dem Inder in die Hand. Der starrt auf die Geldscheine und scheint zu lesen, was darauf steht. Simon flüstert: „Sie tun das Richtige, Sie helfen den Eltern. Vielen Dank im Namen von Harsha und Abhay Roshan.“
„Ja, so soll es sein. Ich helfe den Eltern.“ Hektisch stopft sich der Inder die Scheine in seine rechte Jackentasche, murmelt „Ich muss jetzt gehen“ und verlässt wie der Blitz das Pub. Simon nimmt einen letzten Schluck vom Ingwerwein und macht sich auf den Weg zu seiner nächsten Station, dem „The Grenadier“ in Belgravia.

Eine halbe Stunde zu früh steht er vor der Außentreppe des Pubs. Simon beschließt, trotzdem schon reinzugehen, und steigt die sechs Stufen hinauf. Durch die Glasscheiben der Eingangstür erkennt er einige unbesetzte Tische. Im Gegensatz zu seinem Aufenthalt im „The Dock’s Inn“ scheint er nun eine bessere Tageszeit für den Pubbesuch gefunden zu haben.
Als Simon den Raum betritt, fallen ihm viele Männer in Uniform auf, die an der Bar stehen oder auch den einen oder anderen Tisch in Beschlag nehmen. Er beschließt, sich zunächst an der Bar ein Pint frisches Ale zu bestellen. Dann sucht er sich einen Tisch in einer der hinteren Ecken, von dem aus er den größten Teil des Pubs gut überblicken kann.
Langsam leert Simon ein halbes Glas des köstlichen Bieres, bis schließlich eine fröhlich klingende Stimme seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. An der Bar steht jetzt ein untersetzter Mann, den er zuvor nicht gesehen hat – nun ja, eigentlich ist es ein kleiner Mann mit einem merklich erkennbaren Bauch. Sein blondes Haar wächst nur noch als Kranz am Hinterkopf. Er trägt eine runde Nickelbrille, eine farbenfrohe Jacke mit Stehkragen, eine Kniebundhose mit weißen Strümpfen und elegante schwarze Schuhe mit Messingschnallen. Als sich ihre Blicke treffen, ist sich Simon ziemlich sicher, dass es sich bei dem Herrn um Thomas Baxter handeln muss. Daher hebt er kurz grüßend die rechte Hand. Der Mann nickt ihm lächelnd zu und gibt so zu erkennen, dass er ihn gesehen hat und zu ihm an den Tisch kommen wird. Er spricht noch einige Sätze mit den Männern an der Bar, dann bricht die Gruppe in schallendes Gelächter aus. Der Barmann drückt dem Mann ein Glas Rotwein in die Hand und der wendet sich nun Simon zu. Als er näher kommt, erkennt Simon einen gepflegten Schnurrbart, rote Wangen und eine knollige Nase.
„Guten Tag, sind Sie Simon Brown, der Enkel von Simon Hill aus der James Street?“, fragt der Herr, stellt sein Rotweinglas auf dem Tisch ab und reicht Simon zum Gruß die Hand.
„Ja, Mr. Baxter, mein Großvater sagte mir, dass ich Sie ohne Zweifel erkennen würde.“ Simon lächelt und ergreift die Hand des Mannes mit kräftigem Druck. „Und er hat recht damit behalten.“
Thomas Baxters Augen funkeln vergnügt. „Genau das wünscht sich ein guter Verkäufer: erkannt zu werden, auf sich aufmerksam zu machen und nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Selbstverständlich, Mr. Baxter.“
„Sie machen also jetzt die Weltmeere unsicher, Mr. Brown. Ihr Großvater hat mir bei meinem letzten Besuch von Ihnen berichtet. Er ist stolz auf Sie.“ Thomas Baxter nimmt einen großen Schluck aus seinem Glas und verzieht das Gesicht. „Gruseliges Zeug! Dass ich dafür auch noch Geld bezahlt habe.“ Kopfschüttelnd wendet er sich wieder Simon zu: „Mit einem Bier wäre ich wohl besser gefahren …?“
„Das Ale ist gut, wenn Sie das meinen.“
„Mr. Brown“, wird Baxter nun sachlicher, „Ihr Großvater sprach davon, dass wir Ihnen bei einer Sache behilflich sein könnten?“
„Das wäre ausgezeichnet. Genau genommen haben wir noch 150 Kisten vom Chai de Bordes Rouge aus Bordeaux und zehn Pipes eines hervorragenden Rotweins von der Quinta da Plansel aus dem Alentejo an Bord, für die wir noch Kunden suchen.“
„Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich beim Flaschenwein um Holzkisten zu je 12 Flaschen handelt und bei den Pipes um Eichenholzfässer mit einem Inhalt von etwa 600 Litern?“
Simon nickt. „Ziemlich genau geht es um 6500 Liter Rotwein.“
„Den Flaschenwein würde ich gerne einmal probieren. Den würden Scott & Baxter möglicherweise kaufen. Den Fasswein aus Portugal können wir zur Zeit nicht gebrauchen.“ Wieder funkelt es leicht schelmisch in Baxters Augen. „Aber ihr Großvater sprach nicht von Wein, sondern von einem Problem …“
„Das stimmt, Mr. Baxter. Zunächst benötigen wir einen Käufer für den Wein, aber im nächsten Schritt muss ich unbedingt nach Bombay, und dafür benötige ich eine Fracht nach Indien.“
Neugierig blickt Thomas Baxter Simon fest in die Augen, dann stellt er fest: „Eine Frau. Der Grund, warum Sie nach Indien müssen, ist eine Frau!“
Simon fühlt sich ertappt, sieht aber keinen Grund, nicht aufrichtig zu sein. „Ja, das ist korrekt.“
„Weiter Weg nach Indien, Mr. Brown. Muss eine ausgesprochen hübsche Frau sein.“
„Bin ich so leicht durchschaubar?“
Baxter schmunzelt. „Nun, das würde ich nicht bestätigen, aber das Lächeln ist aus Ihrem Gesicht gewichen und Ihre Stimme hat so etwas Ernstes und Bestimmtes bekommen.“
Simon räuspert sich. „Ich würde Ihnen mein Problem gerne in groben Zügen schildern, wenn ich darf.“
„Nur zu, Mr. Brown. Wenn es um eine schöne Frau geht, wird es doch meistens interessant.“
„Marala“, beginnt Simon und unterbricht sich sogleich: „so ist ihr Name … Marala also …“ Simon fasst sich und berichtet nun ruhig und sachlich das Geschehene. Schließlich endet er mit den Worten: „Deshalb muss ich sie finden. Mir ist natürlich bewusst, dass das ganze Unterfangen Monate, vielleicht sogar Jahre dauern und viel Geld kosten kann. Von daher bin ich natürlich gezwungen, Umsatz zu machen.“
Thomas Baxter lehnt sich zurück und betrachtet Simon interessiert. „Eine wahrlich abenteuerliche Geschichte, Mr. Brown. Und ich soll Ihnen nun helfen, Umsatz zu machen, nehme ich an?“
„Ja, so ist es. Mein Großvater sprach davon, dass Sie gute Kontakte zur britischen Regierung pflegen und die britischen Truppen mit Wein und Whisky beliefern. Deshalb kam uns die Idee, dass es vielleicht möglich wäre, für Sie einen Transport nach Bombay zu übernehmen.“
„Nun, wir von Scott & Baxter haben selbst zwei Schiffe, die für uns auf den Meeren segeln. Aber das eigentliche Problem liegt woanders. In Bezug auf Indien bringen Ihnen meine Kontakte zum Militär nichts. Die Regierung des Vereinigten Königreichs war in der Vergangenheit für Indien gar nicht zuständig, auch waren dort keine britischen Regierungstruppen stationiert. Mein junger Freund, in Indien regierte die Britische Ostindien-Kompanie, eine private Aktiengesellschaft, die ein umfassendes Handelsmonopol besaß, das unter anderem sogar die Zivilgerichtsbarkeit und auch die Militärgewalt einschloss.“ Thomas Baxter unterbricht sich. „Sie schauen so ungläubig, Mr. Brown?“
„Entschuldigen Sie, Mr. Baxter: eine private Firma, die Kriege beginnen und Frieden schließen kann, verstehe ich das richtig?“
„Ja, das tun Sie. So ist es seit dem Jahr 1600, wenn ich mich nicht irre. Ein Freibrief für reiche Londoner Kaufleute durch Königin Elisabeth I. führte zur ehrenwerten Britischen Ostindien-Kompanie, die über mehr als zwei Jahrhunderte eine große Flotte eigener Schiffe, der sogenannten East Indiamen, besaß und teilweise noch besitzt.“
„East Indiamen sind mir bekannt, davon hat mir in Kanton ein schottischer Arzt und Geschäftsmann berichtet“, erklärt Simon und ergänzt: „Der wird mir schon allein deshalb in Erinnerung bleiben, weil ich ihm eine Gunst schulde – aber das ist eine andere Geschichte.“
„Nun, Mr. Brown, die britische Regierung hat jedenfalls im Jahre 1784 mit dem East India Company Act die Macht der Kompanie beschränkt, indem sie Regierung und Handel trennte. Aber der Generalgouverneur von Britisch-Indien hat seinen Sitz in Kalkutta, also über eintausend Meilen von Bombay oder Madras entfernt. Na ja, so ist vieles erst einmal so geblieben, wie es war – die Britische Ostindien-Kompanie macht, was sie will.“
„Schade“, seufzt Simon enttäuscht, der seine Chancen für einen Transport nach Indien schwinden sieht, „schön wäre es gewesen.“
„Mal nicht so schnell, junger Mann.“ Baxter legt ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Morgen habe ich einen Termin bei einem Offizier der Ostindien-Kompanie in der Leadenhall Street. Es wird um die Belieferung mit Whisky aus dem schottischen Hochland gehen. Dabei könnte ich versuchen Sie, Ihren Fasswein und Ihr Schiff ins Spiel zu bringen, Mr. Brown. Sie verstehen, was ich meine …?“
Simon fällt ein Stein vom Herzen. „Das wäre wunderbar, Mr. Baxter. Was würde mich das wohl kosten?“
Thomas Baxter müht sich sichtlich, ein Grinsen zu verbergen. „Ich sehe, wir verstehen uns Mr. Brown. Hm … Sie könnten Scott & Baxter beispielsweise einen günstigen Preis für den Transport von Whisky nach Indien anbieten. Damit könnte ich bestimmt auch meinen Kompagnon William Scott davon überzeugen, Ihr Schiff mit unserer Ware auf die Reise zu schicken.“ Baxter wird etwas nachdenklicher. „Außerdem, wenn ich es mir recht überlege, könnten Sie mich mit nach Edinburgh nehmen, wenn Ihr Weg Sie sowieso dorthin führt.“
„Aber natürlich könnten wir das!“ Simon ist begeistert, doch dann fällt ihm noch etwas ein. „Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir für die Britische Ostindien-Kompanie fahren dürfen?“
„Mr. Brown, ich kann für nichts garantieren, aber ich glaube sagen zu dürfen, dass meine Kontakte nicht zu unterschätzen sind.“ Baxter setzt sich etwas gerader, hebt seine Nase fast unmerklich an und scheint nachzudenken. „Wenn ich es mir recht überlege, so könnte Ihre Anwesenheit morgen eventuell sogar von Vorteil sein. Sie werden zwar zunächst auf dem Flur warten müssen und möglicherweise wird man Sie auch gar nicht empfangen, aber wir sollten es doch versuchen.“
Simon nickt zustimmend. „Morgen, das ist kein Problem. Wann treffen wir uns und wo?“
„Ich würde sagen, etwa um kurz vor zehn vor dem East India House in der Leadenhall Street.“
„Abgemacht, so machen wir es.“ Begeistert streckt Simon dem Schotten seine Hand entgegen.
„Sollte es wie gewünscht klappen, dann segeln wir in den nächsten Tagen nach Edinburgh, Mr. Brown.“
„Ausgezeichnet, ich kann es gar nicht erwarten“, erwidert Simon und trinkt einen großen Schluck von seinem Ale.

Am nächsten Morgen wandert Simon durch das erwachende London. Als er von der Grace Church Street nach rechts in die Leadenhall Street abbiegt, kann er das East India House gleich erkennen. Die breite Straße ist gesäumt von überwiegend hohen, drei- oder vierstöckigen Bauten, aus denen das wuchtige East India House eindrucksvoll heraussticht. Das Gebäude wird von einem majestätischen Eingangsportal mit sechs riesigen Säulen dominiert. Simon bleibt kurz stehen, zieht seine Taschenuhr aus der Jacke und wirft einen Blick darauf. Beruhigt stellt er fest, dass ihm noch ein paar Minuten bis zu seinem Termin verbleiben. Entspannt schaut er sich um und bemerkt, dass er direkt vor der Auslage einer Konditorei steht. „Wilt Confectionery“ liest er auf einem Schild über der Tür. In den beiden sorgsam dekorierten Schaufenstern finden sich allerlei süße Köstlichkeiten, die Simon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Gedankenverloren wendet er sich ab, um seinen Weg fortzusetzen, und läuft unabsichtlich direkt in die Arme zweier elegant gekleideter Damen.
„Entschuldigung!“, stammelt Simon verlegen und die beiden antworten mit einem zurückhaltenden Lächeln.
„Ah … Was für ein schöner Morgen, an dem man zwei so hübschen Damen begegnet!“ Unerwartet steht plötzlich der Schotte mit seiner Kniebundhose, seinen weißen Strümpfen und den glänzenden schwarzen Schuhen neben Simon und ergreift sofort die Gelegenheit beim Schopf. „Ich darf mich ihnen vorstellen: Mein Name ist Thomas Baxter.“ Er deutet eine Verbeugung an, lüftet seinen Hut und ergreift standesgemäß nacheinander die Hände der Damen zum Handkuss. „Darf ich Ihnen auch meinen jungen Freund vorstellen? Mr. Simon Brown aus Boston.“
Auch Simon begrüßt die Damen nun in gleicher Weise. Die eine von ihnen, eine dunkelhaarige Dame in einem champagnerfarbenen Kleid ergreift das Wort: „Guten Morgen, Mr. Baxter, Mr. Brown. Dies ist meine Freundin Lady Olivia Saunders und mein Name ist Lady Abbigail Walsh.“
„Sie machen Ihren morgendlichen Spaziergang?“, fragt Thomas Baxter mit charmantem Lächeln. „Und da wurden Sie von diesem Amerikaner fast umgelaufen.“
Simon ist sich nicht sicher, ob Baxter ihn aufziehen will oder wie sein Scherz gemeint ist, aber Lady Saunders springt ihm schon höflich zur Seite: „Nein, das wäre nicht geschehen! Mr. Brown hat binnen Sekunden reagiert und sich unverzüglich bei uns entschuldigt.“
„Wir kommen gerade von einem ausgedehnten Spaziergang“, bestätigt Lady Walsh, „und nun ist es Zeit für unsere Tasse Tee.“ Dabei stellt Simon fest, dass sie ihn möglichst unauffällig von Kopf bis Fuß mustert.
„Gerne würden wir den Damen bei einer interessanten Unterhaltung die Zeit ein wenig vertreiben“, meint Baxter galant und wirft einen Blick auf seine Taschenuhr. „Doch leider erfordern wichtige Geschäfte unsere Anwesenheit im East India House. Unsere Empfehlung, die Damen.“
„Es war uns eine Ehre“, antwortet Lady Saunders.
„Vielleicht sieht man sich einmal wieder …“, deutet ihre Freundin kokett an.
Simon will sich schon dem East India House zuwenden, da bemerkt er, wie ihm die hinreißenden braunen Augen von Lady Walsh folgen. Ihr verführerischer Blick und ihre leicht geröteten Wangen mit den niedlichen Grübchen verwirren ihn zwar kurz, können ihn aber nicht von seinem eigentlichen Ziel, dem bevorstehenden Termin, ablenken. Allerdings erlaubt er sich ein dezentes Lächeln, das Lady Walsh mit einem weiteren verlockenden Blick erwidert.
„So, Mr. Brown, sind Sie bereit? Das East India House wartet auf uns!“
„Hoffentlich haben wir Erfolg …“
Baxter wirft einen letzten Blick zurück auf die beiden Damen und stellt fest: „Donnerwetter, das waren aber zwei Hübsche! Hätten wir mehr Zeit gehabt, dann hätten wir sie noch eine Weile begleiten können. Was meinen Sie, Mr. Brown?“ Dabei gibt der Schotte Simon einen leichten Schubs an die Schulter.
Simon ist Baxters direkte Art unangenehm und er lenkt das Gespräch lieber auf das bevorstehende Treffen. „Wer ist eigentlich die Person, mit der Sie den Termin vereinbart haben?“
Auch Baxter konzentriert sich nun wieder auf das Geschäft. „Mr. Charles Griffiths, Major bei der Artillerie. Ich kenne ihn schon einige Jahre.“
Dann schreiten sie durch das Eingangsportal und Simon sieht sich beeindruckt in den Respekt einflößenden, hohen Räumen um. Er staunt über den Prunk und die Pracht, die ihm hier entgegenschlagen. Lange, geräumige Flure gehen sie entlang, steigen imposante Treppen empor und durchqueren wiederum Flure, bis Thomas Baxter schließlich vor einer massiven Bürotür innehält. Kurz blickt er sich um und macht Simon auf eine Sitzgruppe aufmerksam, die vor einem Fenster steht.
„Ich verstehe“, nickt Simon und begibt sich dorthin.
Baxter erklärt: „Ich werde Sie hereinbitten, sobald ich mir sicher bin, dass es von Vorteil für Sie ist.“
Doch gefühlt vergehen Stunden, ohne dass etwas passiert. Noch immer sitzt Simon wartend in seinem Sessel. Hin und wieder kommen andere Menschen über den Flur, grüßen ihn oder nicken ihm mehr oder weniger freundlich zu. Der größere Teil der Passierenden trägt zivile Kleidung, manche aber sind Uniformträger. Plötzlich öffnet sich doch noch die Tür und ein älterer Herr in Uniformhose, Stiefeln, unifarbenem Hemd und Schulterklappen tritt heraus. „Mr. Brown, wollen Sie bitte eintreten!“
Ein wenig erschrocken und ein bisschen euphorisch springt Simon auf und folgt dem Offizier in den Raum, wo ihm unverzüglich ein Sitzplatz an einem Tisch angeboten wird.
„Sie wollen also für uns, die EIC, nach Bombay fahren?“
„Ja, so ist es“, nickt Simon. „Grundsätzlich möchte ich gerne für die East India Company Transporte übernehmen. Im Speziellen würde ich jetzt so bald als möglich nach Bombay reisen.“
„Mr. Baxter sprach auf der einen Seite von einigen Fässern portugiesischen Rotweins und auf der anderen Seite von der wohl wichtigsten Sache der Welt, der Liebe“, erklärt Mr. Griffiths mit einem Schmunzeln, bei dem sich sein Schnauzbart ein wenig hebt.
Simon wird ein wenig verlegen. „Um ehrlich zu sein, ja. Es geht um 6500 Liter Rotwein der Quinta da Plansel aus dem Alentejo. Und es geht um Marala Kapur, die mit ihrer Familie hier in London lebte und mit einem wohlhabenden, viel älteren Teehändler verheiratet wurde, der nun vor einigen Monaten verstorben ist.“
„Um den Rotwein mache ich mir keine Gedanken, Mr. Brown. Wenn Qualität und Preis in Ordnung sind, werden wir uns handelseinig werden.“ Dann verdunkelt sich die Miene des Offiziers: „Ist die junge Dame jetzt auf dem Weg nach Indien und vermuten Sie, dass sie … dort verbrannt werden soll?“
Simon spürt einen leichten Stich in der Herzgegend. „Genau das befürchte ich. Deshalb muss ich sie einfach suchen, muss herausfinden, ob sie noch lebt, wo sie lebt und wie sie lebt. Auch ihre Eltern sind in großer Sorge.“ Mit wenigen Worten berichtet Simon von seinem ersten Treffen mit Marala, dem Wiedersehen in London kurz vor seiner Überfahrt nach Boston und allem, was folgte.
Die Zeit vergeht wie im Fluge, bis Major Griffiths zusammenfasst: „Mr. Brown, das ist wirklich eine abenteuerliche Geschichte. Aber ihr Wunsch, nach der jungen Dame zu suchen, ist durchaus nachvollziehbar. Von unserer Seite erwarten wir von Ihnen eine Probe vom Rotwein, ein Angebot über den Wein und zudem den Transport von Lafetten und Kanonen für die Horse Artillery in Bombay. Zudem sind wir, Mr. Baxter und ich, uns über eine Lieferung Wein und Whisky von Scott & Baxter aus Schottland einig geworden, die Sie auch transportieren sollen.“
„Das klingt ja ausgezeichnet!“ In Simon keimt Hoffnung auf. „Ich werde alles unverzüglich angehen.“
Doch der Major bremst seine Begeisterung mit einer knappen Handbewegung. „Mr. Brown, wenn wir uns einig werden sollten, sollten Sie in den nächsten Tagen zunächst nach Edinburgh reisen und sich um den Wein und den Whisky kümmern. Anschließend kommen Sie zurück nach London und nehmen die Kanonen an Bord. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um die Versandpapiere und alle anderen notwendigen Dokumente. Aber machen Sie sich bitte keine allzu großen Hoffnungen in Bezug auf die junge Dame. Indien ist nicht England und ungleich größer in seinen Ausmaßen und Entfernungen.“
„Um nicht zu sagen, Sie suchen die berühmte Stecknadel in einem Heuhaufen“, wirft Thomas Baxter mit seinem humorvollen Unterton ein.
„Ein passender Vergleich, Mr. Baxter, wenn Sie dabei keinen kleinen Heuhaufen vor Augen haben“, bestätigt Major Griffiths.
„Ich werde das berücksichtigen“, bekräftigt Simon. „Aber so schnell gebe ich nicht auf. Major Griffiths, darf ich Sie fragen, bei welcher Einheit sie in Indien gedient haben?“
„Bei der First Troop der Bombay Horse Artillery, und zwar seit ihrer Gründung im Jahre 1811 in Seroor. Deshalb möchte ich Ihnen etwas raten, Mr. Brown: Wenn Sie nach Indien reisen, üben Sie sich dort in Geduld – Die Uhren ticken da drüben anders, als Sie es gewohnt sind.“
„Danke, Sir. Ich werde es berücksichtigen. Nun sollte ich aber unverzüglich an Bord zurückkehren und mich um die Angebote und die Rotweinprobe kümmern.“
„Meine Herren.“ Major Griffith erhebt sich unvermittelt von seinem Stuhl. „Ich denke wir können das Gespräch an dieser Stelle beenden. Mr. Baxter, Mr. Brown, meine Empfehlung.“
„Sir, vielen Dank. Sie hören zeitig von uns.“ Thomas Baxter nickt freundlich und auch Simon tut es ihm gleich.
Ein paar Minuten später stehen die beiden auf der Leadenhall Street, und Simon erkundigt sich beflissen: „Mr. Baxter, wo kann ich Sie erreichen, wenn sich etwas Neues ergeben sollte?“
Der Schotte wirft ihm einen eindringlichen Blick zu. „Sie sollten sich jetzt ranhalten, Mr. Brown. Nehmen Sie Ihre Chance wahr!“
„Keine Sorge, das werde ich.“
„Sie finden mich üblicherweise im ‚The George Inn‘ in der Borough High Street. Da ich aber in den nächsten Tagen ohnehin einige Termine in den Docks wahrnehmen muss, werde ich einfach bei Ihnen an Bord vorbeischauen.“
Simon freut sich über diese einfache Lösung. „Gut, so machen wir es. Auf Wiedersehen, Mr. Baxter.“
„Mr. Brown!“

Callums Tod lag nun schon länger als ein Jahr zurück, und ich war mittlerweile der Überzeugung, dass ich ihn sachlich betrachten konnte. Aber nachts schlich er sich in unregelmäßigen Abständen immer einmal wieder in meine Träume. Callums nächtliches Erscheinen verunsicherte mich damals  – heute weiß ich, dass mein Kopf einfach weitere Zeit gebraucht hat, um den Tod meines Freundes zu verarbeiten. Auch bei der Suche nach Marala gab es Zeiten, in denen mich Mut und Energie verließen, doch es gab auch andere Zeiten, in denen ich zu wissen glaubte, dass die ganze Welt nicht groß genug sein könnte, um sie vor mir zu verstecken. Marala war in den Niederlanden; dafür lieferte mir Naresh Yadav den Beweis. Das endgültige Ziel Indien aber blieb leider nur eine Vermutung, wenn auch mit einer ausgesprochen hohen Wahrscheinlichkeit.
Sollten die Geschäfte mit Scott & Baxter und der East India Company erfolgreich zum Abschluss kommen und wir nach Indien segeln, so bliebe eine Unsicherheit, die mir damals Kopfzerbrechen bereitete: Indem wir uns nach Indien begäben, würden wir die direkte Fährte von Marala, die in die Niederlande führte, verlassen. Welche Möglichkeiten würden uns dann verbleiben, wenn sie in Indien nicht ankommen würde? Wäre es vielleicht sicherer, wenigstens eine Person auf Marals Spuren zu belassen? Aber wer sollte das sein …?

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