5.17 Traurige Weihnachten

Die Sonne hat den Zenit bereits überschritten, als die Oldenburger Landdragoner an diesem frostigen Mittwoch den Fuß des Schlosshügels in Birkenfeld erreichen. Schon nicht mehr ganz frisch, trotten die Pferde die Schlossallee bis zum neuen Birkenfelder Schloss hinauf. Je näher der Trupp seinem Ziel kommt, desto mächtiger wirkt das mehrstöckige Schlossgebäude in modernem klassizistischem Stil. Links und rechts wird es von zwei kleineren Gebäuden eingerahmt und in der Mitte dominiert eine repräsentative Eingangstür mit breiter Treppe das Erscheinungsbild. Auf einer kreisrunden Grünfläche vor dem Hauptgebäude prangt ein Springbrunnen, was dem ganzen Ensemble einen höfischen Charakter vermittelt. Der Tross umrundet den Brunnen und hält so punktgenau vor dem neuen Schloss, dass sich die Kutsche direkt vor der Eingangstür befindet.
Schon öffnet sich die Eingangstür des Schlosses und zwei Bedienstete eilen die Stufen hinab, nehmen neben der Kutsche Aufstellung und öffnen deren Tür.
„Guten Tag, Herr Regierungsdirektor“, grüßt einer der Diener.
„Guten Tag“, dröhnt es aus der Kutsche, die leicht schwankt, bevor Staatssekretär Fosch in der Tür erscheint. Nachdem auch der Regierungsdirektor das Gefährt verlassen hat, streckt er seinen Rücken und stellt fest: „Mit zunehmendem Alter werden diese Fahrten immer beschwerlicher.“
Die beiden Herren verschwinden zügig durch die Eingangstür des neuen Schlosses, während weitere Bedienstete erscheinen und sich um das Entladen des Reisegepäcks kümmern. Einige von ihnen machen einen recht unglücklichen Eindruck. Simon vermutet, dass sie es als Regierungsangestellte nicht gewohnt sind, draußen zu arbeiten und die empfindliche Kälte ihr Eigenes tut.
„Dragoner, absitzen!“, befiehlt nun Korporal Bakenhus. Er drückt Tilemann seine Zügel in die Hand und wendet sich an Simon: „Sie folgen mir zum Meldeamt. Wir werden einem der Beamten Ihren Reisepass aushändigen und sobald Ihre Eltern Ihre Identität bezeugt haben, können Sie nach Hause fahren.“
„Korporal, kann ich mich von den Männern verabschieden?“
Bakenhus wirft einen kurzen Blick auf seinen Tross. „Das können Sie später erledigen. Wir werden noch einige Zeit hier sein, denn die Kutsche muss zunächst vollständig entladen und alle Formalitäten müssen erledigt werden.“
Weil Otto Högel auf dem Kutschendach steht und dabei hilft, das Gepäck abzuladen, übergibt Simon Carl die Zügel seines Pferdes und folgt dem Korporal die Treppe hinauf ins Schloss. Ein weißes Schild mit der schwarzen Aufschrift „Meldeamt“ weist ihnen den Weg zu einem geräumigen Amtszimmer mit hohen weißen Decken. Hinter einem massiven Tresen stehen zwei Schreibtische und mehrere Büroschränke, teils mit vielen kleinen Fächern versehen, teils mit Türen bestückt. Alle Möbel sind in einem sehr dunklen, warmen Holzton gehalten.
„Moin“, begrüßt Erwin Bakenhus einen älteren Herrn mit weißem Hemd, Querbinder und Ärmelschützern, der am rechten der beiden Schreibtische sitzt. Er hat sein weniges verbliebenes Haar quer über den Kopf auf die andere Seite gekämmt und verbirgt so die angehende Glatze.
„Guten Tag.“ Der Beamte tritt zu ihnen an den Tresen, setzt eine Brille mit kreisrunden Gläsern auf die Nase und fragt die Ankömmlinge: „Sie wünschen?“
„Ich bin Korporal Bakenhus, der Brigadeführer der Landdragoner, die sich vor dem Schloss aufhalten, und habe den neuen Reisepass für diesen jungen Mann hier, sein Name ist Simon Brown. Der Pass darf ihm allerdings erst ausgehändigt werden, wenn jemand, der sich ausweisen kann, bezeugt, dass es sich in der Tat um Simon Brown handelt. Dafür sollen seine Eltern auf dem Weg von Mainz nach Birkenfeld sein. Würden Sie diese Übergabe für mich in die Hand nehmen, Herr …?“
„Brettschneider, Alwin“, erwidert der Beamte, „landesherrlicher Diener. Ja, ich bin informiert; der Vater war bereits gestern hier bei uns auf dem Amt.“
„Gestern schon?“, platzt Simon aufgeregt heraus.
„Wir haben doch einen Tag verloren“, erklärt Bakenhus und fährt an Brettschneider gewandt fort: „Wir hatten eine kleine Verzögerung auf der Reise.“
„Das ist kein Problem. Herr Braun teilte mir mit, dass er gedenkt, heute Nachmittag wiederzukommen.“
„Sehen Sie, Brown, in ein paar Stunden sind Sie auf dem Weg nach Hause.“ Bakenhus knöpft seine Uniformjacke auf, holt eine kleine Ledertasche heraus und legt den Inhalt auf den Amtstresen. Geschickt zieht er aus mehreren Papieren Simons Reisepass heraus und übergibt ihn dem landesherrlichen Diener. Sorgsam betrachtet Brettschneider das Dokument, um dann festzustellen: „Datiert, gestempelt und unterschrieben von Brinkmann … In Ordnung.“
„Würden Sie mir bitte eine Bestätigung ausstellen, dass ich Ihnen den Reisepass ausgehändigt habe?“
„Jawohl.“ Brettschneider zieht aus dem Büroschrank mit den unzähligen Fächern ein Formular heraus, tunkt eine Schreibfeder in ein auf dem Tresen befindliches Tintenfass und füllt das Formular aus. Zum Schluss stempelt er es ab und unterschreibt es. „So, Korporal, das sollte genügen.“ Mit unverbindlichem Gesichtsausdruck wendet er sich Simon zu. „Herr Brown, Sie können draußen auf dem Flur warten.“
„Kann ich mich noch von den Landdragonern verabschieden?“
„Wie Sie meinen, Sie sollten allerdings vor Ort bleiben.“
„Danke, ich bin gleich zurück.“
Zusammen mit Bakenhus kehrt Simon zu den Dragonern vor dem Schloss zurück und verabschiedet sich von den Männern. Als er bei Carl angekommen ist, holt Simon drei Pulvertütchen mit den entsprechenden Kugeln aus seiner Jacke und drückt sie Carl in die Hand. „Mit bestem Dank zurück.“
„Drei und zwei macht fünf“, antwortet der Dragoner verschmitzt und lässt die Tütchen in seiner Jackentasche verschwinden.
„Ich hab’s gesehen“, grummelt die Stimme von Otto Högel hinter ihnen. Geistesgegenwärtig drückt Simon dem Kutscher fest die Hand und lässt sich laut und deutlich vernehmen: „Danke, Otto, dass ich deine Braune reiten durfte, wir haben uns gut verstanden.“ Und leise flüstert er hinterher: „Bitte, Otto, mach da keine große Sache draus. Das sollte unter uns bleiben.“
Mit gedämpfter Stimme fragt Högel neugierig: „Sag mal, wo hast du so schießen gelernt?“
„Auf meiner Reise durch Schottland bei dem Scharfschützen Cleit Martin, einem ehemaligen Rifleman.“
„Der hat ja ganze Arbeit geleistet!“
„Männer, hören Sie nicht zu?“, kommt es da ungeduldig von Korporal Bakenhus. „Brown, sehen Sie dort hinten.“ Er zeigt auf eine schwarze Kutsche, vor der zwei Rappen stehen. „Sie sollten die Leute, die hier ankommen, im Blick behalten, sonst verpassen Sie Ihre Eltern noch. Die Kutsche dort drüben ist vor ein paar Minuten eingetroffen.“
Simon hebt den Blick. Weder vom Kutscher noch von den Fahrgästen ist es etwas zu sehen. Entweder befinden sie sich hinter der Kutsche oder sind bereits ins Schloss gegangen.
„Carl, ich glaube, wir sollten uns verabschieden – und ich sollte achtsamer sein.“
„War eine interessante Reise mit dir, Simon“, meint Carl grinsend. „Ich wünsche dir Frohe Weihnachten, und lass es dir gut gehen.“
„Danke, Carl, auch für dich Frohe Weihnachten – und für dich, Otto.“
Nervös schaut Simon wieder zu der schwarzen Kutsche hinüber, wo der Kutscher sich jetzt um die Pferde kümmert. Er hat Simon den Rücken zugewendet, aber als der Mann den Kopf dreht, glaubt Simon, den Mann irgendwoher zu kennen. Als er genauer hinsieht, stellt er fest, dass der Kutscher Joseph, dem altgedienten Angestellten der Familie Braun, wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Aber der Mann hier ist viel jünger; Simon schätzt ihn auf Mitte dreißig. Da er nichts Besseres zu tun hat, entschließt er sich kurzerhand, auf den Kutscher zuzugehen und ihn anzusprechen.
„Entschuldigen Sie bitte, kann es sein, dass wir uns kennen? Ich habe das Gefühl, wir wären uns schon einmal begegnet.“
Der Kutscher lässt von den Pferden ab und wendet sich Simon zu. „Nicht das ich wüsste“, brummt er. „Ich bin mit meinem Herrn hier, um jemanden abzuholen. Joseph Ohschneider ist mein Name.“
„Joseph!“, ruft Simon erstaunt aus, und dann versteht er den Zusammenhang. „Na klar, Sie sind der zweite Sohn von unserem Kutscher Joseph, daher die Ähnlichkeit.“
„Dann sind Sie Simon?“, fragt der andere freundlich.
„Ja, der bin ich. Joseph, wie geht es Ihrem Vater?“
„Ganz gut für sein Alter. Allerdings ist er mittlerweile etwas wirr im Kopf … Er bekommt immer größere Lücken, wenn Sie wissen, was ich meine?“
„Ja, ich kann es mir vorstellen. So ein stattlicher Kerl war Ihr Vater. Schade, dass er so abbaut. Das ist bestimmt auf Dauer recht anstrengend. Schön, dass Sie jetzt für uns arbeiten … die zweite Generation Kutscher in der Familie. Sagen Sie, Joseph, wo ist mein Vater jetzt?“
„Er ist hineingegangen.“
„Dann will ich mal schnell hinterher, damit wir dieses Kapitel beenden können. Bin gleich zurück.“
Mit ein paar Sätzen springt Simon die Eingangstreppe hinauf und wiederholt den Weg zum Meldeamt. Vor dem Amtstresen erkennt er schon von Weitem seinen Vater in einem dicken dunkelbraunen Mantel, Hut und Gehstock. Simons Herz beginnt laut zu klopfen. Endlich ist es so weit: Er wird seinen Vater in die Arme schließen können – nach so vielen Jahren! Wie oft hat er darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde, wieder nach Hause zu kommen. Mehrere Varianten hat er in der Vergangenheit im Kopf durchgespielt, aber eine, bei der er keinen Reisepass und kein Geld haben würde, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Gerade erklärt Brettschneider hinter dem Tresen mit seiner etwas trägen Stimme: „Ja, er ist eingetroffen. Er wollte sich von den Landdragonern verabschieden und sollte vor der Tür auf dem Flur warten.“
„Ich bin schon da, Vater.“
Balthasar dreht sich um und ein breites Lächeln erhellt sein Gesicht. Er ist grau geworden und an den Schläfen zeigen sich deutliche Geheimratsecken, die früher nicht zu sehen waren, genauso wie die tiefen Falten auf der Stirn und das Weiß des akkurat gehaltenen Vollbarts.
„Simon!“ Herzlich schließen sich Vater und Sohn in die Arme.
„Schön, dass es geklappt hat.“ Balthasar Braun klopft seinem Sohn fröhlich auf die Schulter. „Endlich bist du zu Hause. Wie geht es dir?“
„Gut, Vater“, antwortet Simon, dann wendet er sich dem landesherrlichen Diener zu. „Wir sollten Herrn Brettschneider nicht warten lassen.“
„Danke, werte Herren. Ich habe Ihren Reisepass und die Formalitäten bereits vorbereitet. Darf ich Sie bitten, mir Ihren Pass auszuhändigen, Herr Braun?“
„Ja“, antwortet Balthasar und zieht seinen Pass aus der Innentasche seines Mantels.
Brettschneider prüft das Dokument, indem er es ins Licht hält und jedes Detail genauestens betrachtet. Dann räuspert er sich. „Herr Braun, Sie können also absolut und unmissverständlich bezeugen, dass es sich bei der hier anwesenden Person um Ihren Sohn Simon Balthasar Braun, auch genannt Simon Brown, handelt? Und Sie können mit einhundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass es sich um eine andere als die genannte Person handelt, die nur vorgibt, Simon Balthasar Braun, auch genannt Simon Brown, zu sein?“
„Entschuldigen Sie“, erklärt Balthasar leicht amüsiert, „diese Amtssprache ist reichlich kompliziert … Hier steht mein Sohn Simon und daran besteht kein Zweifel.“
Brettschneider lässt sowohl Balthasar als auch Simon das vorbereitete Formular unterschreiben und händigt Simon den langersehnten Reisepass aus.
„Herr Brettschneider, können Sie mir sagen, wo ich hier in Birkenfeld Bankgeschäfte erledigen kann?“
„Ja, unten im Ort finden Sie die Ersparungscasse zu Oldenburg. Dort wird man Ihnen weiterhelfen können.“

In der Ersparungscasse bekommt Simon gegen Vorlage eines Kreditbriefs der New England Bank of Boston Bargeld ausgehändigt. Außerdem weist er einen Geldbetrag an die Familie Brägelmann in Lohne an. Anschließend fahren Simon und sein Vater Balthasar bis nach Kirn, wo sie in einem Gasthaus übernachten wollen. Auf dem Weg erfährt Simon, dass sein Bruder Christoph mit einer jungen Frau verlobt ist. Theresia ist ihr Name und ihre Familie verfügt über eine beträchtliche Anzahl an Weinbergen um Nackenheim herum. Da sie die älteste von vier Töchtern sei, so Balthasar, bestehe eine reelle Aussicht, dass durch ihre Heirat mit Christoph der Braun’sche Weinbergbesitz erheblich gesteigert werden könne. Während sein Vater die Weinberge rund um Nackenheim in allen Einzelheiten beschreibt, wundert sich Simon, dass Balthasar nur wenige Worte über Theresia verliert.
„Besonders hübsch kann sie wohl nicht sein“, geht es Simon durch den Kopf. „Sonst hätte sie auf Vater bestimmt einen größeren Eindruck gemacht …“
Balthasar Braun aber ist schon beim nächsten Thema – der Ehe seiner Tochter mit Konrad von Zwangen. Beide Familien verstünden sich nunmehr wirklich gut, obwohl es für die Eltern Braun außerordentlich schwer zu ertragen gewesen sei, dass Josephine zum katholischen Glauben konvertierte. Nun wäre aber alles in Ordnung und die Mutter würde sich mit dem Gedanken trösten, dass auch Katholiken Christen wären.
Josephine-Christine sei übrigens nicht mitgekommen, weil man der Tochter einen Backenzahn gezogen habe und sie anschließend hohes Fieber bekommen hätte. Nun habe sie noch etwas Temperatur und fühle sich schlapp, aber ansonsten wäre alles in Ordnung … und dem Nachwuchs in ihrem Bauch ginge es ausgezeichnet. Die von Zwangen wären zwar ausgesprochen konservativ, aber da bei ihnen Familie an erster Stelle stünde, wäre das auch für die Brauns von Vorteil. Auf dem Schloss würden nunmehr fast ausschließlich Braun’sche Weine ausgeschenkt.
Während sein Vater weitererzählt, lehnt sich Simon in der Kutsche entspannt zurück. Vor dem Fenster zieht eine beinahe schon vertraute Winterlandschaft vorbei. Es ist der 11. Dezember 1834 und nun ist er bald zu Hause. Das Weihnachtsfest im Kreise seiner Familie hat ihm wohl in den letzten Jahren am meisten gefehlt …
Um kurz nach zwölf am nächsten Mittag biegt die Kutsche endlich in den Hof des Braun’schen Weingutes ein und fährt den Kiesweg hinauf zur Villa der Familie. Ihre Ankunft bleibt nicht lange unbemerkt. Hintereinander treten drei Personen oben auf dem Treppenabsatz aus der Haustür und blicken den Ankömmlingen neugierig entgegen. In dem untersetzten älteren Herrn erkennt Simon sofort den Kellermeister Wilhelm, aber die beiden Frauen, die neben ihm stehen, sind ihm gänzlich fremd.
Als er nach seinem Vater die Kutsche verlässt, wird er abgelenkt durch die stürmische Begrüßung eines jungen braunen Jagdhundes, der in ihm wohl einen möglichen neuen Spielpartner entdeckt. Wilhelm, der die Stufen hinuntergeeilt ist, packt den Hund am Halsband, zieht ihn von Simon weg und weist ihn in seine Schranken: „Alex, sitz!“
Verwundert fragt Simon: „Das ist aber doch nicht unser alter Alex, oder?“
„Nein, der Alex, den du kanntest, ist letztes Jahr gestorben.“
„Dieser ist etwa ein halbes Jahr alt“, mischt sich die stämmige junge Frau mit den dunkelbraunen Haaren und der umgebundenen Kochschürze ein. Sie lächelt Simon aus grün-blauen Augen freundlich an und stellt sich kurzerhand vor: „Ich bin Sarah, die Köchin.“
„Guten Tag, Sarah“, grüßt Simon zurück. „Seit wann arbeiten Sie für meine Eltern?“
„Ich habe im Oktober 1830 hier angefangen …“
„… und sie ist eine ausgezeichnete Köchin“, mischt sich Baltasar Braun ein. Energisch schiebt er Simon in Richtung Eingang. „Kinder, bevor wir hier noch festfrieren, sollten wir ins Haus gehen.“
Oben auf der Treppe angekommen, begrüßt Simon die dort wartende junge Frau, die keine zwanzig Jahre alt sein kann. Sie ist klein und zierlich, trägt ihr schwarzes Haar in geflochtenen Zöpfen und hat sanfte braune Augen.
„Guten Tag, Herr Braun“, grüßt sie etwas schüchtern. „Mein Name ist Franziska Dietzenberg. Ich bin seit einigen Monaten als Haushälterin hier im Hause.“
„Dietzenberg?“, wundert sich Simon. „Eine Dietzenberg vom Weingut Berghof?“
„Ja, die Tochter von Eberhard und Regina Dietzenberg. Sie kannten meinen Großvater ganz gut … Das hat er mir jedenfalls erzählt.“
„Stimmt, dem Gerold habe ich immer wieder mal im Weinberg oder im Keller geholfen; ich habe viel von ihm gelernt.“
„Jetzt lasst uns endlich hineingehen, mir wird kalt“, insistiert Balthasar Braun und schiebt seinen Sohn durch die Eingangstür. Auf dem Weg durch das Haus kommt es Simon so vor, als wäre er gar nicht weg gewesen: Alles steht noch an seinem Platz, genauso, wie er es von früher kennt. Im Salon setzt er sich in einen der freien Sessel am Kamin und reibt sich die kalten Hände. „Ist Rosi eigentlich noch da?“
„Nur ab und zu“, erklärt sein Vater. „Sie ist jetzt über siebzig Jahre alt und genießt ihren wohlverdienten Ruhestand bei ihrem Bruder und dessen Frau in Gau-Odernheim. Franziska, könnten wir einen heißen Tee haben?“
„Ja, sofort, Herr Braun.“
„Ah, da kommt dein Bruder!“, stellt Balthasar fest, als sich die Salontür erneut öffnet. Simon erhebt sich aus seinem Sessel, und schon nimmt ihn Christoph in den Arm. „Da bist du endlich! Bist ja ein richtiger Weltenbummler geworden.“
„Schön, dich zu sehen, Christoph. Wie geht es dir?“ Simon betrachtet seinen Bruder und muss feststellen, dass er zu einem richtigen Kerl geworden ist, breitschultrig, mit kräftigen Armen und stämmigen Beinen. Sein Haar trägt er ziemlich kurz und nach hinten gekämmt, sein Gesicht wirkt markant und sein Kinn kantig.
„Gut. Sehr gut, sogar.“ Christoph tritt einen Schritt zur Seite und zieht eine junge Frau, die sich bisher im Hintergrund gehalten hat, an seine Seite. Christophs Verlobte ist groß gewachsen und schmal, hat glänzendes, rotbraunes Haar und warm strahlende braune Augen. „Darf ich dir meine Verlobte Theresia vorstellen?“
„Theresia, freut mich.“ Simon reicht ihr die Hand und stellt fest, dass sie für eine Frau einen recht festen Händedruck hat. „Ich bin der Simon, Christophs jüngerer Bruder.“
„Nenn mich doch bitte Thesi“, meint die junge Frau freundlich. „So nennen mich alle.“
„Simon, du musst mir alles von deinen Reisen erzählen“, zeigt sich Christoph ungeduldig und lässt sich zusammen mit Thesi ebenfalls vor dem Kamin nieder.
„Ist Mutter bei Josephine?“
„Ja, sie ist oft bei ihr, weil Josephine noch sehr schwach ist“, erklärt Simons Bruder, während er Thesis Hand ergreift. „Die Arbeit, die viele Aufregung vor der Hochzeit, die Schwangerschaft und jetzt der Zahn … Und eine große Esserin war Josephine ja noch nie … So hat sie nicht viel Kraft. Aber Mutter weiß ja, dass du kommst, und wird sicher bald zurück sein.“
Simon nickt und betrachtet die beiden Verlobten neugierig. „Jetzt aber raus mit der Sprache, Christoph: Wie lange kennt ihr beide euch schon und wo hast du diese Schönheit, die dir sogar beim Weinmachen hilft, überhaupt gefunden?“
Die beiden lächeln sich verliebt an. „Vor etwa zwei Jahren haben wir uns auf dem Erntedankfest in Hechtsheim kennengelernt. Ihr freches Mundwerk ist mir sofort aufgefallen.“
Thesi gibt Christoph einen ordentlichen Seitenhieb in die Rippen, aber er fährt unbeirrt fort: „Wir haben bis spät in die Nacht getanzt … Woher weißt du eigentlich, dass Thesi etwas vom Winzerhandwerk versteht, Simon?“
„Ja, das möchte ich auch wissen.“  Die junge Frau rutscht mit ihrem Sessel etwas zur Seite, damit Franziska die Teetassen eindecken kann.
Simon grinst. „Na, ganz einfach, bei der Begrüßung eben ist mir gleich dein fester und kraftvoller Händedruck aufgefallen. Der spricht dafür, dass du handwerklich arbeitest. Außerdem ist mir die dunkle Farbe in den Poren deiner Handflächen aufgefallen – die Farbe roter Trauben, die sich nicht so leicht abwaschen lässt.“
„Scharfsinnig ermittelt“, stellt Christoph fest und wirft seiner Verlobten einen stolzen Blick zu. „Thesi beherrscht das Handwerk genauso gut wie ich.“
„Ist doch ausgezeichnet, etwas Besseres kann dir und dem Betrieb doch gar nicht passieren. So könnt ihr euch wunderbar ergänzen.“
Gerade als Franziska den Tee einschenkt, wird die Salontür schwungvoll aufgerissen und Josephine-Christine stürmt hinein. Ohne anzuhalten, wirft sie ihren Mantel auf einen neben der Anrichte stehenden Stuhl und zieht Simon beinahe stürmisch in ihre Arme. Eine Weile drückt sie ihn fest, dann schiebt sie ihn ein wenig von sich, um ihren Sohn zu betrachten.
„Da bist du ja, Simon, endlich bist du wieder zu Hause … endlich! Bist du gesund?“
„Alles in Ordnung, Mutter, es geht mir gut.“
Vorsichtig macht sich Simon aus der Umarmung los und betrachtet seine Mutter. Sie ist wie immer eine elegante Erscheinung und keine graue Strähne ist in ihrem gut frisierten Haar zu erkennen. Vielleicht lässt sie die Haare färben, denn die deutlich stärker als früher aufgetragene Schminke lässt vermuten, dass Josephine-Christine versucht, gegen ihr Alter anzukämpfen.
„Lass dich anschauen, Simon. Du bist erwachsen und viel kräftiger geworden.“ Zärtlich streicht die Mutter ihm durchs Haar, wobei sie die Narbe auf Simons Wange und auch die lange Narbe neben dem Ohr entdeckt. „Mein Gott, was sind das für Narben?“
„Alles halb so schlimm, Mutter“, bemüht Simon sich, sie zu beruhigen. „Ich werde euch später alles erzählen; wir haben ja Zeit. Was mich jetzt allerdings brennend interessiert ist, wie es Josephine geht.“
Josephine-Christine zieht ein sorgenvolles Gesicht. „Sie hat immer noch erhöhte Temperatur und fühlt sich schwach: Doktor Rombeck, der junge Hausarzt der von Zwangen, ist sich in Bezug auf die Ursache nicht sicher. Zunächst wurde ihr ein Backenzahn gezogen, was dazu führte, dass Josephines Gesicht anschwoll und glühte. Das Gesicht sieht mittlerweile wieder recht normal aus, aber die Temperatur bekommt der Doktor nicht in den Griff. Stetige Wadenwickel sollen Abhilfe schaffen. Ich habe vorgeschlagen, Doktor Krones Rat einzuholen, da es in dieser Situation nicht schaden kann, wenn die beiden ihre Erfahrungen austauschen. Romberg ist nicht abgeneigt, will aber noch bis zum Wochenende warten, ob eine Besserung eintritt. Ist das nicht der Fall, so wollen wir Doktor Krone hinzuziehen.“
„Das sind keine guten Nachrichten“, meint Simon betrübt, während sie sich wieder setzen. Josephine-Christine nickt kummervoll. „Ich habe ihr erzählt, dass wir dich heute zurückerwarten, und sie sagte mir, dass sie dich morgen gerne sehen würde, Simon.“
„Selbstverständlich werde ich hinfahren. Vielleicht kann ich bei dieser Gelegenheit ja auch gleich Konrad kennenlernen.“
„Das wirst du bestimmt. Konrad ist sehr besorgt um Josephine und lässt sie nicht aus den Augen. Zudem lässt er nichts unversucht, damit sie schnell wieder auf die Beine kommt.“
Simon nimmt einen Schluck von seinem Tee und meint nachdenklich: „Die beiden scheinen sich wirklich sehr zu lieben.“
„Ja, so ist es. Als wir erfuhren, dass sich Josephine in einen Katholiken verliebt hat, war ich richtiggehend empört, und als sie dann auch noch mit der Schwangerschaft und der Konvertierung herausplatzte, war ich in Rage, aufgewühlt und gleichzeitig am Boden zerstört. Aber jetzt ist es so wunderbar mit anzuschauen, wie liebevoll die beiden miteinander umgehen.“
„Das freut mich. Es ist schön, wenn sich die Richtigen gefunden haben.“
„Ja, und zudem haben wir die von Zwangen als sehr aufrichtige Familie kennen und schätzen gelernt. Wir wurden dort von Anfang an ausgesprochen anständig aufgenommen – und das, obwohl sie Katholiken sind.“
Nun mischt sich Balthasar in das Gespräch ein: „Josephine-Christine, was sage ich immer? Protestanten oder Katholiken – auf die Menschen kommt es an. Simon, zeig mir doch mal deinen neuen Reisepass.“
„Einen Augenblick.“ Simon zieht das Papier aus der Innentasche seiner Jacke und reicht es dem Vater. „Reisepass des Großherzogtums Oldenburg“, überfliegt Balthasar halblaut den Text. „Simon Brown, in Deutschland: Simon Balthasar Braun … Alle Civil- und Militair-Behörden werden hierdurch ersucht, … dass die Person reiset und legitimiert ist, frei und ungehindert zu reisen, und ihm nötigenfalls jeden Schutz angedeihen zu lassen. Oldenburg, den 25. November 1834.“
„Lass bitte mal sehen.“ Auch Christoph ist neugierig. „31. Mai 1832: Abschluss in Harvard, USA. 3. Juli 1833: Gründung Simon Brown Traders in Boston, USA … Dann hast du tatsächlich studiert und deine eigene Firma gegründet! Jetzt haben wir es amtlich.“
„Hast du mir nicht gesagt, Simon hätte jetzt ein großes eigenes Schiff?“, will nun Thesi wissen.
„Ja, das hat er in einem seiner Briefe geschrieben. Ein elegantes, majestätisches Schiff soll es sein.“
„So ist es“, bestätigt Simon.
„Wie groß ist es denn und wo liegt es jetzt?“, fragt Thesi interessiert weiter.
„Es ist ein Dreimaster, der auf den Namen ‚Ocean Dream‘ getauft ist und sich gerade auf dem Weg nach Bombay befindet.“
„Indien – das klingt so abenteuerlich“, meint Thesi bewundernd. „Aber wie und wann willst du denn wieder auf dein Schiff kommen? Willst du etwa hinterherfahren?“
„Anfang des nächsten Jahres, genauer gesagt, am 25. Februar, muss ich in Triest an der Adria sein. Dort werde ich zusammen mit dem Briten Lieutenant Waghorn nach Alexandria übersetzen.“
„Ich wusste nicht einmal, dass es Triest gibt, geschweige denn, wo es liegt“, staunt Christoph. „Und du reist da einfach mal so eben hin!“
„Aber du bleibst doch bis Neujahr bei uns, oder?“, will die Mutter nun ängstlich wissen.
„Ja, Mutter, ich werde euch dieses Jahr nicht mehr verlassen.“
„Das hört sich nach mehr an, als es ist, mein Junge“, meint sie ein wenig traurig.
„Weiter, Simon!“, unterbricht Christoph sie ungeduldig.
„Nun, von Alexandria geht es den Nil hinauf bis nach Kairo, danach quer durch die Wüste bis nach Sues und vor dort übers Rote Meer nach Indien.“
„Das klingt wie in einem Märchen“, staunt Thesi. „In Sues wartet dein Schiff auf dich?“
„Nein, das segelt direkt nach Bombay. Ich suche mir dort ein anderes Schiff.“
„Und deine Leute wirst du dann in Bombay wiedertreffen?“
„So ist es geplant.“

Am folgenden Tag reitet Simon zum Rittergut der Grafen von Zwangen nach Gau-Fallersheim. Von der Hauptstraße führt ihn sein Weg durch eine lange Allee, die von alten stämmigen Bäumen mit kahlen Ästen gesäumt wird, vorbei an eingezäunten, von Raureif überzogenen Weiden und Ackerflächen. Über gepflegtes Kopfsteinpflaster geht es zu einem hohen zweiflügeligen Eingangstor in einer wuchtigen Backsteinmauer, das an beiden Seiten von haushohen Pylonen gehalten wird. Hinter dem Tor passiert Simon zu beiden Seiten lange, weiß gekalkte Wirtschaftsgebäude mit roten Ziegeldächern. Zwei Männer überqueren gerade den Hof und schauen in seine Richtung. Der Kleinere, ein Dunkelhaariger mit Vollbart, grüßt ihn und fragt: „Suchen Sie jemanden?“
„Ich möchte zu meiner Schwester Josephine und dem Grafen Konrad.“
„Sie müssen bis zum Gutshaus durchreiten“, erklärt der andere und weist den Weg mit ausgestreckter Hand. Sanft drückt Simon seine Hacken in die Rippen seines Pferdes, um ihm mitzuteilen, dass es weitergeht. 
Das Gutshaus entpuppt sich als breiter, doppelstöckiger, cremefarben verputzter Bau mit vielen Fenstern und schwarzen Schindeln auf dem Dach. Die Dachfläche wird von mehreren Gauben durchbrochen, in denen jeweils Butzenfenster verbaut sind. Dort oben befinden sich bestimmt die Dienstbotengemächer. Unterhalb der Fenster sitzen Metallbügel in der Farbe des Hauses, die vermutlich in den Sommermonaten Blumentöpfe halten, welche die Fassade sicher in ein riesiges Blumenmeer verwandeln. In der Mitte des Gebäudes prangt eine doppelflügelige Eingangstür über einer beeindruckenden Freitreppe mit zwei Aufgängen. Direkt vor deren Vorbau befinden sich zwei gusseiserne Poller mit Halterungen, um Pferde anzuleinen.
Simon springt aus dem Sattel und sichert zunächst sein Pferd, bevor er zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinaufeilt. Oben angekommen, öffnet sich die massive Eingangstür, noch bevor er anklopfen kann. Ein Mann in braunem Jackett, schwarzer Hose und schwarzen Reitstiefeln steht vor ihm. Er ist etwa einen halben Kopf kleiner als Simon und trägt seine dunklen, kurzen Haare akkurat seitlich gescheitelt.
„Oh“, ruft der Mann verdutzt, aber freundlich aus. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Entschuldigung, ich bin …“
„Lassen Sie mich raten“, unterbricht der Herr Simon. „Sie könnten Simon sein, Josephines jüngerer Bruder, der Weltumsegler.“
„Ja, korrekt, der bin ich.“
Der Mann reicht ihm die Hand. „Ich bin Konrad von Zwangen, aber bleiben wir doch bei Konrad und Simon, immerhin sind wir jetzt Familie.“
„Danke, sehr erfreut.“ Simon drückt dem unbekannten Schwager die Hand. „Wie geht es Josephine?“
Konrads Gesichtsausdruck wird ernster. „Ein bisschen besser, sie ist aber noch sehr schwach.“
„Na, wenigstens etwas.“
„Schön, dass wir uns kennenlernen, Simon. Ich bin gerade auf dem Weg zu den Pferdeställen.“ Konrad zeigt auf eines der weiß gekalkten Gebäude, an denen Simon vorbeigeritten ist. „Dort sind unsere Pferde untergebracht und darüber befinden sich die Unterkünfte für unsere Knechte und sonstigen Mitarbeiter in der Landwirtschaft.“
„Und in dem Gebäude gegenüber?“
„Da sind unsere landwirtschaftlichen Gerätschaften untergebracht.“ Konrad ergänzt mit einem Grinsen: „Das Grunzen der Schweine dürfte dir nicht entgangen sein, oder?
„Die habe ich gehört“, nickt Simon. „Ich dachte mir schon, dass das Gebäude für einen Schweinestall alleine vielleicht ein bisschen zu groß ist.“
„Dem Schwein gehört die Zukunft“, meint Konrad mit fester Stimme und wendet sich wieder dem Gutshaus zu. „Jetzt lass ich aber mal die Pferde Pferde sein … Komm herein, ich bringe dich erst zu Josephine und anschließend kann ich dich mit meiner Mutter bekannt machen.“
Simon folgt Konrad in den Eingangsbereich des Rittergutes, der mit Gemälden und unzähligen Jagdtrophäen dekoriert ist. Lange, wertvoll wirkende Vorhänge rahmen die Fenster ein, und an der linken Seite der Halle verbindet eine breite, reichlich verzierte Eichenholztreppe die Stockwerke miteinander. Auf der rechten Seite führt ein mit dunklem Holz vertäfelter Flur ins Dunkle. Konrad führt Simon die Treppe in das obere Stockwerk hinauf und bleibt oben auf der Galerie stehen. „Den Gang nach rechts befinden sich die Schlafgemächer meiner Eltern und der Gäste“, erklärt er und führt Simon in die entgegengesetzte Richtung. Sie kommen an mehreren großen Vasen und unterschiedlichen Kunstwerken vorbei, bevor Konrad vor einer geschlossenen Tür stehen bleibt. Nachdem er die Klinke vorsichtig nach unten gedrückt und um die Ecke gelugt hat, gibt er Simon einen Wink, ihm in das Zimmer zu folgen. Es ist ein lichtdurchfluteter großzügiger Raum, der ausgesprochen geschmackvoll eingerichtet ist und von einem mächtigen Doppelbett dominiert wird.
Konrad flüstert: „Sie schläft.“
Simon tritt näher an das Bett heran und betrachtet seine Schwester Josephine, dieses junge, zarte Wesen, das entspannt unter einer feingestickten Überdecke in dem großen Bett liegt.  Wie verloren sie wirkt! Ihre Wangen sind eingefallen, ihre Augen liegen tief in ihren Höhlen und ihre Lippen wirken ebenso blass wie ihre helle Haut. Simon muss wohl sehr erschrocken aussehen, denn Konrad legt ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. „Sie sieht schon viel besser aus als in den letzten Wochen. Lassen wir sie schlafen und gehen einen Tee trinken. Wir schauen später noch einmal nach ihr.“
„In Ordnung.“
Nachdem sie die Treppe wieder heruntergestiegen sind, folgen sie dem holzvertäfelten düsteren Flur in den anderen Flügel, wo Ihnen eine Bedienstete begegnet, die Konrad um Tee für den Salon bittet. In einem Raum mit einer hohen weißen Stuckdecke, bodenlangen Fenstern mit massiven Vorhängen und vollen Bücherregalen werden sie von einer eleganten älteren Dame begrüßt. Sie trägt ihre dunklen, grau durchwirkten Haare in einer Hochsteckfrisur, was ihrem ernsten Gesichtsausdruck zusätzliche Unnahbarkeit verleiht.
„Konrad, warst du bei Josephine?“, fragt sie ernst.
„Ja, Mutter, sie schläft. Darf ich dir Josephines Bruder Simon vorstellen? Simon, das ist meine werte Mutter, Gräfin Eleonore von Zwangen.“
„Simon, da sind Sie ja.“ Freundlich blickt die Gräfin Simon entgegen. „Ihre Mutter hat mir schon vor Tagen berichtet, dass sie auf dem Weg nach Hause sind.“
Simon ergreift ihre ausgestreckte rechte Hand und deutet einen Handkuss an, wie er es gelernt hat. „Gräfin, vielen Dank für den freundlichen Empfang.“
„Schön, dass wir Sie jetzt auch einmal kennenlernen. Josephine hat schon so viel von ihnen erzählt. Setzen wir uns doch.“
„Ich hoffe, dass Josephine schnell wieder gesund wird“, bemerkt Simon, während er sich in dem ihm angebotenen Sessel niederlässt.
„Das wird schon wieder, da bin ich recht zuversichtlich“, meint die Gräfin. „Das Fieber ist leicht gesunken und Doktor Rombeck klingt optimistisch. Außerdem können wir gar nicht mehr ohne Josephine.“
Während der Tee serviert wird, bittet Eleonore von Zwangen: „Simon, Sie müssen uns über die weite Welt berichten. Josephine hat erzählt, dass Sie beinahe alle Ozeane bereist haben?“
Simon berichtet von seinem Leben in Amerika, von seinen Abenteuern auf See und schließlich von seinen Erlebnissen in der Weltstadt London, die bei der Gräfin auf reges Interesse stoßen. Sie hört aufmerksam zu, scheut sich nicht, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden hat, oder Dinge zu ergänzen, zu denen sie eine eigene Meinung vertritt. Eleonore von Zwangen ist eine ausgesprochen interessante Gesprächspartnerin und keineswegs so unnahbar, wie sie Simon zunächst erschien. Vielmehr scheint sie sich für ihr Gegenüber zu interessieren und sich vor allem auch fürsorglich um Josephine zu kümmern.
„Entschuldigt mich, ich werde einmal nachsehen, ob Josephine mittlerweile aufgewacht ist.“, beendet die Gräfin schließlich das Gespräch. „Laufen Sie mir nicht weg, Simon.“
„Mutter, wenn Josephine schläft, wecke sie nicht auf“, bittet Konrad besorgt. „Ruhe ist die beste Medizin.“
„Aber Simon ist doch extra wegen Josephine gekommen?“
„Nicht nur“, wendet dieser ein. „Ich wollte auch meine neue Verwandtschaft kennenlernen.“
Gräfin Eleonore quittiert dies mit einem Lächeln. „Zu schade, dass der Graf geschäftlich unterwegs ist und wir ihn erst am Wochenende zurückerwarten.“
„Machen Sie sich bitte um mich keine Sorgen“, bittet Simon. „Sollte Josephine schlafen, komme ich gerne morgen wieder.“
Und so ist es dann auch. Simon verabschiedet sich an diesem Tag vom Gut der von Zwangen, ohne seine Schwester gesprochen zu haben.

Der nächste Tag beginnt für Simon mit einem Ausritt in die nähere Umgebung. Christoph hatte ihm am Vorabend vorgeschlagen, ihm ein paar Weinberge von Thesis Familie zu zeigen. Auf dem Ritt durch die klare Winterluft erklärt der Bruder Simon, dass Familie Weingärtner mit für Rheinhessen unüblichen Rebsorten experimentiere und andere Reberziehungsarten ausprobiere, was Simon natürlich sehr interessiert. Am späten Vormittag finden sich die beiden Brüder im renovierten Weinkeller der Brauns ein. Dort treffen sie auf Thesi und Wilhelm, die für Simon eine kleine Weinverkostung zusammengestellt haben. Dabei darf er unter anderem auch Thesis erste Rieslinge probieren, die sie im letzten Jahr zusammen mit Christoph hergestellt hat.
„Christoph, vorhin, als wir durch die Weinberge geritten sind, hast du erwähnt, dass das Jahr, als ich nach Amerika auswanderte, ein schlimmes Weinjahr für euch war …“, bemerkt Simon.
„1829?!“, platzt der Kellermeister Wilhelm heraus. „Ein furchtbarer Jahrgang! Schreckliches Wetter, schrecklicher Wein … einfach grauselig … Bestens geeignet zum Anrühren von Mörtel.“
Die vier müssen lachen, aber Christoph wird schnell wieder ernst. „Nein, wir sind in den letzten Jahren nicht gerade verwöhnt worden. Dem schlechten 1829er folgte ein schlechter 30er Jahrgang, und weil wir im Winter 29/30 ungewöhnlich harten Frost bekamen, sind uns Winzern viele Weinstöcke erfroren.“
„Aber der 31er hat einige wirklich gute Tropfen hervorgebracht“, wendet Wilhelm ein.
„Stimmt“, nickt Christoph, „aber wir hatten nur ein Drittel einer durchschnittlichen Erntemenge und so etwas ist finanziell äußerst schwierig. Wenn weniger Wein in den Keller kommt, kann auch nur weniger verkauft werden.“
„Könnt ihr mal aufhören, euch unablässig zu beklagen?“, mischt sich nun Thesi bestimmt ein. „Mit dem 1833er haben die meisten Winzer durchweg gute Traubenqualitäten und recht große Mengen geerntet. Dazu gab es in unserer Region bei den Rieslingweinen einige Spitzenqualitäten. Überdies haben wir vor einigen Wochen wiederum köstliche Trauben in großen Mengen in unsere Weinkeller bekommen.“
Darauf stoßen die vier mit einem Schluck Riesling an.
„Wie geht es eigentlich Jan ter Bruggen?“, will Simon nun wissen.
„Jan …“ Christoph lässt den Wein in seinem Glas kreisen. „Dem geht es gesundheitlich nicht mehr so gut. Zur Zeit wird er von einer seiner Großnichten aus den Niederlanden unterstützt. Corrie ist ihr Name, ein blonder Feger …“ Mit einem provokanten Grinsen sieht Christoph Thesi an.
Die lässt sich nicht irritieren und schlägt ihrem Verlobten scherzhaft mit der Faust gegen die Schulter. „Pass auf, was du sagst, sonst macht ihr eure Weine wieder ohne mich.“
„Oh, das würde ich mir gewaltig überlegen, Christoph!“ Simon nimmt noch einen Schluck des Rieslings und stellt fest: „Ganz vorzüglich! Eure Verbindung bekommt dem Wein augenscheinlich sehr gut.“
„Mir auch, Thesi …“, erklärt Christoph versöhnlich.
„Ich erinnere dich daran, wenn wir erst ein paar Jahre verheiratet sind.“ Auf den Mund gefallen ist die Winzertochter jedenfalls nicht.
„Übrigens, Simon“, wird Christoph wieder ernst. „Jan würde sich sehr freuen, dich zu sehen. Lass ihn nicht lang warten – ich war letzte Woche kurz bei ihm und da klang er recht ungeduldig.“
„Ich denke, dann werde ich heute Nachmittag auf dem Weg zu Josephine bei ihm vorbeischauen.“
„Du solltest vorsichtig mit ihm umgehen. Mit seinem Herzen ist etwas nicht in Ordnung, und er darf sich nicht aufregen.“
Simon runzelt besorgt die Stirn. „Seit wann ist das so?“
Christoph wirft Thesi einen ratlosen Blick zu, die erklärt: „Ich glaube, es muss etwa sechs Monate her sein. Da ist er mit Schmerzen in der Brust zusammengebrochen. Glücklicherweise hatte er gerade Besuch, sodass Doktor Krone geholt werden konnte, der ein schwaches Herz feststellte. Seither ist seine Großnichte Corrie bei ihm und kümmert sich.“
„Dann werde ich mich jetzt gleich auf den Weg machen und mir Zeit bei ihm lassen. Danach werde ich zu den von Zwangens reiten und Josephine besuchen. So wird es wohl spät werden heute Abend – nicht, dass Mutter sich Sorgen macht.“
„Ich beruhige sie schon“, meint Christoph. „Grüße Jan von uns.“
Simon stellt sein Glas auf einem alten Weinfass ab, das im Weinkeller als Tisch dient, und schließt zu Christophs Verwunderung Thesi in seine Arme. „Du hast echt Ahnung und weißt was du willst. Das gefällt mir – passt gut rein hier bei uns.“

Simon geht quer über den Hof zum Pferdestall, sattelt sich eine braune Stute und macht sich auf den Weg zum Weingut von Jan ter Bruggen. Um sich gegen die Winterkälte zu schützen, knöpft er seine schwere Jacke bis oben hin zu und klappt den Kragen hoch. Er nimmt den kürzesten Weg quer durch die Weinberge und erreicht bald den Hof des Holländers. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – sogar die Bank, auf er saß, als Jan ihm bei seinem ersten Besuch das aufgeschlagene Knie versorgte, steht noch genau an derselben Stelle. Allerdings könnte sie einen Topf frischer Farbe gebrauchen.
Als Simon an die Tür klopft, dauert es nur einen kurzen Augenblick, bis der „blonde Feger“, eine ausgesprochen hübsche junge Frau mit strahlend blauen Augen im Türrahmen steht. „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Simon Brown, ich …“
„Simon … Der Simon, von dem Onkel Jan unaufhörlich spricht?“ Corrie sieht ihn begeistert an. Sie strahlt etwas erfrischend Positives aus. Bestimmt genau richtig für Jan, denkt Simon. „Dann mal hereinspaziert. Ich bin Corrie, Jans Großnichte.“
„Wenn es Jan nicht gut geht, will ich aber nicht stören …“, meint Simon vorsichtig, während er Corrie ins Haus folgt.
„Nein, du störst nicht, ganz im Gegenteil“, strahlt Corrie ihn an. „Als er von deinem Bruder Christoph hörte, dass du auf dem Weg nach Hause bist, hat er von nichts anderem mehr gesprochen. Allerdings musst du behutsam sein. Er darf sich nicht aufregen, unter keinen Umständen, verstehst du? Aufregung könnte ihn umbringen, hat Doktor Krone gesagt.“
„Natürlich. Wenn du der Meinung bist, dass ich besser gehen sollte, sagst du es mir einfach. Dann werde ich mich unverzüglich verabschieden.“
Die junge Holländerin nickt und deutet auf die angelehnte Küchentür. Simon klopft an die Tür und vernimmt eine vertraute Stimme, der jetzt allerdings die gewohnte Festigkeit fehlt: „Herein, solange es kein Steuereintreiber ist!“
Auf der Küchenbank kauert ein ergrauter Jan ter Bruggen; seine spärlichen Haare sind ungekämmt und sein Blick ist stur geradeaus gerichtet. Als er Simon erkennt, richtet sich der alte Mann hinter dem Tisch auf, in seine Augen tritt ein freudiger Schimmer und ein Lächeln erscheint in dem faltigen Gesicht. „Simon! Ich wusste, dass du kommst.“ Jan versucht sich mit beiden Armen hochzustemmen, aber Corrie schreitet ein und hindert ihn daran.
„Sitzen bleiben, Onkel Jan“, bestimmt sie. „Simon ist doch gerade erst gekommen, und ihr werdet genügend Zeit haben, miteinander zu sprechen.“
„So ist es“, bestätigt Simon. „Ich bin nicht in Eile.“
„Magst du Kaffee?“
„Gerne.“
„Kuchen haben wir keinen, aber gegen ein paar Butterbrote hast du bestimmt nichts einzuwenden, oder?“
„Das ist lieb von dir, Corrie. In der Tat habe ich noch nichts zu Mittag gegessen.“
Mit wenigen geschickten Handgriffen brüht die junge Frau den Kaffee auf, schneidet ein paar Scheiben Brot und belegt diese mit Käse, dessen Duft nichts anderes als Ziegenkäse erwarten lässt.
Freudig erregt streicht Jan über Simons auf dem Tisch liegende Hand. „Du musst mir alles erzählen, alles was du in den letzten Jahren erlebt hast. Versprochen?“
„Selbstverständlich … Aber wie geht es dir?“
Lächelnd sieht Jan zu Corrie auf, die ihnen den Kaffee und den Teller mit den Broten serviert. „Das ist Corrie, die jüngste Tochter meiner Nichte Benthe. Sie ist mittlerweile dreißig Jahre alt und immer noch unverheiratet …“
„Onkel!“ Corries rote Wangen signalisieren, dass ihr Jans Äußerung peinlich ist. „Ich bin gerade erst achtundzwanzig geworden, bin verlobt und werde nächsten Sommer in Maastricht heiraten.“
„Schon gut, Corrie, musst dich nicht aufregen.“
„Nein, Onkel, das will ich ja auch gar nicht, aber wenn es um das Alter heiratsfähiger Frauen geht, hört bei mir der Spaß auf. Als Mann würde man dir niemals vorwerfen, fürs Heiraten zu alt zu sein und keine gute Frau mehr abbekommen zu können.“
Simon seufzt. „Das wohl nicht, aber auch ein Mann muss zum Heiraten die Richtige erst einmal finden.“
„Finden?“, lacht Corrie unbekümmert. „Sie wird dir schon über den Weg laufen.“
Jan wirft Simon einen interessierten Blick zu. „Ist es bei dir immer noch diese kleine Inderin – wie war gleich ihr Name?“
„Marala … Nun, klein ist sie nicht mehr …“
Simon trinkt von dem aromatischen Kaffee, bevor er zu erzählen beginnt, von seiner Zeit in London, nachdem er sich von Jan verabschiedet hatte, und seinen Erlebnissen in Amerika. Als er auf seine Fahrt mit der „Norfolk“ nach China zu sprechen kommt und bei seinem Bericht in Kapstadt ankommt, wird Jan auf einmal hellwach und ein seltsames Strahlen tritt in seine Augen. Auch Corrie bemerkt das mit Verwunderung. Simon erzählt weiter von seiner Ankunft beim Weingut Vergelegen der Familie Theunissen, wo man sich sehr gut an Jan ter Bruggen erinnern konnte.
„Marthinus Theunissen betonte, dass man sich durch und durch auf dich verlassen konnte.“ Simon legt seine Hand auf Jans Handrücken, der leicht zu zittern beginnt.
„Onkel Jan, bitte reg dich nicht auf; alles ist gut.“ Corrie steht auf und legt dem alten Mann ihre Hände auf die Schultern. „Vielleicht ist es besser …“
„Nein, Corrie, er soll weitersprechen … Simon, bitte!“
„Nun, die Theunissens erzählten mir von deiner Zeit auf Vergelegen, und als ich wissen wollte, wann und warum du Südafrika den Rücken gekehrt hast, trat plötzlich eine ältere Dame ein und antwortete: ‚Es war der 12. April 1811, ein warmer, sonniger Montag, als Jan seine Sachen packte und sich auf den Weg nach Kapstadt machte.‘ Der Grund deines Abschieds wäre sie gewesen.“
„Sie lebt?“, fragt Jan leise mit einem Vibrieren in seiner Stimme.
„Wer – sie?“, ruft Corrie erstaunt dazwischen.
„Lieke“, kommt es Jan leise über die Lippen, aber mehr kann er nicht sagen.
Daher übernimmt es Simon, für seinen alten Freund zu berichten: „Lieke stammt vom Weingut Vergelegen, ist eine geborene Theunissen und wurde nach Stellenbosch verheiratet, mit Ruben, der eine große Farm erbte. Die Ehe wurde von den Vätern vereinbart und stand wohl unter keinem guten Stern. Lieke war, wann immer es ihre Zeit erlaubte, bei ihrer Verwandtschaft auf Vergelegen, und dort habt ihr euch auch kennengelernt, nicht wahr, Jan?“
Tränen rollen dem alten Holländer über die Wangen und er scheint immer noch nicht in der Lage zu sein zu sprechen.
„Du wolltest mehr und sie eigentlich auch“, fährt Simon behutsam fort. „Aber sie konnte sich nicht trennen und so war sie in einem Zwiespalt, der unüberwindbar schien.“
„Sie wäre daran zerbrochen“, antwortet Jan mit brüchiger Stimme. „Deshalb bin ich gegangen.“ Er hebt den Kopf und sieht Simon fragend an. „Wie ist es ihr ergangen? Was hat sie dir erzählt?“
Simon wartet kurz, um sich zu sammeln. „Ruben ist kurze Zeit nach deiner Abreise schwer erkrankt und verstorben. Lieke sagte mir, dass sie nicht wusste, wo sie dich suchen sollte, denn schließlich warst du Weltreisender für die VOC und konntest überall stecken. Sie hat die Farm verkauft und ist als Tante auf Vergelegen geblieben.“
Ein Schweigen macht sich in der Küche breit, nur der Ofen ist zu hören.
„Onkel Jan“, fragt Corrie schließlich, „hast du sie sehr geliebt?“
Mit starrem Blick aus dem Küchenfenster antwortet Jan: „Sie war meine große Liebe, niemals habe ich jemanden anderes angeschaut.“
„Du warst ihre einzige Liebe“, ergänzt Simon. „Sie wäre dir in der ersten Zeit bedingungslos um die ganze Welt gefolgt.“ Er greift in seine Jackentasche und holt ein versiegeltes Kuvert heraus. „Jan, diesen Brief hat Lieke mir für dich mitgegeben. Entschuldige, dass er ein wenig geknickt ist, aber ich wurde auf dem Rückweg nach Kapstadt noch in einen Unfall verwickelt.“
Jan wischt sich Tränen aus den Augen, bevor er den Brief ergreift. Er zittert am ganzen Körper. Corrie sieht Simon an und macht ein paar energische Schritte in Richtung Küchentür. „Simon, von dem Unfall solltest du ein anderes Mal berichten, Jan braucht jetzt unbedingt Ruhe. Könntest du nun gehen?“
„Selbstverständlich. Auf Wiedersehen, Jan. Ich werde nun zu meiner Schwester reiten und dich in den nächsten Tagen wieder besuchen.“
Jan bekommt keine Silbe über seine Lippen. Schweiß steht auf seiner Stirn, allerdings scheint das Zittern weniger zu werden.
„Auf Wiedersehen, Simon.“
Corrie legt ihre Arme schützend um ihren Großonkel und wirft Simon noch einen eindringlichen Blick zu. Er nickt und verlässt das Haus. Vor der Tür löst er das Zaumzeug seines Pferdes und springt in den Sattel doch dann hört er plötzlich einen hellen, verzweifelten Schrei. Sofort springt Simon wieder vom Pferd und stürmt in die Küche. Jan liegt zusammengefallen mit dem Oberkörper auf dem Küchentisch, auf dem der geöffnete Brief liegt. Corrie sitzt mit panischem Blick daneben, die Hand an der Halsschlagader des Alten.
„Onkel Jan hat begonnen, den Brief zu lesen, und ist plötzlich zusammengebrochen. Er atmet kaum noch.“
„Wir legen ihn auf die Küchenbank“, entscheidet Simon. „Kannst du ihn stützen?“ Er zieht den Küchentisch von der Bank weg, um Platz zu schaffen, und hilft dann Corrie, ihren Großonkel lang auf die Küchenbank zu legen. Während Simon Jans Hemd am Hals aufknöpft, damit er besser Luft bekommt, wischt Corrie ihm vorsichtig aus dem Mund laufenden Speichel ab.
„Wir brauchen jetzt einen Arzt“, meint Simon. „Ich reite sofort zu Doktor Krone. Hoffentlich ist er zu Hause.“
„Beeil dich, es geht ihm sehr schlecht. So habe ich ihn noch nie gesehen.“ Corrie wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht. „Bitte, Simon, reite so schnell, wie du kannst.“
Es dauert fast vierzig Minuten, bis Simon in Begleitung des Doktors auf den Hof von Jan ter Bruggen zurückkehrt. Doktor Krone schnallt unverzüglich seine Arzttasche vom Sattel und verschwindet geschwind im Haus, während Simon die vom scharfen Galopp verschwitzten Pferde versorgt. Als er die Küche betritt, kniet Krone vor Jan. Corrie sitzt auf der Küchenbank und streichelt ihrem Großonkel zärtlich über die Stirn. Sie weint und zittert am ganzen Körper.
Der Doktor sieht dem eintretenden Simon entgegen und schüttelt den Kopf. „Er hat es nicht geschafft.“ Dann schließt er Jan die Augen und faltet seine Hände über seinem Bauch.
Simon setzt sich neben Corrie und legt seinen Arm um ihre Schulter. Er würde gerne etwas sagen, weiß aber nicht, was. Sein Mund fühlt sich trocken an und sein Magen zieht sich zusammen. So viel hat er noch mit Jan besprechen wollen, seinem alten Freund, und jetzt ist es zu spät … Alle möglichen Situationen, die Simon mit Jan in Verbindung bringt, schießen ihm ungefiltert und ungeordnet durch den Kopf, der allmählich zu schmerzen beginnt. „Leben gelebt“, murmelt er leise vor sich hin.
„Was?“, fragt Corrie verständnislos.
Simon räuspert sich. „Jan hat ein langes Leben gehabt“, sagt er vorsichtig. „Er hat sein Leben gelebt und hat viel erlebt.“
Corrie schluchzt noch einmal und sagt mit zitternder Stimme: „Er hat ein paarmal nach Luft geschnappt und dann war er ganz still … Alles war plötzlich ganz still …“
„Es hat zu lange gedauert“, meint Simon bekümmert. „Ich war zu langsam.“
Doktor Krone schüttelt den Kopf. „Nein, Herr Brown, ich hätte ihn nicht retten können, auch wenn wir eher hier gewesen wären. Sein Herz war einfach zu sehr geschädigt.“
„Was machen wir jetzt?“, schnieft Corrie.
„Hier kann er nicht liegen bleiben“, stellt der Doktor fest. „Wir sollten ihn auf sein Bett legen. Können Sie die Bettdecke vom Bett nehmen und die Türen öffnen?“
Die junge Frau nickt und macht sich auf den Weg. Offenkundig ist sie froh, etwas zu tun zu haben.
„Herr Brown, packen Sie mit an! Einer vorne, einer hinten.“
Vorsichtig und doch fest fassen die beiden Männer den Leichnam und schleppen ihn quer durch das kleine Haus, um ihn dann behutsam auf sein Bett zu legen. Simon wundert sich, wie schwer der Körper des alten Mannes ist.
„Ich werde morgen wiederkommen“, erklärt Simon. „Du kannst sicherlich Hilfe gebrauchen bei allem, was jetzt getan werden muss.“
Corrie lächelt ihn dankbar an. „Das wäre sehr freundlich, Simon.“
„Nichts für ungut, Corrie. Jan hat so viel für mich getan. Ich bin dankbar, wenn ich jetzt helfen kann … Er hat mir viel gegeben und ich habe viel von ihm gelernt.“ Seine Stimme klingt alles andere als fest.
Die Wanduhr in der Küche zeigt an, dass es bereits nach 18 Uhr ist. Zu spät für einen Besuch bei seiner Schwester, stellt Simon fest. „Es wird besser sein, wenn ich Josephine morgen in Ruhe besuche und auf dem Rückweg bei Corrie vorbeischaue“, denkt er. „Was werden die anderen zu Hause sagen, wenn sie hören, dass Jan gestorben ist?“

Simon ist froh, dass das Pferd den Weg nach Hause zu kennen scheint. Er ist nachdenklich und benommen und bekommt seine Umgebung kaum mit. Als er endlich zu Hause ankommt, ist es fast 19 Uhr. Die Familie ist bestimmt schon im Salon versammelt. Simon seufzt – er fühlt sich auf einmal sehr erschöpft. Im Flur läuft ihm Sarah über den Weg, die komischerweise ohne ein Wort an ihm vorbeirennt und in der Küche verschwindet. Gar nicht ihre Art, denkt Simon und öffnet die Salontür. Erschrocken bleibt er im Türrahmen stehen, denn die Gesichter, in die er schaut, sind fahl und panisch. Seine Mutter und Thesi weinen. „Was ist denn hier los?“, denkt Simon. „Wissen Sie etwa schon von Jan? Das kann doch gar nicht sein …“
„Simon, wo warst du die ganze Zeit?“, schluchzt seine Mutter. „Du wolltest doch bei Josephine vorbeischauen!“
„Entschuldigt“, stammelt Simon, „ich war bei Jan. Ich werde morgen bei Josephine vorbeischauen, versprochen. Ich …“
„Josephine ist tot!“, fliegen Simon die Worte seines Vaters um die Ohren. Plötzlich werden seine Knie weich und von einer Sekunde auf die andere scheint ihn alle Kraft zu verlassen. Unter Anstrengung schleppt Simon sich zum nächsten freien Sessel, während es in seinen Ohren rauscht und sein Blickfeld merkwürdig beschlagen erscheint. Ungläubig schaut er in die Runde.
„Sie ist heute Nachmittag in unseren Armen eingeschlafen“, erklärt Baltasar Braun nun etwas sanfter. „Das Fieber ist plötzlich sehr stark wieder zurückgekommen und ihr Körper hatte nicht mehr die Kraft, dagegen anzukämpfen, so sagte es uns Doktor Rombeck.“
Simon kommen selbst die Tränen und er fühlt sich einfach nur leer und schwach.
„Wieder und wieder hat sie nach dir gefragt, Simon“, fährt nun seine Mutter fort. „Josephines größter Wunsch war es, dich noch einmal zu sehen. Wir haben immer wieder versucht sie zu beruhigen, haben ihr gesagt, dass du auf dem Weg bist, dass du versprochen hast, sie heute zu besuchen …“
Simon reibt sich verzweifelt die Schläfen. „Mutter, ich konnte nicht früher kommen.“
„Ach was, Entschuldigungen über Entschuldigungen!“ Nun wird Josephine-Christine richtig zornig. „Das war früher schon so, wenn du von Jan kamst. Nie warst du um eine Ausrede verlegen. Aber ich frage dich, Simon: Was gibt es Wichtigeres als deine kranke Schwester?“
Simon will ihr antworten, weiß aber nicht so recht, was.
„Du hast dein Versprechen gebrochen, mein Sohn! Wirst du dir das jemals verzeihen können?“
„Mutter, entschuldige, aber das kannst du so nicht sagen“, versucht nun Christoph beruhigend auf Josephine-Christine einzureden. „Wie hätte Simon denn ahnen können, dass es Josephine plötzlich so viel schlechter geht, dass sie stirbt? Heute Morgen hast du mir noch gesagt, die Ärzte seien sich ziemlich sicher, dass es jetzt langsam bergauf ginge mit ihr.“
„Doktor Krone war heute gar nicht da“, fährt Josephine-Christine dazwischen. „Er hatte bis in den späten Nachmittag andere Patienten, nach denen er sehen musste.“
Unwillkürlich nickt Simon. „Das habe ich heute gemerkt. Ich musste bei ihm zu Hause sogar noch einige Zeit warten, bis er kam. Zunächst öffnete mir eine völlig fremde Frau die Tür und teilte mir mit, sie wäre die Gattin von Doktor Krone, und dann habe ich erst erfahren, dass der Doktor gar nicht mehr der Doktor Krone ist, den ich kenne, sondern sein Neffe Alexander. Das habt ihr mir gar nicht erzählt.“
Verwundert sehen ihn alle an. „Was wolltest du denn heute beim Doktor?“, fragt Christoph erstaunt.
Simon seufzt. Es ist einfach zu viel auf einmal. „Jan hatte einen Herzanfall und ist zusammengebrochen. Ich bin zu Doktor Krone geritten bin, um ihn zu holen … Aber es war zu spät. Als wir zurückkamen, war Jan tot.“
„Mein Gott, ich hatte keine Ahnung!“ Bei Josephine-Christine brechen wieder die Tränendämme und sie hält sich schluchzend ein Taschentuch vor den Mund. Balthasar legt beruhigend einen Arm um sie, ganz ähnlich, wie es Christoph bei der bedrückten Thesi macht.
Eine Weile sitzen sie in ihrer stummen Trauer zusammen, dann will Simon wissen: „Wie geht es Konrad?“
„Schlecht, Simon, sehr schlecht“, erwidert Balthasar, „genau wie seiner Mutter. Es ist eine Tragödie.“
„Und was ist mit dem Kind?“
„Das Ungeborene konnte auch nicht gerettet werden“, kommt es bitter aus Balthasars Mund.
Simon fährt sich durch die Haare und sieht traurig in die Runde. „Ich habe mich so auf euch und auf Weihnachten gefreut, und jetzt sterben geliebte Menschen – zehn Tage vor dem Fest. Man könnte fast meinen, auf mir liegt ein Fluch … Vielleicht sollte ich gehen, damit nicht noch mehr passiert.“
„Nein, Simon, so ein Unsinn!“, widerspricht ihm sein Vater. „Wir sind eine Familie und es ist besser, wenn wir jetzt zusammenhalten und uns gegenseitig Mut zusprechen.“
„Ich weiß nicht …“ Simon sieht auf die beiden Paare, die sich gegenseitig Trost spenden. Er kann es nicht ändern, dass er sich irgendwie fehl am Platze fühlt.
„Ach, das hätte ich fast vergessen!“ Josephine-Christine erhebt sich plötzlich und tritt an die Kommode an der Wand. Sie öffnet eine Schublade und holt einen Briefumschlag heraus. „Ich wollte ihn dir schon gestern geben, aber da habe ich ihn in der Aufregung vergessen. Der Brief ist von deiner Cousine Elisabeth aus London. Sie will sich bestimmt erkundigen, wie es dir geht.“
Simon rafft sich auf und nimmt den Brief entgegen. Eigentlich ist der ihm gerade ziemlich gleichgültig. Langsam schiebt er einen Finger unter das Siegel und bricht es auf. Als er den Brief herauszieht, fällt ein kleineres Kuvert auf den Teppich, das noch einmal versiegelt ist. Simon hebt den kleinen Umschlag auf und dreht ihn um. Im nächsten Augenblick schnürt es ihm die Kehle ab und er ist starr vor Schreck. Auf dem Umschlag steht in einer vertrauten Handschrift: „Marala an Simon, Amsterdam, 6. November 1834.“

Ich kann mich noch erinnern, wie ich in diesem Dezember, frühmorgens am Tag nach Josephines und Jans Tod, auf dem Wall am Ufer des Rheins stand und aufs Wasser starrte. Es hatte bereits in der Nacht angefangen zu schneien, ringsherum war alles in Weiß gehüllt und wirkte so friedlich. In mir dagegen war vom weihnachtlichen Frieden nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Ich stand neben mir, zweifelte an mir selbst und machte mich mit verantwortlich für den Tod dreier geliebter Menschen: Josephine, Jan und Callum.
Es war die Stimme meines Vaters, die mich aus meinen Gedanken riss. Er war neben mich getreten und sagte etwas davon, dass sich die Geschichte wiederhole. Genau hier an dieser Stelle habe er auch gestanden, als ich am 27. Mai 1812 geboren wurde. Er hätte damals Angst um meine Mutter und mich gehabt, es im Haus nicht mehr ausgehalten und wäre deshalb hierher auf den Wall gegangen. Mehr musste mein Vater nicht sagen, trotz aller ungelöster Fragen trösteten mich seine Worte ein wenig.

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