5.16 Auf den Punkt getroffen

Es ist ein klarer, kalter Novemberabend. Über Lohne und dem Haus der Brägelmanns breitet sich der Sternenhimmel wie ein Schmuckteppich aus. Simon, der neben dem kleinen Anton hinter dem Haus steht, muss an seine Familie denken. Ob sie in Mainz jetzt denselben klaren Himmel sehen können? Wann wird er sie wohl endlich wiedersehen und in seine Arme schließen können – den Vater, die Mutter, die Großeltern, Christoph und seine Schwester Josephine, die jetzt eine Gräfin ist und mittlerweile deutlich sichtbar schwanger sein dürfte? Auf seinen neuen Schwager, den Grafen Konrad, ist Simon sehr gespannt: Was muss der für ein Mann sein, dass Josephine derartige Schwierigkeiten auf sich genommen hat, um ihn heiraten zu dürfen? Simon seufzt, weil er immer noch nicht weiß, wann er seinen neuen Reisepass bekommen wird und endlich in Richtung Heimat aufbrechen kann.
„Wie heißt der Stern noch?“, reißt der Junge neben ihm ihn aus seinen Gedanken. Anton zeigt mit ausgestrecktem Finger nach oben in den Himmel.
Simon räuspert sich und konzentriert sich auf seine Gegenwart hier. „Das ist einer der Sterne, den ich dir vorgestern erklärt habe. Vielleicht kannst du dich an seinen Namen ja noch erinnern, denk einmal scharf nach.“
Mit einem leisen Quietschen öffnet sich die Hintertür in ihrem Rücken und Licht fällt auf die beiden Sterndeuter. „Na, Anton, erklärt Simon dir den Sternenhimmel?“
„Ja, Papa, das ist sehr interessant, aber auch ganz schön kompliziert. Simon scheint fast jeden Stern zu kennen.“
„Nun, das muss er wohl auch, damit er auf den weiten Weltmeeren nicht verloren geht.“
Simon muss schmunzeln und nickt. „Genau. Und jetzt überleg noch einmal, Anton: Was habe ich dir über diesen Stern dort oben erklärt?“
„Ist das vielleicht der wichtigste Stern der Nordhalbkugel?“
„Für bestimmte Menschen ist er ausgesprochen wichtig.“
„Dann ist es der Polarstern!“, ist sich Anton sicher und erklärt seinem Vater voller Stolz: „Alle Sterne der nördlichen Erdhalbkugel drehen sich um den Polarstern.“
„So, so“, brummt Aloys amüsiert, „alle Sterne drehen sich um den Polarstern?“
„Nein, Papa, du hast das nicht verstanden – alle Sterne der nördlichen Erdhalbkugel.“
„Das ist nicht ganz richtig, Anton, da fehlt ein wichtiges Detail.“ Beruhigend legt Simon seine Hand auf die Schulter des Jungen. „… und zwar ‚von der Erde aus‘. Also, von der Erde aus gesehen drehen sich scheinbar alle Sterne der Nordhalbkugel um den Polarstern. Da sich der Polarstern fast genau in der Verlängerung der Rotationsachse der Erde befindet, bewegt er sich in unseren Augen praktisch nicht. Dank dieser Lage dient er uns Seefahrern und Reisenden zur Orientierung.“
„Genau, so ist das!“, bestätigt Anton zufrieden.
Aloys berührt seinen Gast am Arm und hält ihm einen Umschlag entgegen. „Simon, dieser Brief ist heute für dich angekommen.“
Erstaunt nimmt Simon den Umschlag entgegen und schiebt seinen Zeigefinger unter das große Dienstsiegel, um es zu brechen. Dann zieht er ein akkurat gefaltetes Stück Papier heraus, faltet es auseinander und stellt fest: „Zu dunkel zum Lesen. Können wir reingehen?“
„Ja, natürlich.“ Aloys öffnet die Hintertür. „Gehen wir in die Küche, da ist ausreichend Licht; die Frauen sind noch mit Handarbeiten beschäftigt.“
In der Küche ist es am Herd, unter dem noch die Glut glimmt, angenehm warm. „Simon hat Nachrichten aus Oldenburg“, erklärt Aloys den um den Tisch sitzenden Frauen. Grete reagiert am schnellsten und rückt auf der Küchenbank näher an ihre Schwester heran. „Kommt, setzt euch, wir machen Platz.“
Nachdem er sich gesetzt hat, legt Simon das Briefkuvert auf den Tisch und schaut sich das Schreiben genauer an.
„Nun sag schon – alles in Ordnung?“, drängelt Grete neugierig. „Wann geht es los?“
„Grete, langsam!“ Aloys wirft seiner Tochter einen strengen Blick zu. „Gib ihm doch die Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen.“
„Schon gut“, beschwichtigt Simon und beginnt vorzulesen: „Ehrenwerter Herr Brown, mit diesem Schreiben möchten wir Sie von Amts wegen darüber in Kenntnis setzen, dass Sie sich am 28. November 1834, gegen 10 Uhr vormittags an der Kirche in Steinfeld einzufinden haben.“ Simon schaut kurz auf, um sich gleich darauf wieder in das Schreiben zu vertiefen. „Hm, ich reise wohl mit Oldenburger Landdragonern, soll mich bei einem Korporal Bakenhus melden. Der hat dann wohl auch meinen neuen Reisepass.“
„Das ist ja übermorgen!“, ruft Käthe überrascht aus. „So schnell schon?“
Grete sieht ihre Mutter kopfschüttelnd an. „Zuerst wolltest du Simon gar nicht hier haben und jetzt willst du ihn nicht gehen lassen? Typisch Mama.“
„Nun übertreib mal nicht, Grete“, versucht Käthe ihre Verlegenheit zu überspielen. „Ein bisschen Vorsicht hat noch niemandem geschadet. Man kann ja nicht wissen, mit wem … Die Zeiten sind nicht sicherer geworden. Nichts für ungut, Simon, ich muss sagen, du bist ein sehr umgänglicher Gast gewesen, und die Angelegenheit mit den Viehdieben hast du großartig geregelt, das werde ich dir nicht vergessen.“
„Danke, Käthe.“ Simon wendet sich Grete zu: „Wie heißt es doch so schön? ‚Gut ist Bedachtsamkeit und weise die Vorsicht.‘ Deine Mama hat alles richtig gemacht und das sage ich nicht nur so.“
„Freust du dich darüber, dass es jetzt wohl doch noch mit Weihnachten zu Hause klappt?“, meldet sich nun die ältere Tochter der Brägelmanns etwas schüchterner zu Wort.
„Ja, Cornelia, außerordentlich. Aber ich habe mich bei euch auch sehr wohlgefühlt und bin euch dankbar, dass ihr mich so herzlich aufgenommen habt. Das ist nicht selbstverständlich, vor allem bei einem Fremden, der weder Geld noch Reisepass besitzt.“
„Das wird sich ja in absehbarer Zeit wieder ändern“, meint Aloys zuversichtlich. „Hast du eigentlich die Sache mit den Kreymborgs geklärt?“
„Ja, vorgestern bin ich zum Kaffee dort gewesen, ist alles in Ordnung.“
„Das beruhigt mich. Darauf sollten wir anstoßen.“ Aloys steht vom Tisch auf und holt eine Flasche Kornbrand sowie drei Gläser aus dem Küchenschrank. „Na dann, ein Prosit auf eine glückliche Reise und den neuen Reisepass!“
In einem Schluck werden die Gläser geleert, aber im Gegensatz zu Aloys und Simon schüttelt sich Käthe gewaltig. „Bah!“, ruft sie aus. „Wie kann man das Zeug nur trinken!“
Die anderen brechen in lautes Lachen aus, aber Grete wird schnell wieder ernst. „Was steht denn noch in dem Brief oder war das alles?“, will sie neugierig wissen.
„Schau selbst.“ Simon reicht ihr das Schreiben hinüber.
Die jüngere Tochter des Hauses vertieft sich interessiert in den Brief. „Ein Pferd stellen sie dir zur Verfügung, damit du nicht laufen musst.“
„Wohl eher, damit ich Schritt halten kann, sonst schaffen wir die Strecke bis Ostern nicht.“
„Außerdem steht hier, dass für die Unterkünfte, vornehmlich Gasthäuser, gesorgt ist, aber dass sich die Oldenburgische Regierung vorbehält, dir die entstandenen Aufwendungen zu berechnen. Was bedeutet das, Papa?“
„Das bedeutet, dass Simon, wenn er wieder Geld hat, die Übernachtungskosten bezahlen muss.“
„Nichts anderes habe ich erwartet“, nickt Simon verständnisvoll, aber auch zufrieden. Es geht endlich nach Hause!

Zwei Tage später steht Simon an einem frostig-kalten Morgen vor dem Haus der Familie Brägelmann und verabschiedet sich von jedem einzelnen Familienmitglied. Die ersten Kilometer nach Steinfeld wird er zu Fuß zurücklegen. Aloys hatte ihn mit dem Fuhrwerk bringen wollen, aber Simon hat dankend abgelehnt, denn das hätte Aloys mindestens einen halben Tag seiner Zeit gekostet. Dafür hat Käthe ihm ein Verpflegungspaket zugesteckt, bevor sie ihn noch ein letztes Mal in ihre Arme geschlossen hat.
In Antons Begleitung marschiert Simon zielstrebig in Richtung Südlohne los. Als die Besiedlung immer spärlicher wird, muss Simon den Jungen davon überzeugen, dass es Zeit für ihn ist umzukehren. Nach einem letzten Winken setzt er seinen Weg alleine fort. Zügigen Schrittes geht es über Mühlen bis nach Steinfeld, wo er die Kirche direkt im Ort findet. Die Kirchturmuhr zeigt Simon, dass er noch über eine halbe Stunde Zeit hat. So setzt er sich auf die Eingangsstufen zum Turm und lässt sich Käthes Verpflegung schmecken. Auf dem strammen Marsch von Lohne ist ihm die Kälte gar nicht aufgefallen, aber jetzt auf dem nackten Stein der Eingangsstufen zieht langsam die Kälte in ihm hoch. So entschließt er sich, wieder in Bewegung zu kommen, und spaziert über den Friedhof, um sich den einen oder anderen Grabstein genauer anzuschauen.
Kaum eine Viertelstunde später ist das Geräusch von Pferdehufen zu hören. Mehrere blau uniformierte Reiter und eine Kutsche halten auf die Kirche zu. Rasch geht Simon dem Trupp entgegen, um die Männer nicht warten zu lassen.
„Moin!“ Der an der Spitze reitende Landdragoner hebt seine Hand zum Gruß an die Schirmmütze. „Sind Sie der Amerikaner Brown?“
„Moin“, grüßt Simon zurück. „Ja, der bin ich.“
„Ich bin Korporal Bakenhus, der Brigadeführer. Na, dann wollen wir mal … Ach, eine Sache noch, Herr Brown: Ich habe in Ihrem neuen Reisepass gelesen, dass Sie sich auf Schiffen wohlfühlen. Werden Sie sich auch im Sattel eines Pferdes halten können?“
„Ja, kein Problem.“
„Dann wenden Sie sich an den Dragoner Terbeck, er führt ein Pferd für Sie mit sich. Ihr Gepäck können Sie auf die Kutsche werfen; unser Kutscher Högel wird es für Sie verstauen. Bekannt machen können Sie sich auf dem Weg, denn wir sollten heute noch bis hinter Osnabrück kommen.“
„Danke, Korporal“, antwortet Simon und wirft sein Gepäck von hinten auf den Gepäckträger der Kutsche. Der Kutscher, ein dicklicher, dunkelblonder Kerl von gedrungener Statur stellt sich eher ungeschickt an. Simon begibt sich zu dem freien Pferd, einer Braunen mit weißer Blesse. Der Dragoner daneben reicht ihm die Zügel und Simon sitzt auf.
„Moin, ich bin der Carl“, stellt sich der Mann freundlich vor.
„Moin, mein Name ist Simon.“
„So, wie du in den Sattel gesprungen bist, reitest du schon länger.“
„Ja, von meiner frühen Jugend an. Wer sind die anderen?“
Noch bevor Carl etwas sagen kann, dröhnt es von vorne: „Landdragoner, marsch!“ und der Zug setzt sich in Bewegung.
Carl lässt sein Pferd neben Simons Brauner laufen und erklärt: „Vorne neben dem Korporal reitet der Dragoner Nikolaus Tilemann, unser Küken. Er ist erst sechsundzwanzig Jahre alt, aber schon verlobt. Dahinter links haben wir Walther Driver, unseren überzeugten Junggesellen; er legt großen Wert auf seinen Schnurrbart. Vor dir hast du Hugo Ziegler – sprich ihn nicht auf sein Privatleben an, seine Frau ist ihm durchgebrannt – und auf dem Kutschbock sitzt unser kleiner dicker Otto Högel. Die Stute, auf der du reitest, gehört übrigens ihm. Also, pass gut auf die Braune auf.“
„Ich behalte dich im Auge, Brown“, ist von hinten eine dunkle Stimme zu hören. Simon dreht sich kurz zum Kutscher um, der ihm vergnügt zuzwinkert. „Sie heißt Elfi, behandle sie wie deine Freundin.“
„Keine Sorge, wir werden uns gut verstehen.“
„Übrigens, Carl“, ruft der Kutscher, „das mit dem dicken Otto habe ich auch gehört!“
Carl grinst nur und fährt dann mit gesenkter Stimme fort, sodass Simon sich richtiggehend anstrengen muss, um das Gesprochene zu verstehen: „In der Kutsche fahren übrigens Regierungsdirektor Fischer und Staatssekretär Fosch.“
„Ein Regierungsdirektor?“
„Ja, der Regierungsdirektor des Fürstentums Birkenfeld. Das gehört zu uns.“
„Das hat man mir bereits mitgeteilt, als ich meinen neuen Reisepass beantragt habe. Aber, sag einmal, Carl, schlafen wir in Gasthäusern?“
Sein Nachbar sieht ihn erstaunt an. „Ja, selbstverständlich, und auf dieser Reise bestimmt in feineren als gewöhnlich.“
„Gestatte mir noch eine Frage, Carl. Ihr Dragoner seid doch unter anderem dafür zuständig, für Recht und Ordnung auf den Straßen zu sorgen. Wie ist das aber, wenn ihr euch, wie jetzt, auf staatsfremdem Gebiet bewegt?“
„Na, dann auch, natürlich. Grundsätzlich sind wir zur Aufrechterhaltung der öffentlichen und augenblicklichen Sicherheit verpflichtet. Zudem haben wir bei Schlägereien, Diebstählen und Wilderei einzugreifen und Reisende vor Überfällen zu schützen. Dabei sind wir immer der jeweiligen Ortspolizeibehörde unterstellt.“

In den nächsten Stunden des Vormittags nimmt die Brigade ihren Weg über Damme nach Vörden, wo sie vor einem Wirtshaus rasten, um die Pferde zu versorgen und ein Mittagessen einzunehmen. Da Simon mit den ersten Dragonern die Schankstube betritt und sich zu ihnen an den Tisch setzt, bleibt ihm ein Blick auf die beiden Insassen der Kutsche verwehrt. Die kleinen bunten Scheiben der Bleiverglasung in der Schankstube lassen keinen Durchblick zu und die Herren scheinen zum Essen in einen separaten Raum geleitet zu werden. Im Schankraum verbreitet ein großer grauer Kachelofen wohlige Wärme.
„Guten Tag, die Herren.“ Eine ältere, gepflegt wirkende Dame tritt an den Tisch. „Kalt heute, da kann etwas Warmes im Magen nicht schaden. Darf ich Ihnen auch etwas zu trinken anbieten?“
„Ja, gerne, eine Runde Bier“, ordert Walther Driver.
„Walther, wir dürfen Korporal Bakenhus, Otto und Hugo nicht vergessen, die sind noch bei den Pferden“, wirft Carl ein.
„Keine Angst, habe ich nicht vergessen. Gnädige Frau, wir benötigen sieben Bier.“
„Draußen steht auf einer Tafel, dass Sie frischen Grünkohl anbieten“, meint Carl und reibt sich die Hände.
„Ja, Grünkohl mit Kassler, Speck und Kartoffeln“, bestätigt die Wirtin. „Auch sieben Mal?“
Walther nickt und die Frau entfernt sich eilfertig, um ihr Bier zu zapfen. Als die übrigen Dragoner sich zu ihnen gesellt haben, nimmt sich Simon Zeit, um in die Runde zu schauen und die Männer zu betrachten, die er bisher eher von hinten gesehen hat. Besonders Korporal Bakenhus interessiert ihn – er ist ein hochgewachsener, athletisch wirkender Mann mit krausen blonden Haaren. Jetzt sieht der Korporal ihn an und fragt: „Herr Brown, ich habe in Ihrem neuen Reisepass gelesen, dass sie sich nicht nur eine Schusswunde, sondern auch einen Krokodilbiss zugezogen haben. Wo holt man sich denn so etwas?“
„Den Krokodilbiss in der Karibik und die Schusswunde auf Madagaskar …, als ich eine junge Dame beschützen wollte.“
„Mein Gott, du kommst aber rum auf der Welt“, stellt Otto Högel fest.
„Darf ich Sie etwas fragen, Korporal?“, wendet Simon sich an Korporal Bakenhus.
„Fragen dürfen Sie alles, Brown“, erklärt der Angesprochene.
„Eine Antwort gibt es aber nur auf die richtige Frage“, wirft Walther Driver ein und trägt damit zur allgemeinen Erheiterung bei.
„Ich versuche es trotzdem“, erklärt Simon. „Mir ist aufgefallen, dass Ihnen eine halbe Ohrmuschel fehlt. Haben Sie sich die Verletzung im Kampf zugezogen?“
„Könnte man denken, nicht wahr?“ Korporal Bakenhus schaut für einen Augenblick nachdenklich in die Runde, als müsste er noch überlegen, was er erzählen soll. Seine Antwort aber fällt enttäuschend aus. „Nichts für ungut, Brown, aber ich habe noch etwas mit dem Staatssekretär zu besprechen, was keinen Aufschub duldet. Wenn Sie mich also entschuldigen wollen.“ Er nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Bier und ergänzt: „Bin gleich zurück.“
„Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten“, versucht sich Simon zu entschuldigen.
Bevor er den Raum verlässt, dreht Bakenhus sich noch einmal um: „Schon gut, Brown.“
Mit geheimnisvollem Blick lehnt sich nun Hugo Ziegler über den Tisch und flüstert: „Den Gerüchten nach war es keine Verletzung im Kampf, sondern der scharfe Säbel eines betrogenen Ehemannes.“
„Ich denke, der ist gar nicht verheiratet?“, wirft Otto mit fragendem Blick ein.
„Mensch, Otto, ist er ja auch nicht!“
„Aber Hugo, du hast doch gerade gesagt …“
„Högel, der Ziegler hat recht“, mischt sich Carl Terbeck ein. „Bakenhus soll vor einigen Jahren eine Affäre mit einer verheirateten Dame gehabt haben, und zwar mit einer sehr attraktiven Dame.“
„Ach, so …“ Erstaunt hebt Otto die Brauen.
„Ja, sie war verheiratet, aber leider nicht mit ihm. Irgendwann kam ihr Gatte ihnen auf die Schliche und forderte ihn zum Duell, was, wie wir alle wissen, grundsätzlich verboten ist. Dennoch ließ er sich auf ein Säbelduell ein. Der betrogene Ehegatte war ein hervorragender Fechter, was man an Bakenhus‘ Ohr zweifelsfrei erkennen kann, und so soll es ein langer und ausgesprochen harter Kampf gewesen sein. Schlussendlich gelang es Bakenhus trotzdem, seinen Gegner niederzuringen und so den Kampf für sich zu entscheiden, glücklicherweise sogar, ohne den betrogenen Ehegatten töten zu müssen. Ansonsten hätte er seinen Posten bei den Landdragonern an den Nagel hängen müssen. Es wurde zwar Stillschweigen über diese Indiskretion vereinbart und der Korporal musste dem Ehegatten schwören, dessen Frau niemals wiederzusehen, aber man weiß ja, dass so etwas nicht dauerhaft geheim gehalten werden kann.“
„Mein Gott, das hätte ich niemals gedacht!“, stößt Hugo Ziegler hervor.
„Was hättest du nicht gedacht?“, fragt Carl Terbeck nach. „Dass unserem Korporal so etwas passiert?“
„Ist doch auch nur ein Mensch“, meint Walther Driver ungerührt.
Als die Männer nach der Mittagsrast ihre Pferde wieder besteigen, fällt Simon auf, dass die Herren der Regierung schon wieder in der Kutsche sitzen müssen und es ihm deshalb wieder nicht gelingen wird, einen Blick auf sie zu erhaschen.
„Simon, du kannst neben mir reiten“, sagt Hugo Ziegler zu ihm und bedeutet Walther Driver, seine Position neben Carl Terbeck einzunehmen.
Während sich der Tross wieder in Bewegung setzt, fragt Hugo: „Wie ist es so in Amerika? Lässt es sich dort gut leben?“
„Das kann man so pauschal gar nicht beantworten. Ich würde sagen, ich habe mächtig Glück gehabt und liebe, ehrliche Menschen gefunden, die mich immer gefördert und unterstützt haben. Aber in den großen Städten wie New York leben viele Menschen auch in ärmlichen Verhältnissen.“
Hugo wirft Simon einen nachdenklichen Seitenblick zu, um dann seinen Blick wieder nach vorn auf den Weg zu richten. „Bekannte meiner Schwester sind vor vier Jahren von Damme nach Amerika ausgewandert, nach Cincinnati. Die Briefe, die von dort kommen, klingen jedenfalls äußerst ermutigend, fast schon euphorisch. Meine Schwester meint, dass in Amerika zur Zeit alles möglich sei und dass dort alle Menschen gleich seien. Ist das nun gut oder schlecht?“
Simon lässt seinen Blick nachdenklich über die flache Landschaft wandern, bevor er antwortet. „Ja, in der Tat, es gibt keine Stände und keine Adeligen, keine Herrschaft und kaum noch Dienerschaft, seit damit begonnen wurde, die Sklaverei abzuschaffen. Aber es ist ein Irrglaube zu meinen, dass dort alle Menschen gleich wären. Auch dort gibt es die Reichen und die Armen. Hast du Geld, hast du auch die Macht, andere für dich springen zu lassen. Hast du keins, bist du auch irgendwie abhängig. Also, Hugo, auch in Amerika ist nicht alles Gold, was glänzt.“

In den folgenden Tagen führt der Weg die Männer über Münster, Dortmund, Köln und Koblenz bis nach Filsen am Rhein. Kurz hinter dem Dorf setzen sie mit der Fähre über den Rhein nach Boppard über, von wo es weiter in Richtung Birkenfeld geht. Sie durchqueren Ortschaften wie Emmelshausen, Kastellaun, Kappel und Gemünden im Hunsrück, wo sie mit Blick auf das Schloss übernachten. Beim Frühstück am nächsten Morgen, dem 9. Dezember, drängt Korporal Bakenhus auf einen frühzeitigen Aufbruch, damit sie in den Abendstunden Birkenfeld erreichen können.
Einige Kilometer hinter Gemünden führt sie ein gut ausgebauter Weg durch ein ausgedehntes Waldgebiet. Vor einem mit Büschen und Bäumen bewachsenen Hügel gabelt sich der Weg. Unmittelbar bevor der Trupp die Gabelung erreicht, zerreißen zwei kurze knallende Geräusche die Luft und bringen die Pferde zum Scheuen.
Gewehrschüsse, denkt Simon sofort. Korporal Bakenhus zieht an den Zügeln, sodass sein Pferd schon nach wenigen Metern zum Stehen kommt. Schnell reißt er seinen linken Arm nach oben und dreht sich zu den anderen um. „Männer … Gewehrschüsse! Möglicherweise Wilddiebe … Auf jeden Fall eine Bedrohung. Allergrößte Vorsicht! Driver und Ziegler, sie nehmen den linken Weg, Tilemann, Sie kommen mit mir. Terbeck und Högel, Sie bleiben bei der Kutsche. Auch für Sie gilt Vorsicht. Es könnte auch ein Ablenkungsmanöver oder ein Hinterhalt sein, um uns zu trennen. Männer, zieht die Säbel und auf geht‘s!“
Schnaubend setzen sich die Pferde im Galopp in Bewegung und schon sind beide Reiterpaare im Wald verschwunden. Die Dragoner Terbeck und Högel sehen sich aufmerksam und gespannt um. Da wird vorsichtig die Tür der Kutsche geöffnet und Staatssekretär Fosch steigt heraus. „Meine Herren, was ist passiert? Was war das für ein Lärm? Wo sind der Korporal und die anderen hin?“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Staatssekretär“, bemüht sich Terbeck ihn zu beruhigen. „Wir hörten zwei Gewehrschüsse, und der Korporal ist mit drei Männern in der Richtung, aus der wir die Schüsse vermuten, auf die Suche gegangen. Es wird besser sein, wenn Sie in der Kutsche warten, bis sie zurück sind. Dort sind Sie am sichersten.“ Fosch nickt und zieht die Tür wieder zu.
Da springt Simon vom Pferd, reicht dem Dragoner seine Zügel und bittet ihn: „Leih mir deine Büchse, Carl.“
„Was willst du?“, fragt Carl Terbeck verwundert. „Wir sollen hier warten.“
„Ja, ich weiß! Ich will mir nur einmal einen Überblick verschaffen. Wäre es nicht möglich, dass die beiden Wege hinter dem Hügel wieder aufeinandertreffen? Wenn ich den Hügel hinaufrenne und mich auf der anderen Seite in Stellung bringe, kann ich vielleicht unauffällig etwas beobachten. Ich werde vorsichtig sein und mich im Hintergrund halten. Es ist vielleicht von Vorteil, wenn einer die Gegend von oben im Auge behält. Sollten die anderen schneller wieder zurück sein als ich, erklärst du dem Korporal meine Idee – wenn alles gut geht und ich rechtzeitig zurück bin, müssen wir auch nichts erwähnen. Bitte, Carl, gib mir deine Büchse.“
Carl dreht sich zu Otto um, der mit den Achseln zuckt und meint: „Recht hat er irgendwie; vielleicht bringt ein Blick von oben ja wirklich einen guten Überblick.“
„Aber der Befehl lautete, dass wir hier auf die anderen warten sollen.“
„Aber der Korporal sagte genau genommen, dass Otto und du hier warten sollt; mein Name ist nicht explizit gefallen“, versucht es Simon weiter hartnäckig.
„Da hat er recht“, wendet der Dragoner Högel ein.
„Nun gut.“ Carl reicht Simon seine Büchse. „Aber du hältst dich im Hintergrund.“
Simon nickt. „Gib mir auch noch ein paar Schuss Munition – man kann ja nie wissen.“
Carl greift in eine seiner Satteltaschen und reicht Simon fünf Pulvertütchen mit je einer Kugel, die dieser in seiner linken Jackentasche verschwinden lässt. Im nächsten Augenblick dreht er sich um und rennt mit Anlauf den Hügel hinauf. Oben angekommen schaut er noch einmal zur Kutsche zurück. Anschließend bahnt er sich einen Weg durch Unterholz und loses Buschwerk, bis er die gegenüberliegende Seite des Hügels erreicht, der hier in einem felsigen Steilhang abfällt. Vorsichtig schaut Simon sich um und lauscht auf Geräusche in seiner unmittelbaren Umgebung. Doch es ist nichts Auffälliges zu hören; er scheint die einzige Person weit und breit zu sein.
Behutsam und möglichst geräuschlos nähert Simon sich der Kante, wo er hinter einem schmalen Felsen in halbwegs geschützter Position in Deckung geht. Aufmerksam betrachtet er das Gelände, das sich unter ihm ausbreitet. Dank der winterlich kahlen Bäume hat er eine recht gute Sicht und erkennt sofort, dass sich die beiden Wege, die links und rechts um den Hügel herumführen, etwa einhundert Meter dahinter wieder vereinigen.
Lange muss Simon nicht warten, bis Korporal Bakenhus und Tilemann von rechts kommend mit gezückten Säbeln im Schritttempo in sein Sichtfeld reiten. Aufmerksam schauen sich die beiden Dragoner um. Auf der anderen Seite müssten jeden Augenblick Driver und Ziegler auftauchen; Simon kann bereits die Hufe ihrer Pferde und ihre leisen Stimmen hören. Jetzt sind die beiden Dragoner auf dem Weg zu sehen und Simon kann auf die Entfernung ihre Anspannung erkennen, mit der sie ihre Blicke links und rechts des Weges durchs Unterholz schweifen lassen. Von den beiden Schützen fehlt scheinbar jede Spur. „Die werden sich bereits verdrückt haben“, denkt Simon.
Mittlerweile haben sich die vier Dragoner an der Weggabelung getroffen und Simon kann vereinzelte Worte ihres Gespräches aufschnappen. Der Korporal scheint Driver und Ziegler zu befehlen, zu den anderen zurückzukehren, um sie zu holen, während er und Tilemann wohl den Weg noch einige Hundert Meter weiter nach möglichen Spuren absuchen wollen.
Gerade fällt Simon ein, dass er es jetzt noch vor der Rückkehr der Dragoner zur Kutsche schaffen könnte und somit seine Abwesenheit gar nicht auffallen würde, als er plötzlich rechts des Weges eine Bewegung im Unterholz wahrnimmt. Ein rothaariger Mann hockt mit einem Gewehr im Anschlag eng neben einem breiten alten Baum und beobachtet den Weg. Hinter dem Baum kauert noch eine zweite Person mit einer braunen Mütze, von der Simon ansonsten nur den Rücken sieht. Er legt den Lauf seiner Büchse auf den Felsen und nimmt den Rothaarigen ins Visier, um ihn besser erkennen und mehr Details wahrnehmen zu können.
Von unten hört er Tilemanns Stimme: „Jawohl, Korporal, unverzüglich!“ Während Driver und Ziegler davongaloppieren, lassen Bakenhus und Tilemann ihre Pferde im Schritttempo den Weg entlanggehen.
„Sie laufen in die Falle!“, schießt es Simon durch den Kopf. Die beiden Dragoner haben nur ihre Säbel und werden sich gleich zwei Gewehren gegenübersehen. Die Unterstützung durch die anderen Dragoner wird nicht rechtzeitig zur Stelle sein … „Ich muss sie warnen … Oder kann ich die beiden Wegelagerer einschüchtern?“
Vor einigen Tagen hatte er sich mit Carl über Gewehre unterhalten und diesem von seiner Baker Rifle vorgeschwärmt, die er von William Scott und Thomas Baxter in Schottland bekommen hat. Daraufhin hatte ihm Carl erzählt, dass auch sein Gewehr einen gezogenen Lauf hätte. Er hatte sich darüber beklagt, dass er dadurch auf ein bis zwei Schuss pro Minute beschränkt sei, da die Büchse viel mühseliger zu laden wäre als eine gewöhnliche Muskete. Mit einer solchen Waffe hätte er es schon einmal auf fast sechs Schuss pro Minute geschafft, weil die Kugeln in den Gewehrlauf einfach nur so hineinplumpsen. Bei diesem Gespräch hatte Simon auch erfahren, dass Carls Büchse zwei Strich rechts schießt.
Simon greift in seine linke Jackentasche, holt eines der Pulvertütchen mit Kugel heraus und legt es auf den Felsen vor sich. Er bemüht sich, möglichst ruhig zu atmen, und visiert den rothaarigen Kerl über Kimme und Korn an. Er könnte sich jetzt auf Carl verlassen und zwei Strich links anhalten, doch ist ihm nicht wohl bei der Sache – er könnte den Mann versehentlich töten. Da fällt ihm oberhalb des Kopfes des Rothaarigen ein Astloch im breiten Baumstamm auf. Also richtet er die Büchse zunächst darauf aus, um sich mit einem Probeschuss Carls Angaben zu versichern und die Dragoner zu warnen. Simon legt den Finger an den Abzug und atmet ruhig ein und aus, ein und aus, dann hält er die Luft an und zieht den Abzug gleichmäßig durch. Laut krachend ertönt der Schuss, der tatsächlich zwei Strich rechts neben dem Astloch einschlägt. Der mutmaßliche Wilderer zuckt zusammen und duckt sich noch tiefer in die Hocke. Verunsichert schaut er nach links und rechts. Hinter dem Baum kommt jetzt der andere Mann zum Vorschein, ein etwa vierzig- bis fünfzigjähriger bärtiger Kerl mit sonnengegerbter Haut, der dem Rothaarigen ein Zeichen gibt, in Deckung zu bleiben. Die beiden Dragoner auf dem Weg beruhigen ihre Pferde und bringen sie zum Stehen, stecken die Säbel zurück und ziehen dafür ihre Pistolen.
Simon ist in der Zwischenzeit schon aufgesprungen und hat das Gewehr blitzschnell neu geladen. Unten setzen sich Bakenhus und Tilemann erneut in Bewegung und tasten sich im Schritttempo weiter den Weg entlang. Der Rothaarige im Unterholz erhebt sich ein wenig aus der Hocke und zielt mit seinem Gewehr in Richtung des Weges; wahrscheinlich warten die beiden Männer darauf, dass die Dragoner in ihr Schussfeld kommen. Simon schaut weiter ruhig atmend über Kimme und Korn und zielt auf den massiven Holzgriff unter dem Gewehrlauf des mutmaßlichen Wilderers, dann richtet er seine Büchse zwei Strich nach links aus. In der nächsten Sekunde hält er die Luft an und zieht den Abzug durch. Wieder ist ein Schuss zu hören und Simon sieht, wie die Kugel den Griff des Gewehres auseinanderreißt. Ein lauter Aufschrei enttarnt die Männer im Gebüsch und im nächsten Augenblick stehen die Dragoner vor ihnen, die Pistolen im Anschlag. Während der eine der beiden mutmaßlichen Wilddiebe ihnen seine Waffe vor die Füße wirft, starrt der Rothaarige wie versteinert auf sein Gewehr mit dem geborstenen Holzgriff.
„Waffen weg und mit erhobenen Händen auf den Weg treten!“, schreit Bakenhus. Nun lässt auch der Rothaarige sein Gewehr fallen und tritt nach seinem bärtigen Kumpan aus dem Unterholz auf den Weg.
„Auf die Knie und die Hände oben lassen!“, befiehlt der Korporal. „Tilemann, durchsuchen Sie die beiden Halunken auf weitere Waffen.“
In diesem Moment kommt die Kutsche mit den anderen Männern um die Wegbiegung. Simon muss nun zunächst einige Hundert Meter dem Steilhang folgen, um eine geeignete Stelle zu finden, an der er wieder auf den Weg gelangen kann. Es dauert einige Minuten, bis er die anderen einholt. Die beiden mutmaßlichen Wilderer sind inzwischen gefesselt und mit Seilen an die Kutsche gebunden worden. Sie sollen wohl den weiteren Weg bis zur nächsten Gendarmerie zu Fuß gehen.
„Ziegler, Driver, suchen Sie den Bereich dort drüben ab!“ Der Korporal zeigt mit ausgestrecktem Arm in die Richtung, aus der die Wilderer auf den Weg getreten sind. „Schauen Sie, ob dort womöglich noch Diebesbeute liegt. Terbeck, haben Sie auch die andere Waffe gefunden? Geben Sie sie mal her!“
„Jawohl, Korporal!“
„Seltsam – ich war der Überzeugung, der Rothaarige hatte einen Rohrkrepierer, aber der Gewehrlauf ist ja vollkommen intakt.“ Bakenhus untersucht die Waffe genau, schaut sich danach in der Umgebung um und meint: „Der Griff wurde zerschossen … Hm … Das war gar kein Zufall. Männer, haltet Augen und Ohren offen – hier läuft vielleicht noch eine weitere Person mit einem Gewehr herum. Vermutlich niemand, der es auf uns abgesehen hat, aber wer kann es wissen?“
Den allgemeinen Aufruhr nutzt Simon geschickt dazu, dem Dragoner Terbeck heimlich seine Büchse wieder in die Waffentasche seines Pferdes zu schmuggeln und sich anschließend unauffällig unter die anderen zu mischen. Terbecks ernstem Blick weicht er schmunzelnd aus, während der Korporal mit einer Kopfbewegung in Richtung des Hügels erklärt: „Von dort oben hätte ein Schütze eine ausgezeichnete Schussposition – wie weit ist das entfernt, hundertfünfzig, vielleicht zweihundert Meter? Von dort aus wäre ein derart gezielter Schuss mit einer Muskete allerdings nicht punktgenau auszuführen gewesen – und für einen Schuss mit einer Büchse hätte die Nachladezeit nicht ausgereicht; der zweite Schuss kam zu schnell nach dem ersten. Also müsste der Schütze sich in der näheren Umgebung aufhalten, wenn er nicht schon über alle Berge ist. Im Unterholz könnten wir ihn auch kaum verfolgen.“
In diesem Augenblick kehren die Dragoner Ziegler und Driver aus dem Wald zurück; sie ziehen den Kadaver eines ausgewachsenen erlegten Rehs hinter sich her.
„Korporal, dieses Reh haben wir etwa zehn Meter von der Stelle gefunden, wo wir die beiden Kerle erwischt haben“, erklärt Ziegler noch etwas atemlos von der Anstrengung.
„Gut, verstauen Sie das Beweisstück hinten auf der Kutsche. Also doch Wilddiebstahl; das wird die beiden wahrscheinlich teuer zu stehen kommen.“ Der Korporal wendet sich an Driver: „Nehmen Sie Namen und Adressen auf, das spart uns später Zeit.“
„Aber was ist, wenn sie falsche Angaben machen?“, fragt Simon neugierig.
„Die Gendarmerie wird ihre korrekten Daten schon herausfinden“, meint Bakenhus. „Und wenn sie versuchen, uns in die Irre zu führen, wird die Strafe nur höher ausfallen.“ Der Korporal wirft einen strengen Blick in Richtung der Wilddiebe. „Sie wissen, wovon ich spreche … Das war nicht das erste Mal, oder?“
Er erhält keine Antwort, aber Otto Högel fragt mit einem schelmischen Blitzen in den Augen: „Wie viel Zeit mag dieser unbekannte Schütze für das Nachladen wohl benötigt haben?“
Simon versucht, recht unbeteiligt zu schauen, und ist erleichtert, als Tilemann antwortet: „Keine Ahnung, vielleicht etwas mehr als eine halbe Minute?“
„Eine halbe Minute? Ist zwar knapp, müsste aber auch noch mit einer Büchse drin sein“, meint der Kutscher.
„Das war aber keine halbe Minute“, beharrt der Korporal, springt aus dem Sattel und geht zu dem Baum, vor dem der Rothaarige stand, als die Kugel in sein Gewehr einschlug. Bakenhus untersucht den Baumstamm in Kopfhöhe näher, bevor er zu seinem Pferd zurückkehrt. „Seltsam“, murmelt er vor sich hin. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen.“
„Wovon sprechen Sie, Korporal?“
„Tilemann, der Schütze hat vermutlich zwanzig Sekunden fürs Nachladen benötigt, das ist eindeutig.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Nun, der erste Schuss hat sein Ziel nicht verfehlt, wie ich zunächst angenommen habe, sondern ist vom Schützen gezielt auf den Baumstamm abgegeben worden. Im Baumstamm befindet sich auf etwa zwei Meter Höhe ein Astloch und rechts daneben, genau auf der Linie des Astloches, ist die Kugel eingeschlagen. Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass der Schütze mit einem ihm fremden Gewehr geschossen hat und es mit dem ersten Schuss einschießen wollte. Erst mit dem zweiten hat er den Griff zerschossen, und zwar mit höchster Präzision. Er musste sich also nach dem ersten Schuss zunächst davon überzeugen, dass die Kugel dort eingeschlagen ist, wo er sie haben wollte, um dann nachzuladen.“
Der Korporal geht zu den Wilderern hinüber und betrachtet den Rothaarigen genau von oben bis unten, um sich danach seine Hände anzusehen. „Unverletzt“, stellt er fest. „Der zweite Schuss war so genau, dass der erste niemals ein Fehlschuss war. Nun gut, schade, wir werden ihn nicht fragen können. Aus dieser Entfernung hat der Schütze zu einhundert Prozent mit einer Büchse geschossen, das heißt, er muss in einer Zeit von zirka zwanzig Sekunden nachgeladen haben … Der wusste genau, was er tat!“ Kopfschüttelnd befiehlt der Korporal seinen Männern aufzusitzen und die Marschordnung einzunehmen; die Dragoner Driver und Ziegler bilden nun hinter den Wilddieben das Ende des Trosses.
Simon reiht sich wieder neben Terbeck ein und fragt ihn flüsternd: „Könnte das unter uns bleiben, dass ich mir dein Gewehr geliehen habe?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er in normaler Lautstärke fort: „Sag mal, Carl, wie geht es denn jetzt weiter?“
Der Dragoner wirft ihm einen nachdenklichen Seitenblick zu. „Nun, mit den Gefangenen im Schlepptau werden wir heute nicht mehr bis Birkenfeld kommen, aber ich denke, bis Oberstein können wir es noch schaffen. Das sind etwa fünf bis sechs Stunden von hier, wenn ich mich nicht irre. Die Gefangenen werden wir der dortigen Gendarmerie übergeben. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, denn der Korporal muss den gesamten Sachverhalt zu Protokoll geben. Auch der mutmaßlich frei herumlaufende Schütze wird Thema des Gespräches sein.“ Carl sieht Simon wiederum eine gewisse Zeit stumm an, als warte er auf eine Reaktion. Dann setzt er fort: „In dieser Zeit können wir anderen bestimmt schon unser Quartier beziehen, sofern dort noch Zimmer frei sind. Der Aufenthalt war ja so nicht geplant. Da es sich bei dem Gasthaus in Oberstein allerdings nicht um eines der kleineren handelt, dürfte es wohl keine Probleme geben. Übrigens denke ich nicht, dass die beiden Kerle das erste Mal gewildert haben. Keine Ahnung, irgendwie entwickelt man im Laufe der Zeit ein Gefühl für Dinge und Personen und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, das sind Wiederholungstäter.“
„Mit welchen Strafen müssen die Männer rechnen?“
„Das kann ich natürlich nicht genau sagen, aber sie werden sich vor Gericht verantworten müssen und sollten auf jeden Fall mit einer Geldstrafe, höchstwahrscheinlich sogar mit Gefängnis bestraft werden.“
In diesem Moment lässt sich Otto vom Kutschbock vernehmen: „Du hast flinke Finger, ein gutes Auge und eine ruhige Hand, Brown!“
Carl dreht sich kurz nach hinten um. „Lass es gut sein, Otto“, brummt er.
„Wenn du meinst …“
„Ja, ich meine es so. Es könnte auch für uns Konsequenzen haben, da wir ihn nicht daran gehindert haben. Außerdem hat Bakenhus die ganze Sache ziemlich gut durchschaut. Respekt, der Mann hat wirklich Erfahrung.“

Am Abend sitzen die Männer in Oberstein nach einem deftigen Essen bei einem süffigen Silvaner Weißwein im Gasthaus „Zum Edelsteinschleifer“ unweit der Felsenkirche. Zunächst war ein wenig Unmut aufgekommen, weil sie feststellen mussten, dass die Gaststätte kein Bier, sondern ausschließlich Wein anbieten konnte, da sie sich näher an einer Weinregion befänden als an einer Brauerei. Aber schon nach einigen Krügen Weißwein stieg die Stimmung.
„Korporal, gibt es Neuigkeiten zu den Wilderern?“ Walther Driver sieht Bakenhus gespannt an.
„Ja, die beiden sind nicht das erste Mal auf frischer Tat erwischt worden. Dieses Mal werden sie für längere Zeit einfahren. Einer der Gendarmen teilte mir mit, dass es sich um Onkel und Neffe handeln würde, Theodor Seibert und Ernst Nagel. Der Seibert hat zwölf Kinder und keine stetige Arbeit, so bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als dann und wann zu wildern, um seine Familie sattzubekommen. Ernst Nagel hat sich von seinem Onkel schon vor einigen Jahren anstiften lassen. Zunächst haben die Behörden bei ihm Gnade vor Recht walten lassen und ihn nachsichtiger behandelt, aber das ist seit geraumer Zeit vorbei.“
„Seibert?“, mischt sich ein älterer, bärtiger Mann vom Nachbartisch her ein. „Der hat mir mal zwei Pferde von der Weide gestohlen … Fast drei Jahre müsste das jetzt her sein. Ist wohl auf dem besten Wege, ein neuer Schinderhannes zu werden.“
„Schinderhannes?“ Otto Högel schaut fragend in die Runde. „Muss man den kennen?“
Der Nachbar lacht freundlich. „Sie sind wohl nicht von hier? Den kennen hier bei uns fast alle, der ist bekannt wie ein bunter Hund.“
„Setzen Sie sich doch zu uns und berichten uns mehr davon“, meint der Korporal einladend und winkt den Fremden an den Tisch.
„Danke, gerne. Mein Name ist Carl Blüming, aber alle nennen mich einfach Carlo.“ Als der Fremde seinen Stuhl umdreht, erkennt Simon, dass ihm an der rechten Hand der kleine Finger fehlt und sich auf dem Handrücken eine breite Narbe abzeichnet.
„Wir sind Oldenburger Landdragoner“, stellt der Korporal seine Männer vor. „Das hier sind Nikolaus, Otto, Walther, Hugo und Carl. Mein Name ist Erwin Bakenhus und zwischen Carl und Nikolaus sitzt der Amerikaner Simon Brown. Er spricht Deutsch, weil er in Mainz aufgewachsen ist.“
Carlo sieht Simon interessiert an „Ach, Mainz, das ist ja gar nicht so weit weg von hier – zwei Tagesmärsche, will ich meinen.“
„Jetzt schießen Sie los“, drängt Bakenhus neugierig. „Wer war dieser Schinderhannes?“
„Er hieß eigentlich Johannes Bückler und wurde vor etwa sechzig Jahren im Taunus geboren. Er soll in seiner Jugend bei unterschiedlichen Schindern gearbeitet haben, Abdeckern, die Tierkadaver beseitigen. Mit fünfzehn Jahren unterschlug er Geld, Kalbfelle und Kuhhäute, was für ihn mit Rutenschlägen endete. Einige Zeit später begann er zusammen mit zwei Kumpanen Viehdiebstähle zu begehen und diese Tiere bei verschiedenen Metzgern an den Mann zu bringen. Bückler kam ins Gefängnis, konnte allerdings entfliehen. Wie es der Zufall manchmal so will, lernte er den berüchtigten Dieb Jakob Fink kennen, der wegen seiner roten Haare ‚Roter Fink‘ genannt wurde. Dieser brachte ihn mit der gefährlichen Hunsrückbande in Liebhausen zusammen. Unzählige Diebstähle, Erpressungen, Raubüberfälle und sogar Morde gingen auf seine Rechnung, was dazu führte, dass ihm die Gefängnisse in der Umgebung gut bekannt wurden. Als man ihm den endgültigen Prozess machte, dauerte allein die Verlesung seiner Anklageschrift unglaubliche anderthalb Tage. Kein Wunder, dass dieser Kerl zum Tode durch die Guillotine verurteilt wurde. Mainz soll damals fast aus allen Nähten geplatzt sein, weil mehr als dreißigtausend Menschen unbedingt dabei sein wollten.“
„Mein Gott“, entfährt es Walther Driver, „kein Wunder, das dieser Schinderhannes so bekannt war.“
Carlo schiebt den Weinkrug ein wenig zur Seite und lehnt sich weiter über den Tisch. „Nicht zu vergessen sind bei dieser Angelegenheit noch zwei nicht uninteressante Details. Zum einen ist da die Damenwelt zu erwähnen – es scheint doch jede Menge Frauen zu geben, die diese Art von Kerlen und Räubern äußerst anziehend finden. Wie soll man es sich sonst erklären, dass dieser Schinderhannes unzählige Liebschaften hatte und die Frauen pflücken konnte wie der Wanderer Butterblumen am Wegesrand? So ist es jedenfalls überliefert.“
„Nicht zu fassen!“, meint Otto kopfschüttelnd, aber es klingt ein beinahe neidischer Unterton mit.
„Zum anderen“, fährt Carlo fort, „gab es die merkwürdige Tatsache, dass das Todesurteil für diesen Bückler schon vor Beginn der Hauptverhandlung Ende Oktober feststand. Es gibt Beweise, dass die Gerichtspersonen bereits Anfang Oktober damit begonnen hatten, Freunde und Bekannte zur Hinrichtung im November einzuladen.“
„Das ist ja geschmacklos“, empört sich Nikolaus Tilemann. „Auch wenn er zweifelsohne schuldig war, so kann man doch nicht zur Hinrichtung einladen, bevor das Hauptverfahren überhaupt angefangen hat.“
Der Korporal dreht sich um und winkt die Bedienung an den Tisch. „Danke, Carlo, für deine mitreißenden Ausführungen über diesen Schinderhannes. Darauf trinken wir jetzt noch einen letzten Wein und beenden dann den heutigen Abend.“

Am nächsten Morgen treffen sich die Männer wie gewohnt gegen sieben Uhr zum deftigen Frühstück in der Schankstube des „Edelsteinschleifers“. Spiegeleier mit Speck auf frisch gebackenem Brot lassen den Tag gut beginnen.
Hugo Ziegler betrachtet, nachdem sein Teller geleert ist, den in Gedanken versunkenen Bakenhus. „Worüber denken Sie gerade nach, Korporal?“
„Ach, Ziegler, dieser geheimnisvolle Scharfschütze schwirrte mir die ganze Nacht im Kopf herum. Wäre er nicht gewesen, hätten die Wilderer mit Sicherheit einen von uns erwischt. Die hätten nicht gezögert abzudrücken, nicht bei dem, was die schon auf dem Kerbholz haben.“
„Das kann niemand wissen“, meint Walther Driver. „Machen Sie sich keinen Kopf mehr um die Sache; vergangen ist vergangen.“
„Doch, ich denke, möglicherweise haben Tilemann oder ich ihm unser Leben zu verdanken … Und man möchte gerne wissen, wem man sein Leben verdankt.“ Bakenhus starrt auf seine Spiegeleier, als könnten sie ihm eine Antwort auf seine Frage liefern.
Carl Terbeck wirft Simon einen Blick zu und holt tief Luft, sodass Simon sich veranlasst sieht, ihm unter dem Tisch auf den Stiefel zu treten, um ihn davon abzuhalten, sich zu diesem Thema zu äußern. Auch Otto Högel bekommt einen warnenden Blick zugeworfen. Simon will nicht, dass die beiden etwas sagen.
Hugo Ziegler stellt seine Teetasse zurück auf den Tisch und wendet sich an die Runde: „Also, der Scharfschütze hat nicht mit seinem eigenen Gewehr geschossen, denn sonst hätte er keinen Probeschuss abgegeben, sondern sofort den gezielten Schuss gesetzt. Meiner Meinung nach war es kein Jäger oder Gendarm aus der Gegend; die hätten sich zu erkennen gegeben – warum sollten sie sich verstecken? Einen anderen Wilderer können wir getrost ausschließen, denn die stecken alle unter einer Decke. Also bleibt ein anderer Reisender, wobei uns weit und breit vorher wie nachher niemand aufgefallen ist, oder …“
„Sag schon, Hugo, was ist die andere Möglichkeit?“, fragt Nikolaus Tilemann angespannt.
„Nun, die andere Möglichkeit ist ganz einfach: Es war einer von uns.“
„Von uns? Wer soll dafür in Frage kommen oder die Möglichkeit gehabt haben?“, fragt Korporal Bakenhus verwirrt. „Driver, Ziegler, Tilemann und ich sind vorgeritten und haben einander die ganze Zeit im Blick gehabt. Terbeck, Högel und Brown sind zurückgeblieben, und die Herren in der Kutsche können wir wohl ganz ausnehmen.“ Ein kurzes Gelächter macht die Runde, bevor der Korporal fortfährt: „Außerdem wart sowohl ihr als auch die Kutsche nach den Schüssen relativ schnell vor Ort. Wir sind uns wohl einig, dass die beiden letzten Schüsse vom Hügel aus abgegeben wurden, das heißt, die betreffende Person hätte hinaufrennen, gezielt schießen, zurückrennen, aufs Pferd springen und mit den anderen zu uns reiten müssen … Nichts für ungut, Terbeck und Högel, ihr wärt völlig außer Puste gewesen, das wäre uns aufgefallen. Bliebe nur … Nein, das traue ich ihm nicht zu.“
Bakenhus wird von Staatssekretär Fosch unterbrochen, der zu ihnen an den Tisch tritt, wobei Hugo Ziegler bemerkt: „Korporal, ich denke, wir sollten aufbrechen, der Regierungsdirektor wartet schon vor dem Gasthaus.“
„Guten Morgen, die Herren“, grüßt Fosch höflich, „nicht, dass ich Sie bedrängen möchte, aber Regierungsdirektor Fischer möchte heute am späten Nachmittag noch einen Termin im neuen Schloss wahrnehmen.“
„Guten Morgen, Herr Staatssekretär.“ Bakenhus nimmt Haltung an. „Wir waren gerade im Begriff aufzubrechen. Wir werden etwa dreieinhalb Stunden für die Reise bis nach Birkenfeld benötigen.“
„Ich werde es dem Regierungsdirektor ausrichten, Korporal.“ 

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