5.15 Sanfte Feder und harte Faust

Am Samstagmorgen ist Simon früh auf den Beinen. Aloys, der am Vortag mit seinem Fuhrwerk und einer Menge Holzkisten voller Schreibfedern nach Jever aufgebrochen ist, hat ihm zuvor noch einen Besuchstermin bei der Firma Kreymborg verschafft. In der Küche sitzen Käthe, Cornelia, Anton und Grete Brägelmann bereits beim Frühstück.
„Wann will Aloys eigentlich wieder zurück sein?“, fragt Simon und setzt sich auf die grobe Holzbank.
„Er hat von Dienstag gesprochen“, entgegnet Käthe und nippt an ihrem Kaffee. „Du solltest dich gleich fertigmachen, wenn du mit dem Frühstück fertig bist. Die werden bei Kreymborg schon auf dich warten.“
„Soll ich ihn begleiten?“, fragt Grete mit einem Blitzen in den Augen.
„Nein, das wird nicht nötig sein, er ist ja nicht den ersten Tag in Lohne.“ Käthe steht schon wieder am Herd und rührt in einem großen dampfenden Kessel. „Ihr werdet mir im Haushalt helfen.“
Grete zieht eine Schnute. „Im Haus helfen ist so langweilig, Mama. Eigentlich ist doch alles sauber!“
„Küche und Flur müssen geschrubbt und die Betten neu bezogen werden“, erklärt Käthe streng.
„Schon gut, schon gut, nicht weiter darüber nachdenken.“ Brägelmanns jüngere Tochter sucht augenrollend den Blick ihrer älteren Schwester. „Am besten, wir sagen gar nichts mehr, sonst wird die Aufgabenliste noch länger.“
Während Cornelia mit einem knappen Kopfnicken andeutet, dass sie Grete verstanden hat, wendet sich Käthe prüfend an Simon: „Du weißt noch, bei wem du dich melden sollst?“
„Ja, bei einem Jupp Aumann, hat Aloys gesagt.“
„Genau, der gehört quasi zum Inventar, ist schon länger dabei als Aloys. Nun lass dich begutachten, schließlich solltest du bei den Kreymborgs einen guten Eindruck machen.“ Kritisch betrachtet Käthe Simons Kleidung von Kopf bis Fuß, um dann festzustellen: „Hm, in Ordnung … Aber die Schuhe sehen nicht gut aus. Grete, zeig Simon in der Waschküche das Schuhputzzeug.“
„Ja, Mama.“ Ohne Eile erhebt sich Grete von ihrem Stuhl. „Na, dann mal los, mir nach.“

Nach einem kurzen Fußmarsch durch den Ort steht Simon vor einem massiven, verputzten Gebäude mit hohem Ziegeldach. Einige Jahre müssen seit dem letzten Anstrich vergangen sein, denn deutliche graue Schattierungen sind in dem ehemaligen Weiß erkennbar. Windgeschützte Ecken wie die Fensternischen haben auch Grünspan und Algen angesetzt. Simon öffnet den rechten Flügel einer schweren, abgestoßenen Holztür und betritt die Kreymborg‘sche Feder-Posen-Fabrik. Dabei stößt er beinahe mit einem blonden Hünen mit breiten Schultern zusammen, der eine schwere Werkzeugkiste schleppt.
„Entschuldigung“, murmelt Simon, „ich wollte Sie nicht …“

„Schon gut“, brummt der andere. „Durch Türen sehen können wir ja beide nicht.“ Mit einem Scheppern setzt er die Werkzeugkiste auf den Boden und betrachtet Simon unverhohlen. „Sind Sie der Besuch aus Amerika?“
„Ja, Simon Brown. Hat Aloys Brägelmann Ihnen von mir erzählt?“
„Natürlich hat er das, wem wohl nicht.“ Der Mann dreht sich um und ruft in Richtung einer offen stehende Tür: „Jupp, dien Besöök is dor!“
„Hei mutt noch en beten töven.“
„Was hat er gesagt?“, fragt Simon verwirrt.
„Dass Sie noch ein bisschen warten sollen“, versucht der Arbeiter betont auf Hochdeutsch zu antworten, nimmt seine Werkzeugkiste wieder auf und geht.
Simon hat nun Zeit, sich im Eingangsbereich der Fabrik umzusehen, einem nahezu quadratischen Raum, von dem mehrere Türen abgehen. Neben der offen stehenden Tür, hinter der er seinen Gastgeber vermutet, fällt ihm ein größeres Emaille-Schild auf, in dessen Mitte eine Weltkugel prangt. In den Ecken sitzen vier lächelnde Personen unterschiedlicher Hautfarben, die jeweils mit einer Schreibfeder einen Brief zu Papier bringen. Darunter steht in großen Buchstaben geschrieben: „Schreibfedern von Kreymborg aus Lohne i. O. für alle Länder, denn Schreibfedern von Kreymborg schreiben alle Sprachen.“
„Moin, Herr Brown!“ In der offenen Tür steht ein älterer Mann mit lichtem grauem Haar und Schnauzbart. „Schön, dass Sie sich für die Herstellung von Schreibfedern interessieren. Ich bin der Josef, aber alle nennen mich einfach nur Jupp.“ Er verfolgt Simons Blick auf das Emaille-Schild und fügt stolz hinzu: „Wir liefern unsere Schreibfedern in die ganze Welt.“
„Moin, Jupp“, erwidert der Besucher, „ich bin Simon Brown … einfach nur Simon. In der Tat bin ich ganz überrascht über die Reichweite Ihrer Federn.“
„Also, Simon, ich schlage vor, wir sagen du“, meint Jupp freundlich. „Und jetzt gehen wir mal durch den Betrieb. Dann kann ich dir die einzelnen Arbeitsschritte von der Gänsefeder bis zur fertigen Schreibfeder zeigen.“
„Entschuldige, wenn ich dich so direkt frage“, wirft Simon ein, „aber was arbeitest du denn hier bei Kreymborg? Aloys sagte mir nur, dass du schon fast zum Inventar gehören würdest.“
Jupp grinst. „Kein Problem, immer raus mit den Fragen. Ich habe vor einer halben Ewigkeit ganz unten in der Federkielherstellung angefangen. Heute bin ich einer von zwei Männern, die für die technische Leitung des gesamten Betriebes verantwortlich sind.“
„Also für alles außer die kaufmännischen Belange.“
„Ja, ganz genau.“
Während Jupp spricht, geht er durch die offen stehende Tür in den Raum, aus dem er gekommen ist, und Simon folgt ihm in einen hohen, weiß gekalkten Raum. Der ist oben bis in den Dachstuhl offen, sodass man die roten Ziegel sehen kann. An den Seiten des Raumes sind in Jutestoff eingeschlagene Ballen akkurat über-, neben- und hintereinander gestapelt.
„Wir verwenden für die Schreibfederherstellung vornehmlich Gänsefedern“, erläutert Jupp im Gehen, „und zwar die größeren und stärkeren aus den Flügeln. Daneben verarbeiten wir aber auch die wesentlich teureren Schwanenfedern, die mehr für repräsentative Zwecke eingesetzt werden, und die harten Krähen- oder Rabenfedern für das zeichnerische Schreiben. Die Rohfedern werden Federposen genannt.“
„Aha“, nickt Simon, „daher also der Firmenname Feder-Posen-Fabrik.“
„Ja, so ist es“, grinst Jupp. „Zu Beginn bekamen wir die Posen noch aus der näheren Umgebung, aber das reicht schon lange nicht mehr aus. Jetzt arbeiten wir mit Posenvermittlern, wie beispielsweise den Firmen Weinberg in Wagenfeld, von Berg in Remscheid oder Peter in Wittmund. Zudem bekommen wir mittlerweile einen großen Teil der Posen aus dem Osten, beispielsweise über die Firmen Abraham & Schröter in Bremen, Stettiner in Hamburg oder Jacobs & Müller in Lübeck. Die Posen werden in Ballen angeliefert, wie die, die hier vor uns stehen. So ein Ballen bringt es auf 110 Pfund, das sind zirka 50 Kilogramm. Die Posen werden vor dem Versand an uns nach Länge und Gewicht vorsortiert und mit einem Faden zu einem Bündel von 25 Stück zusammengebunden. In unserer Branche rechnen wir in Loth, 6 Loth entsprechen etwa 100 Gramm. Längere und schwerere Posen sind wertvoller und teurer und werden somit einer höheren Lothklasse zugeordnet …“
Jupp folgt einem der Gänge durch die Ballenstapel, an dessen Ende sie auf sechs mit blauen Stoffschürzen bekleidete Männer treffen, die an Werkbänken arbeiten. Vor den Werkbänken stehen offene Ballen, die Rohfedern enthalten. Die Arbeiter greifen immer wieder mit ihren Händen in die Federn, holen sie bündelweise heraus, werfen sie auf ihre Werkbänke und sortieren sie auf eine Art, die Simon nicht gleich nachvollziehen kann.
„Und was machen die Arbeiter dort?“
„Links und rechts werfen“, erklärt Jupp. Simon steht ein einziges Fragezeichen im Gesicht, sodass Jupp gleich ergänzt: „Die Rohware wird nachsortiert und gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die Posen des rechten Flügels von denen des linken getrennt werden. Das nennen wir links und rechts werfen.“
„Ach so. Aber warum werden die Federn der linken von denen der rechten Flügel getrennt? Hat das eine technische Bewandtnis?“
„Nein.“ Jupp schüttelt den Kopf. „Das hat mit der Verarbeitung nichts zu tun, sondern ist für die späteren Nutzer der Schreibfedern von Bedeutung. Die Federn vom rechten Flügel sind bestens geeignet für Linkshänder, auch wenn wir wissen, dass es sich nicht geziemt, mit der linken Hand zu schreiben, und die des linken Flügels für Rechtshänder.“
„Hm, so wird ein Schuh draus“, erwidert Simon mit einem Augenzwinkern. „Und ich vermute, ihr verkauft deutlich mehr Schreibfedern aus dem linken Flügel.“
„Wen wundert‘s? Hm, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, dickspulige und missgebildete Posen müssen übrigens aussortiert werden. Dabei müssen unsere Arbeiter darauf achten, dass die Posen längenmäßig zueinander passen.“ Jupp tritt an die nächste Werkbank und nimmt eine der längeren Posen in die Hand. „Schau, Simon, den Schaft der Feder nennt man Spule, darüber siehst du die Fahne.“
Mit seinem Zeigefinger streicht Jupp die äußere Kante der Feder entlang, legt die Pose zurück und fährt fort: „Jetzt zeige ich dir den nächsten Arbeitsschritt, das Härten der Federspitzen. Dazu müssen wir durch diese Tür dort.“ Er zeigt auf eine schwere Eichentür, zieht sie mühsam auf und hält sie dann für Simon offen, um ihm den Vortritt zu lassen. Der nächste Raum ist niedriger als der, aus dem sie kommen. Hier wird der Dachstuhl von unzähligen Rohren durchzogen, die allesamt zu kleinen, auf dem Fußboden stehenden Öfen führen.
„Nach der genauen Sortierung erfolgt die Härtung, die wir durch Hitze erreichen“, erklärt Jupp und stellt sich neben einen der Öfen, die jeweils auf vier gusseisernen Beinen ruhen. Über einer kleinen, viereckigen Wanne, in der sich Glut befindet, ist eine gusseiserne Schale verschraubt, in der feinkörniger weißer Sand erhitzt wird.
Simon wischt sich den Schweiß von der Stirn und stellt fest: „Ganz schön heiß hier! Wie haltet ihr das nur den ganzen Tag aus?“
Einer der Arbeiter schaut auf und antwortet: „Jetzt im Winter ist es sehr angenehm; man muss sich nur entsprechend kleiden. Im Sommer kann es allerdings manchmal wirklich mörderisch sein … So viel, wie man müsste, kann man gar nicht ausziehen.“
 „Wohl wahr“, kommentiert Jupp und fährt fort: „In diesen kleinen Öfchen, die du hier siehst, erhitzen wir Sand, in den wir dann die Spulen stecken. Früher hat man das direkt über Kohlefeuer gemacht, danach im heißen Wasserbad – die Wasserbadzeit kenne ich sogar noch. Im heißen Sand allerdings ergeben sich deutlich bessere Ergebnisse. Diese kleinen Öfchen mit dem muldenförmigen Deckel beheizen wir mit Holzkohle. Früher nutzten wir den örtlichen Torf, aber Torffeuer qualmt sehr stark … eine lästige Angelegenheit. Durch das Hineinstecken in den heißen Sand reißt die dünne Oberhaut, die die Spule umgibt, und die Wärme entzieht der Spule ihre restliche Feuchtigkeit. Die Oberhaut muss vollständig entfernt werden, weil sie beim späteren Schreiben mit der angespitzten Feder ansonsten Fäden ziehen würde. Aus diesem Grund schaben wir die Spulen mit speziellen stumpfen Messern, wie du dort sehen kannst.“ Jupp geht zu mehreren Arbeitern hinüber, die mit Messern an den Posen arbeiten, bevor sie die Spulen mit einer Drahtbürste vollends säubern. „Nach diesem Vorgang kommen die Spulen noch einmal kurz in den Ofen und anschließend auf die Scheuerbank, eine Konstruktion, die du dort drüben siehst.“
Auf einer abgewetzten Holzbank sitzt ein Arbeiter und bewegt eine auf dem Boden stehende Wippe mit seinem rechten Fuß auf und ab. Eine angeschraubte Welle verwandelt diese Auf- und Abwärtsbewegung in eine Drehbewegung. Über einen Lederriemen wird dadurch eine stärkere Eisenwelle angetrieben, auf der sich Schleifscheiben unterschiedlicher Körnung drehen.
„Aber der bearbeitet ja auch die Fahnen der Federn mit den Schleifscheiben“, stellt Simon verwundert fest.
„Ja, natürlich. Die Schleifscheiben an der rechten Seite der Konstruktion sind sehr fein, sodass das Scheuern eher eine Art Polieren darstellt, das den Federn ein sauberes Aussehen verleiht. Besonders wertvolle Federn werden sogar noch speziell feinpoliert, manchmal sogar gefärbt.“
„Aufwendige Prozedur“, stellt Simon anerkennend fest, „aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.“ Sein Blick fällt auf den hinteren Teil der Werkstatt. „Und was machen die Arbeiter dort hinten rechts?“
„Die schneiden jede einzelne Spule am unteren Ende auf, um das Köpfchen zu entfernen. Dann führen sie einen gebogenen Draht hinein, um das in der Spule befindliche Mark – wir nennen es Seele – zu entfernen. Anschließend lagern wir die Federn in Trockenräumen, damit ihnen die Restfeuchtigkeit entzogen wird und sie geschmeidig werden. Zum Schluss werden die Federn mit einem speziellen Messer gespalten und abgeschrägt. Fertig ist die Lohner Schreibfeder.“
„Interessant“, bemerkt Simon. „So kompliziert habe ich mir das gar nicht vorgestellt. Aber, Jupp, was ist denn deiner Meinung nach das Wichtigste an der Schreibfederherstellung, sozusagen das Geheimnis?“
Jupp muss schmunzeln. „Die Kunst liegt in der Härtung. Ist die Temperatur zu niedrig, bleibt die Feder schwammig; ist sie zu hoch, wird die Feder brüchig, was wir erst beim Anschneiden erkennen – dann ist sie wertlos. Die Temperatur des Ofens und die Verweildauer der Federn im Ofen sind maßgeblich für die anschließende Qualität.“
„Und woran erkennen die Männer die korrekte Ofentemperatur und wie halten sie die Temperatur konstant?“
„Das bedarf langjähriger Erfahrung. Unsere altgedienten Arbeiter messen die Temperatur mit dem Rücken ihrer geballten Hand, direkt am Ofen.“
Mit einer Handbewegung bedeutet Jupp Simon, ihm in einen anderen Raum zu folgen. Er stößt eine Pendeltür mit einer kleinen Scheibe in der Mitte auf, die sich mit einem Fußtritt in beide Richtungen öffnen lässt „Praktisch, nicht?“, meint Jupp. „Man kann sogar beide Hände voll haben … Es ist aber ratsam, vor dem Tritt immer durch die Scheibe zu schauen. So, jetzt kommen wir in den Versand. Hier werden die Federn nach links- und rechtsfahnig, nach Spulendurchmesser und Länge sortiert und mit einem farbigen Bindfaden zu Bündeln von jeweils fünfundzwanzig Federn verschnürt. Die Farbe gibt Auskunft über die Qualität. Unsere teuersten Federn schnüren wir sogar mit einem Silber- ober Goldfaden zusammen. Hast du bis hierher noch Fragen?“
Simon überlegt kurz und schaut sich um. Viele Butzenfenster lassen enorme Mengen an Tageslicht einfallen und erhellen den großen Raum, dessen Decke im Gegensatz zu den vorherigen Hallen abgehängt ist. Hier scheint es auch etwas wärmer zu sein. An großen Tischen stehen Arbeiter vor Haufen von Federkielen, die teils aber auch schon akkurat gebündelt oder sogar mit den farbigen Bändchen versehen sind. Die fertigen Bündel werden von den Arbeitern in Holzkisten verstaut, die dann wiederum ordnungsgemäß vernagelt werden. Der Schriftzug auf den Kisten erinnert Simon an sein schmerzhaftes Erwachen, als er nach dem Überfall wieder zu sich kam: „Gebr. Kreymborg, Lohne in Oldenburg“.
Dann besinnt er sich wieder auf Jupps Frage. „Was die Herstellung anbetrifft, haben ich keine Fragen mehr, aber mich würde interessieren, wie viele Federn ihr in etwa in einer Woche produziert.“
Jupp scheint die Zahlen im Kopf zu überschlagen, bevor er antwortet: „Wir schaffen pro Woche etwa neunzig- bis hunderttausend Schreibfedern. Das sind im Jahr etwa fünf Millionen Stück.“
„Beeindruckende Zahlen, Jupp. Die können ja gar nicht allein hier in der Umgebung verkauft werden.“
Jupp muss grinsen. „Nein, natürlich nicht. Wie du vorher beim Eingang gesehen hast, liefern wir in die weite Welt. Viele Federn gehen in die Niederlande, nach England, Irland, Dänemark, Schweden, nach Polen, Österreich, Spanien, aber auch nach Asien und ab und an nach Amerika.“ Während Jupp schon wieder weiterläuft, blickt er sich zu Simon um. „Wir produzieren aber nicht nur Schreibfedern, sondern auch Siegellack. Außerdem handeln wir mit Buntstiften, Tuschkästen, Steintafeln, weißer und bunter Schulkreide und anderen Schreibwaren, die wir allerdings nicht selbst herstellen, sondern beispielsweise von der Dessauer‘schen Buntpapierfabrik in Aschaffenburg beziehen.“
Für Simon gibt es in der Fabrik so viel zu sehen, dass er Schwierigkeiten hat, Jupp zu folgen. Als der vor ihm plötzlich stehen bleibt, tritt Simon ihm auf die Hacken.
„Entschuldige!“
„Kein Problem, nichts passiert, das zeugt von deinem Interesse. Das ist ja alles neu für dich.“
„Das kann man wohl sagen.“
Mittlerweile scheinen Simon und sein Führer einen Teil der Hölle erreicht zu haben. Irgendwann müssen die Wände einmal weiß gestrichen worden sein, allerdings ist davon nichts mehr zu erkennen: In Bodennähe zeigen die Wände einen mittleren Grauton, der sich bis in den Dachstuhl hinein zu einem bedrohlichen Tiefschwarz wandelt. Die beiden auf der Rückseite des Raumes gelegenen Fenster sind so verrußt, dass die Sonne kaum einen Blick wird hineinwerfen können. In hüfthohen gusseisernen Kesseln, unter denen Holzkohle glüht, brodelt eine kräuterig-würzige, stechend riechende Flüssigkeit. Die Männer, die hier arbeiten, tragen Holzschuhe, derbe Lederschürzen und dicke Handschuhe.
„So, jetzt sind wir bei der Herstellung von Siegellack, wie dir deine Nase unmissverständlich bestätigen wird“, erklärt Jupp weiter. „Hierzu benutzen wir Harz und Kreide. Dazu kommen Alaun, Blauholz, Karmin, Zinnober, Grünspan … Hm … Pottasche, Rotholz, Schellack und andere Zutaten. Die genaue Zusammensetzung darf ich dir nicht verraten, die ist ein streng gehütetes Firmengeheimnis … Du verstehst?“
Simon lächelt. „Selbstverständlich.“
„In diesen Kupferkesseln hier werden die Zutaten unter ständigem Umrühren mit einem langen Holzstab gekocht. Da drüben steht so ein Stab. An der Blasenbildung erkennt der erfahrende Arbeiter den Garzustand. Die breiige, erkaltete Masse schöpft man mit einem Kupfervorleger aus dem Kessel auf einen der dort stehenden Tische, wo sie mit der Hand zu Stangen gerollt wird. Für platte oder eckige Formen schlagen wir die Rundstangen mit einem Holzhammer in die gewünschte Fasson.“ Jupp geht zu einer Werkbank hinüber und nimmt einen Hammer in die Hand. „So sehen die Dinger aus.“
„Harte Arbeit, oder?“, stellt Simon fest.
„Ja, sehr mühselig und aufgrund einiger der genannten Inhaltstoffe nicht ganz ungefährlich für die Haut. Aus diesem Grund machen wir Versuche mit runden, ovalen oder eckigen Hohlstangen, in die wir die Gussmasse einfüllen, erkalten lassen und herausschlagen. Anschließend werden die Stangen wieder ein wenig erwärmt und poliert, bevor sie nummeriert und mit unserem Firmenstempel versehen werden.“
„Stellt ihr Siegellack in unterschiedlichen Farben her?“
„Ja, aber am beliebtesten ist die Farbe Gelb, die wird auch Postlack genannt.“
Nebenbei zieht Jupp eine Taschenuhr aus seiner linken Westentasche und wirft einen Blick darauf. „Oh, da haben wir uns doch ein wenig verquatscht. Es ist schon elf Uhr. Kreymborgs werden bereits mit dem Frühschoppen auf dich warten. Ich bringe dich hin, ist gleich um die Ecke.“
Zügig tritt Jupp den Rückweg zum Eingang an, ein letztes Mal vorbei an dem Emaille-Schild, dass auf so einfache und geniale Weise von Kreymborgs Internationalität, Weltruf und Garantie für hochwertige Qualitäten erzählt. Ehe sichs Simon versieht, steht er auf der Straße und muss sich weiter bemühen, mit Jupp Schritt zu halten – bis vor eine prachtvolle Villa ein paar Hundert Schritte weiter. Gerade als Jupp läuten will, wird die schwere Haustür von einer Bediensteten mittleren Alters geöffnet. Sie neigt sich Jupp ein wenig entgegen und meint leise: „Moin, Jupp, ihr seid spät. Die Herrschaften warten bereits.“
„Moin, Rita. Schneller ging es nicht“, entschuldigt sich Jupp mit einem gütigen Lächeln.
„Moin“, grüßt auch Simon. „Es ist meine Schuld, war alles so interessant.“
„Treten Sie ein, Herr Brown.“
Simon verabschiedet sich von Jupp, der wieder in die Firma muss. „Danke, Jupp, das war ausgesprochen informativ. Hat mich sehr gefreut, dich kennen zu lernen.“
„Ganz meinerseits, Simon.“
Rita nimmt ihm die Jacke ab. „Bitte folgen Sie mir, Herr Brown.“
Die Bedienstete geht einen Flur entlang und öffnet eine Tür. Der Duft und Qualm von teurem Tabak schlägt ihnen entgegen. Simon betritt einen mit viel dunklem Holz ausgestatteten Raum. Es gibt etliche Regale mit Büchern, viele davon in teures Leder eingebunden. Zwei Herren im mittleren Alter, die in mächtigen Ledersesseln gesessen haben, erheben sich. Es könnten Brüder sein, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu verleugnen.
„Ah, da ist ja endlich unser Gast!“ Einer der beiden Herren – etwa einen Kopf kleiner als Simon und von fülliger Gestalt – ist etwas schneller als der andere und reicht Simon die Hand. „Guten Tag, Herr Brown, schön, dass wir uns kennen lernen. Aloys hat uns schon einiges über Sie erzählt. Ich bin Franz Kreymborg und das hier ist mein Bruder Josef.“
„Moin“, antwortet Simon kurz und erwidert den kräftigen Händedruck des Geschäftsmannes, der sich nach der Begrüßung seinen dunklen Vollbart glattstreicht.
„Sie haben sich an unser ‚Moin‘ schon gewöhnt“, stellt Josef Kreymborg mit einem Schmunzeln fest. Er ist größer und schlanker als sein Bruder, hat aber das gleiche dunkle Haar und trägt einen gepflegten Schnurrbart.
Simon schüttelt auch ihm die Hand. „Vielen Dank, dass Sie es mir ermöglicht haben, einen Blick hinter die Fassade der Schreibfederherstellung zu werfen.“
„Es ist uns eine Ehre“, antwortet Franz und lädt Simon ein, in einem der Ledersessel Platz zu nehmen. „Dürfen wir Ihnen vor dem Essen etwas zu trinken anbieten?“
„Was trinken Sie beide, wenn ich fragen darf?“, gibt Simon interessiert zurück.
„Sherry, einen Südwein aus Spanien.“ Josef hält sein Glas genießerisch unter die Nase.
„Ich würde nicht nein dazu sagen.“
„Gerne.“ Franz Kreymborg schreitet zu einer Anrichte, füllt eines der auf einem Silbertablett stehenden Kristallgläser und reicht es Simon. „Prost!“
Auch Josef und Simon erheben ihre Gläser, und in Simons Kopf beginnt es zu arbeiten: Der Sherry ist intensiv mahagonifarben, in die Nase strömt ein vielschichtiger Duft von teils frischen, teils getrockneten Früchten, Nüssen, Mandeln, Vanille und einer Spur anderer Gewürze. Dann nimmt er den Wein auf die Zunge und stellt verblüfft fest, dass dieselben Aromen sehr ähnlich auch am Gaumen präsent sind. Eine zarte Süße ist unverkennbar, der Körper ist füllig, der Alkohol deutlich spürbar und im Finale zeigen sich Komplexität und Länge.
„Herr Brown … Herr Brown?“
„Oh, Entschuldigung“, beeilt sich Simon zum Gespräch zurückzukehren, „ich war gerade abwesend. Könnten Sie Ihre letzten Worte bitte wiederholen?“
„Aloys hat uns einiges über Sie erzählt, aber wir würden ihre Geschichte doch gerne noch einmal aus Ihrem eigenen Mund hören“, wiederholt Josef neugierig und zwirbelt an seinem Schnurrbart.
Franz betrachtet Simon aufmerksam und wirft ein: „Einen Taler für Ihre Gedanken.“
„Ach … Ich war mit meinen Gedanken beim Sherry. Ein lieblicher Oloroso oder Cream, eine ausgezeichnete Qualität …“
In diesem Augenblick öffnet sich eine der beiden Zimmertüren und zwei elegant gekleidete Damen betreten den Raum. „Stören wir die Herrengesellschaft?“, fragt eine von ihnen zurückhaltend. „Das Essen ist angerichtet.“
„Nein, ihr stört gar nicht“, erklärt Josef. „Herr Brown würdigt nur gerade unseren Sherry. Nun, Herr Brown, was wollten Sie sagen?“
Simon schwenkt noch einmal genüsslich sein Glas. „Ein Oloroso-Sherry, viele Jahre ohne Florhefe in der Solera in amerikanischen Eichenholzfässern gereift, daher auch mein Eindruck von Vanille. Seine Farbe ist mehr ein Dunkelbraun und er ist komplexer und intensiver als ein Cream.“
„Sie haben ja ein ausgezeichnetes Verständnis, Herr Brown!“, stellt Josef anerkennend fest. „Darf ich Ihnen unsere Frauen vorstellen? Elisabeth, meine Gattin, und Franziska ist mit Franz verheiratet.“
„Guten Tag, die Damen“, grüßt Simon höflich und nickt den beiden freundlich zu. „Es ist mir eine Ehre.“
Aus dem Augenwinkel bemerkt er, dass Franz die Sherry-Flasche in die Hand nimmt und das Etikett betrachtet, während Josef erklärt: „Das ist der Amerikaner, von dem Aloys die ganze Zeit spricht, Herr Simon Brown.“
„Herr Brown, Sie müssen uns von sich erzählen“, erwidert Elisabeth Kreymborg mit einem warmen Lächeln, „allerdings sollten wir die Küche nicht warten lassen.“ Sie nimmt ihrem Mann das Glas aus der Hand und stellt es auf die Anrichte. Dabei fällt ihr Blick auf Franz, der Simon offensichtlich verblüfft anschaut. „Was ist mit dir? Er kommt aus Amerika, nicht vom Mond.“
„Ja, ist mir schon klar“, antwortet ihr Schwager.
„Franz, lasst uns die Suppe nicht kalt werden lassen“, bittet jetzt Franziska, sodass ihr Mann wortlos die Flasche auf die Anrichte zurückstellt.
Seine Gastgeber führen Simon in ein großzügiges Speisezimmer mit einem beeindruckenden Kronleuchter über dem massiven Esstisch und kostbaren Gemälden an den Wänden. Während des Essens berichtet er von seinem Leben in Amerika, seiner Reise nach China sowie dem Bau der „Ocean Dream“ und dem Start seines eigenen Unternehmens. Er erzählt auch von seiner Suche nach Marala, die ihn nach Amsterdam brachte, und davon, wie Aloys ihn auf dem Weg nach Delfzijl vor dem sicheren Kältetod bewahrte. Bei seinem Bericht wird er immer wieder von lebhaften Zwischenrufen und Fragen unterbrochen – es ist eine angeregte Unterhaltung mit den vier Kreymborgs.
Schließlich räuspert sich Josef und lenkt das Gespräch auf ein etwas anderes Thema: „Herr Brown, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch und es ist auch sonst nicht unsere Art, aber mein Bruder und ich haben uns darüber Gedanken gemacht, ob der unglückliche Umstand ihres Festsitzens bei uns in Lohne für Sie nicht auch einen Nutzen haben könnte.“
Simon sieht die beiden Männer erstaunt an. „Da bin ich aber gespannt“, meint er.
Josef tupft sich noch einmal mit der Serviette den Mund ab und fährt dann fort: „Nun, da wir bis heute noch keinen geeigneten Importeur in Amerika finden konnten, kam Franz die Idee in den Kopf … Hm … Was halten Sie von der Möglichkeit, unsere Schreibfedern in Nordamerika zu verkaufen? Wir würden Sie mit einem exklusiven Vertrag ausstatten und Sie könnten mit wettbewerbsfähigen Preisen hochwertige Schreibfedern aus dem Großherzogtum Oldenburg anbieten. Was sagen Sie dazu, Herr Brown?“
„Nun …“ Simon zögert und stellt sein Rotweinglas auf den Tisch zurück.
Doch gerade, als er fortfahren möchte, kommt ihm Franz zuvor: „Entschuldigen Sie, Herr Brown, was für einen Rotwein trinken wir gerade?“
Mit Unverständnis schauen die anderen auf Franz, der so unvermittelt das Gesprächsthema wechselt, aber Simon scheint darüber ganz und gar nicht verwundert. Wie selbstverständlich greift er nach seinem Rotweinglas, schwenkt es und riecht intensiv an seinem Inhalt. „Als ich diesen Wein heute das erste Mal auf die Zunge nahm, war mir sofort klar, dass ich ihn schon einmal verkosten durfte. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei meinem Großvater in London oder mit meinem Freund Pierre Quancard in Bordeaux war. Allerdings bin ich mir ganz sicher, dass Pierre und ich über diesen Wein gesprochen haben: ein Bordeaux … diese tief rubinrote Farbe, dieses wuchtige, vielschichtige Bukett, geprägt von reifen dunklen Früchten, edlen Gewürzen, Lakritz, Tabak, Mokka und Holz! Auf der Zunge zeigt er sich zunächst ein wenig –  ich will es einmal so ausdrücken – elegant, aber streng. Bei näherer Betrachtung zeigt der Wein dann eine enorme Komplexität, eine Fülle von Aromen und satter Frucht von Johannisbeere und Kirsche, aber auch Pfeffer, Tabak, Bitterschokolade und Eichenholz. Apropos Holz: Seine Gerbstoffe sind präsent, aber recht weich und harmonisch, und integrieren sich ausgezeichnet in den Gesamteindruck. Dazu fällt mir ein Wort ein: Präzision. Ich würde sagen, dieses Meisterstück stammt aus dem kleinen Örtchen Saint-Estèphe. Ich habe es einmal kurz gesehen, als ich mit der ‚Ocean Dream‘ die Gironde in Richtung Bordeaux hinaufgefahren bin. Ich konnte die Kirchturmspitze vom Achterdeck aus sehen. Von dort kommen in der Regel eher kernige Rotweine, was mich vermuten lässt, dass dieser Château Montrose reiferen Alters ist, vielleicht sogar aus der Anfangszeit des Jahrhunderts stammt, zweifelsfrei aber aus einem hervorragenden Jahrgang.“
Während Simon unter aufmerksamem Lauschen seiner Gastgeber dem Wein beschreibt, gibt Franz Rita, die sich im Hintergrund hält, einen Wink.
„Sind Sie Weinkenner, Herr Brown?“, fragt Elisabeth respektvoll.
„Ich bin auf einem Weingut aufgewachsen und mein Großvater hat ein Wein- und Spirituosengeschäft in London“, erklärt Simon bescheiden. „Da bleibt es wahrscheinlich nicht aus, dass man sich mit Wein auskennt.“
„Herr Kreymborg, die beiden Flaschen, die Sie wünschen.“ Rita stellt sowohl den Rotwein als auch den Sherry aus dem Salon auf den Esstisch. Mit gespanntem Blick nimmt Franz die Rotweinflasche in die Hand und liest laut vor: „Château Montrose, Saint-Estèphe, Bordeaux Rouge, Jahrgang 1811.“
„Ein Kometenwein“, schwärmt Josef.
„Kometenwein …?“, fragt Franziska gedehnt, als würde ihr dazu noch etwas mehr einfallen.
„Ja, der sagenhafte 1811er. Ein Jahrhundertjahrgang, etwas ganz Besonderes!“, erklärt Josef seiner Schwägerin und trinkt einen Schluck aus seinem Glas.
Simon nickt anerkennend. „Ja, der Elfer, der hatte ausgezeichnete Wetterverhältnisse. Mein Großvater hat mehr als einmal davon geschwärmt: Das Frühjahr begann schon im Februar, über den Sommer verteilten sich Sonne und Regen optimal und der Herbst zeigte sich von seiner wohlgesonnenen Seite.“
„Lustig, vor ein paar Tagen habe ich da etwas gelesen … “ Franziska Kreymborg verlässt mit roten Wangen das Speisezimmer und kehrt ziemlich schnell mit einem Buch in der Hand wieder zurück. „Ich lese gerade ‚West-östlicher Divan‘ von Johann Wolfgang von Goethe und da ist mir …“ Geschickt blättert sie durch die Seiten und hält plötzlich inne. „Hier, auf Seite 190 steht geschrieben: ‚Dem Kellner. Setze mir nicht, du Grobian, mir den Krug so derb vor die Nase! Wer mir Wein bringt, sehe mich freundlich an, sonst trübt sich der Eilfer im Glase.‘ Bezieht sich das möglicherweise auf diesen Kometenjahrgang?“
„Das scheint mir wahrscheinlich, Franziska, dennoch mag ich ihn nicht besonders, diesen Goethe“, brummelt Josef Kreymborg.
„Aber Josef, was kennst du schon von Goethe“, wirft Elisabeth missbilligend ein. „Ich liebe ‚Die Leiden des jungen Werthers‘, das ist so ein ergreifender Roman.“
Josef allerdings denkt gar nicht daran, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und erwidert ungehalten: „Was du immer mit diesem Werther hast! Ein Witzling, der so etwas Schändliches wie Selbstmord begeht.“
„Ach, du hast ja keine Ahnung!“, schilt ihn seine Gattin. „Der Goethe war schon zu Lebzeiten eine anerkannte Persönlichkeit und jetzt, da er tot ist, wird er noch viel berühmter. Du wirst sehen, von dem spricht man in hundert Jahren noch.“
„Ihr Lieben, lasst es gut sein“, mischt sich Franz ein. „Ich möchte noch einmal auf den Rotwein zurückkommen. Ich bin verblüfft, Herr Brown, dass Sie uns nur durch Riechen und Schmecken sagen können, was wir hier trinken.“
„Ja, wirklich“, wirft Elisabeth ein. „Sehr verblüffend!“
„Es geht ja nicht nur um den Rotwein“, fährt Franz fort. „Als Herr Brown im Salon den Sherry probierte, war er so konzentriert, dass er nicht einmal bemerkte, dass ich ihm eine Frage stellte. Und dann hat er mir erklärt, warum wir einen Oloroso und keinen Cream Sherry im Glas haben.“
„Und was war es jetzt?“, fragt Franziska ungeduldig.
Franz nimmt die Flasche in die Hand und liest vor: „Emilio Hidalgo aus Jerez de la Frontera, ein Oloroso-Sherry.“ Er stellt die Flasche so auf den Tisch zurück, dass auch die anderen die Worte erkennen können.
„Beeindruckend“, platzt es aus Elisabeth heraus. „Damit könnten Sie bestimmt Geld verdienen.“
Simon muss lachen. „Das mache ich ja bereits – zum Teil jedenfalls. Ich habe Wein in Bordeaux gekauft und in London und Edinburgh veräußert. In Schottland haben wir Whisky erworben…“
„Gute Idee“, nickt Josef. „Es ist immer von Vorteil, mit Dingen zu handeln, die man kennt. Und jetzt, da Sie wissen, wie man Schreibfedern herstellt, könnten Sie unsere Federkiele doch auch in Amerika verkaufen.“
„Ich werde mir das in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen lassen.“ Simon will sich nicht so schnell festlegen. Eine solche geschäftliche Entscheidung sollte gut bedacht werden.
„Das ist gut“, meint Franz. „Sollten Sie noch Fragen haben, so halten Sie damit nicht hinter dem Berg.“
„In der Tat beschäftigt mich etwas … Ich habe mitbekommen, dass in England viele Leute mit Stahlfedern schreiben. Wird sich der Gänsekiel dagegen halten können?“
„Da bin ich mir sicher.“ Franz Kreymborgs Stimme klingt zuversichtlich. „Wir werden wohl die enormen Stückzahlen nicht ganz halten können, aber dafür arbeiten wir stetig an der Verbesserung unserer Qualität. Hier in Lohne haben wir auch Konkurrenten, doch da wir zu den großen Unternehmen der Branche gehören, denke ich, wir werden die Veränderungen internationaler Märkte besser verkraften können als die kleineren Hersteller.“
„Das sehe ich auch so“, stimmt Franziska zu.
Simon ist ein wenig erstaunt, dass die Gattin eines Unternehmers sich so frei zu geschäftlichen Fragen äußert. Bei Kreymborgs scheint das ganz normal zu sein.
„Haben Sie denn schon mit beiden geschrieben, Herr Brown? Mit einem Gänsekiel und mit einer Stahlfeder?“ Franziska sieht ihn kurz fragend an und fährt dann fort: „Sie werden feststellen, dass das Schreiben mit dem Gänsekiel viel natürlicher und damit gesünder für Finger und Hände ist. Es sorgt zudem für eine viel schönere Handschrift.“
„Es gibt so viele Argumente für den Gänsekiel“, findet auch ihre Schwägerin. „Einen Liebesbrief mit einer kalten, harten Stahlfeder schreiben? Das ist für mich eine schier unmögliche Vorstellung!“
„Genauso wie das Ausstellen einer Urkunde oder das Unterschreiben wichtiger Dokumente“, fügt ihr Mann hinzu. „Da geht es doch nicht nur um eine Unterschrift, sondern um so viel mehr – um seinen guten Namen … um Treu und Glauben!“
Simon merkt, dass das Thema in diesem Haus mit Vorsicht zu genießen ist. „Entschuldigung““, versucht er sich daher zu erklären, „ich meine nur, die Stahlfeder ist robuster, hält länger und ist damit auf Dauer doch auch billiger.“
„Man wird Ihnen nicht absprechen können, Herr Brown, dass die meisten Menschen diese metallischen Schreibfedern ausprobieren werden“, vermutet Elisabeth. „Viele werden auch wechseln, aber ein großer Teil wird doch am Federkiel festhalten, weil er einfach so viele Vorteile hat.“
„Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen, Herr Brown?“ Franziska neigt sich leicht nach vorne, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Ja, selbstverständlich.“
„Diese junge Inderin zu finden stelle ich mir äußerst schwierig vor. Indien soll so ein riesiges, unübersichtliches Land sein – und dazu auch noch viel mühseliger zu bereisen als Europa. Was stimmt Sie so zuversichtlich, dass Sie sie finden können? Woher nehmen Sie bloß jeden Tag aufs Neue diesen scheinbar unerschütterlichen Glauben?“
Simon schluckt, doch es ist Elisabeth, die für ihn mit nur einem Wort antwortet. „Liebe“, unterbricht sie ihre Schwägerin und Simon kann darauf nur wortlos nicken.

Simon muss mehrere Stunden tief geschlafen haben, doch es ist noch stockfinster, als er durch eine eigenartige Unruhe der Tiere unter ihm wach wird. Sie scheinen sich mehr als sonst in der Nacht zu bewegen und beruhigen sich auch nicht gleich wieder wie sonst, wenn sie im Schlaf aufschrecken. Simon wird langsam richtig wach. Irgendetwas kann da unten nicht stimmen. Möglichst lautlos schiebt er seine Decke zur Seite, zwängt sich behutsam in seine Hose, stülpt sich seine Stiefel über und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Dann setzt er sich in die Hocke und lauscht. Er muss nicht lange warten, bis er eine männliche Stimme flüstern hört. Wieder ein Flüstern, dass er nicht verstehen kann, aber eindeutig von einer zweiten Person kommt. Vorsichtig schleicht Simon sich an die Tür und wartet geduldig, bis eine Kuh leise muht und mehrere Schweine zu grunzen beginnen. Dadurch ist es ihm möglich, die leicht knarrende Tür unentdeckt zu öffnen, sodass er freien Blick in den unteren Bereich des Stalls hat. Er erkennt zwei Männer, die immer wieder einmal aus dem Schatten des Stalls ins Mondlicht treten; die Stalltreppe und die Tür, in deren Rahmen er hockt, liegen dagegen in völliger Dunkelheit. Einer der Männer ist mit einem knüppelartigen Gegenstand bewaffnet und geht jetzt zum Hintereingang des Hauses hinüber. Der andere legt einer der beiden Kühe einen dicken Strick als Halfter um den Hals.
„Hoffentlich kommt jetzt keiner aus dem Haus heraus“, denkt Simon. Die Kerle scheinen mit Tieren vertraut zu sein, denn sie verhalten sich ihnen gegenüber sehr routiniert. So ist es wohl zu verstehen, dass die Tiere nicht ängstlich werden. „Oder sind die Männer ihnen sogar bekannt?“, schießt es Simon durch den Kopf. „Viehdiebstall, eine äußerst gemeine Sache – die Familie ist von ihren Tieren abhängig, sie geben Milch, Eier, Fleisch … Ganz zu schweigen vom finanziellen Verlust. Ich muss das unbedingt verhindern.“
Gerade als der eine Schurke rückwärts an der Treppe vorbeigeht, um die Kuh aus dem Stall zu ziehen, springt Simon ihm von oben auf die Schultern. Der Mann stößt einen schmerzverzerrten Schrei aus und bricht unter Simon bäuchlings zusammen. Das ruft den anderen Halunken auf den Plan, der sofort mit dem erhobenen Knüppel in der Hand angerannt kommt. Blitzschnell duckt sich Simon weg und der erste Schlag verfehlt ihn nur knapp. Der Knüppel kracht gegen einen der dicken Eichenständer, die den oberen Teil des Stalls tragen. Der zweite Schlag streift Simon an der linken Schulter. Zeitgleich bückt er sich nach einem Zinkeimer und schleudert diesen seinem Angreifer ins Gesicht. Er schnellt aus der Hocke hoch und schlägt ein, zwei Mal mit der Faust auf den Mann ein. Da der zusammenbricht, kann Simon ihm den Knüppel entreißen. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie etwas im Mondlicht aufblitzt und auf ihn zuschnellt. In letzter Sekunde kann Simon zwar ausweichen, aber er kann nicht mehr verhindern, dass die Klinge, die der andere Mann in der Hand hält, über seinen Unterarm ritzt. Ohne groß nachzudenken, dreht sich Simon um die eigene Achse, um Schwung zu holen, und schlägt dem Angreifer das Messer mit dem Knüppel aus der Hand. Im hohen Bogen fliegt es zwischen die Schweine ins Stroh. Der Getroffene schreit lauthals auf, krümmt sich nach vorne und zischt seinem Kumpanen zu: „Lass uns abhauen, das wird nichts. Der Typ hat mir die Finger gebrochen.“
Sein Kumpan rennt schon quer durch die Gemüsebeete am Haus vorbei zur Straße. Simon lässt auch den anderen ziehen, der sich im Laufen immer noch seine Hand hält. Als er sich umdreht, sieht er Käthe, Anton und die beiden Mädchen, die sich alle mit panischem Blick an der Hintertür drängeln.
„Gott sei Dank!“ Der kleine Anton findet als Erster seine Sprache wieder. „Endlich haben die einmal richtig Haue bekommen!“
„Eine Kuh reicht“, seufzt Cornelia. „Jetzt werden sie sich hoffentlich jemanden anderen suchen.“
Käthe sagt nichts, sondern geht mit sorgenvoller Miene auf Simon zu. „Ist dir etwas passiert? Hast du etwas abbekommen? Komm ins Haus, damit ich dich bei Licht betrachten kann.“
„Nein, ich glaube, es ist alles in Ordnung“, wehrt Simon ab. Er fühlt sich vor allem erschöpft nach dem nächtlichen Kampf.
„Ein heißer Tee wird uns gut tun. Nach der Aufregung kann ich sowieso nicht wieder einschlafen.“
Während Cornelia das Teewasser aufsetzt und Grete die Tassen auf den Küchentisch stellt, steht Simon mit dem Rücken zum Küchenschrank und versucht sich an die Gesichter der beiden Schurken zu erinnern. Als Käthe in die Küche kommt und ihr Blick beiläufig Simon streift, hält sie plötzlich erschrocken inne. „Was tropft da von deiner linken Hand?
Simon schaut an sich herunter und sieht eine Reihe Blutstropfen auf den Küchenfliesen. Als er seinen linken Arm anwinkelt, erkennt er einen Schlitz im Ärmel.
„Setz dich hin.“ Käthe krempelt Simons Hemd bis zur Armbeuge auf. Am Unterarm klafft eine etwa zehn Zentimeter lange blutende Wunde.
„Anton, kommst du an die Holzkiste im Flur? Darin sind saubere Tücher.“
„Ja, Mama, bin schon unterwegs!“
„Scheint nicht tief zu sein, Simon“, stellt Käthe fest. „Ich werde es erst säubern und anschließend verbinden. Setz dich an den Küchentisch.“
„Danke, Käthe.“
Cornelia reicht Simon einen Lappen, den Simon so unter seinen Arm hält, dass das Blut nicht mehr auf den Boden tropfen kann. Käthe holt den hochprozentigen Schnaps aus dem Wohnzimmerschrank und träufelt etwas davon auf einen ausgekochten Lappen aus der Holzkiste. Anton drückt sich ganz still auf die Küchenbank.
„Simon, das wird brennen!“
Der Amerikaner nickt und presst seine Zähne zusammen, während Käthe vorsichtig die Wunde auswäscht. Als Cornelia die Teekanne auf dem Tisch abstellt, meint sie: „Ich habe mir einmal ein Knie aufgeschürft und die Wunde wurde auch mit Alkohol gesäubert … Das hat höllisch wehgetan!“
„Boah, habt ihr das gesehen? Der Simon kämpft wie ein Krieger!“ Anton hält es offensichtlich nicht mehr aus, länger still zu sein, und boxt auf der Küchenbank in die Luft.
„Lass das, Anton!“ Seine Mutter wirft ihm einen scharfen Blick zu, bevor sie eines der ausgekochten Tücher stramm um Simons Unterarm wickelt und befestigt.
„Kanntet ihr die Burschen?“, will Simon jetzt wissen.
„Ich glaube, die kommen aus Kroge“, vermutet Cornelia.
„Du sagtest draußen so etwas wie ‚Eine Kuh reicht‘. War das heute also nicht der erste Versuch?“
„Wir wissen nicht, ob es dieselben Kerle waren.“
Cornelia erklärt: „Vor etwa einem Vierteljahr ist uns schon einmal eine Kuh aus dem Stall gestohlen worden.“
„Beweisen können wir es denen jedoch nicht! Die werden sowieso alles abstreiten und wer soll uns schon glauben?“, stellt Käthe bitter fest.
„Deshalb ist es gut, dass sie heute eine deftige Abreibung bekommen haben“, freut sich Anton und beginnt wieder mit dem Schattenboxen.
„Kein Unfug am Küchentisch, Anton! Noch mal sage ich es nicht, sonst gibt es etwas hinter die Ohren. Haben wir uns verstanden?“ Zu Käthes scharfem Blick gesellt sich nun auch noch ein ernster Ton in ihrer Stimme.
Nachdem Cornelia den heißen Tee in die Tassen gegossen hat, sitzen alle um den Küchentisch herum und hängen für einen Moment ihren Gedanken nach. Grete ist die Erste, die ihre Stimme wiederfindet: „Es sah so aus, als hättest du das nicht das erste Mal getan, Simon.“
„Was meinst du? Dass ich mich körperlich zur Wehr gesetzt habe?“
„… dich geprügelt“, verbessert Grete ernst.
„Ich würde das nicht als Prügeln bezeichnen“, wendet Käthe ein. „Das ist es, wenn junge Burschen bei jeder Kleinigkeit explodieren und auf andere, vielleicht sogar wehrlose Personen drauflos schlagen. Simon hat unser Hab und Gut verteidigt – und vielleicht ist das wirklich die Antwort gewesen, die diese beiden Halunken brauchten, damit sie unsere Habseligkeiten in Ruhe lassen.“
Grete schaut nicht ganz zufrieden drein. Daher fährt ihre Mutter fort: „Grete, ich glaube, niemand befährt die Sieben Weltmeere oder wandert nach Amerika aus, wenn er nicht bereit ist, für seine Rechte einzutreten und sein Eigentum zu verteidigen, notfalls auch mit Gewalt. Wobei die Faust immer das letzte Argument sein sollte.“
„Hast du denn versucht, mit den beiden Männern zu reden, Simon?“
„Spinnst du?“ Verständnislos schaut Anton seine Schwester an.
Simon muss noch einen Moment überlegen. Eigentlich ging alles so schnell, dass er einfach gehandelt hat – so, wie es ihm am besten schien. „Nein, Grete, ich habe in der Tat nicht versucht mit ihnen zu reden. Es ist Nacht und dunkel draußen, sie waren offensichtlich ohne Einladung aufgetaucht und hatten sich widerrechtlich Zutritt zu eurem Stall verschafft. Zudem hatten sie schon eine der Kühe am Strick und waren auf dem Weg zur Straße. Ihre Absichten schienen mir eindeutig, zudem waren sie zu zweit und bewaffnet – was ich natürlich vorher nicht wissen konnte. Aber es war wohl zu vermuten.“
Doch der kleine Anton ist mit seiner Schwester noch nicht im Reinen. „Das meintest du doch nicht im Ernst, Grete – reden?“
Grete lächelt den kleinen Bruder an. „Das war nur eine Frage, Anton. Natürlich bin ich auch froh, wenn es jetzt vorbei ist und sie nicht wieder versuchen, uns zu bestehlen. Ich wollte doch nur wissen, ob sich Simon öfters prügelt.“
„Nein, und du hast ja recht, Grete: Im Allgemeinen versuche ich, die Dinge mit Worten zu regeln und Handgreiflichkeiten aus dem Weg zu gehen.“
„Das soll jetzt das Schlusswort gewesen sein“, stellt Käthe fest und nimmt einen letzten Schluck aus ihrer Tasse. „Trinkt euren Tee und dann ab ins Bett; der morgige Tag wird schneller kommen, als uns lieb ist. Gute Nacht, allerseits … Und Simon, nochmals danke, auch im Namen von Aloys.“

Die Kreymborg‘sche Feder-Posen-Fabrik hat mich damals wirklich begeistert: ein ausgezeichnet durchstrukturiertes, profitables Unternehmen, das hervorragende Schreibfedern aus Gänsekielen herstellte und quasi um die ganze Welt verkaufte. Es war wirklich ausgesprochen freundlich, wie selbstverständlich ich von Familie Kreymborg aufgenommen wurde und mich aus erster Hand aufs Genaueste informieren durfte. Der Exklusivvertrag zum Verkauf von Kreymborg‘schen Gänsekielen auf amerikanischem Boden klang sehr verlockend, versprach er doch gute Gewinne. Und so beschäftigte er mich verständlicherweise die folgenden Tage fast unablässig. Schlussendlich entschied ich mich jedoch gegen diesen Vertrag, weil ich mir einfach nicht sicher war. Kurz gesagt: Ich hatte einfach keine Ahnung von diesem Geschäft.

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