5.14 Ohne Pass in der Fremde

Klack, klack, klack, klack, klack … Ein gleichmäßiges Geräusch dringt aus der Ferne in Simons Bewusstsein. Es klingt dumpf, leise und sehr weit weg. Das Nächste, was er wahrnimmt, sind die Schmerzen – im Kopf und in allen Gliedern. Simon ist kalt, aber langsam schafft er es, seine Augen zu öffnen. Doch die Dunkelheit bleibt. Er merkt, dass er auf dem Rücken liegt, und versucht, Arme und Beine zu bewegen, aber es ist zwecklos: Er sitzt fest, wie eingemauert. Gefangen, gefesselt, begraben … lebendig begraben? Panik steigt in ihm auf. „Sie müssen angenommen haben, dass ich tot bin … Oh Gott!“ Aber wer hatte das angenommen? Wo war er noch mal gewesen? Amsterdam? Nein, nicht mehr … Auf dem Weg nach Delfzijl, auf der Suche nach Marala … mit Luuk und Joos. Was ist aus den beiden geworden? Sind sie am Leben? Er selbst jedenfalls lebt wohl noch.
Jetzt fällt Simon wieder dieses gleichmäßige Geräusch auf: klack, klack, klack … Es wirkt nun lauter. Zugleich bemerkt er, dass der Boden unter ihm sich ebenso gleichmäßig schaukelnd bewegt. Nein, er kann sich nicht unter der Erde befinden. Eher in einem ruckelnden Wagen, ja. Ein holpriger Weg würde die Erschütterungen jedenfalls erklären. Simon fühlt sein Herz schneller schlagen. Ruhig bleiben und versuchen, sich zu konzentrieren! Warum kann er sich nicht bewegen? Ist er gefesselt, regelrecht eingeschnürt? Verdammt! Er ist ausgeliefert – wem auch immer! Schweiß bildet sich auf seiner Haut; vor allem Stirn und Rücken fühlen sich schnell klitschnass an. Irgendwann geraten die ersten salzigen Tropfen in seine Augen, wo sie zu brennen beginnen. Simon kneift die Augen zusammen; das Luftholen fällt ihm zunehmend schwerer und so versucht er, mit einem Schrei aufgestauten Druck abzulassen. „Hey da! Hört mich jemand?“
Das Klack-Geräusch verstummt, der Gegenstand, auf oder in dem er sich befindet, kommt zur Ruhe, und plötzlich wird eine dunkle Plane über ihm weggezogen. Das ungewohnte Licht schmerzt Simon in den Augen und er ist gezwungen, sie blinzelnd zusammenzukneifen. Ein Mann beugt sich über ihn. Er hat eine qualmende Zigarre im Mundwinkel und zischt durch die Zähne: „Moin, du snackst keen Plattdüütsch. Bist ‘n Amerikaner?“
„Mojn“, antwortet Simon mit etwas schwacher Stimme und schaut an sich herunter. Dabei stellt er fest, dass er gar nicht gefesselt ist, sondern in mehrere Decken eingewickelt wurde. Jetzt kann er auch den anderen besser erkennen, einen blonden Mann mittleren Alters, den er noch nie gesehen hat. Der Mann stapelt ein paar Holzkisten um, damit er ihn leichter aus den Decken befreien kann. „Mit meinem Englisch ist es nicht weit her“, erklärt er und zieht kräftig an seiner Zigarre, während er die Decken ordentlich faltet und verstaut.
„Wir können auch Deutsch miteinander sprechen.“ Simon versucht sich aufzusetzen.
„Lass dir helfen, Simon.“ Der Mann reicht ihm die Hand. „Ich bin übrigens der Aloys. Lass uns man beim du bleiben, im Plattdeutschen gibt es kein Sie.“
„Genau wie im Englischen.“ Simon kann schon fast wieder grinsen. „Woher kennst du meinen Namen, Aloys?“
„Aus deinen Unterlagen, die um dich verstreut herumlagen. Ich denke, ich habe alles wieder zusammenbekommen.“
„Wo sind meine Sachen?“
„Nimm meine Hand und setz dich erst einmal vernünftig hin. Vorsichtig, du warst mehr als einen Tag ohne Bewusstsein. Wie fühlst du dich?“
Simon schließt kurz die Augen. „Ich habe Kopf- und Gliederschmerzen, aber sonst scheint alles zu funktionieren.“
Aloys dreht den Deckel einer Wasserflasche auf und reicht sie ihm. „Trink, das wird dir gut tun. Die Kopfschmerzen sieht man dir an, hast eine ziemliche Beule.“
„Was ist geschehen?“ Simon nimmt einen kräftigen Schluck, aber das Wasser brennt ihm ungewohnt im Hals und er muss husten.
„Ach, ich vergaß: In der Pulle befindet sich ‚halb und halb‘, Wasser und Schluck. Wasser kann einfrieren und schmeckt nach nichts.“
„Schluck?“, fragt Simon verständnislos.
„Schluck nennen wir den Weizenkorn“, erklärt der Blonde und ergänzt: „Schnaps aus Weizen, verstehst du?“
„Ja … Aber was ist mit mir passiert?“
„Keine Ahnung.“ Aloys zieht die Schultern hoch, reicht Simon seinen Rucksack und setzt sich auf eine der Holzkisten. „Kannst du dich nicht erinnern?“
Simon schüttelt den Kopf, hört aber sofort wieder damit auf, weil der noch zu sehr schmerzt.
„Ich habe dich neben dem Weg von Delfzijl nach Termunterzijl gefunden. Du lagst leblos auf der Böschung und ich dachte, den kannst du da nicht liegen lassen. Wegen der dicken Beule an deinem Kopf und des durchwühlten Rucksacks nehme ich an, dass man dich ausgeraubt hat. Jedenfalls hat jemand deinen Rucksack durchsucht, denn ein Teil der Papiere lag verstreut herum. Ich habe aufgesammelt, was ich finden konnte.“
„Wir waren zu dritt unterwegs“, murmelt Simon vor sich hin. „Luuk und Joos – was mag aus ihnen geworden sein?“
Aloys macht ein ahnungsloses Gesicht. „Also, ich habe mich natürlich umgesehen, aber mir ist keine weitere Person aufgefallen.“ Er zeigt auf den Rucksack. „Du musst nachschauen, ob etwas fehlt.“
Simon prüft den Inhalt und stellt fest: „Mein Geld fehlt.“
„Das war zu erwarten. Sind die anderen Unterlagen denn vollständig und leserlich? Wenigstens hat es aufgehört zu regnen, da wurdest du nicht vollkommen durchnässt. Nun, jedenfalls habe ich dich, um dich vor Zugwind zu schützen, in die Decken eingewickelt und auf der Ladefläche verstaut. Ich dachte, das Wichtigste ist erst einmal, dass du mir nicht erfrierst.“
Simon schaudert noch einmal kurz in der Erinnerung. „Unter der Plane war es stockdunkel und ich konnte mich überhaupt nicht bewegen. Das Erste, was mir durch den Kopf schoss, war die Vermutung, man hätte mich lebendig begraben.“
„Mein Gott, daran habe ich überhaupt nicht gedacht!“ Aloys macht ein zerknirschtes Gesicht. „Entschuldige, aber in so einer Bredouille war ich in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich meine … jemanden Fremdes auf der Straße zu finden, der auch noch bewusstlos ist. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte. Ich konnte dich ja schlecht liegen lassen, aber ich konnte auch nicht einfach mit einer bewusstlosen Person die Grenze passieren. Trotzdem habe ich nur eine Möglichkeit gesehen, dir zu helfen: Ich musste dich vor dem kalten Wind und den neugierigen Fragen der Zollbeamten schützen. Glücklicherweise kannten die mich, und sie ließen mich ohne Kontrolle passieren.“
„Die Grenze …“, murmelt Simon nachdenklich. „Wo sind wir denn jetzt? Nicht mehr in den Niederlanden?“
„Nein, wir sind jetzt auf dem Weg nach Oldenburg. Wie gesagt, du warst etwa einen Tag ohne Bewusstsein. Wir haben bei Jemgum über die Ems gesetzt, sind durch Leer und Filsum gefahren, ums Große Moor herum, nach Westerstede und jetzt sind wir etwa drei Stunden vor Oldenburg.“
Immer noch kontrolliert Simon den Rucksackinhalt. Plötzlich schaut er auf und stellt erschrocken fest: „Mein Reisepass ist nicht da! Ohne Reisepass sitze ich fest, komme offiziell über keine Grenze und auch nicht an Geld. Verdammt! Wie soll ich denn hier an einen neuen Pass herankommen?“ Für einen kurzen Moment hält er die Luft an und denkt nach, um dann allerdings noch enttäuschter festzustellen: „Keine Ahnung … Ich sitze fest.“
„Hm“, meint der Blonde und wiegt den Kopf, „das ist in der Tat sehr ärgerlich und auch ich habe keine Idee, wie man als Ausländer zu einen neuen Pass kommt. Da wir aber in die Landeshauptstadt fahren, könnten wir beim Meldeamt vorbeischauen und versuchen, dir dort einen neuen Pass ausstellen zu lassen.“
„Du meinst, das geht so einfach?“ Simon ist sich nicht sicher und ihm wird mulmig.
„Warum nicht? Du hast doch Unterlagen dabei, die beweisen, wer du bist.“
„Die haben aber offiziell nur Gültigkeit im Zusammenhang mit meinem Reisepass.“
„Ja, aber sie belegen, wer du bist, und du sprichst Deutsch. Von wo stammst du eigentlich?“
Simon fährt sich über den Kopf, der langsam etwas weniger schmerzt, und nimmt noch einen Schluck „halb und halb“. „Ich bin in Mainz am Rhein geboren, also im Großherzogtum Hessen, aber ich bin schon mit siebzehn Jahren nach Amerika ausgewandert. Also bin ich jetzt Amerikaner. Ich habe einen amerikanischen Reisepass – oder besser gesagt, ich hatte einen.“
„Amerika!“, staunt Aloys. „Meine Zweite, die Grete, ist siebzehn und schwärmt von Amerika.“
„Kommst du aus Oldenburg?“, will Simon jetzt wissen.
„Nein.“ Aloys zieht ein letztes Mal an seiner Zigarre, bevor er den Stummel in den Straßengraben wirft. Dann zeigt er auf die Holzkiste, auf der er sitzt. Simon liest: „Gebr. Kreymborg, Lohne in Oldenburg“. Der Blonde erklärt: „Ich bin Aloys Brägelmann aus Lohne, das liegt in Südoldenburg. Ich bin Reisender für die Firma Kreymborg, die Schreibfedern aus Gänsekielen herstellt.“
„Bestimmt ein einträgliches Geschäft, jedermann benötigt Schreibfedern.“
„Ja, durchaus“, nickt der Händler. „Wir haben zwar einige Konkurrenz, selbst in Lohne, aber wir gehören zu den Großen und haben sogar eine Niederlassung in England. Aber nicht, dass du das in den falschen Hals bekommst.“ Er lacht etwas scheppernd. „Ich war noch nie in England und mein Englisch ist bedauernswerterweise schlecht. Ich bin Reisender für Ostfriesland und Holland; mein Gebiet reicht sogar bis Amsterdam.“
„Da bin ich vorgestern auch hergekommen, mit dem Boot. Ich wollte Klarheit darüber bekommen, ob eine Freundin von Delfzijl nach Indien abgereist ist.“
„Von Delfzijl?“ Aloys hebt erstaunt die Augenbrauen.
„Ja, meine beiden Bekannten Luuk und Joos haben mir erklärt, dass viele Menschen, die in Amsterdam ankommen und unerkannt bleiben wollen, von einem anderen Hafen weiterreisen.“
Der Lohner schüttelt den Kopf. „Mein Junge, ich glaube, da bist du einem Irrtum aufgesessen. Der Hafen von Delfzijl ist zwar nicht unbedeutend, aber dass von da aus Schiffe nach Indien ablegen, möchte ich doch bezweifeln. Wie lange kennst du deine Bekannten schon?“
„Etwa eineinhalb Tage …“
„Dann befürchte ich, dass du planmäßig überfallen und ausgeraubt wurdest.“
„Von Luuk und Joos?“ Simon kann das nicht glauben. Dann denkt er zurück: Ja, er hatte schon ein komisches Gefühl, am Abend in Delfzijl …
„Ich nehme das stark an“, fährt Aloys fort. „Dadurch, dass sie dich aus Amsterdam herausgelotst haben, bist du dort von der Bildfläche verschwunden und keiner wird dich vermissen. Du hast wirklich Glück gehabt, dass ich dich gefunden habe.“
„Verdammt und zugenäht!“, flucht Simon laut. Wie konnte er den beiden Holländern nur so naiv auf den Leim gehen und seine allgemeine Vorsicht so einfach über Bord werfen – nur, weil es um Marala ging? Auch um seinen gestohlenen Reisepass sorgt er sich mehr, als er bereit ist zuzugeben, was sich in einer latenten inneren Unruhe und einem unguten Gefühl in der Magengegend ausdrückt.
„Jetzt setz dich zu mir auf den Kutschbock und lass uns weiterfahren!“
Der Händler hilft Simon aufzustehen und reicht ihm eine wärmende Decke. Anschließend bringt er seine Ladung in Ordnung und verzurrt die Plane. An der frischen Luft geht es Simon zunehmend besser, und Aloys ist ein eloquenter Gesprächspartner. So erfährt Simon, dass der Lohner mit Käthe verheiratet ist, einer geborenen Middendorf aus Südlohne, und sie drei Kinder haben: Cornelia, achtzehn Jahre alt, Grete, siebzehn, und Anton, zehn Jahre alt. Die Familie lebt in Lohne in einem kleinen Häuschen und hat einen Stall mit zwei Kühen, drei Schweinen und ein paar Hühnern. Aloys arbeitet schon seit über fünfzehn Jahren als Verkäufer für die Firma Kreymborg.
Bis sie das Zentrum von Oldenburg erreichen, hat auch Simon ausreichend Zeit, Aloys vom Weingut seiner Familie und seinen Verwandten in London zu berichten. Aber auch sein Leben in Amerika kommt nicht zur kurz. So sind beide fast ein wenig überrascht, als sie merken, dass sie sich mit dem Fuhrwerk schon in der Nähe des Oldenburger Schlosses befinden. Aloys kramt in seiner Jackentasche herum, holt eine Taschenuhr heraus und stellt fest: „Wir haben fast drei Uhr. Als Erstes sollten wir jemanden fragen, wohin wir müssen.“
Schon springt er vom Kutschbock und baut sich vor einem älteren Herrn auf, der gerade an dem Fuhrwerk vorübergehen will, nimmt seine Mütze zum Gruß vom Kopf und spricht den Passanten an: „Moin, wir suchen das Meldeamt.“
Der Herr zögert nicht lange. „Zum Meldeamt? Das Gebäude hinter Ihnen mit dem Giebel in der Mitte.“
Aloys schaut sich um, nickt und bedankt sich bei dem Passanten. Vor dem Meldeamt angelangt, zieht der Händler die Bremsen an und macht sich daran, von einem nahen Brunnen Wasser für seine Pferde zu holen. Anschließend begibt er sich mit Simon in das imposante Amt. Hinter einem Tresen sitzen mehrere Beamte an ihren Schreibtischen und gehen ihrer Arbeit nach. „Moin“, grüßen die beiden Ankömmlinge in der Hoffnung, dass einer der Herren seinen Kopf hebt und sich ihres Anliegens annehmen möge.
Ein ernst dreinblickender glatzköpfiger Beamter mit Schnurrbart und kreisrunder Nickelbrille hebt den Kopf, steht auf und kommt zum Tresen. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Aloys Brägelmann, ich bin Südoldenburger, und dieser junge Mann hier ist Simon Brown. Er ist überfallen worden und man hat ihm sein Geld und den Reisepass entwendet.“
„Ja, so ist es“, stimmt Simon mit einem Nicken zu.
„Überfallen?“, fragt der Beamte besorgt. „Geht es Ihnen ansonsten gut?“ Auch die Kollegen schauen jetzt neugierig zu ihnen herüber.
„So weit ist alles wieder in Ordnung, aber ich habe keinen Reisepass mehr und bekomme so auch kein Bargeld“, erklärt Simon.
Der Beamte runzelt die Stirn. „Simon Brown klingt aber nicht deutsch.“
„Ich bin in Mainz am Rhein geboren und vor einigen Jahren nach Amerika ausgewandert.“
„Sie sind also auf Besuch hier?“
„So könnte man es sagen – ich bin auf dem Weg nach Mainz, um Eltern, Geschwister und Freunde zu treffen.“
„Es ist ja nicht so, dass Herr Brown keinerlei Papiere mehr hat“, mischt sich nun Aloys ein. „Er kann durchaus nachweisen, wer er ist.“
„Ja, natürlich.“ Simon legt seinen Rucksack auf den Tresen und holt die Papiere der East India Company heraus.
Nun gesellt sich ein anderer Beamter zu ihnen, ein langer hagerer Mann mit pechschwarzem Haar und Mittelscheitel. „Lassen Sie mich einmal sehen“, bittet er und überfliegt ein Schreiben nach dem anderen. Nachdem er auch das letzte Schriftstück gesichtet hat, schaut er in die Gesichter der Wartenden. „So wie ich die Sache beurteile, beziehen sich die Schriftstücke allesamt auf den gestohlenen Reisepass. Daher ist es uns nicht gestattet, einen neuen Reisepass auszustellen.“
„Aber er ist doch darauf angewiesen, dass er einen neuen Reisepass bekommt!“ Aloys‘ Stimme klingt empört.
„Hm …“, überlegt der Beamte mit der Nickelbrille. „Wie können wir Abhilfe schaffen?“
„Wir benötigen einen Zeugen, der Herrn Brown zweifelsfrei identifiziert“, meint sein Kollege. „Würden beispielsweise seine Eltern nach Oldenburg anreisen, so könnten wir anhand der Reisepässe ihre Identitäten feststellen und dadurch auch Herrn Browns Herkunft zweifelsfrei belegen.“
„Das klingt beschwerlich und langwierig“, stellt Aloys fest. „Das ist ja kaum zumutbar.“ Er sieht Simon an. „Wie weit ist Mainz von Oldenburg entfernt?“
Simon überlegt. „Ich schätze, etwa 450 Kilometer.“
„Das ist nicht einfach mal um die Ecke“, stellt der Lohner fest. „Außerdem müssen die ja erst einmal per Briefpost aufgefordert werden, nach Oldenburg zu kommen. Da kann Herr Brown sein Weihnachtsfest zu Hause vergessen.“
„Ich muss schon bitten Herr Brägelmann, alles muss seine Ordnung haben“, wirft der Beamte mit dem Mittelscheitel ein. „Wir sind doch hier nicht im Wilden Westen!“
„Entschuldigung“, brummt Aloys, „aber kann Herrn Brown denn nicht zeitnah geholfen werden? Es wäre doch schön, wenn er Weihnachten im Kreise seiner Familie verbringen könnte. Das würden wir doch auch wollen.“
Der andere Beamte streicht sich nachdenklich über den Kopf. „Nur einmal angenommen, wir senden eine Aufforderung zum persönlichen Erscheinen an die Eltern von Herrn Brown und diese würden umgehend ihre Einverständniserklärung zurücksenden – das würde etwa zwei bis drei Wochen dauern, also hätten wir Anfang Dezember ...“
„Das würde äußerst knapp werden“, stellt sein Kollege fest.
„Nicht unbedingt, ich habe da eine Idee … Wenn wir seine Eltern nicht bitten, hierher nach Oldenburg zu kommen, sondern nach Birkenfeld an der Nahe – wie weit ist das voneinander entfernt? Etwa hundert Kilometer?“
„Ja, das passt in etwa“, bestätigt sein Kollege begeistert. „Dann können wir parallel dazu Herrn Brown mit einer Abordnung Anfang Dezember nach Birkenfeld reisen lassen. Wir stellen den Reisepass schon aus, und der leitende Offizier der Abordnung verwahrt diesen, bis seine Eltern ihn zweifelsfrei identifiziert haben.“
„Genau so habe ich mir das vorgestellt. Das spart eine Menge Zeit und Mühe“, meint der Beamte mit der Nickelbrille stolz. „Lassen Sie uns hoffen, dass die Thurn-und-Taxis-Post ihren Dienst auch fehlerfrei verrichtet.“
„Das ist eine ausgezeichnete Idee“, zeigt sich Aloys erleichtert.
Simon aber versteht noch nicht ganz. „Wieso gerade Birkenfeld?“, fragt er.
Der Mann mit dem Mittelscheitel erläutert ihm: „Weil das Herzogtum Birkenfeld zum Großherzogtum Oldenburg gehört und wir regelmäßig behördlichen Post- und Reiseverkehr haben.“
„Nun …“ Der andere Beamte tunkt seine Schreibfeder ins Tintenglas. „Ich würde vorschlagen, dass wir das Antragsformular für den Reisepass jetzt gemeinsam ausfüllen, Herr Brown.“
Simon nickt erfreut und diktiert dem Beamten alle nötigen Angaben. Zum Schluss stellt der fest: „Wir haben heute den 10. November. Ich werde dafür Sorge tragen, dass wir die Aufforderung an Ihre Eltern morgen postalisch auf den Weg bringen. Bis Anfang Dezember sollten wir die Antwort haben. Aber wo werden Sie bis dahin unterkommen?“
Simon schaut ratlos drein, aber Aloys Brägelmann schlägt ihm begeistert auf die Schulter. „Herr Brown kann mit zu mir nach Lohne kommen, sofern er damit einverstanden ist, bei uns im Stall zu schlafen. Ihre Leute können ihn ja bei uns abholen.“
Der Beamte schüttelt den Kopf. „Ganz so wird es nicht laufen, Herr Brägelmann. Wir haben Ihre Adresse notiert und werden Herrn Brown informieren, wann er sich auf dem Amt Steinfeld einzufinden hat, damit die Abordnung ohne Verzögerung reisen kann.“
„Danke, das scheint mir eine ausgezeichnete Lösung zu sein,“ meint Simon erleichtert und wendet sich an Aloys: „Der Stall ist in Ordnung.“
„Das freut mich“, erwidert der Lohner. „Unser kleines Haus ist nämlich bereits voll.“
„So, meine Herren, das war es für heute. Sie werden von uns hören. Darf ich fragen, ob Sie heute gedenken in Oldenburg zu nächtigen?“
„Ja“, bestätigt Aloys, „wir werden es heute sowieso nicht mehr bis nach Lohne schaffen. Wir werden im Süden der Stadt einkehren, die Pferde versorgen und frühzeitig zu Bett gehen, denn morgen sollten wir zeitig aufbrechen.“
„Dann wünschen wir Ihnen einen angenehmen Abend und eine gute Weiterreise.“ Die beiden Beamten verabschieden sich und kehren an ihre Schreibtische zurück.
„Auf Wiedersehen“, antworten Simon und Aloys fast gleichzeitig und verlassen die Amtsstube.

Am folgenden Tag führt sie ihr Weg in südlicher Richtung durch eine flache Geestlandschaft mit Wiesen, Heideland und vereinzelten Waldgebieten. Als sie Wardenburg passieren, fällt Simon auf, dass sich linker Hand in einiger Entfernung Hügel erheben. Noch bevor er Aloys danach fragen kann, erklärt der schon: „Das sind die Osenberge.“
„Berge?“, fragt Simon erstaunt.
„Für uns Norddeutsche sind es Berge … Nun ja, vielleicht wegen der fehlenden Alternativen.“ Der Lohner muss schmunzeln. „Aber nein, fast hätte ich die Dammer Berge vergessen, die sind immerhin schon zwischen hundert und hundertfünfzig Meter hoch.“
„Sag mir, Aloys, bist du der Meinung, dass die hier tatsächlich an die zwanzig Meter herankommen?“
„Ich denke, ein paar Meter mehr werden es schon sein“, antwortet der Lohner mit einem schelmischen Grinsen. Simon liegt schon eine spöttische Bemerkung auf der Zunge, aber da fällt ihm ein Gespräch mit William Scott ein, das sie damals im schottischen Hochland geführt hatten – dabei ging es um den Buck of Cabrach. William hatte ihm die Frage gestellt: „Glaubst du, der Buckel wäre gerne ein Berg?“
„Es kommt auf die Betrachtungsweise an“, sagt Simon jetzt also zu seinem Begleiter.
„Auf welche Betrachtungsweise?“, wundert sich Aloys.
„Ab wann ein Berg ein Berg ist.“
„Wie meinst du das?“
„Er ist es, wenn er sich deutlich von seiner Umgebung abhebt“, erklärt Simon und weist mit seiner ausgestreckten flachen Hand auf die Umgebung. „In diesem Fall ist es eben plattes Land.“
„Meinst du damit, dass wir in einer langweiligen Landschaft leben?“
„Vielleicht?“
Der Händler schaut etwas beleidigt drein. „Es gibt auch handfeste Vorteile.“
„Welche?“
„Dir bleiben unliebsame Überraschungen erspart.“
Jetzt wundert Simon sich. „Warum?“
„Na, das liegt doch auf der Hand: Bei uns kannst du morgens schon sehen, wer nachmittags zu Besuch kommt.“ Aloys kann sein Lachen nicht zurückhalten und steckt Simon damit an.
Je weiter sie nach Süden reisen, desto ausgedehnter werden die Waldgebiete. In Großenkneten kehren sie im Gasthaus „Bi‘n olen Appelboom“ ein, versorgen die Pferde und essen Grünkohl mit Pinkel. Am späten Nachmittag kommen sie durch Vechta, lassen das große Moor links liegen, und in den frühen Abendstunden treffen sie in Lohne ein. Vor einem kleinen Häuschen im östlichen Teil des Ortes bringt Aloys das Fuhrwerk zum Stehen.
„So, das war es, Simon, jetzt sind wir bei mir zu Hause!“ Müde und etwas ungelenk klettert der Händler vom Kutschbock. Auch Simon fühlt sich nach der langen Fahrt ausgekühlt und steif. Schon wird die Tür des zierlich wirkenden Hauses aufgerissen und ein Junge stürmt heraus. „Moin, Papa, da bist du ja endlich wieder!“ Wie ein Wirbelwind rennt er auf Aloys zu und springt ihm in die Arme. Sein dunkelblondes strubbliges Haar scheint gut zu seiner ungestümen Art zu passen. Er trägt ein kariertes Hemd und eine Kniebundhose aus Leder, die an den Knien reichlich abgewetzt ist. Nacheinander erscheinen drei Frauen in der Haustür und kommen zu ihnen hinüber. Die älteste von ihnen, zweifelsfrei Aloys‘ Gattin, trägt einen Knoten in der gleichen Haarfarbe wie Anton, allerdings schon von einzelnen weißen Strähnen durchzogen, ein schwarzes Kleid mit einer Schürze darüber und Holzschuhe. Die eine der beiden anderen Frauen scheint jünger zu sein als die andere; es muss sich also um Grete handeln. Sie hat die gleichen strubbligen Haare wie Anton, nur dass sie hellblond sind und in einem langen Zopf gezähmt wurden. Cornelia dagegen hat dunkles Haar, das bis auf ein paar vorwitzigen Locken an Stirn und Ohren in einen strengen Knoten gefasst ist. Eine wollene Strickjacke verdeckt einen Teil ihres blauen Kleides. Sie macht einen ruhigeren Eindruck als ihre Schwester. Gerade als Aloys etwas sagen will, ruft Anton: „Papa, wer ist der Mann?“
An seine Frau gerichtet erklärt der Lohner: „Goadn Obend, Käthe, ick bin weer to Huus. Dat hier is Simon Brown … Er wird einige Tage bei uns im Stall übernachten.“
„Moin“, grüßt Käthe Brägelmann recht zurückhaltend in Simons Richtung und wendet sich dann in vorwurfsvollem Ton an ihren Gatten: „Brown – ein Ausländer?“
„Käthe, lass dir erklären …“
„Du kannst doch nicht einfach einen Ausländer anschleppen … Überhaupt solltest du mich vorher fragen, bevor du jemanden mitbringst!“
Aloys macht eine energische Handbewegung. „Käthe, jetzt ist gut. Wir sprechen drinnen weiter, müssen nicht alle Nachbarn mitbekommen.“
Erschrocken schaut die Frau zu den umliegenden Häusern hinüber. „Hast recht, Aloys, kommt erst einmal herein. Habt ihr schon etwas gegessen?“
„Seit heute Mittag nicht mehr.“
Simon ist das Ganze sehr unangenehm, und er versucht, die Situation aufzulösen. „Entschuldigen Sie, Frau Brägelmann, ich will keine Umstände machen, Aloys, vielleicht zeigst du mir einen Platz im Stall, wo ich übernachten kann?“
„Sie sprechen ja Deutsch“, ruft Käthe erstaunt aus. „Der Name war doch Brown und nicht Braun?“
Bevor Simon antworten kann, winkt ihn Aloys ins Haus und direkt in die recht kleine Stube. Käthe Brägelmann bietet Simon einen Platz an und klingt nun schon etwas versöhnlicher: „Wir haben noch Sauerkrautgemüse von heute Mittag, nichts Besonderes … Eine Mettwurst ist auch noch da.“
„Danke“, erwidert Simon freundlich. „Etwas Warmes, das wäre schön.“
„Einen kleinen Augenblick wird es dauern“, meint Käthe und will sich gerade umdrehen, doch die älteste Tochter Cornelia hält ihre Mutter am Arm fest: „Mama, setz dich ruhig zu unserem Gast, ich werde mich um das Gemüse kümmern.“
„Oh, danke.“ Käthe nickt etwas zerstreut. „Allerdings können wir Ihnen außer Wasser und Milch nichts zu trinken anbieten.“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Wasser wäre ausgezeichnet.“
„Ein Schluck ist auch noch drin.“ Aloys kommt mit einer halbvollen Flasche und drei Schnapsstampern in der Hand in die Stube. „Der wird uns guttun.“
„Nein, Aloys, nicht für mich.“ Käthe hält ihre Hand über das vor ihr stehende Glas. „Kümmert sich Grete um die Pferde?“
„Ja, das wollte sie tun. Prost, Simon!“
„Prost.“
Kaum hat Simon den Schnaps hinunterkippt, kommt Cornelia schon mit einem Tablett herein, auf dem sich zwei Gemüseteller befinden. Während sie den Tisch deckt, lächelt sie Simon freundlich an. „Papa, ich habe Herrn Brown die Mettwurst gegeben; für dich war noch eine Schweinepfote im Pott.“
„Herrlich, Sauerkrautgemüse!“, freut sich Aloys. „Na dann, guten Appetit.“
„Guten Appetit“, antwortet Simon. „Und danke für die Gastfreundschaft.“
„Was verschafft uns nun eigentlich die Ehre Ihres Besuches?“ Neugierig schaut Käthe zwischen den Männern hin und her.
Aloys kaut und lässt sich die ersten Bissen schmecken, bevor er antwortet. „Letzten Sonntag war ich frühmorgens auf dem Weg von Delfzijl nach Leer, als ich eine regungslose Person auf der Böschung neben dem Weg liegen sah. Ich bin vom Kutschbock runter und stellte fest, dass der Mann schon einige Zeit da gelegen haben musste, denn Wangen und Hände waren eiskalt. Er war bewusstlos, aber er atmete noch.“ Aufgeregt erzählt Aloys, wie er Simon gefunden hat. Mittlerweile ist auch Grete in der Stube eingetroffen, und alle sitzen gebannt um den rustikalen Tisch herum und lauschen.
„Sind Sie überfallen worden?“, fragt Käthe ungeduldig.
„Ja, Ihr Mann und ich vermuten, dass ich Halunken aufgesessen bin, die mein Geld wollten. Das fehlt nämlich und leider auch mein Reisepass, sodass ich jetzt festsitze. Ohne Reisepass bekomme ich kein Geld und bin quasi staatenlos.“
„Staatenlos?“ Käthe fasst sich angespannt ins Haar und streicht sich über den Knoten am Hinterkopf.
„Ja, staatenlos. Ich bin in der Fremde und kann mich nicht ausweisen, kann nicht beweisen, wer ich bin und wo ich zu Hause bin.“
„Käthe“, wirft jetzt Aloys ein, „das ist Simon, nicht Sie.“
„Nun gut, ich bin Käthe.“ Die Lohnerin muss schmunzeln.
„Gerne“, erwidert Simon. „Es war mein Glück, dass Aloys vorbeikam und sich um mich gekümmert hat. Ansonsten würde ich jetzt mit Sicherheit nicht mehr leben. Er kam auch auf die Idee, in Oldenburg beim Meldeamt einen neuen Pass zu beantragen, aber leider arbeiten die Mühlen der Ämter etwas langsamer …“
Brägelmann nickt. „Tja, drei Wochen wird er vielleicht warten müssen, und da er hier niemanden kennt und ohne Geld auch nicht in einem Gasthaus übernachten kann, habe ich ihm angeboten, dass er bei uns im Stall schlafen kann.“
„Drei Wochen?“
„Ja, Käthe, bis zu drei Wochen.“
„Simon“, wendet sich die Hausherrin an den Gast, „was ich dich vorhin schon fragen wollte: Dem Namen nach bist du Ausländer, aber du sprichst Deutsch, einen anderen Dialekt zwar, aber immerhin Deutsch. Woher kommst du?“
„Aus Boston in Amerika, allerdings bin ich am Rhein geboren.“
„Du kommst aus Amerika?“, wirft Grete strahlend ein. „In Amerika gibt es keinen König, alle Menschen sind frei und können nach ihrer eigenen Fasson leben. Erzähle uns davon, Simon!“
„Grete, du wirst noch Zeit genug haben, dich mit Simon zu unterhalten“, bremst Käthe ihre Tochter und ergänzt mit einem kühlen Unterton: „Drei Wochen können eine lange Zeit sein.“
Simon spürt Käthes Ablehnung und eigentlich kommt ihre distanzierte Haltung ihm sogar entgegen. „Ich bin müde“, gesteht er. „Am liebsten würde ich mich gleich zur Nachtruhe begeben.“
„Nach der anstrengenden Reise bestimmt nicht die schlechteste Idee“, meint Aloys. Auch er muss nun gähnen. „Kannst du mir für Simon eine wärmende Decke geben, Käthe?“
„Ja, bin gleich wieder da.“
Grete sieht den Gast immer noch eindringlich an. Sie scheint förmlich darauf zu brennen, mehr von Simons Leben in der Neuen Welt zu erfahren. „Du muss mir unbedingt von Amerika erzählen. In Boston wohnst du? Wo liegt Boston?“
„An der Ostküste, oberhalb von New York.“
„New York.“ Grete spricht den Namen langsam und bedacht aus. „Das ist mein Traum, da will ich auch hin.“
Nun kehrt Käthe zurück in die Stube und reicht Simon mit auffällig ausgestreckten Armen eine Decke und ein Kopfkissen, als wolle sie bewusst Abstand zu ihm halten. Simon bedankt sich mit einem Lächeln, wohl wissend, dass ihn die Frau des Hauses mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet. „Gute Nacht allerseits.“
Aloys zeigt ihm den Weg durch einen kleinen Flur in eine gekachelte Waschküche, in der Kleidungsstücke auf einer Leine hängen. „Um diese Jahreszeit trocknet die Wäsche bei uns an der frischen Luft nicht sonderlich gut. Du musst wissen, der November gehört zu den nassen Monaten.“
„Nichts Neues für mich“, erklärt Simon. „Auf dem Schiff haben wir weniger Platz.“
Aloys nimmt eine alte verbeulte Lampe von einem Regal und öffnet den Querriegel an einer weiteren Tür. Quietschend öffnet sie sich, dann stehen die beiden draußen und gleich vor einem kleinen, aus Fachwerk gebauten Stall, der in der unteren Etage keine Wände hat, sondern durch ein Holzständerwerk getragen wird. Der Innenraum ist in mehrere Boxen aufgeteilt. Dort stehen zwei schwarzbunte Kühe, drei grunzende Schweine und jede Menge Hühner. Auf einer Seite des Stalles stehen mehrere Holzkästen, in denen Simon Kaninchen vermutet; der Schein von Aloys‘ Lampe reicht nicht bis dahin. Der Hausherr steigt eine steile Stiege an der Seite des Stalles hinauf und öffnet eine grobe Holztür. Dahinter verbirgt sich das Heu- und Strohlager der Brägelmanns, das sie für die Versorgung der Tiere im Winter angelegt haben.
„Ich hoffe, es wird dir für ein paar Tage reichen.“
Simon ist einfach nur froh, sich ausstrecken zu können. „Mach dir keine Sorgen, ich habe schon schlechter geschlafen.“
„Na, dann gute Nacht …“ Aloys zögert kurz. „Und nichts für ungut – Käthe hat es nicht so mit Fremden; sie ist noch nie von zu Hause weg gewesen.“
„Verständlich“, meint Simon. „Wer konnte schon ahnen, dass du einen Amerikaner mit nach Hause bringst?“
Auf dem Heulager schläft Simon sofort tief und fest ein, sodass er am nächsten Morgen nicht einmal mitbekommt, wie die Tiere versorgt werden. Es muss schon gegen acht Uhr sein, als er wach wird. Draußen weicht die Dunkelheit langsam dem spärlichen Tageslicht. Simon setzt sich auf und zuckt erschrocken zusammen: Vor ihm hockt Anton und schaut ihn neugierig an. „Ist Amerika weit weg?“, fragt er jetzt ohne Scheu.
Simon grinst und schlägt seine Decke zurück. „Ja, das kann man wohl sagen. Von hier aus fährst du mit der Kutsche bis ans Meer. Danach besteigst du ein großes Schiff, um es zu überqueren, und erst danach bist du in Amerika.“
„Wie viele Tage dauert das?“
„Mehrere Wochen, man ist eine ganze Zeit unterwegs.“
„Grete sagt, in Amerika gibt es Indianer. Sind die gefährlich?“
„Nicht gefährlicher als andere Menschen auch. Es ist genau wie hier: Es gibt Gute, es gibt Böse.“
„Bist du böse?“
Bei dieser direkten, aber unschuldigen Frage muss Simon schlucken. „Nein, ich gehöre nicht zu den Bösen.“
„Mama hat Papa ausgeschimpft, weil er dich mitgebracht hat. Ich glaube, sie hat Angst vor dir.“
„Sie muss keine Angst vor mir haben“, versucht Simon den Jungen zu beruhigen. „Ganz im Gegenteil: Ich bin sehr dankbar, dass euer Papa so mutig war, mir zu helfen und mich einzuladen, hier bei euch zu wohnen, bis mein neuer Pass fertig ist.“ Unten quietscht eine Tür. Jemand muss aus dem Haus gekommen sein. „Wollen wir einmal schauen, ob noch etwas vom Frühstück übrig geblieben ist?“
Anton schaut ihn ernst an. „Mama sagt immer, wer verschläft, muss bis zum Mittagessen warten. Zwischendurch gibt es nichts.“
„Vielleicht kann sie am ersten Tag einmal eine Ausnahme machen.“
„Mama macht keine Ausnahmen!“
„Na los, du gehst zuerst“, schlägt Simon vor. Im Nu springt der Junge geschickt die steile Stiege hinab, sodass Simon Mühe hat, mit ihm Schritt zu halten. Unten angekommen, treffen sie auf Grete, die ein paar Arbeitshosen ausbürstet, vermutlich die ihres Vaters.
„Moin, Grete.“
„Moin.“ Die junge Frau lächelt den Gast freundlich an. „Die erste Nacht im Stall gut geschlafen?“
„Besser als gedacht, ich habe gleich verschlafen. Anton ist sich sicher, dass es kein Frühstück mehr für mich gibt.“
Grete wirft dem kleinen Bruder einen strengen Blick zu. „Doch, doch, Mama wartet auf dich in der Küche. Erzählst du mir später von Amerika?“
„Ja, versprochen.“
Anton ist schon durch die Tür zur Waschküche geschlüpft. Als Simon in den Flur tritt, steckt der Junge bereits seinen Kopf durch die Küchentür und sagt: „Mama, ich gehe zu Fritz rüber und helfe denen bei der Grünkohlernte.“
„In Ordnung, Anton, aber du bist zum Mittagessen pünktlich zurück.“
„Ja, Mama.“
Simon steht noch im Flur, als er aus der halb geöffneten Küchentür Käthes Stimme hört. „Und was ist, wenn er sich an Cornelia oder Grete ranmacht?“
„Käthe, jetzt gehst du zu weit“, brummt die Stimme von Aloys Brägelmann. „Zügele deine Zunge! Simon ist doch kein Barbar.“
Unwillkürlich bleibt Simon im Flur stehen. Er will nicht lauschen, aber er will auch nicht plötzlich in dieses Gespräch hineinplatzen.
„Woher willst du das wissen?“, fragt Käthe jetzt. „Wer sagt dir, dass er die Wahrheit sagt?“
„Ich bin davon überzeugt, dass er uns nicht anlügt. Warum sollte er das tun? Bei uns ist doch nichts zu holen.“
„Aloys, du bist zu gutgläubig, Hast du gesehen, wie unsere beiden Mädchen ihn ansehen? Grete himmelt ihn doch förmlich an!“
„Käthe …“
Simon beschließt, dass es jetzt ein guter Moment ist, an die Küchentür zu klopfen und einzutreten. „Moin“, grüßt er. „Entschuldigung, habe verschlafen.“
„Moin, Simon“, antwortet Aloys und Käthe grüßt mit verlegener Stimme: „Moin … Möchtest du Spiegeleier?“ Mit rotem Kopf steht sie schnell auf und geht zum Herd hinüber. „Speck ist auch noch da.“
Simon überlegt, was er sagen kann, um Käthes Vertrauen zu gewinnen. „Ich war vor ein paar Jahren einmal in China, und dort werden alle Fremden als Barbaren bezeichnet. Also bin ich wohl so etwas wie ein Barbar. Hier bei euch bin ich zweifelsohne ein Fremder.“
„Nein, nein, so war das nicht gemeint“, murmelt Käthe ohne aufzusehen am Herd, während sie zwei Eier in die Pfanne schlägt.
„Ich bin dir nicht böse, Käthe, ich kann dich verstehen. Meine Mutter würde genauso handeln, denn sie würde ihre Familie schützen wollen. Ich bin ein Fremder, und alles Fremde betrachtet man erst einmal mit Skepsis. Aber ich muss kein Fremder für euch bleiben, und ich bin euch wirklich sehr dankbar, dass ich bei euch unterkommen darf. Ich bin nicht freiwillig in dieser Situation – und wenn es hilft, dann würde ich euch gerne von mir erzählen und auch erklären, wie ich in diese Situation geraten bin.“
„Darf ich auch zuhören?“ Grete steckt ihren zerzausten Schopf durch die Tür. „Ich liebe Amerika.“
Niemand antwortet ihr. Käthe steht immer noch peinlich berührt am Herd und bemisst die Prise Salz für die Eier recht großzügig.
„Käthe, es muss dir wirklich nicht peinlich sein“, bemüht sich Simon weiter. „Deine Reaktion ist sehr menschlich. Immer gerade heraus, dann weiß dein Gegenüber, woran er ist.“
„So, hier sind deine Spiegeleier und der gebratene Speck.“ Ohne weiter auf Simons Worte einzugehen, stellt Käthe die Pfanne neben ihn auf den Tisch. Mit einem verlegenen Lächeln legt sie zwei Scheiben Roggenbrot auf den Rand der Pfanne und setzt sich Simon gegenüber. „Wann musst du zu Kreymborgs?“, fragt sie ihren Mann.
„Heute Nachmittag, hat also noch Zeit“, antwortet Aloys und schaut seinen Gast erwartungsvoll an.
Simon tunkt das Brot in das herrliche Eigelb, kaut und schluckt. „Eigentlich dreht sich alles um Marala“, beginnt er dann.
„Mara… was?“, fragt Käthe neugierig.
„Eine Frau“, erklärt Aloys.
„Als ich sie im Alter von zwölf Jahren kennengelernt habe, war sie noch ein kleines Mädchen – und ich ein kleiner Junge. Als sie siebzehn war, wurde sie mit einem älteren reichen Mann verheiratet. Ich habe verzweifelt versucht, sie davon abzubringen und stattdessen zu bewegen, mit mir nach Amerika auszuwandern, aber ich bin gescheitert. Der Mann ist vor etwas mehr als einem Jahr gestorben; er hatte insgesamt drei Frauen, die mit ihm in Indien verbrannt werden sollen. Ich bin auf der Suche nach Marala, um sie vor dem Scheiterhaufen zu retten, und dabei bin ich in Amsterdam gelandet. Jetzt möchte ich meine Familie wiedersehen, bevor ich nach Indien weiterreise.“
„Du liebst sie“, platzt es aus Grete heraus.
„Ja, das tue ich.“ Simon muss unwillkürlich lächeln.
„Grete!“, maßregelt sie ihre Mutter. „Das sagt man doch nicht.“ Mitfühlend sieht sie Simon an. „Das ist ja eine schreckliche Geschichte. Und jetzt raubt man dich auch noch aus. Ohne den Pass verlierst du ja Wochen, vielleicht sogar Monate auf deiner Suche.“
„So ist es.“
„Einfach furchtbar …“

Bevor Aloys Brägelmann am Nachmittag seinen nächsten Geschäftstermin wahrnimmt, bittet er Cornelia, Simon den Ort zu zeigen. So gehen die beiden in Richtung Ortskern. Einzelne, meist kleinere Häuser säumen links und rechts ihren Weg, dann wird die Bebauung immer dichter. Kurz bevor die Straße eine Linkskurve macht, bleibt Cornelia stehen und zeigt auf ein größeres Gebäude. „Schau, Simon, hier werden die Schreibfedern hergestellt, die Papa verkauft, das ist die Firma Kreymborg.“
„Hast du schon einmal gesehen, wie aus Gänsefedern Schreibfedern werden?“, fragt Simon interessiert.
„Nein, das interessiert mich auch nicht sonderlich. Ich benutze sie nur“, meint die junge Frau mit einem Lächeln. „Lass uns weitergehen, auf der linken Seite kommen wir gleich zum Pastorat.“ Als sie das von einem Graben umgebene Gebäude passieren, kichert Cornelia kurz hinter der vorgehaltenen Hand.
Simon sieht sie erstaunt an. „Warum lachst du?“
„Wohnt fast wie auf einer Insel, unser Pastor Illigens.“
„Kleines Wasser“, stellt Simon mit einem Blick in den Graben fest. Kurz darauf umrunden sie die St.-Gertrud-Kirche. Dabei fällt Simon auf, dass auf dem Kirchhof zwei große Glocken stehen. „Habt ihr gar keinen Glockenturm?“, fragt er Cornelia.
„Nein, zurzeit nicht. Er ist vor ein paar Jahren abgerissen worden, weil sich ein Stück aus der Westmauer gelöst hat und man Angst hatte, er könnte einstürzen. Meine Mutter sagt, dass der alte Turm sowieso nicht mehr zu unserer neuen Kirche gepasst hat. Jetzt soll in den nächsten Jahren ein neuer gebaut werden, aber es fehlt noch viel Geld, meint der Pastor.“
Simon geht zu den Kirchenglocken hinüber und schaut sie sich ein wenig genauer an. „Wenn sie oben im Turm hängen, sehen sie so klein aus. Wenn man vor ihnen steht, wird einem erst bewusst, wie groß sie sind. Wie hoch war übrigens der alte Turm?“
„Knapp über dreißig Meter“, antwortet unerwartet eine Männerstimme.
Simon dreht sich überrascht um und sieht einen in Schwarz gekleideten Geistlichen, der unbemerkt neben sie getreten ist. „Moin, Cornelia“, grüßt er jetzt freundlich.
Die junge Frau steht ehrerbietig vor dem Pfarrer und senkt bescheiden den Kopf. „Moin, Pastor Illigens.“
„Nun, heute in Begleitung?“ Neugierig sieht der Pastor den Fremden an.
„Ja, das ist Simon Brown aus Amerika“, erklärt Cornelia jetzt wieder etwas weniger schüchtern. „Er ist Gast meiner Eltern.“
„Moin, Herr Pastor“, antwortet Simon und schüttelt die ihm entgegengestreckte Hand. Die feingliedrigen Finger dieser Hand passen zum hageren, eher schwächlichen Körperbau des Pastors. Seine Augen dagegen strahlen Sanftmut und Freundlichkeit aus, wie sie für Simon zu einem Mann der Kirche passen.
„Ein Amerikaner, der unsere Sprache spricht“, stellt der Pastor fest. „Ein Auswanderer? Was führt Sie in unsere Gegend?“
„Us Vadder hat ihn auf seiner letzten Reise aufgelesen. Er ist überfallen worden und man hat ihm Geld und Reisepass gestohlen. Jetzt wohnt er für ein paar Wochen bei uns, weil erst ein neuer Pass ausgestellt werden muss.“
„Überfallen! Geht es Ihnen gut, mein Sohn?“
„Alles wieder in Ordnung, Familie Brägelmann kümmert sich um mich.“
„Nun, da war der Aloys ein wahrer Samariter, nicht wahr“, schmunzelt der Pastor. „Bei den Brägelmanns sind Sie in guten Händen und Käthe ist eine ausgezeichnete Köchin.“
Illigens schaut zur Straße, von der sich jetzt ein etwa vierzigjähriger Herr nähert und den Kirchhof überquert. „Moin!“, ruft er schon aus einiger Entfernung.
„Moin, Franz“, grüßt der Pastor und Cornelia erklärt: „Das ist unser Vogt, Franz Rösener. Und das ist Simon Brown aus Amerika.“
Interessiert sieht der Vogt Simon an.
„Auswanderer?“, fragt auch er.
„Ja, ich bin 1829 mit siebzehn Jahren ausgewandert.“
„Da sind Sie nicht der Einzige. Ich habe gerade erst vor ein paar Wochen an das großherzogliche Amt in Steinfeld berichtet, dass im letzten Jahr siebenundsechzig Lohner ausgewandert sind.“
„Simon ist der Liebe wegen ausgewandert, Herr Rösener“, traut sich Cornelia einzuwerfen.
„So so, die Liebe …“ Der Vogt schmunzelt. „Bei uns hier in Lohne sind es vor allem die Heuerleute, die sich anderswo ein besseres Leben erhoffen – und viele junge Männer wollen auch um die sechsjährige Wehrpflicht in der großherzoglichen Armee herumkommen.“
„Siebensechzig Menschen in einem kleinen Ort zu verlieren, das ist sicherlich ein Problem“, meint Simon.
„Sie sagen es – vor allem, wenn über Jahre stetig mehr Menschen auswandern, und dann auch noch gute Männer, Frauen und Familien, Leute, die wichtige Berufe ausüben.“ Ein Blick auf seine Taschenuhr versetzt den Vogt in leichte Unruhe. „Es tut mir leid, ich muss nach Hause, wir bekommen noch Besuch. Meine Maria wird schon auf mich warten … Wünsch‘ euch was!“

Hätte Aloys mich damals nicht gefunden, wäre ich mit Sicherheit erfroren. Außerdem konnte ich von Glück sagen, dass Ohren, Nase, Hände und Füße keine Frostschäden davongetragen hatten. Nun saß ich wieder fest, dieses Mal im Großherzogtum Oldenburg, und die Zeit floss unaufhaltsam dahin, wie das Wasser der Hunte. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, Marala noch retten zu können? Wo befand sie sich jetzt? Auf dem Seeweg nach Bombay oder schon auf irgendeiner ausgefahrenen staubigen Straße in Indien? Ich musste einfach Gewissheit haben …

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