5.13 Eine Falle im Dunkeln

Sanft streichen ihre zarten Finger durch seine Haare. Für einen kurzen Augenblick öffnet er die Augen und sieht das ruhig fließende Wasser der Themse vor sich. Die Sonne spiegelt sich auf der Oberfläche; ihre Strahlen wärmen seine Haut, obwohl sie vom Blattwerk der mächtigen Eiche über ihm immer wieder gebrochen werden. Die weiche Wolldecke, auf der er liegt, verstärkt noch das Wohlgefühl, das ihn durchzieht. Marala beugt sich über ihn und er fühlt ihre seidigen langen Haare in seinem Gesicht; er spürt ihren Atem auf seiner Wange, auf seinem Mund. Jetzt küsst sie ihn und ihn durchfährt ein unsagbares Glücksgefühl. Er schiebt sie vorsichtig wieder ein wenig von sich, schaut in ihr lächelndes Gesicht, in ihre wunderschönen braunen Augen, die ihn verzaubern. Zärtlich fährt sie ihm wieder durch die Haare … Plötzlich werden die Berührungen ruppig, sie zerrt jetzt unangenehm an seinen Haaren. Erschrocken schlägt Simon die Augen auf. Er liegt auf einer harten Pritsche in einer Zelle und schaut auf die groben Steine einer Gefängnismauer. Ohne nachzudenken schlägt er mit voller Wucht nach dem, was da an seinen Haaren zerrt. Mit einem fürchterlich kreischenden Ton fliegt etwas Faustgroßes durch die Luft, knallt gegen die Zellenwand, fällt herunter und bewegt sich dann geschwind auf die andere Seite der Zelle. Das schwarze, behaarte Etwas mit einem nackten langen Schwanz verschwindet in einem kleinen Loch in der Wand.
„Eine Ratte!“, schießt es Simon durch den Kopf und er schüttelt sich. „Nicht Marala … Diese miese große Ratte war in meinen Haaren, in meinem Gesicht.“ An Schlaf ist für ihn jetzt nicht mehr zu denken. Zerschlagen versucht er die dünne Militärdecke so über sich zu ziehen, dass sie ihn möglichst ein bisschen wärmt.
Kurze Zeit später wird von der anderen Seite der Zellentür sein Name gerufen und gleichzeitig dreht sich ein sperriger Schlüssel im Schloss. Die schwere Tür öffnet sich und ein Soldat betritt den Raum, ein Tablett mit Kaffee, Brot, Eier und Speck in den Händen. „Ich hoffe, Sie hatten heute eine gute Nacht?“
„Danke …“, murmelt Simon unbestimmt. „Die Verpflegung ist jedenfalls recht gut.“ Er weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. „Gibt es Neuigkeiten?“
„Ich bin nicht befugt, Ihnen Auskünfte zu erteilen. Allerdings erwarten wir heute Vormittag Colonel West zurück.“
„Manchmal muss man wohl Geduld haben, auch wenn man es eilig hat.“ Simon seufzt, bricht ein Stück Brot ab und stippt es ins Eigelb seiner Spiegeleier. „Danke für das Frühstück.“
„Nichts zu danken, Brown. Wir sehen uns.“
Der Soldat schließt die Tür und Simon hört erneut das Quietschen des Schlüssels im Schloss. Während er das Frühstück zu sich nimmt, lässt er das Rattenloch in der Wand nicht aus den Augen. Wieder und wieder ist er im Kopf den Ablauf der Rettungsaktion der „Giselle“ durchgegangen, ohne dass ihm irgendetwas aufgefallen wäre, was er übersehen haben könnte. Er hofft inständig, dass George und die Männer der „Ocean Dream“ nichts unversucht lassen, um ihn aus diesem Loch herauszuholen.

Gegen Mittag endlich wird Simon von Lieutenant Cucumber und zwei weiteren Soldaten abgeholt und zum Offiziersgebäude des Forts begleitet. Dort klopft der Lieutenant an die Tür eines separaten Eingangs, neben dem ein Schild mit der Aufschrift „Vizegouverneur“ angebracht ist. Ein Hausmädchen öffnet und geleitet die Herren in ein großzügiges Esszimmer. Lieutenant Cucumber weist Simon einen Platz an einem mit feinem Porzellan und Kristallgläsern gedeckten Tisch zu; seinen Soldaten befiehlt er, vor der Tür Posten zu beziehen. Kaum hat sich Simon auf dem Stuhl niedergelassen, öffnet sich die Tür erneut und ein etwa 65-jähriger Mann betritt den Raum. Simon springt auf – zweifelsohne handelt es sich um Colonel West. Lieutenant Cucumber salutiert und schafft Gewissheit: „Colonel, darf ich vorstellen? Mr. Brown.“
„Guten Tag, Mr. Brown.“ Der Vizegouverneur nickt Simon zu und setzt sich an die Stirnseite des massiven Esstisches. „Nehmen Sie doch Platz, meine Herren, und leisten mir beim Essen ein wenig Gesellschaft. Meine Frau und ich sind gerade von einer Dienstreise nach London zurückgekehrt. Allerdings komme ich im Gegensatz zu ihr mittags nicht mit ein paar Salatblättern aus.“
Nachdem Lieutenant Cubumber seinen Säbel abgelegt und sich Simon gegenüber gesetzt hat, wird eine Suppe serviert.
„Ah, herrlich, Hühnersuppe, mein Leibgericht!“, zeigt sich der Colonel erfreut und kostet vorsichtig von der dampfenden Suppe. „Zu Hause schmeckt es doch am besten!“
„Ausgezeichnet“, bestätigt der Lieutenant und Simon stimmt durch Nicken zu. Er ist einfach froh, nach der Nacht in der Zelle eine warme Mahlzeit zu sich nehmen zu können.
„Auf der Hinreise nach London ist uns an der Kutsche ein Rad gebrochen“, beginnt Colonel West zu plaudern. „Wir mussten fast zwei Stunden warten, bis uns eine Ersatzkutsche gestellt wurde, die uns zur nächsten Poststation brachte. Wie Sie sich bei diesen Temperaturen sicherlich vorstellen können, waren meine Gattin und ich ziemlich durchgefroren …“
Der Suppe folgt eine delikate Fleischpastete und der Colonel berichtet weiter begeistert von seinem Reiseabenteuer.
Langsam steigt Ungeduld in Simon auf, und er muss sich regelrecht zwingen, sich zusammenzureißen und abzuwarten. Er lenkt sich damit ab, den Colonel näher zu betrachten: Der ist ein älterer Mann von mittlerer Größe mit nur wenigen verbliebenen Locken auf dem Kopf. Offensichtlich versucht er, diesen Umstand durch längere, buschige Koteletten auszugleichen. Simon hat den Eindruck, dass er einen sehr erfahrenen Offizier vor sich hat – hoffentlich wird er seine Urteile ruhig und sachlich fällen …
„… ja, wenn ich auf Reisen bin, freue ich mich immer schon darauf, wieder in meinem eigenen Bett schlafen zu können. Nun, Lieutenant, wo stehen wir?“ Der Colonel wendet sich plötzlich mit erwartungsvollem Blick an den groß gewachsenen blonden Cucumber, der mit seinem Schnurrbart und seinen langen Augenbrauen älter und reifer wirkt, als er wahrscheinlich ist.
„Colonel, heute Morgen waren Kapitän Boyt und sein Zweiter Offizier Benjamin Wright hier bei uns im Fort und haben mir sowohl Mr. Browns Reisepass als auch seine Papiere von der East India Company vorgelegt. Es besteht kein Zweifel mehr an seiner Identität. Auf meinen Befehl hin war zur selben Zeit eine Abordnung unserer Männer in Begleitung zweier Zöllner auf der ‚Ocean Dream‘, um die Ladung zu kontrollieren.“
„Und, was ist dabei herausgekommen?“
„Nichts, Colonel – die Ladung ist ordnungsgemäß und vollständig gelistet und verzollt.“
„Was bedeutet das für mich? Kann ich jetzt gehen?“, fragt Simon zuversichtlich.
„Nicht so fix, Mr. Brown. Die Herkunft der Schmuggelware von der ‚Giselle‘ ist noch völlig ungeklärt, ebenso wie Ihre Verbindung zu dem französischen Schoner“, stellt Lieutenant Cucumber fest. „Ihre Erklärung, dass Sie während des Sturms parallel zum Schoner gefahren sind, um zu zweit hinüberzuspringen, ist für mich nicht sehr glaubwürdig.“
„Aber so war es, Lieutenant!“
„Mr. Brown“, mischt sich jetzt Colonel West ein, „als der Lieutenant mir heute Morgen von dieser Geschichte berichtete, war ich felsenfest davon überzeugt, dass er mir gerade ein Märchen auftischt. Sie müssen zugeben, sehr glaubwürdig klingt das tatsächlich nicht.“
„Haben Sie uns wirklich alles erzählt?“, fragt Cucumber. „Sind Sie wirklich absolut sicher, dass es nichts gibt, was Sie uns vorenthalten?“
„Warum sollte ich Ihnen etwas verschweigen?“
„Ich will Ihnen nichts unterstellen. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kleinigkeit, an die Sie sich zurzeit einfach nicht erinnern.“
„Wenn Sie es als hilfreich erachten, können wir alles noch einmal durchgehen. Mir soll es recht sein.“
„Gut.“ Der Lieutenant erhebt sich von seinem Stuhl. „Bin gleich wieder da, hole nur schnell die Akte.“ Wieder zurück, legt er die Unterlagen auf einen freien Platz auf dem Esstisch. Er schlägt den Pappdeckel auf und nimmt einen Schluck aus seiner Teetasse.
Colonel West räuspert sich. „Wenn sich das, was Sie uns berichtet haben, in der Realität so abgespielt hat, Mr. Brown, dann haben Sie wirklich Mut bewiesen. Aber, meine Herren, was mich am meisten freut ist die Tatsache, dass alle das Unglück überlebt haben.“
Verblüfft schaut Simon zunächst zu Colonel West, dann zum Lieutenant. „Aber das stimmt ja nicht: Als ich zu John Reeding an den Ruderstand kam, berichtete er mir, dass seine Freunde Ezra und Samuel über Bord gegangen wären, als der Mast brach.“
Der Lieutenant macht sich Notizen, schaut kurz auf und fragt: „Ezra und Samuel, sagen Sie? Sind Sie sich da ganz sicher, Mr. Brown?“
„Absolut.“ Simon fasst sich mit seiner rechten Hand ans Kinn – die linke ist immer noch fest in der Schlinge fixiert. „Mich wundert, dass ich das vergessen konnte.“
„Entschuldigen Sie, Colonel, ich muss da etwas prüfen lassen, bin gleich zurück.“ Der Offizier springt auf und verlässt das Esszimmer. Hinter ihm betritt eine elegant gekleidete Dame den Raum und fragt: „Charles, darf ich kurz stören?“
„Charlotte, du störst nie, komm nur herein“, erwidert der Colonel mit einem Lächeln. „Darf ich dir unseren Gefang… ähm, unseren Gast vorstellen? Mr. Simon Brown aus Boston. Mr. Brown, meine liebenswerte Gattin Charlotte. Jetzt, wo sich die Sache klärt, möchten wir Sie natürlich als Gast willkommen heißen.“
„Das freut mich“, zeigt sich Simon erleichtert. „Guten Tag, Mrs. West, wie geht es Ihnen?“
„Früher ist mir das Reisen leichter gefallen … Man wird nicht jünger. Aber wem erzähle ich das? Sie sind jung und kräftig.“ Ihr Blick fällt auf Simons fixierten Arm. „Was ist das?“
„Ach, halb so schlimm, ich habe mir bei einem Sprung den Arm ausgekugelt.“
„Das sieht schmerzhaft aus.“
„Kurz schmerzhaft, länger unangenehm, jetzt wieder in Ordnung …“
„Setz dich doch ein wenig zu uns, meine Liebe.“ Der Colonel deutet auf einen freien Stuhl am Esstisch.
Charlotte West setzt sich und sieht den Gast interessiert an. „Schönes Schiff, auf dem Sie fahren, Mr. Brown. Es ist mir gleich aufgefallen, als wir heute Morgen zurückgekommen sind. Wohin geht die Reise, wenn ich fragen darf?“
„Nach Indien, im Auftrag der East India Company … Bombay, genauer gesagt.“
„Liebes, Mr. Brown ist übrigens der Eigner der ‚Ocean Dream‘.“
„Der Eigner?“ Erstaunt hebt Mrs. West die Augenbrauen. „Sie sind doch gerade einmal zwanzig – und schon Eigner?“
„Miteigner“, gibt sich Simon bescheiden. „Wir sind insgesamt drei, und ja, ich bin zweiundzwanzig Jahre alt.“
„Dann sind Sie einige Jahre jünger als unsere drei Jungs, wobei nur unser Ältester, Charles Edward, noch lebt; die anderen beiden sind für König und Vaterland gefallen.“
„Das tut mir leid.“
„Nun, ich bin schon sehr zufrieden damit, dass mein Gatte hier auf Landguard Fort Vizegouverneur geworden ist. So weiß ich ihn relativ sicher, und wir müssen nicht ständig umziehen.“
Simon entgeht nicht, wie erfreut Mrs. West den Colonel dabei anschaut, während der einen eher gelangweilten Gesichtsausdruck an den Tag legt. Noch bevor der Colonel etwas sagen kann, fährt seine Gattin fort: „Nun ja, Soldaten wollen immer unterwegs sein und Abenteuer erleben, am besten rund um den ganzen Erdball. Aber das Britische Weltreich zu vergrößern bringt jeden Tag aufs Neue Gefahren für die Männer mit sich. Zugegeben, mein Mann langweilt sich gelegentlich, aber er ist in Sicherheit und wir haben ein recht gutes Auskommen … und das seid über zweiundzwanzig Jahren.“ Liebevoll streichelt Mrs. West den Handrücken ihres Gatten, dann schaut sie auf die Wanduhr. „Lieutenant Cucumber lässt sich aber Zeit – sagte er nicht, er sei gleich zurück?“

Stunde für Stunde vergeht, während sie – mittlerweile im Salon – auf die Rückkehr von Lieutenant Cucumber warten. So erfährt Simon, hauptsächlich aus dem Mund von Mrs. West, dass ihr Gatte, Charles August West, als zweiter Sohn von Colonel James West im Jahre 1766 geboren wurde, als Fähnrich 1784 ins 3. Grenadier-Garde-Regiment eintrat und als Page of Honour unter König Georg III. diente. In dieser Position hatte Charlotte ihn kennengelernt; allerdings durfte Charles als Page of Honour nicht ohne königliche Erlaubnis heiraten und auch seine Braut nicht frei wählen. So hatten die beiden Liebenden sich gezwungen gesehen, heimlich in Gretna Green zu heiraten – am 26. September 1788. Erst ein Jahr später, am 28. November 1789, wurden sie in der Kirche St. Luke in Chelsea mit dem Segen des Königs offiziell getraut. Später wurde Charles West zunächst zum Lieutenant und anschließend zum Hauptmann befördert. Voller Stolz erzählt Charlotte, dass ihr Mann im aktiven Dienst mit seinem Regiment in Irland, Holland, Ägypten, Deutschland und Dänemark stationiert war. Auch hat er am Napoleonischen Krieg auf der Iberischen Halbinsel teilgenommen. Als Simon hört, dass Colonel West sich im Juli 1809 bei Talavera tapfer geschlagen hat, zieht er erstaunt seine Augenbrauen hoch, was die Aufmerksamkeit von Mrs. West erregt. „Mr. Brown, haben Sie schon einmal etwas von der Schlacht bei Talavera gehört?“

„Ja, ein Freund von mir hat auch dort gekämpft, er war Hauptmann bei den Scots Guards.“
„Wie ist sein Name?“ Mrs. West schaut neugierig zu ihrem Gatten hinüber. „Charles, vielleicht kennst du ihn ja oder hast zumindest schon einmal von ihm gehört.“
„Liebes, ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst – damals standen über fünfzigtausend Briten und Spanier mehr als fünfundvierzigtausend Franzosen gegenüber.“
Enttäuscht murmelt Mrs. West: „Ich meine ja nur, wäre doch interessant zu erfahren …“
„Das ist zwar in der Tat höchst unwahrscheinlich, aber nichtsdestotrotz: Sein Name ist William Scott“, berichtet Simon.
Nun ist es Colonel West, der verwundert blickt und ihn verblüfft fragt: „Der William Scott?“
„Ich weiß nicht welchen Scott Sie meinen, Colonel. Ich denke, Scott ist kein besonders seltener Name.“
„Ja, das stimmt, aber ich meine den Scott.“
„Aber Charles, wer soll denn der Scott sein?“
„Na, der die höchste französische Auszeichnung erhielt, die ‚Ehrenlegion‘, und zwar von Napoleon Bonaparte höchstpersönlich unterschrieben. Sie wurde Scott durch die Hände von Lieutenant General Wellesley überreicht, dem späteren Duke of Wellington.“
„Ja, das ist er“, bestätigt Simon mit einem Nicken. „Ein geradliniger und mutiger Mann.“
„Dann kennst du ihn also doch, diesen William Scott?“ Mrs. West ist ganz entzückt.
„Ja, wer kennt ihn nicht? Er ist ein Held, ein Mann von Mut und Tapferkeit! Allerdings – persönlich kenne ich ihn natürlich nicht.“
„Wie ist er so, Mr. Brown? Wann sind Sie ihm das letzte Mal begegnet?“ Charlotte West ist ganz begierig, eine interessante Geschichte zu hören.
„Nun …“ Simon lehnt sich zurück und schaut aus dem Fenster. Noch immer keine Spur von Lieutenant Cucumber. „Vor einigen Wochen bin ich mit ihm und seinen Männern in Schottland unterwegs gewesen. Wir unterhalten neuerdings eine Geschäftsbeziehung zu Scott & Baxter. Der Whisky an Bord der ‚Ocean Dream‘ stammt von ihnen.“
„Mein Gott, Charles, ist das alles aufregend! Was hat dieser Scott eigentlich getan, dass er diese Auszeichnung ausgerechnet von Napoleon erhalten hat?“
Colonel West legt die Hände vor der Brust zusammen. „Charlotte, es gibt mutige, tapfere Männer, die an deiner Seite kämpfen, aber nur selten wird einer von ihnen zum Helden. Dieser Scott hat tatsächlich einen französischen Offizier gerettet. Er sah ihn einige Hundert Meter vor den eigenen Linien, wie er unter seinem toten Pferd begraben lag und verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Die französischen Kürassiere hatten die erste Angriffswelle geritten und die zweite stand unmittelbar bevor. Scott ist aus seiner schützenden Deckung heraus zu dem feindlichen Offizier gerannt – sein Name liegt mir auf der Zunge, ich komme gleich darauf – und hat ihn unter seinem Pferd weggezogen. Er musste feststellen, dass der Mann ziemliche Verletzungen hatte – ah, jetzt fällt mir sein Name wieder ein, Colonel Francois Leroy. Scott hat den Offizier geschultert und ist mit ihm zu den eigenen Linien zurückgerannt, die französischen Kürassiere im Nacken.“
„Hat er es geschafft?“, platzt es aus Mrs. West heraus.
„Ja, er hat es gerade eben so geschafft. Der Offizier hat überlebt und konnte beim nächsten Gefangenenaustausch zu seinen Leuten zurückkehren“, erklärt Simon.
„Du bist doch auch bei Talavera in Gefangenschaft geraten, Charles. Vielleicht bist du ja sogar gegen diesen Franzosen ausgetauscht worden?“
„Nein, Charlotte, bei mir war das anders. Ich bin noch am selben Tag wieder frei gekommen, als unsere Truppen einen weiteren Vorstoß unternahmen.“
„So wie William mir erzählte, hat Colonel Leroy den Vorfall und die Umstände gemeldet“, wirft Simon ein, „und so hat sich Napoleon Bonaparte der Sache persönlich angenommen.“
„Das muss man sich einmal vorstellen, da bekommt man den höchsten und wertvollsten Orden überreicht und dann auch noch vom Gegner“, wundert sich Mrs. West. „Ich bin beeindruckt, aber auch ein wenig gerührt.“
Ein plötzliches mehrmaliges Klopfen an der Tür erregt die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Nach Aufforderung betritt Lieutenant Cucumber den Salon und salutiert. „Bitte um Entschuldigung, es hat doch ein wenig länger gedauert.“
„Hatten Sie Erfolg?“, will Colonel West wissen.
„Ja, Sir, wir haben sie!“
„Sie haben sie schon?“, fragt der Colonel verwundert, während Simon das Gefühl hat, ihm falle ein Stein vom Herzen.
„Ja, Sir. Ausschlaggebend für unseren Erfolg war die Aussage von Mr. Brown, dass zwei Männer von John Reeding über Bord gegangen wären, Ezra und Samuel. Bei den beiden handelt es sich um Brüder, die hier ganz in der Nähe mit ihren Familien auf einem alten Gehöft wohnen – Ezra und Samuel Colbert, sie stammen aus der Normandie. Der Großteil ihrer Familie lebt noch immer in Frankreich. Ich bin also mit ein paar unserer Männer dort hingeritten, und mir ist sofort aufgefallen, dass die beiden Brüder fehlten und die Frauen Trauer trugen. Sie haben zwar noch einige Zeit geschwiegen, aber beim Verhör verfingen sie sich in Widersprüche und schließlich gaben sie dem Druck nach. Wir konnten sie der Lüge überführen und so waren sie am Ende gezwungen alles zu gestehen. Übrigens, dieser John Reeding, wie er sich nennt, heißt eigentlich James Rogers und ist für uns kein unbeschriebenes Blatt.“
„Und wissen wir auch, wo dieser Rogers wohnt, und kennen wir die Namen der anderen Schmuggler?“
„Ja, Sir. Rogers haben wir zur Vernehmung bereits hier im Fort. In der Tat ist er ein abgebrühter Hund, sodass es wohl noch einige Tage dauern wird, bis wir etwas über die anderen aus ihm herausbekommen werden. Ich garantiere Ihnen, Sir, sie werden uns nicht entkommen.“ Der Lieutenant wendet sich an Simon: „Allerdings müssen wir Rogers noch nachweisen, dass er es war, den Sie am Steuerrad angetroffen haben. Meinen Sie, sie können ihn identifizieren?“
Simon nickt und denkt kurz nach. „Machen Sie sich keine Sorgen, Lieutenant. Er hat seine Kapuze zurückgeworfen, als er das Steuerrad an Sterling übergeben hat. Da konnte ich ihn deutlich sehen. Außerdem ist mir noch ein Leberfleck unter seiner rechten Augenbraue aufgefallen, daran ließe er sich zusätzlich erkennen.“
„Vielen Dank, Mr. Brown“, antwortet Cucumber, „Sie haben uns sehr geholfen. Nachdem Sie Rogers morgen früh identifiziert haben, können Sie gehen, wohin Sie wollen.“
„Auch nach Amsterdam?“, fragt Simon erleichtert.
„Auch nach Amsterdam. Aber vielleicht wollen Sie sich heute Abend noch ein wenig Zeit lassen. Ich habe mir erlaubt, Kapitän Boyt und Ihren Ersten Offizier informieren zu lassen, dass sie zum Dinner eingeladen sind.“
Verwundert sieht Colonel West den Lieutenant an. „Sie haben sich erlaubt?“
„Nein, nicht direkt, Sir.“ Cucumber errötet. „Das würde mir niemals einfallen. Ihre Gattin äußerte den Wunsch, etwas für sie zu arrangieren, als wir uns heute Mittag im Flur begegneten … nur für den Fall natürlich, dass sich Mr. Browns Unschuld herausstellen sollte.“
Erstaunt sieht der Colonel seine Gattin an, die liebenswürdig lächelt. „Charles, ich denke, Mr. Brown sollte mit der Gewissheit aufbrechen, dass alles nur ein Missverständnis war und dass er von uns gut und gerecht behandelt wurde. Aus diesem Grund ist es angebracht, ihn mit einem Dinner zu verabschieden, bei dem auch sein Kapitän und der Erste Offizier nicht fehlen sollten.“
„Typisch für meine Gattin“, schmunzelt der Colonel und verschränkt seine Arme vor der Brust, „vorausschauend und diplomatisch. Manchmal denke ich, sie sollte meinen Job machen …“

„Danke, für Ihre Gastfreundschaft, Mrs. West, das Essen hat ausgezeichnet geschmeckt.“ Der Kapitän der „Ocean Dream“ tupft sich mit seiner Serviette den Mund ab. „Auch bei Ihnen, Colonel, und Ihnen, Lieutenant Cucumber, müssen wir uns bedanken, dass die Umstände der unglücklichen Rettungsaktion so schnell aufgeklärt werden konnten. Wer konnte schon ahnen, was wir da für einen Fang machen?“
„Im Nachhinein betrachtet ist es eine glückliche Fügung für uns. Wir sind diesen Schmugglern schon seit Monaten auf den Fersen gewesen, ohne dass wir sie packen konnten.“ Lieutenant Cucumber nimmt Simon in den Blick. „Da musste erst so ein waghalsiger Amerikaner kommen und bei Sturm das Schiff wechseln, um den Schmugglerkahn an den Haken zu kriegen. Mr. Brown, Sie hatten leider das Nachsehen und mussten zwei Nächte einsam und allein in einer unserer Zellen verbringen. Im Anbetracht der Umstände hatte ich allerdings keine andere Wahl.“
„Machen Sie sich keine Gedanken darüber, Lieutenant, ich hätte genauso gehandelt. Durch meine Verletzung war ich nun einmal verdächtig. Außerdem, so alleine war ich auch nicht, mindestens eine Ratte hat mir Gesellschaft geleistet.“
Die Runde lacht, und Colonel West erhebt das Glas. „Darauf wollen wir trinken! Auf dass wir im Leben niemals alleine dastehen. Cheerio!“
„Mmh …!“ Genussvoll nimmt der Colonel noch ein Schluck vom Branntwein. „Der ist ja ausgezeichnet. Ein Brandy, nehme ich an? Woher stammt er, Charlotte?“ Die Hausherrin erhebt sich unverzüglich und versichert: „Ich bringe das in Erfahrung.“
„Wenn Sie nicht auf die Rückkehr Ihrer Gattin warten wollen, Colonel, dann fragen Sie einfach Ihren ehemaligen Gefangenen“, meint der Erste Offizier mit einem Schmunzeln und nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas.
„Sind Sie so ein Kenner, Mr. Brown?“
„Nun“, setzt Simon bescheiden an, „meine Großeltern haben ein Geschäft für Weine und Spirituosen in London, da habe ich einiges lernen dürfen.“
„Ist es tatsächlich ein Brandy?“ Lieutenant Cucumber hält sein Glas prüfend in das Licht der Lampe über dem Esstisch. „Vielleicht aus Andalusien?“
In diesem Augenblick kommt Mrs. West zurück, eine Flasche in der Hand. Bevor sie etwas sagen kann, hebt der Colonel den Arm, um sie zu stoppen, und ermutigt Simon: „Versuchen Sie es.“ Dann wendet er sich dem Ersten Offizier zu: „Um was wetten wir?“
„Mr. Bradshaw, unterstehen Sie sich!“, greift Kapitän Boyt ein.
Der Colonel amüsiert sich anscheinend. „Ach, Kapitän, sonst ist es ja langweilig! Wenigstens um ein paar Flaschen Brandy oder Whisky … Sagen wir sechs Flaschen?“
George Boyt wendet sich unsicher an Simon: „Was hältst du von der Wette?“
Simon stellt sein Glas zurück auf den Tisch und sieht den Ersten Offizier an. „Um welche sechs Flaschen wetten wir hier, um die Ihren oder um Eigentum der ‚Ocean Dream‘?“
„Um meine natürlich“, beeilt sich Bradshaw zu versichern.
„Dann ist es für mich eine Ehrensache, es zu versuchen.“ Simon ergreift sein Glas erneut, schwenkt es behutsam, führt es zum Riechen unter seine Nase und nimmt anschließend einen Schluck, den er mit geschlossenen Augen auf der Zunge zergehen lässt. Dann schüttelt er den Kopf. „Nein, das ist kein Brandy aus Andalusien, nicht einmal aus Spanien. Diese Brände sind fülliger, wuchtiger und wirken süßer, weil sie in Fässern aus amerikanischem Eichenholz reifen und dadurch einen Hauch von Vanille zeigen. Dieser hier ist zwar auch vollmundig, dabei allerdings filigraner und auf der Zunge viel facettenreicher. In der Nase spürt man seine Feingliedrigkeit mit Aromen von zarten gelben Früchten wie Aprikose und Mirabelle, aber auch einer eleganten Mineralität sowie Röstaromen von französischen Eichenholzfässern aus dem Limousin. Diese Struktur setzt sich auf der Zunge fort; auch hier ist er geprägt von Mineralität, Frucht, Eleganz und Facettenreichtum, dabei ist der Alkohol ausgezeichnet integriert, was ihn weich und angenehm erscheinen lässt. Sein Finale zeigt Frucht, feines Holz und eine enorme Länge. Hm, ein außergewöhnlich guter Weinbrand …“ Simon schwenkt noch einmal das Glas und riecht wiederholt daran, während die Spannung im Raum immer weiter steigt. „Genau genommen, kann er nur aus der französischen Champagne stammen …“
„Nein, nein, der stammt doch nicht aus der Champagne!“ Colonel West schaut kurz auf das Etikett und grinst euphorisch. „Sie haben verloren, Mr. Bradshaw, das war es!“ Er sieht wieder auf das Etikett und scheint noch einmal genauer zu lesen; dabei weicht das Grinsen einem fragenden Gesichtsausdruck. „Grande Champagne?“
„Bitte entschuldigen Sie, Colonel, ich spreche nicht vom Département Marne mit der Krönungsstadt Reims, ich bin im Département Charente mit der Stadt Cognac als Zentrum. Dort gibt es die Weinbauregionen Grande und Petite Champagne, in der überwiegend die weiße Rebsorte Folle Blanche angepflanzt wird. Aus der erzeugt man einen leichten, säurebetonten Weißwein, der dann zweimal im Charenteser Brennverfahren destilliert wird und anschließend mehrere Jahre in Eichenholzfässern aus dem angrenzenden Limousin lagert, bevor er als Cognac in Fässer oder neuerdings auch in Flaschen gefüllt wird. Der Cognac, mit dem wir es hier zu tun haben, stammt wahrscheinlich aus einem dieser beiden Anbaugebiete; der hohe Kreide- und Kalkanteil im Boden ist verantwortlich dafür, dass er eine so hohe Mineralität und Subtilität aufweist. Dieser Cognac ist ein XO, ich würde sagen, mindestens zehn, vielleicht sogar fünfzehn Jahre alt, ein Weinbrand von höchster Güte. Danke, dass wir ihn kosten durften.“
Gespannt sieht die Runde den Colonel an und wartet auf die Lösung des Rätsels. West stellt die Flasche auf den Tisch und dreht das handgeschriebene Etikett seiner Gattin hin, die vorliest: „Cognac XO, Grande Champagne, Millésime 1816 de la Famille Voyer de Verrières, France.“
„Doch nicht verloren!“, seufzt der Erste Offizier erleichtert auf.
„Irgendwann fallen Sie damit auf die Nase, Mr. Bradshaw“, brummt George Boyt unzufrieden.
„Das kann schon sein, Kapitän, aber dieses Mal hat es geklappt.“
„Mr. Brown, ich bin beeindruckt, woher können Sie das?“, wendet sich Mrs. West an Simon, aber George kommt ihm zuvor.
„Wenn man als Kind in den Weinbergen seiner Familie spielt, später beim Weinmachen hilft und der Großvater ein Geschäft für Wein und Spirituosen in London betreibt, dann kann man sich nur schwerlich wegducken.“
„Ist wohl so“, meint Simon dazu knapp.
„Simon und ich kennen uns schon eine gefühlte Ewigkeit“, erklärt der Kapitän. „Wie lange genau?“ Fragend sieht er den Freund an. „Mehr als fünf Jahre? Wir haben uns an Bord der ‚Whitecap‘ kennengelernt, als er nach Amerika ausgewandert ist, und sind beste Freunde geworden. In einigen Jahren werde ich ihn vielleicht fragen, was wir im Oktober 1834 im Landguard Fort mit den Wests getrunken haben, und er wird mir sagen können, dass es Cognac war, und auch, welcher im Detail … mit Sicherheit.“
„Das ist ja unglaublich!“, ruft Mrs. West begeistert aus.
„Fragen Sie ihn nach dem ersten Wein, den er auf seiner Reise nach China auf der ‚Norfolk‘ getrunken hat.“
Gebannt wendet Mrs. West sich Simon zu, der kurz nachdenkt und dann antwortet: „Ein 1829er Grüner Veltliner von der Donau in Österreich … zartes Aroma, Mineralität und eine Spur Pfeffer … kräftig im Körper und eine interessante Finesse im Nachklang.“
„Mein Gott, Mr. Brown, Sie sind ja ein Lexikon der Getränke!“, stellt der Colonel anerkennend fest. „Darauf sollten wir einen Cognac trinken.“
„Cheerio!“

Wieder ein trostloser Tag: Es regnet ununterbrochen, der Wind pfeift um die Hausecken und es ist eiskalt. Seit mehr als acht Tagen dringt kein einziger Sonnenstrahl auf die Erde. Simon friert. Er steht unter dem Vordach eines Lagerhauses im Amsterdamer Hafen und beobachtet ein- und ausfahrende Schiffe, in feste Jacken gehüllte Hafenarbeiter und rastlos hetzende Menschen, die sich vor Nässe und Kälte in Sicherheit bringen wollen.
Am ersten November gegen Mittag hatte die „Ocean Dream“ den Hafen von Amsterdam erreicht. Aufgrund der Menge der dort liegenden Schiffe hatte sich Kapitän Boyt entschieden, vor dem Hafen zu ankern und seinen Freund per Beiboot an Land setzen zu lassen. Der Abschied war Simon nicht leicht gefallen, aber abgelenkt von der Suche nach Maralas Spuren und der Aussicht auf den anstehenden Besuch zu Hause war er schnell auf andere Gedanken gekommen. Im Hafenbereich hatte er mehrere Arbeiter auf eine mögliche Unterkunft angesprochen, aber nur wenige hatten ihm überhaupt eine Antwort gegeben, vielleicht weil sie ihn nicht verstanden oder unter Zeitdruck arbeiteten.
„Mojn, bist ja schon wieder hier.“ Plötzlich steht Piet neben Simon unter dem Lagerhausvordach und streicht sich den Regen aus den nassen Haaren. Piet, zwanzig Jahre alt und Arbeiter bei einer großen Amsterdamer Reederei, war Simons Rettung gewesen. Sie hatten sich durch Zufall kennengelernt und hatten sich gleich gut verstanden. Piet wohnte noch bei seiner Mutter und hatte Simon die Pension van Loon in der Noordse Bosch empfohlen. Außerdem hatte er sich in den Folgetagen sichtlich gemüht, Simon die Innenstadt und die wichtigsten Wirtshäuser näherzubringen, obwohl er nur wenig freie Zeit zur Verfügung hatte.
„Mojn, Piet,“ antwortet Simon dem Niederländer, der seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hat. „Auf dem Weg zur Arbeit?“
„Ja, genau.“ Der Blonde betrachtet Simon kopfschüttelnd. „Weißt du überhaupt noch, was heute für ein Tag ist?“
„Der 8. November. Warum fragst du?“
„Jeden Tag stehst du hier hinter dem Grooten Kraan und wartest auf jemanden, der dir sagen kann, ob deine Inderin hier angekommen ist und wohin sie gefahren ist.“
Simon seufzt. „Was soll ich sonst tun – in irgendeiner Stube sitzen und Trübsal blasen? Da ist es doch eindeutig besser, hier zu stehen und die Augen offen zu halten, denn eins steht fest: Von Amsterdam fahren unzählige Schiffe in Richtung Indien. Verdammt noch mal! Ich müsste zu jemandem Kontakt bekommen, der Zugang zu den Passagierlisten hat, damit ich feststellen kann, ob sie auf dem Weg nach Indien ist. Piet, du arbeitest doch für eine Reederei, du müsstest doch entsprechende Kontakte haben.“
„Ich habe dir doch gesagt, ich bin da dran“, erwidert der Niederländer. „Wie oft muss ich dir noch versichern, dass unsere Schiffe überwiegend Massengüter wie Sand, Kies oder Kohle verschiffen? Aber ich habe ein paar Kumpel, die gegen Dollar auch Passagierlisten besorgen können. Ich treffe mich heute Abend mit ihnen in ‚Miekes Kroeg‘ am Nieuwen Dyk in der Nähe des Damrak. Wenn du willst, kannst du mitkommen … Gib ein paar Bier aus, das kommt immer gut an.“
Simon horcht auf. Das klingt interessant. „Wann trefft ihr euch?“
„Gegen sieben … Die Dollar nicht vergessen!“
„Nein, keine Bange, aber erwarten die nicht Gulden?“
„Simon, mach dir keine Sorgen, wir lieben Dollar.“
Schon zieht Piet seinen Jackenkragen bis in den Nacken hoch und macht Anstalten, über eine Pfütze auf die Straße zu springen. Da ruft Simon ihm hinterher: „Wie ist eigentlich dein ganzer Name?“
„Piet van der Linden.“ Noch im Sprung schaut sich der Holländer zu ihm um und landet mit beiden Füßen direkt in der Pfütze. „Mist, klitschnass! Hättest du nicht früher fragen können?“
„Entschuldige, deine Füße werden heute Abend mit Sicherheit wieder trocken sein.“
Simon kann ein leichtes Schmunzeln nicht verhindern, muss sich aber aufgrund des zunehmenden Regens mit seinem Rücken stärker gegen die Hauswand drücken. Bis etwa vier Uhr am Nachmittag harrt er aus, dann setzt die Dunkelheit ein und er macht sich auf den Weg zu seiner Pension in der Noordse Bosch. Die kleine Pension van Loon ist in einem ehemaligen Weberhaus untergebracht und wird von Anika van Loon betrieben, einer mütterlich wirkenden ältere Dame, die sich rührend um ihn kümmert, seit er bei ihr wohnt. Vor dem Haus blickt Simon wieder einmal erstaunt in die Höhe. Es ist recht schmal, hat dafür aber ganze fünf Etagen. Am gemütlichen Aufenthaltsraum, in dem auch das Frühstück gereicht wird, vorbei will Simon weiter zum engen, dunklen Stiegenhaus gehen, als er die Stimme von Annika van Loon hört: „Mojn, Mr. Brown, kommen Sie doch für einen Moment herein.“
Simon betritt den Aufenthaltsraum und sieht die Hausherrin, die strickend in einem gemütlichen Sessel sitzt.
„Was wird das, wenn es einmal fertig ist?“
„Ein paar Handschuhe für meine Nichte.“ Mevrouw van Loon greift neben sich und zeigt Simon das bereits fertige Exemplar. „Die Größe dürfte Ihnen nicht passen, meine Nichte ist gerade vierzehn Jahre alt. Aber setzen Sie sich doch ein paar Minuten zur mir.“ Die freundliche Wirtin legt ihr Strickzeug zur Seite, nimmt von einem neben ihr stehenden Tischchen eine Teetasse, stellt sie auf den Couchtisch vor einen freien Sessel und bedeutet Simon, dort Platz zu nehmen. Danach gießt sie Simon Tee ein und sich selbst nach. „Sie machen den Eindruck, als könnten Sie etwas Warmes gebrauchen.“
„In der Tat, es ist kalt draußen.“ Simon legt seine Jacke ab und setzt sich in den Sessel.
Mevrouw van Loon ergreift ihr Strickzeug und fährt mit beeindruckender Fingerfertigkeit mit ihrer Handarbeit fort.
„Haben Sie schon jemanden gefunden, der Ihnen weiterhelfen kann?“
„Vielleicht – ich treffe mich heute Abend mit Leuten, die Einblick in die Passagierlisten haben. Hoffentlich steht Maralas Name drauf; es wäre eine Erleichterung zu erfahren, dass sie gefahren ist. So wüsste ich wenigstens, wohin die Reise geht.“ Simon nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse.
„Ich wünsche Ihnen, dass Sie Erfolg haben, Mr. Brown.“
„Ja, ich mir auch.“ Simon trinkt den Rest seines Tees und verabschiedet sich: „Danke für den Tee, hat gut getan, Mevrouw.“
Simon steigt die ausgetretenen, abgewetzten Stufen im Stiegenhaus hinauf. Auf jeder Etage befinden sich zwei bis drei Gästezimmer, und Simons Zimmer liegt ganz oben in der vierten Etage. Es ist nicht groß oder üppig, dafür aber geschmackvoll eingerichtet. Die Fenster gehen auf die Noordse Bosch hinaus und bieten mit etwas Verrenkungen auch einen Blick auf die Fysel Gracht.

Kurz vor sieben Uhr am Abend betritt Simon das alte Wirtshaus „Miekes Kroeg“. Das Licht im Schankraum ist gedämpft und der miefige Geruch von nasser Kleidung, abgestandenem Bier und Zigarrenrauch liegt in der Luft. Das Wirtshaus ist gut besucht, und da von Piet noch nichts zu sehen ist, schiebt sich Simon auf eine der beiden Sitzbänke neben der Theke. Der Wirt wirft ihm ein karges „Mojn“ entgegen, das Simon freundlich erwidert und um die Bestellung eines Biers ergänzt. Kurze Zeit später wird ihm ein randvoll gefülltes Glas vor die Nase gestellt und einige Münzen wechseln den Besitzer. Nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hat, lässt Simon seinen Blick durch den Gastraum wandern. Die kleinen bunten Butzenfenster sind ihm schon von außen aufgefallen; mit ihren grellen, ganz verschiedenen Farben erinnern sie mehr an einen Jahrmarkt als an ein Wirtshaus. Innen werden sie von schweren hellen Stoffvorhängen gerahmt, die einen krassen Kontrast zur dunkel verrauchten Decke bilden. Der Fußboden besteht aus roten Ziegelsteinen, die zu den rustikalen Tischen und Stühlen passen. Beeindruckt ist Simon von der äußerst gut bestückten Bar. Dort stehen im Rückbüfett mehrere Sorten Genever, Gin, Whisky, Rum und eine Vielzahl von Likören. Die meisten Gäste an den Tischen scheinen mehr oder weniger in Gespräche vertieft zu sein, doch plötzlich beginnt irgendwo hinten ein Schifferklavier zu spielen und eine Männerstimme beginnt zu singen. Simons Aufmerksamkeit wird von einem jungen Mann an einem der Nebentische angezogen, der irgendwie französisch auf ihn wirkt – anders jedenfalls als die Holländer, die ihm bisher begegnet sind. In diesem Moment öffnet sich die Tür und Piet van der Linden kommt in Begleitung zweier Männer herein. Er sieht Simon auf der Bank sitzen und gibt ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich zu ihnen gesellen soll, während er den beiden Männern eben zu jenem Tisch folgt, an dem der junge Mann sitzt. Einer der beiden neu hinzugekommenen Burschen begrüßt den Gast: „Mojn, Jean-Pascal, wie geht es?“
„Bonsoir, Luuk, setzt euch.“
Als Simon in die Runde tritt, ergreift Piet das Wort und stellt die Männer einander vor: „Jungs, das hier ist der Amerikaner, der eine Auskunft wünscht, Simon Brown. Simon, das sind meine Freunde, Luuk de Boer und Joos Deeker, und das hier ist Jean-Pascal Lambert, der Mann mit den Informationen.“
„Setzt euch doch.“ Jean-Pascal deutet auf die freien Plätze am Tisch.
Kaum hat sich Piet niedergelassen, bemerkt er ungeduldig „Also, Simon, besorgst du uns mal ein paar Bier? … Bier ist doch für alle in Ordnung?“ Fragend schaut er in die Runde und erntet zustimmendes Nicken. Simon ist ganz froh um diese Bitte. Während er an der Theke auf das Bier wartet, kann er sich in Ruhe einen ersten Eindruck von den Männern am Tisch machen. Piets Freunde Luuk und Joos sind beide etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, haben braunes strubbliges Haar und wirken auf ihn eher ungepflegt. Jean-Pascal dagegen könnte ein Buchhalter sein; er ist gut gekleidet und hat kurzes schwarzes Haar mit einem akkuraten Seitenscheitel und trägt eine runde Metallbrille im Gesicht.
Nachdem die Männer angestoßen und getrunken haben, erklärt Piet: „Wie ich dir versprochen habe, Simon, habe ich meine Verbindungen spielen lassen und bin fündig geworden.“ Er deutet auf Jean-Pascal, der schon ansetzt, etwas zu sagen, als Simon ihm zuvorkommt: „Entschuldigen Sie Mijnheer Lambert, darf ich fragen, woher Sie stammen? Ihren Namen und Ihren Akzent würde ich als französisch einordnen.“
„Grundsätzlich gut erkannt, Mr. Brown“, erwidert Lambert. „Allerdings bin ich Flame und stamme aus dem französischsprachigen Teil Belgiens. Nennen Sie mich doch einfach Jean-Pascal.“
„Simon, angenehm.“
„Spann den Amerikaner nicht auf die Folter“, fordert Piet, woraufhin der Flame ein Stück Papier aus seiner Jackentasche zieht, es auseinanderfaltet und auf dem Tisch ausbreitet. „Aus diesem Schriftstück ist zu entnehmen, dass die Inder Amir Nasri, Tarek Kapur, Faruk Kapur, Lali Kapur, Ranjana Kapur und Marala Kapur auf der ‚Hastings‘ in Amsterdam eingetroffen sind. Danach verlieren sich allerdings ihre Spuren.“
Simons Herz beginnt bei der Nennung aufgeregt zu klopfen. „Was heißt das konkret, Jean-Pascal? Sind sie in Amsterdam eingetroffen, aber von hier nicht weitergereist, oder sind sie womöglich sogar noch in der Stadt?“
„Das bedeutet, dass sie weder auf einem Schiff unserer Reederei noch auf einem von zwei anderen Reedereien, bei denen ich Leute kenne, nach Indien eingecheckt haben.“
„Verflucht und zugenäht, dann bin ich wieder nicht weitergekommen!“ Enttäuscht nimmt Simon einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, während der Wirt schon eine neue Runde Bier auf den Tisch stellt.
„Es tut mir leid, Simon“ meint Jean-Pascal. „Ich kann dir nicht weiterhelfen.“
Simon nickt. „Da kann man nichts machen … Aber in Amsterdam sind sie angekommen, da bist du dir ganz sicher?“
„Ja, absolut, sieh dir das Schriftstück selbst an: Es ist eine genaue Abschrift aus der Passagierliste, die ich persönlich angefertigt habe. Du kannst dich auf mich verlassen.“
Woher sollte Jean-Pascal die Namen der gesuchten Personen so genau kennen, wenn nicht von einer Passagierliste? Simon selbst hatte Piet nur Marala genannt. „Ich glaube dir. Nun gut, dann muss ich eben weitersuchen.“
„Simon“, wirft Joos ein, „Piet wäre nicht Piet, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte.“
Erstaunt sieht Simon Joos an, aber es ist Luuk, der weiter erläutert: „Es gibt Menschen, die zwar in Amsterdam ankommen, aber nicht offiziell von hier weiterreisen wollen oder können, aus welchen Gründen auch immer – sie reisen also unerkannt ab. Verstehst du, was ich meine?“ Mit offenem Mund starrt der Holländer Simon an.
„Nein, verstehe ich nicht“, meint Simon verdutzt.
„Sie wollen ihre Spuren verwischen“, bringt es Joos auf den Punkt. „Das funktioniert, wenn man von einem anderen Hafen aus weiterreist.“
„Von einem anderen Hafen aus?“
„Genau“, bestätigt Joos. „Häufig segeln solche Leute zunächst mit einem kleineren Segler nach Delfzijl an der Emsmündung. Von dort aus könnten die Personen, die du suchst, dann weiter nach Bombay gereist sein.“
„Delfzijl – ist das sicher?“, fragt Simon skeptisch.
„Ja, ganz sicher, denn so wird es fast immer gemacht. Ihre Spuren verlieren sich, weil die kleinen Segler keine Passagierlisten führen. Delfzijl ist zwar kein großer Ort, aber ein bedeutender Hafen an der Nordsee, der früher sogar eine eigene Garnison hatte.“
„Noch eine Runde?“ Wieder steht der Barmann mit fünf Bier in den Händen am Tisch.
„Na, klar“, antwortet Piet, und Simon bezahlt. „Also Simon, es ist doch sonnenklar: Am besten suchst du dir direkt morgen ein Schiff nach Delfzijl, dort wirst du auf jeden Fall mehr erfahren. Vielleicht hast du schon morgen Abend die Gewissheit, dass sich deine Inderin auf dem Weg nach Bombay befindet.“
Simon nickt nachdenklich. Es klingt wirklich einleuchtend.
„Also, Joos“, mischt sich Luuk ein, „Was denkst du? Simon kann doch morgen mit uns nach Delfzijl reisen. Wenn du morgen früh um sieben Uhr am Grooten Kraan stehst, kannst du uns begleiten, Simon.“
„Besser geht es doch gar nicht, Simon“, strahlt Piet. „Wir haben dein Problem also so gut wie gelöst.“
Doch Simon ist noch nicht sicher, was er von der Sache halten soll. „Und warum müsst ihr morgen nach Delfzijl?“
„Geschäfte“, erklärt Joos kurz.
„Simon, da reist du auch noch in bester Gesellschaft!“, freut sich Piet.
Langsam lässt sich Simon von der Euphorie der anderen anstecken und begeistert sich zunehmend für die Idee, am nächsten Morgen nach Delfzijl aufzubrechen, ohne weitere wertvolle Zeit zu verlieren. Wenn er Gewissheit bekommen kann, dass Marala und die anderen nach Bombay aufgebrochen sind, wird er beruhigt sein und außerdem ausgezeichnet im Zeitplan liegen. Nach zwei weiteren Runden Bier verabschieden sich die Männer und Simon kehrt in seine Pension zurück.

Am nächsten Morgen ist Simon früh auf den Beinen und lässt sich das kräftige Frühstück von Anika van Loon schmecken. Nachdem er seine Sachen gepackt und die Unterkunft bezahlt hat, verabschiedet sie ihn mit den Worten: „Mr. Brown, ich wünsche Ihnen viel Glück, und passen Sie gut auf sich auf.“ Dann bricht er zum Hafen auf, genauer gesagt zum Grooten Kraan. Zum Glück muss er nicht lange auf Luuk und Joos warten. Die beiden nehmen ihn, wie vereinbart, zu einer kleinen zweimastigen Bark mit, die dem Schiffer Henk van den Broek aus Enkhuizen gehört. Rund zehn weitere Gäste steigen noch zu, dann werden die Leinen gelöst und die Segel gesetzt. Der Regen hat in der Nacht aufgehört und die geschlossene Wolkendecke bekommt endlich Löcher, sodass sich hier und da tatsächlich die Sonne zeigt. Einzig die Kälte ist geblieben – zwar liegt die Temperatur oberhalb des Gefrierpunktes, doch aufgrund des kräftigen Windes fühlt die Luft sich eisig an. Die Menschen an Deck haben ihre Gesichter gänzlich verhüllt, um sich gegen Wind und Kälte zu schützen. Quer über die Zuiderzee geht es an Enkhuizen vorbei in Richtung Wattenmeer. Stunden später lassen sie backbord die Inseln Texel und Vlieland liegen, dann Ameland und Schiermonnikoog. Am späten Nachmittag halten sie vor Borkum auf die Küste zu und fahren in die Emsmündung hinein. Es ist schon dunkel, als sie im Hafen von Delfzijl einlaufen.
Als die Passagiere über den Steg die Bark verlassen, steht Henk van den Broek an der Reling, um sich von seinen Fahrgästen zu verabschieden.
„Wiedersehen, Kapitän!“
Van den Broek zieht kräftig an seiner Pfeife, stößt den Rauch aus, nickt Simon zu und brummt: „Mojn.“
Nachdem Simon und seine Begleiter den Hafenbereich verlassen haben, bleibt Luuk kurz stehen und wendet sich an ihn: „Heute Abend können wir nicht mehr viel ausrichten. Es wird besser sein, wir suchen uns eine Unterkunft und setzen dich morgen auf die richtige Fährte, Simon.“
„Guter Vorschlag, dem kann ich nur zustimmen. Sehr freundlich von euch.“
„Dann wollen wir mal!“ Schon setzt sich Joos in Bewegung und die beiden anderen folgen ihm. Sie marschieren auf einem ausgefahrenen, vom vielen Regen völlig aufgeweichten Weg, der am Wasser entlang aus Delfzijl hinausführt. Etwa eine halbe Stunde mühen sich die Männer auf dem morastigen Boden ab. Schließlich bleibt Simon stehen und fragt: „Hey, wohin wollen wir eigentlich?“
Joos dreht sich kurz zu ihm um. „Zu einem alten Gasthaus. Die haben Fremdenzimmer … sind nicht teuer und es ist nicht mehr weit.“
„Ein Geheimtipp“, ergänzt Luuk. „Die kennen uns … Wir waren schon ein halbes Dutzend Mal dort.“
Nach weiteren zehn bis fünfzehn Minuten Fußmarsch kommen Simon erste Zweifel. Wie gut kennt er Joos und Luuk eigentlich? Er muss sich eingestehen, dass der gestrige Abend und der heutige Tag nicht ausreichen, um sich über sie sicher zu sein. Doch Simon beruhigt sich schnell wieder: Joos und Luuk sind nette Kerle und sie haben in Delfzijl gute Verbindungen, die Beweise dafür liefern können, dass Marala mit ihren Begleitern von hier aus nach Indien aufgebrochen ist. Außerdem ist da noch Piet, Piet van der Linden, der ihm fast schon so etwas wie ein Freund geworden ist. Schließlich hat Piet ihm in Amsterdam von Anfang an beigestanden.
„Simon, schau dort rüber.“ Luuk zeigt mit ausgestreckter Hand auf ein einsames Licht in der Ferne. „Dort müssen wir hin. Mitzi wird uns etwas Deftiges kochen.“
„Schon sehr weit draußen“, stellt Simon müde fest. Aber er ist ausgesprochen erleichtert darüber, endlich das Ziel vor Augen zu haben und seine Bedenken begraben zu können.
Plötzlich bleibt Joos stehen und geht in die Knie. „Wartet einen Augenblick, mein Schnürsenkel hat sich gelöst.“ Er zieht einen seiner Handschuhe aus, aber Luuk setzt seinen Weg unbeirrt fort.
„Weiter, Simon, nicht stehen bleiben! Der holt uns schon wieder ein. Ich habe Hunger und mir ist kalt. Also, Joos, beeil dich!“
Simon muss zusehen, dass er an Luuk dranbleibt, und ein Blick zum Licht in der Ferne sagt ihm, dass sie noch nicht so schnell am Ziel sein werden. Als er hinter sich auf dem matschigen Weg trabende Schritte vernimmt, ist er beruhigt, dass Joos wieder zu ihnen aufgeschlossen hat. Mittlerweile meldet sich sein Magen, und der Hunger schiebt sich in den Vordergrund. In der nächsten Sekunde lässt ihn sein Durst an frisches Bier oder samtigen Rotwein denken. Arglos dreht er sich zu Joos um, weil er sehen will, wie es ihm geht. Völlig überrascht nimmt er noch den dicken Knüppel wahr, der auf ihn zukommt. Ein dumpfer harter Schlag, dann wird es dunkel um Simon.

Naivität, Vertrauensseligkeit und Ignoranz haben mich damals in diese Situation gebracht. Oft habe ich mir später darüber den Kopf zerbrochen und mich über mein Verhalten geärgert. In Windeseile spulte sich mein Leben vor meinem inneren Auge ab. Dann verschwammen die Erinnerungen mehr und mehr, bis sie völlig abrissen. Kälte ergriff von mir Besitz, schloss mich regelrecht ein und begann mir die Luft abzuschnüren. Gleichzeitig machte sich mein Kampfgeist auf und davon, meine Lebenskraft hauchte ihre letzten Atemzüge aus und eine klebrige, unendliche Müdigkeit begann mich aufzufressen. So fühlt sich wohl Sterben an …

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