5.12 Sprung mit unangenehmen Folgen

„Sehen Sie, Mr. Brown: Alles wird gut, wenn man sich nur an die Spielregeln hält.“ Lieutenant Walsh sitzt mit zufriedener Miene an seinem Schreibtisch im East India House. Heller Sonnenschein flutet durch die hohen Fenster des Büros, sodass Simon und George, die vor dem Schreibtisch sitzen, blinzeln müssen.
„Kapitän“, fährt der Lieutenant fort, „ich habe Sie und Mr. Brown einbestellt, weil Ihre Unterlagen vollständig sind. Das Transportmaterial wird am Samstag, dem 25. Oktober, um 7 Uhr morgens am Anleger für Sie bereitstehen.“ Kurz schaut Lieutenant Walsh von seinen Unterlagen auf und nimmt George Boyt in den Blick. „Ich nehme an, Sie haben sich um einen Liegeplatz am Anleger gekümmert, Kapitän?“
„Samstag … Das ist morgen … Natürlich, Sir, natürlich, wir werden bereit sein.“ George wirft Simon einen überraschten Blick zu. Walsh dagegen verzieht keine Miene und reicht dem Kapitän der „Ocean Dream“ die Dokumente. „Wenn Sie mir auf dem obersten Blatt den Empfang quittieren wollen? Sie können die Schreibfeder rechts von Ihnen verwenden.“
Lieutenant Walsh durchsucht bereits einen anderen Aktenstapel, doch George fragt verwundert: „Ich soll die Vollständigkeit des Materials bestätigen? Wir haben es doch noch gar nicht an Bord.“
Erstaunt hebt der Lieutenant den Kopf. „Nein, Kapitän, nicht die Vollständigkeit des Materials, sondern die Vollständigkeit der Dokumente.“
„Das geht in Ordnung.“ Beruhigt nimmt George die Schreibfeder und tunkt sie in das daneben stehende Tintenfass.
Lieutenant Walsh schlägt einen weiteren Aktendeckel auf und wendet sich an Simon: „Und nun zu Ihnen, Mr. Brown. Wie schon gesagt: Wenn man sich an die Spielregeln hält, ist alles gut. Auch Ihre Unterlagen liegen vollständig vor, und ich bin jetzt gerne bereit, sie Ihnen auszuhändigen. Meine Gattin ist regelrecht begeistert von Ihnen, da haben Sie sich ja mächtig ins Zeug gelegt.“
Simon und George Boyt zucken unwillkürlich kurz zusammen, als sie die Worte des Lieutenants hören.
Der Offizier übergibt Simon nun die Dokumente und bittet auch ihn: „Wenn Sie mir den Empfang der Papiere bestätigen wollen, Mr. Brown?“
„Natürlich, Sir!“ Simon nimmt die Schreibfeder und setzt seine Unterschrift an die Stelle auf dem Papier, die ihm der Lieutenant zeigt.
„Danke, Mr. Brown. Bitte vergessen Sie nicht, dass die Dokumente der East India Company streng genommen nur in Verbindung mit Ihrem Reisepass Gültigkeit haben. Denn sie beziehen sich auf Ihre Person und die wiederum legitimiert sich verständlicherweise über Ihren Reisepass.“

Kaum haben George und Simon das East India House verlassen, bleiben sie auf der untersten Treppenstufe stehen, um erst einmal tief durchzuatmen. Mit gesenkter Stimme wendet sich George an Simon: „Mein Gott … Als er sagte, dass du dich mächtig ins Zeug gelegt hättest … Ich habe gedacht, jetzt fliegt uns die ganze Sache um die Ohren.“
Simon nickt und schaut sich sicherheitshalber noch einmal um. „Du kannst mir glauben, George, in dem Augenblick war mir heiß und kalt zugleich.“ Er strafft seinen Rücken und fährt etwas lauter fort: „Nun gut, weiter geht es. Da ich schon einmal in der Gegend bin, werde ich Mister Waghorn einen Besuch abstatten, um nähere Informationen über Reisestrecken und Fahrzeiten für die Overland Route in Erfahrung zu bringen.“
„Das erscheint mir sinnvoll“, bestätigt George. „Ich werde mich schon mal auf den schnellsten Weg zur ‚Ocean Dream‘ begeben, um alle Vorbereitungen für die Verladung zu treffen.“

Bis später, George!“ Simon springt die letzte Stufe hinunter und geht die Leadenhall Street hinunter in Richtung Cornhill. Nachdem er kräftig an die Tür von Thomas Waghorn geklopft hat, öffnet ihm Lieutenant Frost. „Ah, Mr. Brown! Treten Sie doch ein.“
In der Wohnung vernimmt Simon Stimmen aus der kleinen Küche. Als er an der offenen Tür vorbeigeht, sieht er zwei Männer, die damit beschäftigt sind, Briefe in Postboxen zu sortierten. Sie schauen kurz auf und nicken ihm zu.
„Wenn Sie zu Mr. Waghorn möchten, muss ich Sie enttäuschen“, erklärt der Lieutenant über seine rechte Schulter hinweg, während er Simon mit einer Handbewegung bedeutet, ihm in den Raum zu folgen, den Simon schon von seinem ersten Besuch kennt. Nach wie vor türmen sich auf der Anrichte und dem Couchtisch Berge von Akten und Papieren.
„Setzen Sie sich doch.“
„Danke.“ Nach kurzem Zögern nimmt Simon im nächststehenden Sessel Platz.
„Wie gesagt, Mr. Waghorn ist leider verhindert. Er ist immer noch mit seinen Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt.“ Lieutenant Frost lässt sich in einen der anderen Sessel fallen. „Was kann ich für Sie tun, Mr. Brown?“
„Ich wollte mich ja noch einmal melden, wenn abzusehen ist, wann ich mit meinem Schiff von London aufbrechen werde. Ich denke, in der nächsten Woche geht es nach Amsterdam.“
„Schön“, nickt Frost. „Erzählen Sie mir, wie es weitergehen soll.“
„In Amsterdam werde ich etwa zwei Wochen benötigen. Danach geht es nach Mainz, wo ich ein paar Wochen für Familie und Freunde eingeplant habe …“
„Tja“, meint Frost, „dann haben wir Weihnachten, und das wollen Sie sicher im Kreise Ihrer Familie verbringen. Also sprechen wir von Anfang bis Mitte Januar als möglichen Termin für die Weiterreise?“
„Ja, das hört sich gut an.“ Simon denkt kurz nach, wie es weitergehen soll. „Wo sollte ich mich Ihrer Meinung nach einfinden, um mit Ihnen nach Alexandria überzusetzen?“
„Am besten wäre Triest. Ihr nächstes Ziel liegt also im Süden Europas, am Mittelmeer, und gehört für mich zu den Perlen dieser Region.“
Simon versucht, sich die Route vorzustellen. „Ich bin also in Mainz und folge ganz einfach dem Rhein in Richtung Basel …“
Frost unterbricht ihn mit einer strikten Handbewegung. „Nein, nein, Mr. Brown, so einfach wird es nicht werden. Sie reisen im Winter. Ich kann Ihnen nur davon abraten, den direkten Weg Richtung Süden zu nehmen, denn dann müssten Sie die Alpen überqueren. Es ist zwar von der Entfernung her die kürzeste Strecke, aber der Weg ist durch die eis- und schneebedeckten Berge gerade im Winter unberechenbar, mitunter sogar lebensgefährlich, und Sie würden dadurch wahrscheinlich am Ende viel Zeit verlieren.“
„Was schlagen Sie vor, Lieutenant?“, will Simon wissen und zögert kurz. „Ach – hätten Sie vielleicht etwas zu schreiben für mich?“
„Gute Idee, Sie sollten sich die Strecke notieren.“ Lieutenant Frost schaut sich auf dem Tisch um und schiebt Simon ein paar Papierbögen hinüber, während der Besucher einen Bleistift aus seiner Jackentasche zieht. „Bitte sehr, Mr. Brown. Ich denke, Sie reisen am besten mit der Postkutsche zunächst über Darmstadt, Rothenburg ob der Tauber, Regensburg, Passau und Linz bis nach Wien.“
Simon hebt erstaunt den Kopf. „Bis nach Wien? Ist das nicht die völlig falsche Richtung?“
„Das mag zunächst so aussehen aber schauen Sie …“, Lieutenant Frost springt auf, geht zur Anrichte hinüber und durchsucht dort einen Stapel Landkarten. Aus der Mitte zieht er schließlich eine heraus und breitet sie auf dem Couchtisch aus. Mit der Hand fährt er von Genf bis nach Wien über das Papier. „Hier haben wir die Alpen, die Ihnen den Weg nach Süden versperren. Viele Pässe sind im Winter nur bedingt oder gar nicht passierbar – immer stark abhängig vom Wetter. Dazu sind enorme Steigungen und Höhen zu überwinden. Wir sprechen nicht von ein paar hundert, sondern von mehreren tausend Metern. Neben dem enormen Zeitverlust ist so eine Alpenüberquerung auch sehr anstrengend für Mensch, Tier und Material. Die Strecke bis nach Wien dagegen misst in etwa 450 Meilen bei einem Höhenunterschied von etwa 490 Metern. Sie ist also unserer Erfahrung nach in zehn bis vierzehn Tagen gut zu schaffen.“
„Hm, das hört sich vernünftig an“, brummt Simon, ohne den Blick von der Karte zu nehmen.
„Das will ich meinen“, bestätigt Frost. „Von Wien geht es weiter über Wiener Neustadt, Graz, Marburg an der Drau und Laibach bis nach Triest – das sind etwa 280 Meilen mit bis maximal 1500 Metern Höhenunterschied. Keine Kleinigkeit, aber in zehn Tagen zu bewältigen.“
„Das heißt, dass ich etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Tage von Mainz bis nach Triest benötigen werde.“
Der Lieutenant wiegt zweifelnd den Kopf. „Rechnen wir lieber mit einem Monat. Das bedeutet, dass Sie um den 20. Februar mit Thomas Waghorn nach Alexandria übersetzen könnten. Alles Weitere würden wir dann vor Ort besprechen. Sie müssen nur pünktlich in Triest sein.“
„Das sollte zu schaffen sein, Lieutenant.“
Lieutenant Frost rollt die Karte sorgsam wieder zusammen. „Sollten Sie Thomas verpassen, können Sie auch Anfang April mit mir nach Alexandria übersetzen. Fragen Sie auf jeden Fall beim Hafenmeister nach, der wird ihnen weiterhelfen können.“
Simon ist zufrieden und erhebt sich. „Danke, Lieutenant Frost.“
„Nichts für ungut, Mr. Brown. Auf dass Sie das Mittelmeer pünktlich erreichen!“
In diesem Moment betritt einer der Männer, die Simon zuvor in der Küche gesehen hat, den Raum. Er hält mehrere Briefe in der Hand. „Entschuldigen Sie, Lieutenant Frost, könnten Sie sich das hier einmal anschauen?“
„Einen Augenblick, bitte“, antwortet der Lieutenant und sieht Simon fragend an. „Sind wir so weit fertig, Mr. Brown?“
„Ich denke ja. Auf Wiedersehen, Lieutenant Frost, und vielen Dank für die Auskünfte.“
„Hm … “ Der Lieutenant nimmt die Briefe in die Hand und überfliegt die Adressen. „Mr. Brown, soll ich Sie noch hinausbegleiten?“
„Ist nicht nötig, ich finde allein hinaus. Sie haben mir sehr geholfen, Lieutenant.“
Simon ist schon fast aus der Tür hinaus, als Frost ihm hinterherbrummt: „Hals- und Beinbruch, Mr. Brown.“
Mit einem Lächeln zieht er die Tür hinter sich ins Schloss.

Simon steht auf dem Achterdeck der „Ocean Dream“ und beobachtet das geschäftige Treiben im Hafen. Überall wird verladen, verräumt, verstaut und verzurrt. Stimmen kommandieren und schreien durcheinander, während Hammerschläge unablässig in den Ohren gellen. Es ist Montag, der 27. Oktober. Simon hat den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen, denn es ist empfindlich kalt geworden. Der Nebel über den Docks löst sich langsam auf und liegt nun nur noch wie eine dünne Decke über dem Wasser. „Noch achteinhalb Wochen bis Weihnachten“, denkt Simon. „Zeitlich sollte das locker zu schaffen sein.“ Es kommt ihm seltsam vor, nach so langer Zeit wieder einmal einen Heiligen Abend zu Hause in Mainz zu erleben, aber er freut sich auch sehr auf seine Familie. Bereits am Freitag hat die Mannschaft das Material der East India Company in Form von Kanonen, Lafetten und Munition, aber auch Uniformen und Verbandsmaterial in schweren Holzkisten an Bord genommen. Am Samstag ist dann auch der Proviant eingetroffen, darunter eine größere Anzahl Bier- und Whiskyfässer, aber natürlich auch Wasser, gepökeltes Fleisch und eingelegte Heringe. Einen Großteil des Sonntags haben die Matrosen damit verbracht, die gesamte Ladung sturmsicher zu verstauen und festzuzurren.
„Die Leinen los!“, hallt das Kommando des Ersten Offiziers über das Deck. Begeistert schaut Simon hoch in die Maste und beobachtet die Männer, wie sie geschickt auf den Fußpferden balancieren und die Segel in den Wind fallen lassen.
„Geschafft, mein Freund, endlich geht es los.“ George Boyt ist zu ihm an die Reling getreten. „Einen Penny für deine Gedanken.“
Simon wendet den Blick von den Masten ab und sieht seinen Freund an. „Ich denke darüber nach, wie es jetzt wohl weitergehen wird. Werden wir in Amsterdam Beweise dafür finden, dass Marala ein Schiff nach Bombay bestiegen hat? Und wie wird es wohl Weihnachten zu Hause sein?“
„Naja“, meint der Kapitän, „wenigstens hat hier in London zum Schluss doch alles geklappt.“ Er lässt seinen Blick über die Kaianlagen und die Dockgebäude schweifen. Plötzlich zuckt er zusammen und packt Simon am Jackenärmel. „Schau mal ganz unauffällig auf das Gebäude mit der Aufschrift ‚Black Eagle Wharf‘, im zweitobersten Stockwerk, ziemlich in der Mitte.“
Simon dreht sich langsam um und richtet seinen Blick unmerklich auf die Fassade des betreffenden Gebäudes. Kein Zweifel – dort steht Lady Walsh zusammen mit einer anderen Frau, deren Gesicht allerdings im Schatten liegt und nicht zu erkennen ist – vermutlich handelt es sich um Lady Saunders.
„Ist das nicht …?“
„Genau, George, es ist Lady Walsh.“
George reibt sich verwundert die Nase. „Will sie sichergehen, dass du London verlässt, oder wünscht sie sich, dass du bleibst?“
Simons Reaktion beschränkt sich auf ein unbestimmtes Lächeln.
„Wie ist sie dort überhaupt hingekommen?“, wundert sich der Kapitän.
„Keine Ahnung, George. Aber ich kann dir versichern, sie hat die notwendigen Verbindungen.“
Langsam, aber stetig wird die „Ocean Dream“ durch das Wapping Basin in die Themse gezogen und die Umrisse der beiden Damen werden immer kleiner.
„Und?“, will George wissen. „Wie geht es mit ihr weiter?“
Simon wirft dem Kapitän einen erstaunten Blick zu. „Mit Lady Walsh? Ich denke, gar nicht. Ich fahre jetzt nach Indien und werde nach Marala suchen.“
„Entschuldige, vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Ich meine … Ich hoffe, sie hat sich nicht in dich verliebt?“
Simon schaut nachdenklich auf die kleiner werdenden Docks von London. „Hm … Nein, das glaube ich nicht. Aber eine Sache verstehe ich trotzdem noch nicht.“
Erwartungsvoll sieht George seinen Freund an. „Und was wäre das?“
„War die Affäre mit mir eine späte Rache an ihrem Gatten für dessen Seitensprung mit Lady Saunders – oder ist sie der Beginn eines neuen Lebensgefühls, mit neuen Freiheiten und Abenteuern …?“
„Die Zukunft wird es zeigen“, unterbricht ihn der Kapitän hastig, weil in diesem Moment der Erste Offizier dazukommt.
„Kapitän, wir befinden uns jetzt auf der Themse, Kurs Deutsches Meer.“
George Boyt nickt dem Ersten Offizier anerkennend zu. „Danke, Mr. Bradshaw. Ich habe noch einiges an Papierkram zu erledigen, Sie finden mich in meiner Kajüte.“
„Aye, Kapitän!“

Haushoch sind die Wellen, durch die sich die „Ocean Dream“ kämpft, der Wind pfeift den Männern an Deck eiskalt um die Ohren und es regnet in Strömen. Am späten Vormittag des 28. Oktober befindet sich das Schiff in einem ausgewachsenen Sturm mitten im Deutschen Meer. Nur eine Handvoll Segel sind gesetzt, um den Vortrieb des Dreimasters zu gewährleisten. Die Segel spannen sich unter dem Druck des Sturms, während die beiden Matrosen am Ruder hart damit zu kämpfen haben, die „Ocean Dream“ auf Kurs zu halten.
„Kaptän, Sir, wir befinden uns unweit von Harwich!“, schreit der Erste Offizier gegen die Elemente an.
„Danke, Mr. Bradshaw. Dann werden wir die Reise hier unterbrechen und im Hafen von Harwich Zuflucht suchen.“ George Boyt schaut zu Simon hinüber, der, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, unter einem Vorbau Schutz sucht. Immer wieder krachen gewaltige Wellen über das Schiffsdeck. Zu ihrer eigenen Sicherheit sind die Männer mit Karabinerhaken in Sicherungsseile eingehängt.
Unerwartete Bilder schleichen sich in Simons Kopf; er sieht Callum auf dem Deck der „Norfolk“, wie er versucht, das in Seilen gefangene Rettungsboot zu befreien. Wieder muss er mit ansehen, wie ein gewaltiger Brecher das Boot von Deck zieht und Callum mit sich reißt, der ihn hilfesuchend ansieht. Und wieder stellt Simon sich die Frage, ob er den Tod seines Freundes hätte verhindern können. Der Schrei eines Matrosen reißt ihn aus seinen Gedanken: „Kapitän, ein Schiff ein Uhr Steuerbord voraus! Sieht nicht gut aus, Sir.“ Als der Matrose sich nähert, erkennt Simon, dass es sich um Alfred Middleton handelt.
„Einer nach vorne, die Lage klären!“, wendet sich der Kapitän an seine Offiziere. Noch bevor Bradshaw antworten kann, hat Simon schon seinen Karabinerhaken am Sicherungsseil überprüft und hangelt sich, dem Matrosen folgend, behutsam in Richtung Schiffsbug. Gerade als er dort angekommen ist, erwischt eine weitere Welle das Vorschiff und die Wassermassen reißen ihn von den Füßen, sodass Simon sich zwischen Cayden O’Doherty und Alfred Middelton an die Reling klammert, Während er sich auf die Füße zurückkämpft, streckt O’Doherty einen Arm aus und ruft: „Sehen Sie, Sir, gleich kommt er aus dem Wellental wieder hoch! Es ist ein Schoner; der hintere Mast ist gebrochen und hängt im Meer. Die daran befestigten Segel bremsen das Schiff so sehr, dass es erhebliche Schlagseite hat.“
„Achten Sie auf den ersten Mast, wenn das Schiff wieder hochkommt“, ergänzt Alfred Middleton. „Ich denke, auch der wird es nicht mehr lange machen. So kommen die nie nach Harwich, auch wenn es nicht mehr weit ist.“
Als sich der Schoner die nächste Welle hinaufschiebt, erkennt Simon, wie weit sich der noch verbliebene Mast hin und her bewegt.
„Beim Klabautermann, der Schoner hat keine Chance … Gott sei ihnen gnädig!“ Resigniert starrt O’Doherty auf den anderen Segler.
Simon ist klar, dass sie unverzüglich handeln müssen. „Bin gleich zurück, Männer“, erklärt er und macht sich auf den Weg zurück zum Achterdeck. Dort angekommen, berichtet er, was er gesehen hat und was seiner Ansicht nach zu tun ist: „Wir können die Leute nicht sich selbst überlassen; so haben sie überhaupt keine Chance, nach Harwich zu gelangen. Viel erkennen konnten wir vorne nicht, dazu ist es einfach zu dunkel, aber wir müssen sie ins Schlepptau nehmen, denn auch der Hauptmast wird sie in absehbarer Zeit im Stich lassen. Außerdem müssen die ins Wasser hängenden Segel gekappt werden, ansonsten wird das Heck des Schoners immer tiefer ins Wasser gezogen und sie werden absaufen. Dazu benötigen wir Äxte.“
„Wir?“ Verdutzt sieht der Kapitän in die Runde.
„Natürlich, wir müssen ihnen helfen! Wir können sie doch nicht sich selbst überlassen!“
„Wie stellst du dir das denn vor? Sollten sie sich nicht selber helfen?“
„Das tun sie augenscheinlich aber nicht – vielleicht können sie es auch gar nicht. Ich konnte niemanden an Deck erkennen.“
„Das kann gar nicht sein“, wendet George ein. „Zumindest einer wird am Steuerrad stehen.“
„Aye, du hast recht, George. Aber die Lage ist für den Schoner aussichtslos, und wir sind hier und könnten helfen.“
„Was hast du vor?“
Die Stimme des Kapitäns klingt äußerst kritisch, aber Simon achtet nicht darauf. „Mr. Jones“, wendet er sich an einen der beiden Rudergänger, „können Sie so dicht am Schoner vorbeiziehen, dass zwei Männer von uns hinüberspringen könnten?“
„Um Gottes Willen, hinüberspringen? Bist du nicht bei Sinnen, Simon?“ Der Kapitän ist außer sich. „Wir befinden uns mitten in einem Sturm; die Männer können sich kaum auf den Beinen halten, und jetzt sollen zwei von ihnen mal eben auf den Schoner springen?“
„Aye“, lautet Simons knappe, aber deutliche Antwort.
„Wer soll das deiner Meinung nach machen? Nein, das ist viel zu gefährlich, ausgeschlossen! Das ist einfach unmöglich und unverantwortlich.“
Noch bevor Simon etwas antworten kann, brüllt Gerald Jones vom Ruderstand herüber: „Ich bekomme das hin!“ Der ehemalige Gefechtsrudergänger der Royal Navy hat schon so manches knifflige Manöver gefahren und genießt deshalb bei Kapitän und Mannschaft hohes Ansehen. Leo Haddock, der andere Matrose am Ruder, wirkt dagegen erleichtert, weil er die Verantwortung nicht tragen muss.
„Wenn wir den Schoner passieren, springe ich …“, erklärt Simon kurz.
„Du?“, fragt George Boyt aufgebracht und ringt um Fassung. „Was ist, wenn du es nicht schaffst und dein Leben verlierst? Was wird dann aus uns?“
„Ich schaffe das, ich traue mir das zu.“
In diesem Moment hört Simon hinter sich die dunkle Stimme von Oliver Sterling: „Ich komme mit.“
Verwundert drehen sich die Männer zu dem bulligen Engländer um, der in jeder Hand eine Axt hält.
„Danke, Sterling.“ Simon nimmt ihm eine der Äxte ab.
„Stopp!“, ruft der Kapitän dazwischen. „Angenommen, es gelingt euch tatsächlich, an Bord des Schoners zu springen, wovon ich noch nicht überzeugt bin – was geschieht dann?“
„Ihr müsst die ‚Ocean Dream‘ etwas aus dem Wind nehmen, sodass sie wieder hinter den Schoner zurückfällt“, erklärt Simon. „Im zweiten Anlauf sollte einer unserer Männer ein Seil von Achtern auf den Bug des Schoners werfen – ich denke da an Barry O’Reilly. Er muss das Seil dann an unserem Heck befestigen, während Sterling oder ich es am Bug des Schoners fixieren.“
„Mann!“ George ist hin- und hergerissen. „Äußerst gefährliche Geschichte! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das zulassen soll.“
„Doch, du kannst“, insistiert Simon und versucht dabei möglichst überzeugend zu wirken. „Ansonsten haben die Männer auf dem Schoner überhaupt keine Chance. Zu deiner Beruhigung, George, ich habe das schon einmal gemacht, auf dem Rhein. Ich bin von einem Schiff auf ein anderes gesprungen, mit einem Seil in der Hand …“
„Rhein? Was ist das?“, fragt Oliver Sterling verwundert.
„Klar, auf dem Rhein“, platzt es in abfälligem Ton aus dem Kapitän heraus. „Das ist ein Fluss und kein stürmischer Ozean!“
„Das stimmt, aber dafür habe ich jetzt beim Sprung auch kein Seil in der Hand.“
„Nein, aber eine Axt.“
„Die werfen wir vorher hinüber.“
„Du hörst dich an, als ob wir hier ein Kinderspiel planen.“ George sieht Simon direkt und ernst in die Augen und fügt hinzu: „Das ist aber kein Kinderspiel.“
„Dessen bin ich mir bewusst, George. Aber haben die dort drüben auf dem Schoner ohne uns auch nur den Hauch einer Chance?“
„Das haben sie wohl nicht, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf“, mischt sich der Erste Offizier ein.
„Hm …“ Der Kapitän fasst sich ans Kinn und stellt schließlich mit zweifelndem Blick fest: „Dann machen wir es so!“
Die anderen Männer nicken zustimmend.
„Hey, wir haben zwei Freiwillige!“, versucht Simon eine zuversichtlichere Stimmung zu erzeugen. „Danke, Sterling!“
„Moment!“, unterbricht der Kapitän ihn erneut. „Ich sage euch: Ihr habt genau einen Versuch. Schlägt der fehl, beenden wir dieses Himmelfahrtskommando unverzüglich. Haben wir uns verstanden, Männer?“
„Aye, Sir!“
George wendet sich an den Rudergänger Gerald Jones. „Sie haben die Sache im Griff, Jones? Sie sind sich absolut sicher, dass Sie dicht genug an den Schoner herankommen?“
„Aye, Sir, Sie können sich auf mich verlassen. Müsste mit dem Klabautermann zugehen, wenn …“
Während sich Simon und Oliver Sterling mit ihren Äxten auf den Weg zum Hauptmast der „Ocean Dream“ machen, begibt sich der Matrose Kennedy zum Bug des Schiffes, um O’Doherty und Middelton über das gewagte Vorhaben zu unterrichten. Am Heck des Dreimasters werden Vorbereitungen für den Wurf des Seiles getroffen und das eine Ende wird fachmännisch am Kreuzmast verknotet.
Langsam schwenkt Gerald Jones auf den Kurs des Schoners ein und die „Ocean Dream“ nimmt die Verfolgung des anderen Seglers auf. Stetig bezwingen beide Schiffe eine Welle nach der anderen; immer wenn der Schoner in ein neues Wellental hinabgleitet, verlieren sie ihn aus dem Blick. Dabei nähern sie sich dem anderen Segler allmählich, der glücklicherweise eine relativ gerade Linie zieht. Stück für Stück kämpft sich die „Ocean Dream“ an den Schoner heran, um sich schließlich ganz sachte neben ihn zu setzen. Jetzt wird deutlich, dass das Deck des Schoners um einige Meter tiefer liegt als das der „Ocean Dream“. Ein paar Mal schrammen die Schiffsbuge aneinander, um danach wieder eine gefährliche Lücke aufzureißen. Oliver Sterling und Simon stehen auf der Reling des Dreimasters und halten sich jeweils mit einer Hand an den Wanten des Hauptmastes fest, um mit der freien Hand ihre Axt zu schwingen und auf einen geeigneten Augenblick zu warten, sie auf den Schoner zu werfen. Fast zeitgleich fliegen die Äxte durch die Luft und während eine von ihnen in eine Deckplanke schneidet, bleibt die andere in einem hölzernen Deckaufbau hängen. Angespannt warten die beiden Männer, bis sich die beiden Schiffsbuge wieder so weit annähern, dass sie an Bord des Schoners springen können. Plötzlich schreien Simon und Sterling fast gleichzeitig: „Spring!“
Während Sterling relativ weich in ein stramm gespanntes Segel des umgestürzten Mastes fällt, springt Simon mehrere Meter weit an Deck und rollt sich geschickt ab, kracht aber so unglücklich mit seiner linken Schulter gegen eine auf dem Deck stehende Teakholzkiste, dass ihm ein fürchterlicher Schmerz in die Schulter schießt. Als er aufspringt, wird ihm unverzüglich bewusst, dass in seinem Oberarm etwas kaputtgegangen sein muss; jede Armbewegung geht mit höllischen Schmerzen einher. Mühevoll stützt Simon sich mit seiner rechten Hand ab, um auf die Beine zu kommen. Dann macht er sich auf den Weg zu seiner Axt, die im Deckaufbau steckt. Mit ein paar geschickten Wippbewegungen bekommt er sie frei und schaut sich zu Oliver Sterling um. Der hat schon damit begonnen, mit seiner Axt das Tauwerk zu kappen, das über die Reling hängt und den gebrochenen Mast daran hindert, im Meer zu verschwinden. Stattdessen ziehen die bremsend daran im Wasser hängenden Segel den Schiffsrumpf bedrohlich tief ins Wasser.
Simon kämpft sich zu Sterling und schreit gegen den ohrenbetäubenden Lärm des Sturms an: „Hey, Sterling, ich habe mich an meiner linken Schulter verletzt! Bekomme den Arm nicht hoch. Sie müssen sich um das Schleppseil kümmern.“
„Starke Schmerzen?“
„Aye, irgendetwas ist da drin passiert!“
„Können Sie hier trotzdem weitermachen?“, fragt der Matrose besorgt. „Dann gehe ich zum Bug.“
Beide Männer schauen zur „Ocean Dream“ hinüber, die sich langsam wieder von hinten nähert.
„Glücklicherweise bin ich Rechtshänder“, meint Simon. „Wird schon gehen.“
„Bevor Sie das Tauwerk endgültig kappen, sollte die ‚Ocean Dream‘ an uns vorbeigezogen sein“, meint Sterling. „Wer weiß, wie schnell der Schoner wird, wenn wir die Bremse lösen.“
„Aye, das bekomme ich hin.“ Simon beobachtet, wie Sterling sich zum Schiffsbug vorarbeitet. Sein nächster Blick geht zum Ruderstand, an dem eine fast vollständig vermummte Person den Schoner auf Kurs hält. „Seltsam“, denkt er. „Niemand anders an Bord?“
Dann schwingt er die Axt und zertrennt den Großteil des Tauwerks. In der Zwischenzeit schiebt sich die „Ocean Dream“ an dem Segler vorbei. Oben an der Reling sieht Simon ein paar Männer stehen, kann sie aber aufgrund des heftigen Regens nicht erkennen. Bis auf vier dicke Seile hat er nun alles zerhackt. Er hört hier und dort geschriene Wortfetzen, kann sie aber nicht zuordnen. Plötzlich und unerwartet geht ein heftiger Ruck durch das Schiff, aus dem Simon schließt, dass der Schoner nun am Seil der „Ocean Dream“ hängt. Kaum hat er das letzte Stück Tauwerk gekappt, wird der Mast ins Meer gezogen und das Heck des Schoners aus dem Wasser gehoben. Schon steht Oliver Sterling grinsend neben ihm. „Es hat geklappt, Mr. Brown. Wir haben den Schoner am Haken!“
„Gott sei Dank, Sterling. Hervorragende Arbeit!“
„Wie geht es Ihrem Arm? Bluten Sie?“
Die ganze Zeit über hatte Simon seine linke Hand in der Hosentasche vergraben, um seinen Arm etwas zu stabilisieren. Nur mit Mühe kann er sie unter Schmerzen herausziehen und Sterling muss eigentlich auf keine Antwort warten, denn Simons Hand ist blutverschmiert.
„Habe ich gar nicht bemerkt“, stellt er fest. „Es tut schon ordentlich weh; keine Ahnung, was mit dem Arm ist. Vielleicht ist irgendetwas gebrochen?“
„Bestimmt ausgekugelt“, meint der Matrose. „Verdammt schmerzhafte Angelegenheit, das Einrenken. Öffnen Sie mal Ihren Mantel, vielleicht kann ich etwas erkennen.“
Simon muss die Zähne zusammenbeißen, um seinen Mantel und ein paar Knöpfe seines Hemdes zu öffnen, damit Sterling die pochende Schulter freilegen kann.
„Aufgeplatzt“, bemerkt der bullige Engländer. „Eine kleine Platzwunde, nicht sehr tief und nicht dramatisch. Ihre Schulter dagegen wird grün und blau, scheint tatsächlich ausgekugelt zu sein.“
Simon wird klar, dass an Ort und Stelle nichts weiter zu machen ist. „Lassen Sie uns jetzt von etwas anderem reden“, erklärt er, während er Hemd und Mantel wieder richtet. „Gehen wir erst einmal zum Steuermann.“
„Aye, Sir.“
Als sie am Ruder ankommen, schlägt der Steuermann seine Kapuze zurück und begrüßt sie mit Erleichterung in der Stimme: „Danke, Männer. Sie schickt der Himmel! Das wäre nicht gut gegangen. Ich war am verzweifeln …“
„Simon Brown und Oliver Sterling“, stellt Simon sich und den Matrosen vor. „Wir kommen von der ‚Ocean Dream‘. Wir dachten, dass Sie Hilfe gebrauchen könnten.“
„John Reeding“, erwidert der Steuermann. „Ihr Eindruck trügt Sie nicht, Gentlemen. Ich bin heilfroh, dass Sie hier sind. Zwei unserer Matrosen, Ezra und Samuel, sind über Bord gegangen, als der Mast brach und umstürzte. Die anderen drei Männer, Freddy, Logan und Harry, konnten sich unter Deck retten, sind aber alle drei verletzt.“
John Reeding ist ein groß gewachsener Mann, Simon schätzt ihn auf etwa vierzig Jahre. Er hat dunkles Haar, das von der Kapuze völlig zerwühlt ist. Sein zotteliger Vollbart könnte gepflegter aussehen und beim Sprechen fällt ein fehlender Eckzahn im Oberkiefer auf. Als sich der Mann mit seinen groben Händen das Regenwasser aus dem Gesicht wischt, erkennt Simon über seinem linken Auge einen Leberfleck, der sonst durch die buschige Augenbraue fast vollständig bedeckt wird. Nun fragt er: „Mr. Brown, Sie sehen nicht so aus, als wenn es Ihnen wirklich gut ginge?“
„Ich habe mir beim Sprung an Deck eine Platzwunde zugezogen und die Schulter verletzt – geprellt, gebrochen oder ausgekugelt … keine Ahnung.“
„Sie sollten sich unter Deck zu den anderen begeben“, meint Reeding und wendet sich dann an Sterling: „Wenn Sie mich vielleicht ein wenig ablösen könnten?“
„Da kann ich wohl nicht viel falsch machen“, meint der Matrose und ergreift beherzt das Steuerrad. „Immer der ‚Ocean Dream‘ hinterher.“
„Mann“, stöhnt Reeding, „meine Finger sind fast taub; diese Nässe und diese verdammte Kälte! Ich bin schweißgebadet, aber Hände und Zehen fühlen sich wie Eisklötze an.“
„Bewegen Sie sich ein wenig, dann wird es besser“, rät ihm Oliver Sterling mit seiner jahrelangen Erfahrung. „Mr. Brown, Sie sollten sich tatsächlich unter Deck ein wenig ausruhen.“
Mühevoll bewegt sich Simon zum Eingang der Kajüte. Ungeschickt öffnet er mit seiner einen Hand die Luke und schließt sie mühevoll wieder hinter sich. Unter dem Schlingern des Schiffs stolpert er die Stufen hinab. Nach ein paar Metern durch einen schmalen Gang erreicht er eine geräumige Kajüte, in der sich mehrere Tische und Bänke befinden. Unter der Decke schwingen zwei Pendelleuchten, deren bescheidene Lichtkegel ihr schwaches Licht mal hierhin und mal dorthin werfen. An die Kajüte schließt sich eine kleine Kombüse an. Das schwankende Licht, die starken Rumpfbewegungen des Schoners und der faulige Gestank von Erbrochenem lassen in Simon ein unwohles Gefühl aufkommen. Allmählich erkennt er zwei Männer, die auf Bänken liegen, einer kauert mit bleichem Gesicht über einem Kübel in einer Ecke. Plötzlich beugt er sich vor, würgt und beginnt erneut zu spucken.
Simon räuspert sich. „Entschuldigen Sie die Störung; ich komme von der ‚Ocean Dream‘, einem amerikanischen Dreimaster. Wir sind zu zweit zu Ihnen an Bord gesprungen und haben den Schoner ins Schlepptau genommen. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Harwich.“
Der in der Ecke sitzende Mann schaut auf und wischt sich über das Gesicht. „Ich bin Freddy und auf den Bänken liegen Harry und Logan. Harry hat sich einen Arm gebrochen, Logan und ich sind unter Teile des Mastes geraten. Logan hat es stärker erwischt, der ist seit einer ganzen Zeit bewusstlos.“
„Ich bin Simon, kann ich etwas für Sie tun?“
„Wie geht es John?“
„Er friert, aber ansonsten scheint er in Ordnung zu sein.“
„Sagen Sie ihm, er soll unter Deck kommen. Ich muss ihn dringend sprechen. Wie weit, sagten Sie, sind wir noch von Harwich entfernt?“
„Keine Ahnung.“ Simon will die Achseln zucken, besinnt sich aber gerade noch auf seine schmerzende Schulter. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Mit großer Mühe schafft es Simon wieder zurück an Deck und hangelt sich zum Ruderstand.
„Was machen Sie denn schon wieder hier, Sir?“, fragt Oliver Sterling verwundert.
Simon wendet sich an Reeding: „Ihre Männer erwarten Sie unter Deck. Freddy muss dringend mit Ihnen sprechen und er wollte wissen, wie weit es noch bis Harwich ist.“
„Ich denke nicht, dass wir noch eine halbe Stunde benötigen werden … Aye, dann will ich mir die anderen mal anschauen“, erklärt Reeding und macht sich auf den Weg zur Kajüte.
„Wie geht es Ihrem Arm, Sir?“, erkundigt sich Sterling.
„Unverändert, wenn ich ihn ruhig halte, ist es einigermaßen auszuhalten.“

Dienstag, 28. Oktober 1834, 18.10 Uhr: „Ocean Dream“ und „Giselle“ erreichen Harwich. 18.45 Uhr: „Ocean Dream“ und „Giselle“ im Hafen von Harwich gesichert.
Der Kapitän setzt einen Punkt hinter den letzten Satz und schlägt das Logbuch zu. Dann begibt er sich an Deck, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Oben trifft er auf eine jubelnde Gruppe Matrosen, die sich in einer Traube versammelt haben, vermutlich, um die „Helden“ Simon Brown und Oliver Sterling zu feiern. Als George Boyt sich lautstark Gehör verschafft und die Männer zur Ordnung ruft, stellt er fest, dass sich inmitten der Menge nur Sterling befindet. Zielstrebig bahnt er sich seinen Weg zu dem Engländer. „Mr. Sterling, hervorragende Arbeit! Eine äußerst gewagte Aktion, aber Gott sei Dank erfolgreich. Wie fühlen Sie sich?“
„Gut, Kapitän“, erwidert Sterling, nachdem er Haltung angenommen hat, „ein wenig müde, aber glücklich, dass wir Leben retten konnten.“
„Wo ist Mr. Brown?“ George Boyt schaut sich suchend unter den Männern um.
„Wir haben ihn unter Deck zu Mr. O’Brien gebracht. Er hat sich beim Sprung auf den Schoner an der Schulter verletzt“, berichtet Oliver Sterling.
„Danke.“ Der Kapitän runzelt besorgt die Stirn und wendet sich dann wieder der Mannschaft zu. „Gut, Männer. Mr. Wright, eine Ration Whisky für alle, sie haben es sich verdient.“ Er will sich schon umdrehen, hält dann aber noch einmal inne und ergänzt: „Mr. Jones und Mr. Sterling bekommen die doppelte Ration; ohne sie wären wir gescheitert.“

„Hm …“, Simon beißt die Zähne zusammen, um den Schmerz, der durch seine Schulter schießt, aushalten zu können.
Connor O’Brien tastet fachmännisch seine Schulter ab und bewegt den betroffenen Arm vorsichtig in verschiedene Richtungen. „Ausgekugelt, aber nichts gebrochen“, stellt er schließlich fest und befiehlt dem neben ihm stehenden Matrosen Rodriguez Cano: „Sehen Sie zu, dass Sie O’Reilly finden. Wir müssen den Arm einrenken.“
„Aye, Sir.“ Der Matrose steht schon in der Tür, als er plötzlich innehält. „Kapitän!“
George Boyt nickt ihm kurz zu, hat aber offensichtlich mehr Interesse an seinem Offizier. „Mr. O’Brien, wie geht es unserem Patienten?“
„Er hat sich den linken Arm ausgekugelt und eine Platzwunde an der Schulter. Sieht schlimmer aus, als es ist.“
Der Kapitän klopft dem Freund vorsichtig auf die heile Schulter. „Herzlichen Glückwunsch, Simon, deine Rettungsaktion war erfolgreich. Ich habe den Männern eine Ration Whisky genehmigt, und dir würde ich auch einen empfehlen. Wie geht es dir – abgesehen von deinen Verletzungen?“
Simon versucht ein schiefes Grinsen. „Wenn O’Brien sagt, dass es schlimmer aussieht, als es ist, bin ich zuversichtlich gestimmt.“ Trotzdem wird ihm doch etwas mulmig zumute, als Cano mit O’Reilly im Schlepptau zurückkehrt.
„Wie möchten Sie’s, Mr. Brown?“, fragt O’Brien trocken. „Hart und kurz oder möglichst schonend einrenken?“
Simon muss nicht lange überlegen. „Hart und kurz, denke ich.“
„Dann legen Sie sich mal hier auf den Teppich.“ Der Offizier zeigt auf einen Platz vor dem großen massiven Tisch in der Messe. „Aber bevor Sie sich jetzt hinlegen, werde ich Ihnen das Hemd ausziehen.“
„Mr. O’Reilly, wenn wir hier fertig sind, benötigt er eine Schlinge für den Arm“, wendet O’Brien ein.
„Aye, Sir.“
„Mr. Brown, Sie bleiben möglichst ruhig mit dem Rücken auf dem Teppich liegen. Und keine Angst – es ist schnell vorbei. Cano, O’Reilly, Sie wissen, was Sie zu tun haben – stur festhalten. Wir haben uns verstanden?“
„Aye, Sir!“
Der Offizier zieht einen etwa zwanzig Zentimeter langen massiven Holzstab aus seiner Ledertasche und schiebt ihn Simon zwischen die Zähne. „Zubeißen!“ Ohne zu zögern, spreizt er den ausgekugelten Arm von Simons Körper ab und kniet sich so dicht in den frei werden Raum, dass sein Oberschenkel eng am Rumpf des Patienten anliegt.
„Cano, drücken Sie Browns rechte Schulter kräftig auf den Boden.“
„Uff!“, stößt Simon gequält aus, als Cano den Druck erhöht.
„O’Reilly, Sie fixieren seine Beine und achtet darauf, dass sein Körper sich nicht bewegen kann“, wiederholt O’Brien mit Nachdruck, während er Simons ausgerenkten Arm mit einer Hand am Handgelenk fasst und seine andere Hand hinter den Ellenbogen legt.
„Mr. O’Reilly, die Schlinge …!“ Noch während der Offizier diese Worte ausspricht, ruckt es gewaltig durch Simons Körper, ein stechender Schmerz schießt ihm in die verletzte Schulter – und plötzlich fühlt er eine angenehme, deutliche Entlastung. Verwundert schaut er zu O’Brien, der kurz die Achseln zuckt und bemerkt: „Das war es schon. Das Gelenk ist wieder drin. Wir können uns jetzt um die Platzwunde kümmern. Wollen Sie auf dem Boden liegen bleiben oder setzen Sie sich auf einen Stuhl?“
„Ich ziehe den Stuhl vor.“ Simon versucht ein Lächeln, obwohl er sich noch etwas zittrig fühlt.
„Sie brauchen in den nächsten Tagen Ruhe, Mr. Brown. Schonen Sie Ihren Arm unbedingt.“
„Versprochen“, antwortet Simon knapp, auch weil der zweite Bootsmann, Alan Watt, die Messe betritt.
„Entschuldigung, Kapitän, Mr. Bradshaw bittet Sie, unverzüglich an Deck zu kommen. Auf dem Anleger wimmelt es von Rotröcken, Sir.“
George Boyt, der die Prozedur des Einrenkens schweigend beobachtet hat, nickt. „Simon, ich werde später noch einmal nach dir sehen. Rotröcke, sagen Sie, Watt? Ein Empfangskomitee? Schauen wir mal, was sie von uns wollen.“
Nach diesen Worten hat Simon kaum Ruhe, um sich von O’Reilly die Armschlinge anpassen zu lassen. Die Neugierde treibt ihn so schnell wie möglich an Deck. Nachdem er seinen Mantel mehr oder weniger elegant mit dem gesunden Arm über seine Schultern geworfen hat, steigt er nach oben. Verwundert stellt er fest, dass das Hauptdeck mit Laternen erleuchtet ist und das gesamte Schiff von zahlreichen Rotröcken durchsucht wird. Unbeobachtet tritt er zu Gerald Jones an den Ruderstand, der mit einem Schraubenzieher an der Aufhängung des Kompasses hantiert und ihm einen beiläufigen Blick zuwirft. „Mr. Brown, geht es Ihnen gut?“
„Die Schulter ist nur ausgekugelt, das wird schon wieder.“
„Gott sei Dank, freut mich zu hören.“
Simon sieht sich unruhig um. „Was machen all die Rotröcke hier? Ein Dank für unsere Rettungsaktion sieht wohl anders aus.“
Jones lacht trocken auf. „Bedanken wollen die sich nicht bei uns, das steht fest. Das Theater hat irgendetwas mit dem Schoner zu tun, den wir gerettet haben.“
„Sie haben übrigens ausgezeichnete Arbeit geleistet, Jones. Ohne Ihre Steuerkünste wären wir nicht in der Lage gewesen, die ‚Giselle‘ zu retten. Wie geht es den Männern von dort? Haben Sie etwas gehört?“
„Nein, keine Ahnung.“
Während des letzten Wortwechsels haben sich der Kapitän, der Erste Offizier und mehrere der Soldaten dem Ruderstand genähert. Mit ernstem Blick stellt George Boyt vor: „Simon, das ist Lieutenant Cucumber von der Royal Artillery, stationiert auf Landguard Fort. Lieutenant Cucumber, darf ich vorstellen? Der Eigner der ‚Ocean Dream‘, Mr. Simon Brown.“
„Guten Abend, Lieutenant.“
„Sir!“
„Simon, die Soldaten sind hier an Bord, weil sie die Männer der ‚Giselle‘ suchen. Bei dem Schoner handelt es sich scheinbar um ein gesuchtes Schmuggelschiff. Weil wir es im Schlepptau hatten, vermutet man, dass wir möglicherweise etwas mit der Sache zu tun haben, vielleicht sogar Schmuggelware hier an Bord zu finden sein könnte.“
„Was ist das denn für ein Blödsinn?“ Entrüstet sieht Simon in die Runde. „Wir haben den Männern auf dem Schoner das Leben gerettet!“
„Sir, ich muss Sie bitten, maßregeln Sie sich!“ Der Lieutenant legt eine Hand auf seinen Säbel. „Bei der ‚Giselle‘ handelt es sich um ein Schmuggelschiff, dessen Besatzung schon länger im Visier der königlichen Zollbehörden ist. Bis heute konnten die Schmuggler immer wieder entkommen. Bei der Durchsuchung des Schoners am heutigen Abend haben wir einen großen Fang gemacht: Er ist randvoll mit französischem Calvados und Cognac beladen und hat sogar einige Fässer Genever aus den Niederlanden an Bord. Nur von der Mannschaft fehlt jede Spur.“
„Ach, das kann doch gar nicht sein“, wundert sich Simon. „Die meisten Männer waren verletzt. Nur der Kapitän, ein gewisser John Reeding, schien unverletzt zu sein.“
„John Reeding, sagen Sie.“ Lieutenant Cucumber dreht sich zu einem Soldaten um, der mit Block und Bleistift bewaffnet ist und sich Notizen macht. „Sergeant Clarke, haben Sie den Namen notiert?“
„Ja, Sir.“
„Nun, Mr. Brown“, die Stimme des Lieutenants klingt jetzt deutlich milder, „können Sie sich noch an irgendetwas erinnern, was für uns von Bedeutung sein könnte?“
„Hm … Ich war einige Zeit unter Deck … Da waren drei Männer; einer hatte seinen Arm gebrochen, das war ein kleinerer Mann mit Vollbart, sein Name war Harry. Er und ein gewisser Logan waren unter den umgestürzten Mast geraten. Dieser Logan war die ganze Zeit nicht ansprechbar; ich denke, er war bewusstlos.“ Simon versucht angestrengt, sich an jedes Detail zu erinnern. „Dann war da noch Freddy, ein hagerer Typ mit einem Ring im linken Ohr … Das war eigentlich kein Ohrring im herkömmlichen Sinn, eher eine Art Edelstein, der dann und wann im Laternenlicht blitzte. Freddy war es auch, der mich wieder an Deck schickte, weil er unbedingt John Reeding sprechen wollte.“
Völlig unvermittelt dreht sich Lieutenant Cucumber zu seinen Männern um und befiehlt: „Achtung, Soldaten! Entsichert die Waffen. Mr. Brown, im Namen Ihrer Majestät Wilhelm IV. sind Sie jetzt festgenommen.“
„Festgenommen?“ George Boyt sieht den Lieutenant erschrocken an. „Was werfen Sie ihm denn vor?“
„Mr. Brown, kommen Sie freiwillig mit oder müssen wir Gewalt anwenden? Es besteht dringender Tatverdacht, dass Sie an der Schmuggelei mithilfe der ‚Giselle‘ beteiligt sind.“
„Das ist doch lächerlich, Lieutenant!“ George ist außer sich.
Edgar Bradshaw scheint dagegen ruhiger zu bleiben. Vermittelnd fragt er: „Lieutenant Cucumber, können Sie näher erläutern, wie Sie zu diesem Entschluss gekommen sind?“
„Mr. Brown“, wendet sich der Lieutenant an Simon, „beantworten Sie mir ein paar Fragen mit Ja oder Nein.“
„Selbstverständlich, Sir!“
„Waren Sie persönlich innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden auf der ‚Giselle‘?“
„Ja, Sir.“
„Beim Sturz des hinteren Schiffsmastes haben sich bis auf ein Mannschaftsmitglied des Schoners alle verletzt?“
„Ja, Sir.“
„Und ist meine Annahme korrekt, dass auch Sie sich heute eine Verletzung zugezogen haben?“
Simon wird eiskalt, denn nun dämmert ihm langsam, worauf der Lieutenant hinaus will. „Ja, Sir.“
„Auf der ‚Giselle‘?“
„Ja, Sir.“
„Waren Sie unter Deck des Schoners?“
„Ja, Sir.“
Der Lieutenant mustert Simon ausdruckslos. „Somit gibt es weiteren Klärungsbedarf, und ich werde Sie jetzt festnehmen. Werden Sie meinen Anweisungen freiwillig Folge leisten oder sollen wir Sie in Ketten legen?“
„Das ist nicht korrekt, Lieutenant!“, wirft George Boyt aufgebracht ein. „Mr. Brown ist amerikanischer Staatsbürger; ich lasse Ihnen seinen Reisepass holen.“
„Kapitän, das interessiert mich alles nicht!“, beendet Lieutenant Cucumber die Unterhaltung. „Mr. Brown wird uns auf jeden Fall begleiten. Er wird Gelegenheit bekommen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Übermorgen erwarten wir den Vizegouverneur, Colonel West, zurück. Er wird die Untersuchung leiten.“
„Aber …“, ist das Einzige, was George Boyt noch herausbekommt, bevor er von Simon unterbrochen wird: „Lass es gut sein, mein Freund. Die Sache wird sich hoffentlich zügig klären lassen, damit wir nach Amsterdam kommen. Lieutenant, ich werde selbstverständlich Ihren Anweisungen Folge leisten.“

Blut und Wasser habe ich damals geschwitzt, als ich im Büro von Lieutenant Walsh saß und er mir erklärte, wie begeistert seine Gattin von mir wäre und dass ich mich ja mächtig bei ihr ins Zeug gelegt hätte. Wäre die Affäre, die ich mit seiner Frau hatte, öffentlich geworden, dann hätten wir diesen Auftrag und wohl auch alle zukünftigen Aufträge von der East India Company getrost vergessen können. Das wäre ein enormer finanzieller Schaden und ein wertvoller Zeitverlust bei der Suche nach Marala gewesen.
War ich ein Lump? Bis heute stelle ich mir hin und wieder die Frage, ob es damals richtig war, sich auf die Affäre mit Lady Walsh einzulassen. Auf der einen Seite wurde ich von ihr erpresst, und zudem war sie eine ausgesprochen hübsche Person, von der ich nicht behaupten kann, dass ich sie nicht anziehend und interessant gefunden hätte. Auf der anderen Seite war ich ihr gewissermaßen dabei behilflich, ihren Gatten zu betrügen – und das nicht nur einmal. War ich deshalb ein Lump? Was wäre geschehen, wenn ich Lieutenant Walsh von der Erpressung berichtet hätte? Er liebte seine Ehefrau abgöttisch – hätte er mir überhaupt Glauben geschenkt? Hätte er sich womöglich von ihr getrennt oder ihr etwas angetan?
Das Leben besteht nicht nur aus Schwarz und Weiß – rückwirkend betrachtet, bewegen wir uns die meiste Zeit in einer Grauzone. Immer wieder müssen wir Entscheidungen treffen, die Auswirkungen und Konsequenzen haben. Ist es da nicht besser, wir stellen uns dem Leben und akzeptieren sowohl unsere Handlungen aus auch unsere Unterlassungen?
An Harwich habe ich bis heute … Ach, das ist wohl eher etwas für die nächste Geschichte … Lieutenant Cucumber jedenfalls war ein geschickter, wortgewandter Mann; mit ein paar gezielten Fragen, die keinen Raum für Diskussionen ließen, setzte er mich sprichwörtlich fest.

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