5.11 Bombay in neunzig Tagen?

„Sie wäre sehr hartnäckig, das waren ihre letzten Worte gestern Abend.“ Simon sieht in die aufmerksam gespannten Gesichter von George Boyt und Edgar Bradshaw, die mit ihm in der Kapitänskajüte der „Ocean Dream“ sitzen.
„Na, wenn das kein Tête-à-Tête erster Klasse war, dann weiß ich es auch nicht!“, schießt es aus dem Ersten Offizier heraus.
„Mr. Bradshaw, bitte!“, maßregelt ihn der Kapitän. „Wir haben es hier mit einer verzwickten Situation zu tun. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie sich die Sache entwickeln wird?“
„Entschuldigen Sie, Sir, natürlich.“ Bradshaw macht ein betretenes Gesicht.
Simon seufzt. „Mir wäre sehr daran gelegen, wenn wir einen Weg finden könnten, wie ich das scheinbar Unvermeidbare doch noch vermeiden kann. Irgendwie käme ich mir Marala gegenüber schuldig vor. Auf der Suche nach ihr reise ich um die halbe Welt, mache mir Sorgen, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte – und dann vergnüge ich mich mit einer anderen Frau?“ 
„Wir sollten sachlich an die Angelegenheit herangehen“, schlägt der Kapitän vor und erklärt weiter: „Auf unserer Seite haben jetzt drei Personen Kenntnis von der Sache … und mehr sollten es auf keinen Fall werden!“ Mit bohrendem Blick mustert George Boyt abwechselnd Simon und den Ersten Offizier, die beide zustimmend nicken. „Wir werden die Sache also absolut vertraulich behandeln, denn Lieutenant Walsh sollte von dieser delikaten Angelegenheit auf keinen Fall etwas zu Ohren kommen. Er scheint seine Frau ja geradezu anzuhimmeln, und wenn etwas zu ihm durchsickern würde, könnte es sein, dass er den Glauben an den makellosen Ruf seiner Gattin in Zweifel zieht. Und dann wäre unsere ganze Mühe umsonst und wir stünden am Schluss gänzlich ohne Transport da. Haben wir uns verstanden – Simon, Mr. Bradshaw?“
„Absolut, aus mir bekommt keiner auch nur ein Wort heraus“, verspricht der Erste Offizier. „Aber können wir davon ausgehen, dass die Gegenseite genauso verschwiegen ist?“
„Ja, ich denke schon, Mr. Bradshaw“, bestätigt Simon ernst. „Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Lady Walshs Organisationstalent und ihre Raffinesse scheinen unübertrefflich zu sein. Man könnte sogar verleitet sein, ihr einen Hauch von Gerissenheit zu unterstellen.“
„Gut, der erste Punkt wäre geklärt“, stellt der Kapitän fest. „Nun zum Gegenstand der Erpressung. Die Zielperson bist du, Simon – leidtragend, wenn etwas schiefginge, wäre dagegen die gesamte Besatzung der ‚Ocean Dream‘ und natürlich auch Marala. Denn im besten Fall verlieren wir nur einige Wochen, im schlimmsten Fall aber den gesamten Transportauftrag und damit viel Zeit und Geld. Möglicherweise bräuchten wir Monate, um einen neuen Auftrag an Land zu ziehen – wertvolle Zeit für Marala. In den vergangenen Tagen habe ich mir unentwegt den Kopf darüber zerbrochen, wie wir mit dieser Erpressung umgehen sollen. Aber so, wie sich mir die Sache darstellt, kommst du nicht umhin, Lady Walshs Anweisungen zu folgen, Simon. Was meinen Sie, Mr. Bradshaw?“
„Nun, wir haben doch einen gültigen Vorvertrag, oder?“ Der Erste Offizier kratzt sich nachdenklich am Kopf.
„Den haben wir“, bestätigt George Boyt.
„Können wir nicht auf seine Erfüllung bestehen? Darf dieser Lieutenant Walsh aufgrund rein privater Differenzen mit Mr. Brown die Vertragserfüllung verweigern – ich meine, rechtlich gesehen?“
„Rechtlich gesehen ist Ihre Sichtweise korrekt, Mr. Bradshaw.“ Simon wirkt nun äußerst konzentriert. „Aber wir müssten bei der East India Company schriftlich auf die Vertragserfüllung bestehen, und wir oder Lieutenant Walsh müssten Gründe angeben, die dieser Vertragserfüllung entgegenstehen. Ich befürchte, wir würden einen riesigen Skandal lostreten, bei dem alle Beteiligten zu Schaden kämen. Des Weiteren würden wir uns damit für zukünftige Transporte ganz sicher nicht mehr empfehlen.“
„Das ist sehr bedauerlich. Dann werden Sie mit ihrer Lage wohl zurechtkommen müssen, befürchte ich.“ Der Erste Offizier zuckt bedauernd mit den Schultern. „Erlauben Sie mir die Frage, wie ich mir Lady Walsh vorzustellen habe?“
„Mr. Bradshaw, ich muss schon bitten …“ George Boyt ist deutlich empört.
„Ist schon in Ordnung, George“, beruhigt ihn Simon. „Mr. Bradshaw hat höflich gefragt. Der Verstand der Lady scheint messerscharf zu sein und ihr Aussehen ist kein Geheimnis. Kurz umschrieben: Sie ist eine gerade gewachsene, ausgesprochen hübsche Person, die sowohl kokett als auch niedlich wirken kann. Ihre feinen Züge stehen im Gegensatz zu ihren vollen Lippen, und beim Lächeln bilden sich Grübchen in ihren Wangen. Darüber hinaus hat sie ein äußerst gepflegtes Erscheinungsbild. George, du hast sie ja im Büro des Lieutenants gesehen.“
„Hm“, brummelt der Kapitän, „nur kurz, und außerdem habe ich auf die Frau gar nicht so genau geachtet.“
„Ach ja“, fügt Simon hinzu, „Lady Walsh hat einen exzellenten Geschmack, was die Wahl ihrer Kleidung anbetrifft, möchte ich meinen.“
„Also ein Wolf im Schafspelz“, konstatiert der Erste Offizier, „auf der einen Seite hübsch und auf der anderen gerissen.“
„Wolf hin, Wolf her – Simon, du wirst dich bis zum nächsten Treffen mit ihr entscheiden müssen.“ Der Kapitän fasst sich mit der rechten Hand an die Stirn, als müsse er sich stärker konzentrieren. „In der Tat ist diese Lady Walsh ausgesprochen attraktiv. Unter der gesamten Besatzung der ‚Ocean Dream‘ finden sich wohl keine drei Männer, die sich nicht über diese Art von Erpressung freuen würden, aber du gehörst nun einmal nicht dazu. Und du bist die einzige Person, die diese Entscheidung treffen kann und auch treffen muss. Ich gebe zu bedenken, dass es zum großen Teil in deiner Hand liegt, ob und wie schnell wir nach Indien kommen. Du weißt nicht, ob Marala noch am Leben ist, und wenn sie es nicht ist, dann hast du dir auch nichts vorzuwerfen, wenn du Lady Walshs Wünsche erfüllst. Sollte Marala jedoch am Leben sein, was wir alle hoffen, dann ist es von großem Vorteil, so schnell wie möglich nach Bombay zu kommen. Aber auch dazu ist es notwendig, auf die Lady einzugehen.“
„Ich habe verstanden, George.“
„Tja, es gibt nichts, was es nicht gibt“, seufzt der Erste Offizier. „Aber früher wäre so etwas nicht passiert.“
Ohne auf diese Bemerkung einzugehen, wendet sich George an seinen Freund: „Wann, sagtest du, triffst du dich mit ihr?“
„Heute am späten Nachmittag, George“, erwidert Simon mit einem unguten Gefühl im Bauch. „Zunächst werde ich mich auf den Weg nach Cornhill machen und schauen, was es mit dieser Overland Route auf sich hat.“

Der morgendliche Nebel hat sich bereits verzogen, als Simon vor dem Hauseingang von 39 Cornhill steht. Er drückt sich durch die schwere Tür und beginnt die Treppen hinaufzusteigen. Während seine Ledersohlen auf den steinernen Stufen ein gleichmäßiges Geräusch erzeugen, liest er die an den Wohnungstüren angebrachten Namensschilder. Schließlich bleibt er vor einer dunklen Tür stehen, neben der auf Augenhöhe ein zierlicher kupferner Rahmen angebracht ist, in dem ein handschriftlich beschriebener Zettel steckt. „TH. F. WAGHORN“, liest Simon. Erst nach zweimaligem Klopfen öffnet ein groß gewachsener hellblonder Mann die Tür, der ihn kaum ansieht, sondern sich sofort wieder umdreht und in einen der hinteren Räume verschwindet. Im Weggehen murmelt er: „Treten Sie ein und schließen Sie die Tür.“
Simon folgt dem Mann und sein Blick fällt durch eine geöffnete Tür auf einen Tisch in einer kleinen Küche, auf dem mehrere ausgerollte Landkarten liegen. In dem sich daran anschließenden Raum stapeln sich Transportkisten. Als er sich der Tür nähert, durch die der blonde Mann soeben verschwunden ist, hört er eine Stimme sagen: „Ich sehe das genauso, Thomas: Einer der Schlüssel ist Muhammad Ali.“
Eine andere Person antwortet: „Muhammad Ali wird für uns von unschätzbarem Nutzen sein, Robin.“
Simon klopft gegen die angelehnte Tür und hört: „Kommen Sie herein! Ach, Thomas, ich vergaß, jemand ist gekommen.“
Bei dem angrenzenden Raum muss es sich um das Wohnzimmer handeln. Unter einer hohen Stuckdecke fällt das Licht durch zwei Fenster, die zum Cornhill hinausgehenden. Sessel und eine Couch gruppieren sich um einen passenden Tisch und an den Wänden finden sich ein Bücherschrank und eine Anrichte.
„Sie müssen entschuldigen, wir sind gerade sehr beschäftigt“, lächelt der Blonde ihn an. Er legt einen Stapel Papiere an die Seite und fragt: „Was können wir für Sie tun?“
„Simon Brown. Ich habe gelesen, Sie haben eine Art Transportunternehmen und bringen Post und Reisende auf der Overland Route nach Indien, genauer gesagt, nach Bombay.“
Der Blonde schaut den anderen Mann an. „Gestatten, ich bin Lieutenant Frost, und der Herr neben mir ist Thomas Waghorn, der die Overland Route aufbaut.“
Waghorn reicht Simon die Hand. Auch er ist ein groß gewachsener, kräftiger Mann; im Gegensatz zu Frost hat er allerdings dunkle Haare und braune Augen – Augen, die bei Simon den Eindruck von Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit und Ehrgeiz, aber auch von Rastlosigkeit und Ungeduld erwecken. Geheimratsecken, eine spitze Nase und ein schmales Kinn kennzeichnen eine Persönlichkeit, die man nicht so schnell vergisst. „Mr. Brown, vertrauen Sie mir Ihre Post an, und ich liefere sie in neunzig Tagen nach Indien.“
Frost lächelt. „Mit diesem Spruch versuchen wir Aufmerksamkeit für die Route zu bekommen. In der Tat sparen wir gegenüber der herkömmlichen Route um das Kap der Guten Hoffnung herum etwa sechzig Tage.“
„Nun, Mr. Brown, haben Sie Post zu verschicken oder möchten Sie mit uns nach Bombay reisen?“ Noch während Thomas Waghorn Simon diese Frage stellt, zieht er seine Taschenuhr hervor, wirft einen kurzen Blick darauf und stellt dann erschrocken fest: „Mein Gott, schon nach Mittag! Ich muss los. Entschuldigen Sie, bitte, Mr. Brown, aber ich muss unverzüglich nach Snodland aufbrechen, bin dort mit meiner zukünftigen Ehefrau und meiner Schwester verabredet.“ Waghorn drückt Frost ein paar Papiere in die Hand und ergänzt: „Mr. Frost wird sich um Sie kümmern und Ihnen alles erklären, was Sie wissen wollen.“
„Schöne Grüße an Harriet und lass es etwas ruhiger angehen, Thomas“, verabschiedet ihn Lieutenant Frost mit einem Grinsen, während er die Papiere entgegennimmt und sie auf dem mit unzähligen Schriftstücken vollgepackten Couchtisch ablegt. Einen kurzen Augenblick später ist zu hören, wie Thomas Waghorn die Wohnungstür hinter sich ins Schloss zieht.
„Verzeihen Sie, Mr. Brown“, wendet sich Frost nun ganz dem Besucher zu, „aber Mr. Waghorn ist über beide Ohren mit dem Aufbau der Overland Route beschäftigt. Es gibt so viel zu tun, so viele Dinge zu berücksichtigen und so viele Hindernisse zu überwinden, und jetzt kommt ihm auch noch seine Hochzeit dazwischen.“
„Dazwischen? Sollte die eigene Hochzeit nicht einer der schönsten und wichtigsten Tage im Leben sein?“
„Ja, natürlich, das Wort ‚dazwischen‘ ist nicht gut gewählt, aber Thomas kennt das schon – es ist seine zweite Hochzeit. Seine erste Frau, Elizabeth, verstarb am 8. März dieses Jahres im Alter von achtundzwanzig Jahren in Kalkutta.“
„Sie ist nur achtundzwanzig Jahre alt geworden? Immer wieder schrecklich, wenn jemand so früh aus dem Leben gerissen wird.“
„Nun, wie dem auch sei, am 8. Dezember wird Thomas Harriet Martin heiraten, die Tochter des Müllers aus Holborough.“
„Neun Monate nach dem Tod seiner ersten Frau … Das ist zügig“, stellt Simon fest.
„Nun ja, sie kennen sich schon länger, denn gleich neben der Mühle hat Thomas vor sieben Jahren ein Haus gekauft, indem seine Mutter Ann seither lebt. Auch sein Großvater wohnt quasi um die Ecke.“
„Entschuldigen Sie, Mr. Frost, ich war voreilig, das geht mich nichts an.“
„Das Leben spielt so, wie es spielt, Mr. Brown. Thomas und ich kennen uns zwar schon einige Jahre, aber mit seiner früheren Vergangenheit bin ich nicht besonders vertraut. Er muss damals, bei seiner ersten Hochzeit, etwa zweiundzwanzig gewesen sein und sie siebzehn. Eine geborene Bartlett übrigens. Zwei ihrer Brüder, Edmund und Thomas, waren genau wie Waghorn beim Bengal Pilot Service, dem Lotsen-Service der Präsidentschaft Bengalen. Ob er die beiden vor Elizabeth kannte und ob da etwas arrangiert worden ist – keine Ahnung.“ Mit einem kurzen Achselzucken unterstreicht Robin Frost seine Aussage. „Viel Zeit scheinen sie während ihrer Ehe nicht miteinander verbracht zu haben, da Thomas eigentlich ständig unterwegs war. Er war nicht einmal anwesend, als sie in Kalkutta verstarb.“ Frost hält kurz inne, bevor er fortsetzt: „Am 8. Dezember heiratet er nun Harriet in der All Saints Church von Snodland, in einer gemeinsamen Zeremonie mit seiner Schwester Sarah und ihrem Verlobten William Ransom – eine Doppelhochzeit.“
Simon versucht, sein redseliges Gegenüber sanft zu bremsen. „Lieutenant Frost, entschuldigen Sie nochmals, aber ich bin wegen der Overland Route hier, denn ich ziehe in Erwägung, Ihren Service zu nutzen. Ich bin Miteigner eines Handelsschiffes aus Amerika und wenn unsere Geschäfte in London abgeschlossen sind, wird die ‚Ocean Dream‘ nach Bombay auslaufen. Da ich noch wichtige Dinge auf dem Kontinent zu erledigen habe, möchte ich die Strecke gerne abkürzen, um in etwa zeitgleich mit meinem Schiff in Bombay einzutreffen.“
Frost mustert ihn interessiert. „Einen regelmäßigen Reiseplan haben wir zurzeit noch nicht. Thomas, ein paar weitere Männer und ich arbeiten daran. So erkunden wir momentan noch optionale Routen nach Ägypten. Eine Möglichkeit ist das Postschiff von Southampton nach Alexandria. Eine andere Route geht durch Frankreich nach Marseille und von dort mit dem Schiff nach Alexandria. Wieder eine andere Route verläuft von London nach Ostende, entlang des Rheins bis nach Triest und von dort mit dem Schiff nach Alexandria.“
„Also führen alle Routen zunächst nach Alexandria?“
„Ja, genau. Von Alexandria geht es den Kanal hinauf bis nach Atfeh – eine Strecke von etwa 44 Meilen, die auf Treidelschiffen zurückgelegt wird. Der Kanal endet 200 oder 300 Yards vor dem Nil. Dort werden das Gepäck und die Post auf Nilschiffe umgeladen, um dann die etwa 120 Meilen bis nach Boulac, dem alten Hafen von Kairo, zurückzulegen. Von dort geht es auf Pferden, Eseln und Kamelen weiter, auf den wohl abenteuerlichsten Teil der Reise: 84 Meilen quer durch die Wüste bis nach Sues. Von Sues geht es anschließend mit dem Schiff durch das Rote Meer, den Golf von Aden und das Arabische Meer bis nach Bombay.“
„Das hört sich sehr spannend an. Wie häufig machen Sie denn diese Reise, Mr. Frost?“
„Ich stelle die Frage einmal anders herum: Wann in etwa denken Sie, hier in London Ihre Geschäfte abgeschlossen zu haben?“
„So genau wissen wir das noch nicht, vielleicht in ein bis zwei Wochen. Dann setzen wir nach Amsterdam über und von dort möchte ich in Richtung Mainz am Rhein aufbrechen, um danach weiter nach Bombay zu reisen.“
„Hm …“ Robin Frost streicht sich konzentriert durch sein krauses Haar. „Es wird am besten sein, Sie melden sich bei Thomas oder mir, wenn Sie gedenken, in See zu stechen. Dann kann ich Ihnen den nächsten Reisetermin nach Indien mitteilen, vielleicht sogar die nächsten beiden Reisetermine. Da Mainz am Rhein liegt, sollten Sie der Route nach Triest folgen und dann zum gegebenen Termin zu uns stoßen, und von Triest aus können Sie die weitere Reise mit uns machen.“
„Das klingt ausgezeichnet, Lieutenant Frost.“ Simon freut sich über die positiv klingenden Informationen. „Darf ich fragen, wie Mr. Waghorn eigentlich auf die Idee mit der Overland Route gekommen ist?“
„Sie dürfen, Mr. Brown. Thomas Waghorn ist schon im Alter von zwölf Jahren in die Royal Navy eingetreten und diente als Midshipman zunächst auf der ‚Bahama‘ unter Kapitän Wilson. Thomas – Sie haben ihn ja kurz erlebt – ist sehr ehrgeizig, ungeduldig und zielstrebig und zeigt manchmal ein vulkanisches Temperament. Er war der jüngste Midshipman aller Zeiten, der das Lieutenants Examen für Navigation bestanden hat, ohne ein Studium am Naval College in Portsmouth absolviert zu haben, und das mit nicht einmal siebzehn Jahren. Warum man ihn die Prüfung ablegen ließ, obwohl er die sechs Pflichtjahre als Midshipman noch gar nicht hinter sich gebracht hatte, kann ich Ihnen nicht sagen, das weiß nicht einmal Thomas selbst. Aber es ist bis heute der offizielle Grund dafür, dass man ihm die Beförderung zum Lieutenant versagt. Inoffiziell hat es wohl aber eher damit zu tun, dass die Royal Navy nach den napoleonischen Kriegen verkleinert wurde und daher viele Kriegsschiffe ausgemustert wurden. So gab es auch zu viele Offiziere. Thomas ließ sich allerdings nicht entmutigen. Er ging zur East India Company und heuerte beim Bengal Pilot Service als Lotse an. Dort lernte er auch die Vorzüge der vom Wind unabhängigen Dampfschiffe kennen, und seit dieser Zeit setzt er sich unablässig für den Einsatz von Dampfschiffen im Liniendienst ein. Im Bengal Pilot Service haben er und ich uns übrigens kennen und schätzen gelernt. 1831 heuerte Thomas dann wieder als Midshipman bei der Royal Navy an, und zwar auf der ‚African‘. Ein Jahr später bestand er das Lieutenants-Examen für Seemannschaft und man hat ihm eine unverzügliche Beförderung versprochen. Nur erhalten hat er sie bis heute nicht.“
„Das hört sich nicht fair an.“
„Das Leben spielt manchmal seltsame Spiele. Waghorn hat also sowohl das Examen für Navigation als auch für Seemannschaft bestanden. In der Tat: ein fähiger Mann mit vielerlei Talenten und ein ausgezeichneter Freund.“ Robin Frost steht auf und bitte Simon: „ Folgen Sie mir in die Küche, Mr. Brown, ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
In dem kleinen Raum blättert Frost den auf dem Küchentisch liegenden Stapel ausgerollter Landkarten durch, und zieht dann eine bestimmte hervor, um sie auf den anderen auszubreiten. „Diese Karte zeigt den alten Karawanenweg von Kairo nach Sues. Auf diesem Weg plant unser Konkurrent Messrs. Hill & Raven von Kairo aus bis nach Sues mehrere Gebäude, sogenannte Stationen, zu errichten, in denen sich Reisende ausruhen und erholen können. Wir hoffen, dass sich eine Möglichkeit findet, sie ebenfalls nutzen können. Die Strecke legen wir über mehrere Tage mit Eseln, Pferden und Kamelen zurück. Zurzeit werden die Reisenden noch in Zelten untergebracht, aber mit der steigenden Anzahl an Reisenden und zum Schutz vor Wetterkapriolen wie Sandstürmen sind feste Unterkünfte von Vorteil. Außerdem sparen wir uns den Auf- und Abbau der Zelte.“
Simon betrachtet gespannt die Karte, die seine Abenteuerlust weckt. „Wie sieht es mit Räubern in der Wüste aus? Haben Sie keine Angst, dass eine Reisegruppe überfallen werden könnte?“
„Mit diesem Problem beschäftigt sich Thomas gerade intensiv. Er reist wochen-, manchmal monatelang nach Ägypten, um sich dort mit verschiedenen Stämmen in der Wüste bekannt zu machen und anzufreunden. Allen voran hat er Muhammad Ali, den Pascha von Ägypten, kennengelernt, und die beiden scheinen einander zu vertrauen. Wenn es uns dazu noch gelingt, die British East India Company davon zu überzeugen, auf der Verbindung von Sues über Qusair, Dschidda und Aden bis nach Bombay Dampfschiffe einzusetzen, dann haben wir eine echte Chance auf einen regulären Reiseverkehr zwischen London und Bombay.“ Lieutenant Frost ist sichtlich stolz auf das, was er zu berichten hat.
Simon hat für heute genug gehört. „Lieutenant, ich bin begeistert und Sie haben mich überzeugt. Ich werde mich an Sie wenden, wenn abzusehen ist, wann wir London in Richtung Bombay verlassen. Vielleicht haben Sie noch einige gute Ideen, was die Reiseroute von Mainz nach Triest angeht?“
„Mit Sicherheit wird uns da etwas einfallen, Mr. Brown. Es hat mich wirklich gefreut, Sie überzeugt zu haben.“
„Ich muss mich leider jetzt von Ihnen verabschieden, denn ich habe noch einen weiteren Termin“, antwortet Simon, doch gerade in diesem Augenblick ertönt der Türklopfer.
„Ich begleite Sie noch hinaus.“
Vor der Wohnungstür stehen drei übereinandergestapelte Transportboxen mit der Aufschrift „To the care of Mr. WAGHORN“.
Frost reibt sich vergnügt die Hände. „Ah, Post für Indien … Dann will ich sie mal hereinholen. Angenehmen Tag, Mr. Brown.“
„Das wünsche ich Ihnen auch, Lieutenant.“

Etwa eine halbe Stunde vor der vereinbarten Zeit klopft Simon an die Haustür von 41 Curzon Street. Zunächst passiert nichts und er muss den Türklopfer erst ein zweites Mal betätigen, bevor ihm geöffnet wird. Hastig atmend und mit leicht geröteten Wangen steht Marley, das Hausmädchen, vor ihm. „Oh, Mr. Brown, guten Tag. So früh haben wir Sie nicht erwartet.“
„Entschuldigung, sollte ich mich in der Zeit geirrt haben? Wie peinlich! Ich möchte keine Umstände machen, ich werde mir einfach noch ein wenig die Beine vertreten.“
„Nein, nein, Sie machen keine Umstände! Treten Sie doch ein.“ Dabei öffnet das Hausmädchen die schwere Tür so weit, dass Simon direkt bis in den hinteren Teil des Hauses schauen kann. So entgeht ihm nicht, dass eine ältere Frau in Dienstkleidung und eine elegant gekleidete Dame durch eine der hinteren Türen hinaushuschen.
„Bitte folgen Sie mir in den Salon, Mr. Brown.“ Das Hausmädchen geht wie bei Simons letztem Besuch zu der Tür im hinteren Teil des Hauses und spricht nach dem Anklopfen auch dieselben Worte: „Lady Walsh, Mr. Brown ist eingetroffen.“
„Ich lasse bitten. Und wenn Sie dann den Tee … Sie wissen schon, Marley.“
„Das Teewasser steht schon auf dem Herd, Lady Walsh.“
Anders als beim letzten Mal steht Lady Walsh nicht vor den bodentiefen Fenstern, sondern sitzt bereits auf dem Sofa. Sie hält Simon ihre Rechte für einen Handkuss entgegen. Heute trägt sie ein bordeauxrotes Kleid, das ihre Arme völlig unbedeckt lässt und Simon einen flüchtigen Blick auf ein entzückendes Dekolletee erlaubt, als er sich zum Handkuss herunterbeugt. Auch er wandelt den letzten Besuch ab und setzt sich heute nicht Lady Walsh gegenüber in einen Sessel, sondern nimmt neben ihr auf dem Sofa Platz. Unausweichlich dringt ihm der schwere, süßliche Duft ihres Parfüms in die Nase. Der auffällige rote Lippenstift, der farblich exakt auf ihr Kleid abgestimmt ist, sorgt bei Simon in Verbindung mit Lady Walshs kokettem Blick für einen kurzen Moment der Unsicherheit.
„Ich habe mich in der Zeit geirrt, Lady Walsh, ich bitte um Entschuldigung.“
Sie lächelt. „Den ganzen Tag über war ich gespannt, wie du dich entscheiden wirst, Simon, von daher entlastet mich dein frühes Kommen. Wir waren übrigens schon beim Du. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass du nicht zufällig eine halbe Stunde zu früh erschienen bist, sondern dass du einen Grund dafür hast.“
„Ich habe das Gefühl, abgesehen von der Erpressung verstehen wir uns recht gut“, meint Simon galant. „Ich muss gestehen, die halbe Stunde war geplant. Ich musste unbedingt in Erfahrung bringen, wie verschwiegen du unser Treffen behandelst. Würdest du mich vor der Tür warten oder umherlaufen lassen? Dann würde die Möglichkeit bestehen, dass mich jemand erkennt. Würdest du mich ins Haus lassen und die Bediensteten könnten mich sehen? Wer kann sagen, wie vertrauenswürdig sie wirklich sind?“
In diesem Augenblick klopft es an die Tür und das Hausmädchen serviert den Tee. Währenddessen schauen sich Simon und Lady Walsh wortlos an. Erst als Marley das Zimmer wieder verlassen hat, greift Lady Walsh zur Teetasse und fragt: „Wie vertrauenswürdig bin ich für dich?“
„Ich würde sagen, recht vertrauenswürdig und scheinbar ausgezeichnet organisiert.“ Während Simon dies sagt, fällt irgendwo eine schwere Tür ins Schloss. „Sind jetzt alle gegangen?“
„Alle, wir sind absolut allein. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein.“ Erneut nippt Lady Walsh an ihrer Teetasse. „Jetzt spann mich nicht weiter auf die Folter! Wie hast du dich entschieden?“
„Ich habe keine Lösung finden können.“
„Du hast noch keine Entscheidung getroffen?“
„Ich habe keine Möglichkeit finden können, mich sprichwörtlich aus dieser Affäre herauszuwinden, Abbigail.“
Während Simon einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse nimmt, legt Lady Walsh erleichtert ihre rechte Hand auf sein linkes Knie. Simon stellt seine leere Tasse auf den Tisch zurück, schluckt schwer und nimmt ihre Hand in die seine. „Abbigail, du bist eine attraktive Frau.“ Nur schwer bringt Simon diese Worte über seine Lippen, denn vor seinen Augen ziehen die blassen Schatten vertrauter Personen vorbei, allen voran Marala und Lindsay Rowley. Gleichzeitig klingen ihm immer noch die letzten Worte von George Boyt im Ohr: „Tu, was ein Mann tun muss: Denk an deine Verantwortung Marala und der Besatzung deines Schiffes gegenüber.“
Simon schiebt die Gedanken beiseite, zieht die hübsche Frau näher zu sich heran und schiebt ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Nur eine sehr kurze Distanz muss er noch überwinden, bis sein Mund den ihren berührt. Seine rechte Hand ruht auf ihrer Taille und seine linke Hand liegt in ihrem Nacken. Als er sich wieder von ihr löst, ist der Lippenstift auf ihrem Mund verschmiert und er kann sich denken, wie sein eigener ausschaut. Während Abbigail mit ihrem fein bestickten Taschentuch zunächst ihren und anschließend seinen Mund abwischt, sitzen sie sich wortlos gegenüber. Im nächsten Augenblick nimmt die Lady Simons Hände in die ihren, erhebt sich von ihrem Platz und zieht ihn zu sich hoch. Danach verlässt sie, Simon an der Hand hinter sich herziehend, den Raum, führt ihn durch den Flur in Richtung Haustür und dann auf die Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Wortlos folgt ihr Simon zu einem Zimmer mit zwei großen Fenstern und einem kleinen Balkon; es muss das Zimmer nach vorne hinaus sein, dessen Balkon ihm schon bei seinem ersten Besuch aufgefallen war, denn er kann in die Fenster des gegenüberliegenden Hauses schauen. Abbigail folgt seinem Blick und zuckt für den Bruchteil einer Sekunde wie erschrocken zusammen, dann geht sie zielstrebig auf die beiden Fenster zu und schließt die Gardinen. Mit einem Lächeln sagt sie: „Wir wollen uns sehen, aber auch unter uns bleiben …“
„Besser ist es“, kommentiert Simon knapp und schaut sich weiter im Zimmer um. Der Raum ist mit einer hellblau und weiß gestreiften Tapete ausgekleidet, die Decke ist weiß und der Boden ist mit mehreren Teppichen ausgelegt. Ein großes gusseisernes Doppelbett dominiert das Zimmer, an dessen gegenüberliegender Wand ein überbreiter Spiegel über einem zierlich wirkenden Schminktisch angebracht ist. Vor der dritten Wand des Schlafzimmers stehen zwei wuchtige Schränke, die reichlich Raum bieten.
Vor dem Bett bleibt Lady Walsh stehen, aufgeregt hebt und senkt sich ihre Brust, während Simon sich noch im Zimmer umschaut. Doch schon zieht sie ihn dicht zu sich heran und küsst ihn, viel leidenschaftlicher und länger als unten im Salon. Der Wirkung dieses Kusses kann sich Simon nicht entziehen und er spürt, wie Wärme in ihm aufsteigt und Erregung Besitz von ihm ergreift. Plötzlich schiebt Abbigail ihn von sich, fasst sich mit beiden Händen in den Nacken und nur Sekunden später gleitet das bordeauxfarbene Kleid zu Boden. Geschickt steigt sie heraus, wirft es mit einer gekonnten Bewegung über die Rückenlehne eines Stuhls, dreht sich zum Bett um und fordert Simon auf: „Löse die Schnüre meines Korsetts!“ Simon aber hat andere Pläne. Zärtlich ergreift er von hinten ihre Arme, zieht Abbigail zu sich heran und knabbert an ihrem rechten Ohrläppchen. Sie jedoch löst sich von ihm und verlangt erneut: „Das Korsett!“
Glücklicherweise verfügt Simon durch seine Beziehung zu Lindsay über Erfahrungen in derlei Dingen, sodass er die verzwickten Schnüre und Schleifen recht fachmännisch öffnen kann und Abbigail im Nu von ihrem Korsett befreit hat. Mit einer Handbewegung streift er die beiden dünnen Träger ihres seidenen Unterhemdes von ihren Schultern und so steht sie völlig entblößt vor ihm. Simon kann nicht leugnen, wie wunderschön sie ist mit ihrer hellen, seidigen Haut. Noch bevor er die ersten Knöpfe seines Hemdes öffnen kann, ergreift Abbigail beherzt die Initiative, um ihn seiner Kleidung zu entledigen.
Als sich Simon schließlich zu ihr zwischen die weißen Laken legt, greift sie mit einer Hand in seinen Nacken, zieht ihn zu sich heran und presst ihre vollen, warmen Lippen auf die seinen. Deutlich spürt er die Hitze, die ihr ganzer Körper ausstrahlt. Sie scheint erleichtert darüber zu sein, dass er sich nicht zur Wehr setzt, sondern den Kuss sogar erwidert. Nachdem ihre Lippen sich wieder gelöst haben, berührt Simon sanft ihre Wange, lächelt sie an und fragt mit ruhiger Stimme: „Bist du schon einmal mit einem Schiff auf dem offenen Meer gefahren?“
„Nein, ich habe ein paarmal mit einer Fähre den einen oder anderen Fluss überquert, so wie die Themse, aber auf dem Meer war ich noch nicht. Warum fragst du?“
„Ich war etwa zwölf Jahre alt, als mich mein Vater das erste Mal zu unserer Verwandtschaft nach London mitgenommen hat. An den Namen des Schiffs kann ich mich nicht mehr erinnern, aber im Englischen Kanal kamen wir in einen Sturm und die meisten Passagiere bekamen es mit der Angst zu tun. Du musst dir vorstellen, so ein Schiff wirkt auf dem Meer wie eine Nussschale und wird von den Wellen und den Sturmböen hin und her gerissen.“
Gespannt hängt Abbigail an Simons Lippen. Von Zeit zu Zeit fasst sie ihm ins Haar oder fährt mit ihren Fingerkuppen zärtlich seinen Arm hoch und runter.
Simon fährt fort: „Damals habe ich festgestellt, dass ich es liebe, hoch oben in den sich wiegenden Masten zu stehen und den Regen und den Sturm auf der Haut zu spüren.“
Erschrocken reißt sie die Augen auf. „Hat man dir erlaubt, in die Masten zu klettern – einem Zwölfjährigen?! Ist es nicht für Passagiere überhaupt viel zu gefährlich, sich bei Sturm an Deck aufzuhalten?“
„Natürlich ist es das, aber ich war wohl zu schnell. Bevor die anderen bemerkten, wo ich war, hatte ich mir schon ein Tau übergeworfen und war in den Hauptmast geklettert, um einem verunglückten Matrosen zu helfen. Er war abgerutscht und hing nur noch mit seiner ausgestreckten rechten Hand an einem Seil hoch oben im Mast.“
„Mein Gott, Simon, wie konntest du einem ausgewachsenen Mann helfen, wenn du nur ein kleiner Junge warst?“
„Das war nicht so schwierig, wie du vielleicht denkst. Ich habe in die eine Seite des Taus eine Schlaufe gemacht und sie dem Matrosen um sein Handgelenk gelegt und dann das Seil, so stramm es ging, an die Rah gebunden. So konnte er nicht mehr abstürzen. Ein anderer Matrose, Frank war glaube ich sein Name, half mir schlussendlich, den Matrosen an Deck zu bringen.“
Simon erzählt von seinem ersten Aufenthalt in London, von dem Wein- und Spirituosengeschäft seiner Großeltern in der James Street, von seinen Entdeckungen auf dem Covent Garden und von den Jungen, die ihn an der Themse zusammengeschlagen haben. Gebannt hängt Abbigail an seinen Lippen und so berichtet er ihr auch, wie er Abhay und Harsha Roshan und ihre Tochter Marala kennengelernt hat. Die Zeit fliegt nur so dahin, und für einen kurzen Augenblick ist sich Simon nicht sicher, ob er nicht doch noch versuchen soll, dem scheinbar Unvermeidlichen zu entkommen.
Plötzlich und unerwartet wirft ihn Abbigail auf den Rücken und legt sich geschickt auf ihn. Sie küsst ihn zunächst zärtlich, dann fordernder und leidenschaftlicher. Ihre Hände scheinen überall zu sein. Raffiniert setzt sie ihre Reize so ein, dass Simon sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen kann: ihre vollen Lippen, ihre geschickte Zunge und ihre wundervoll geformten Brüste. Einige Zeit später richtet sie sich langsam auf, bewegt sich dann schneller, schließt ihre Augen und atmet stoßweise. Simon fühlt sich jetzt wie im Zentrum eines Vulkans und ahnt, dass es für ihn kein Entkommen gibt …

Erschöpft liegt Simon auf dem Bauch und spürt, wie Abbigail mit ihren Fingerkuppen seine Wirbelsäule entlangfährt. Er fragt: „Wann möchtest du mich wiedersehen? Morgen?“
Abbigail küsst ihn auf die Schulter. „Nein, morgen ist Sonntag. Da besuche ich mit meinem Gatten seine Schwester Ellie, die mit ihrem Ehemann in Uxbridge lebt und uns zum Mittagessen eingeladen hat.“
„Schön, hört sich gut an. Familie ist wichtig.“
Sie seufzt. „Ja, dafür müssen wir allerdings sowohl für die Hin- als auch für die Rückfahrt eine etwa fünfstündige Kutschfahrt einplanen – eine anstrengende Angelegenheit.“
Simon dreht sich um und grinst. „Ach, ich hatte gerade den Eindruck, du strengst dich ganz gerne an.“
Für eine Sekunde schaut Abbigal ihn fragend an, dann durchschaut sie seine Spitzfindigkeit, fasst ihm scheinbar streng in die Haare und bestimmt: „Übermorgen. Haben wir uns verstanden, Mr. Brown?“
„Ja, haben wir. Soll ich dir auch wieder eine Geschichte mitbringen?“
Behutsam küsst sie ihn erneut und fragt dann: „Darf ich mir eine Geschichte wünschen?“
„Wenn du willst.“
„Dann möchte ich gerne hören, wie es dir auf der Überfahrt nach Amerika und in den ersten Monaten danach ergangen ist.“
Simon dreht sich auf die Seite und schaut Abbigail in die Augen. „Wie lange gedenkst du mich hier in London festzuhalten?“
„In euren Unterlagen bei der East India Company habe ich gelesen, dass ihr so schnell wie möglich nach Indien wollt … und dass du dich auf die Suche nach Marala machen willst. Habe ich eure Planungen sehr durcheinandergebracht?“
„Zurzeit haben wir etwa eine Woche verloren und nur du kannst entscheiden, was noch dazukommt“, erklärt Simon.
Abbigail scheint das zu gefallen. „Stimmt“, grinst sie und kuschelt sich verspielt an ihn.

Einige Tage später schaut Simon durch die Tür der Kapitänskajüte auf der „Ocean Dream“. Es ist Donnerstagmorgen und er ist eigentlich noch müde, aber innerlich sehr unruhig. „Guten Morgen, kann ich eintreten?“
„Natürlich, herein mit dir“, antwortet George Boyt und zeigt auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch. Auf dem anderen sitzt bereits der Erste Offizier.
„Guten Morgen, Mr. Brown.“
„Mr. Bradshaw.“
„Gibt es etwas Neues?“, fragt Simon und deutet auf die aktuelle „The Times“ vom 16. Oktober 1834, die auf dem Schreibtisch liegt.
„Wir haben in der Tat Neuigkeiten.“ George klingt fast ein wenig euphorisch.
Simon schaut verdutzt. „Ihr macht beide den Eindruck, als hättet ihr gute Laune. Gibt es tatsächlich auch mal etwas Positives zu berichten?“
„Mr. Bradshaw und ich waren gestern am späten Nachmittag bei Lieutenant Walsh zu einer Besprechung im East India House.“
Simon wird eiskalt. „Ihr ward wo?!“ Ungläubig starrt er die beiden Männer an.
George muss schmunzeln. „Du kannst es uns tatsächlich glauben – wir waren im East India House. Ein Bote der East India Company kam gestern Mittag zu uns an Bord und überbrachte eine Einladung. Zunächst waren wir verunsichert, was das bedeuten könnte, und ich muss zugeben, Mr. Bradshaw und ich hatten kein gutes Gefühl.“
„Spannt mich nicht auf die Folter. Was wollte er?“
„Auf dem Weg in die Leadenhall Street machte sich bei uns das ungute Gefühl breit, dass wir den gesamten Auftrag verlieren würden. Wir vermuteten, dem Lieutenant wäre etwas über seine Ehefrau zu Ohren gekommen oder die Affäre zwischen ihr und dir wäre aus dem Ruder gelaufen.“
„Jetzt aber raus mit der Sprache, was wollte er?“
„Kurz gesagt: Er gab uns die Materialaufstellung und stellte uns für die nächste Woche den Verladetermin in Aussicht.“
Simon muss schlucken und kann es kaum glauben.„Das ist ja großartig! Sonst noch etwas?“
„Was willst du hören? Wenn alles glattläuft, können wir Ende nächster Woche in See stechen. Ach ja, er war übrigens recht umgänglich, wenn es dich interessiert. Außerdem sollen wir Grüße ausrichten und dir mitteilen, dass mit den Dokumenten für den Transport auch deine Papiere allesamt vorliegen werden.“
„Gott sei Dank!“ Simon fühlt, wie ihm ein riesiger Stein vom Herzen fällt.
„Da fällt mir ein“, ergänzt der Erste Offizier und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, „er stellte noch erfreut fest, dass Mr. Brown nach dem letzten Gespräch mit ihm wohl unverzüglich Kontakt mit seiner Ehefrau aufgenommen hätte, um sich zu entschuldigen. Lady Walsh hätte das wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber zu dem Zeitpunkt sowohl ein klärendes Gespräch als auch eine Entschuldigung abgelehnt, um zu sehen, ob hinter seinem Handeln auch eine gewisse Ernsthaftigkeit stecken würde. Sie wird deshalb noch einmal auf Sie zukommen, Mr. Brown, und er könne Ihnen nur dringend raten, auf seine Gattin einzugehen, sonst könnte das gesamte Geschäft noch platzen.“
„Sie hat also schon einmal mit ihrem Ehemann gesprochen … Hm, erfreulich“, bemerkt Simon erleichtert. „Sechs Mal habe ich mich mit der Lady schon getroffen und ein …“
„Wir wollen gar nicht wissen, wie die Sache läuft, Simon.“ Der Kapitän verschränkt seine Unterarme auf dem Schreibtisch. „Aber wir möchten dich bitten, noch ein paar Tage durchzuhalten, denn es geht voran.“
„Keine Sorge, ich bin mir meiner Verantwortung bewusst.“
„Wir haben übrigens anhand der Liste prüfen lassen, ob wir das Material überhaupt an Bord unterbringen können und wie wir es am besten verstauen. Gute Nachricht, es wird klappen!“
Simon spricht sich noch weiter detailliert mit den Offizieren ab und verlässt dann die „Ocean Dream“, um das Mittagessen bei seiner Familie in der James Street einzunehmen und mit seinem Großvater den Unterschied zwischen irischem und schottischem Whisky zu diskutieren. Danach bricht er zur Curzon Street auf, um sich erneut mit Lady Walsh zu treffen.

„Oh, Gott!“, ist alles, was Abbigail über die Lippen bekommt, als sie heftig atmend und verschwitzt in die Kissen zurücksinkt. Simon legt sich neben sie und schaut sie wortlos an. Nach einer Weile fragt sie: „Lässt du mich an deinen Gedanken teilhaben? Oder vertraust du mir immer noch nicht?“
„Du hast mit deinem Ehemann gesprochen. Danke dafür. Mittlerweile haben wir die Materialliste bekommen. Dein Gatte hat mir noch ans Herz gelegt, auf dich einzugehen, sonst könnte das gesamte Geschäft noch platzen. Das hat er meinem Kapitän mit auf den Weg gegeben.“
Langsam zieht Abbigail Simon zu sich heran und küsst ihn. Lächelnd flüstert sie: „Ich werde dich nicht mehr ärgern, versprochen, aber jetzt geh noch einmal auf mich ein.“
Als Simon das Haus in der Curzon Street nach Stunden verlässt, schaut er auf seine Taschenuhr und stellt fest, dass es bereits nach 18 Uhr ist. Mit zügigen Schritten geht er zunächst zum Piccadilly, dem er bis zur Kreuzung St. James Street folgt. Dort begegnen ihm zwei ältere Herren, die sich scheinbar über einen Brand an der Themse unterhalten, jedenfalls schnappt Simon Wörter wie „Feuer“, „Flammen“ und „Themse“ auf. Spontan biegt Simon in die St. James Street ein, folgt ihr bis zum St. James‘s Palace, durchquert den angrenzenden Park und nimmt von dort den direkten Weg zur Westminster Bridge. Dabei kommt ihm in den Sinn, dass er direkt an der Themse entlang bis zur Höhe des Covent Garden gehen könnte, um von dort aus zum Haus seiner Familie zu gelangen. Als er die Westminster Abbey passieren will, ertönt ein ohrenbetäubender Knall. Eine Feuerwolke schießt aus dem Dach des Westminster Palace hoch in den Himmel. Auf einer Grünfläche bleibt Simon stehen. Rasend schnell fressen die Flammen sich voran, während große Menschenmassen offenbar vom Feuer regelrecht angezogen werden. Es dauert noch einige Zeit, bis die ersten Feuerwehrwagen die Brandstelle erreichen, um die Flammen zu bekämpfen.
Neben Simon steht eine Gruppe feiner Herren, anhand deren Kleidung Simon vermutet, dass sie im Westminster Palace arbeiten. Einen älteren Herrn mit Glatze, Schnäuzer und Monokel auf der Nase fragt er: „Entschuldigen Sie, Sir, wie konnte das nur geschehen?“
„Genaues können wir auch noch nicht sagen, aber es hat den Anschein, als hätte da schon etwas den ganzen Tag über geschmort, denn in einigen Fluren und Räumen hat es sonderbar gerochen. Einige größere Fuhren Kerbhölzer wurden in den Öfen unterhalb des House of Lords verbrannt. Der Hausmeister ist mehrmals auf den Geruch aufmerksam gemacht worden, hat aber wohl diese Hinweise nicht ernst genommen, dieser ignorante Kerl!“
„Ja, so wird es gewesen sein“, wirft ein etwas jüngerer Herr ein, der sich auf einen Gehstock stützt. „Die beiden Öfen sollen bereits ziemlich alt sein, und ich will wetten, dass die Schornsteine schon lange nicht mehr oder zumindest nicht sorgsam gekehrt wurden.“
„Deshalb hat es auch so verschmort gerochen … Kaminbrand“, vermutet der ältere Herr mit dem Monokel.
Simon runzelt die Stirn. „Darf man fragen, warum große Fuhren Kerbhölzer verbrannt werden?“
„Aufgrund der Steuerreform, die wir durchgeboxt haben“, erklärt ein dritter, etwas fülligerer älterer Herr. „Kerbhölzer sind seit 1826 eigentlich überflüssig, denn Schulden werden jetzt schriftlich verbrieft. Wohin also mit dem alten, wertlosen Kram? Es liegt doch auf der Hand: Die Kerbhölzer lassen sich in der kalten Jahreszeit ausgezeichnet als Heizmaterial nutzen.“
„Klingt sinnvoll“, bestätigt Simon.
„Aber manchmal geht der Schuss nach hinten los“, meint der Glatzköpfige. „Schaut euch die Glut an, die in der Luft liegt! Ich glaube nicht, dass da noch etwas zu retten ist. Die Hitze strahlt bis zu uns herüber.“
„Sollen wir weiter zurückweichen?“, fragt der jüngere Herr und zeigt mit seinem Gehstock in eine andere Ecke des Platzes.
„Wir stehen doch gut hier. Wir stören niemanden und ich denke, wir sind relativ sicher. Übrigens“ – der ältere Glatzkopf wendet sich Simon zu – „wie ich gehört habe, hat die Frau des Torwärters kurz nach 18 Uhr Flammen in den Lords Chambers wahrgenommen. Leider war man zu diesem Zeitpunkt im Palast noch der Meinung, die Flammen selbst unter Kontrolle bringen zu können.“
„Das hat sich nun aber als Irrweg herausgestellt“, stellt der Jüngere fest.
Simon schaut sich um. Allmählich werden ihm die Menschenmassen zu viel. Er schätzt, dass sich mittlerweile mehrere Tausend Personen an der Westminster Abbey eingefunden haben, um sich den Brand aus der Nähe anzuschauen. Also verabschiedet er sich aus der Runde. „Angenehmen Abend, Sirs, und danke für die Auskünfte.“
Mühsam muss Simon sich seinen Weg durch die Massen bahnen. Genauso schwer werden es die Feuerwehrmänner haben, denkt er sich. Als er die Themse erreicht und von dort einen Blick auf das Feuer wirft, sieht er, dass sich viele Zuschauer in voll besetzten Booten auf dem Fluss in der unmittelbaren Nähe des brennenden Westminster Palace befinden. Ganze Scharen von Menschen kommen Simon auf dem Weg entlang der Themse in Richtung Covent Garden entgegen. Sie alle wollen sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Um wie viel effektiver könnte das Feuer wohl gelöscht werden, wenn die Schaulustigen die Brandbekämpfung nicht behindern würden?

In nur neunzig Tagen nach Bombay zu reisen – diese Vorstellung faszinierte mich damals und beschäftigte mich tagelang. Sollte es wirklich möglich sein, meine Wünsche und Vorstellungen miteinander zu verbinden? Könnte ich Marala auf der Spur bleiben, um sicherzustellen, dass sie in Amsterdam ein Schiff nach Indien bestiegen hatte, meine Familie in Mainz besuchen, allen wieder einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und sie in die Arme schließen und schlussendlich quer durch Europa, über das Mittelmeer, durch die Wüste und über das Rote Meer nach Bombay reisen und in etwa zeitgleich mit der „Ocean Dream“ Indien erreichen? Lieutenant Frost machte auf mich einen verlässlichen und professionellen Eindruck. Das Gespräch mit ihm hatte ich als ausgesprochen vertrauenswürdig und aufschlussreich empfunden. Die Reise schien auf der einen Seite abenteuerlich zu sein, auf der anderen Seite aber machbar.

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