5.10 Der erzwungene Kuss

Grau – unzählige Facetten von Grau … Die trübe Sicht durch den Regen prägt den Anblick Londons von der Themse aus, als die „Ocean Dream“ in die Western Docks einläuft. Es ist der Nachmittag des 1. Oktober 1834, ein kalter und ungemütlicher Tag. Langsam schiebt sich der Dreimaster an den vom Kapitän und dem Ersten Offizier auserkorenen Ankerplatz.
„Die Kreuzmarssegel einholen!“, schreit Edgar Bradshaw mit kräftiger Stimme in die Maste. „Jetzt das Großobermarssegel und zum Schluss das Großuntermarssegel reffen! – Gut gemacht, Männer.“
Simon steht an der Reling auf dem Oberdeck neben dem Matrosen Leo Haddock, dem schmächtigen blonden Amerikaner mit den grünblauen Augen. Bei ihnen stehen Alfred Middleton, der „Erbsenzähler“ aus Baltimore, und der Zimmermann Brandan Kennedy, der Simon jetzt fragt: „Was glauben Sie, Sir, wann werden wir uns auf den Weg nach Indien machen?“
„Nun …“ Simon streicht sich das Kinn, während er den Zeitplan kurz überschlägt. „Ich denke, wenn alles gut läuft, in vielleicht vierzehn Tagen. Das hängt natürlich davon ab, ob das Material, das wir für die East India Company transportieren sollen, zügig in London eintrifft. Der Rest sollte Formsache sein … Das letzte Wort hat natürlich der Kapitän.“
„Hey, Brandan, dir geht es doch sowieso nur um die indischen Frauen“, ruft der Segelmacher Barry O’Reilly im Vorbeilaufen.
„Spinnst du, Barry?“, empört sich Kennedy. „Indien ist Abenteuer, Indien ist exotisch, dort warten Reichtümer auf uns … und natürlich auch die indischen Frauen. Sie haben pechschwarze glänzende Haare, ganz dunkle verführerische Augen und seidige Haut …“ Träumerisch blickt der Matrose Kennedy hinauf in den Hauptmast, doch ein kräftiger Hieb von Alfred Middleton in die rechte Seite holt ihn mit einem erschrockenen Ausruf zurück nach London.
Simon muss über die Plänkelei schmunzeln. Matrosen sind nun mal Matrosen. „Jeder kann träumen was er will“, stellt er fest. „Die Träume gehören uns.“
Damit macht er sich auf den Weg zur Kapitänskajüte, bekommt aber noch mit, wie Alfred Middleton hinter ihm zischt: „Bist du verrückt, Brandan? Denk doch erst einmal nach, bevor du von den tollen indischen Frauen schwärmst! Was glaubt du, warum wir nach Indien fahren?“
„Wegen des Geldes natürlich! Wir transportieren Whisky und Kanonen“, verteidigt sich Kennedy.
„Und wegen einer Inderin, die der Eigner von Kindesbeinen auf kennt und die verschleppt wurde“, entgegnet Alfred Middleton. „Habe ich aus ganz zuverlässiger Quelle …“

Am Abend wärmen sich die Offiziere der „Ocean Dream“ an einem herrlichen Kaminfeuer im Salon der Hills in der James Street. Simons Onkel Charles und sein Großvater Simon haben sie zum Dinner eingeladen.
„Angenehme Rückreise von Schottland gehabt, Gentlemen?“ Erwartungsvoll schaut Simon Hill in die Runde.
„Keine besonderen Vorkommnisse“, bestätigt George Boyt, beugt sich im Sessel ein wenig nach vorne und reibt sich die Hände.
„Kalt heute!“ Connor O’Brien beginnt es ihm gleich zu tun.
„Tja, der Winter kommt und bringt die Kälte mit sich …“, antwortet ihm Grady MacNamara mit einem vielsagenden Blick.
„Sag es nicht, Grady …“
„Was wollte ich denn sagen, Connor?“, erwidert der Offizier mit einem Grinsen.
„O’Brien friert wie ein Mädchen.“ Der Erste Offizier schaut recht unschuldig in die Runde, was allgemeines Gelächter nach sich zieht.
„Lassen Sie sich nicht auf den Arm nehmen, O’Brien. Sie bekommen heute Abend bestimmt noch Gelegenheit, sich zu revanchieren“, meint der Kapitän gutmütig und wendet sich an Simon Hill: „Wir waren mithilfe von William Scott und seinen Männern beim Whiskyeinkauf recht erfolgreich.“
„Das freut mich zu hören, verwundert mich aber auch nicht, denn Scott und Baxter sind sehr zuverlässige Leute.“
„Ja, das können wir nur bestätigen“, erklärt Simon mit einem Nicken.
Bevor er weitersprechen kann, bittet Betty Hill die Herren an den Tisch. Im Unterschied zu den Gentlemen wirkt sie allerdings aufgeregt und besorgt. „Entschuldigen Sie, meine Herren“, richtet sie das Wort an die speisenden Gäste. „Leider war es den Damen des Hauses trotz größter Anstrengung nicht möglich, in so kurzer Zeit das Dinner zu servieren, das wir uns gewünscht hätten. Glücklicherweise verfügt Mrs. Stringer, unsere wehrte Köchin, neben ihren Kochkünsten über eine gehörige Portion Organisationstalent und Kreativität.“
„Aber Mrs. Hill, machen Sie sich wegen des Essens keine Sorgen“, beruhigt sie Kapitän Boyt. „Es mundet vorzüglich.“ Die anderen Seemänner nicken und lächeln bestätigend und so fällt die Spannung von Betty, aber auch von Großmutter Mary allmählich ab.
„Das freut mich zu hören“, erklärt Mary Hill. „Sage mir, mein lieber Simon, bleibst du denn jetzt ein wenig länger bei uns in London oder hast du schon wieder neue Pläne?“
„Nun, Großmutter, George und ich werden morgen früh versuchen einen Termin bei der East India Company in der Leadenhall Street zu bekommen, um zu erfahren, wo und wann wir unsere Ladung an Bord nehmen können.“
„Sollte alles nach Plan verlaufen, werden wir in etwa zwei Wochen die Segel setzen“, stellt der Kapitän fest.
„In zwei Wochen schon?“, ruft Tante Betty bedauernd aus. „Dann musst du aber bei uns im Gästezimmer übernachten. So können wir dich in der kurzen Zeit wenigstens ein wenig öfter sehen.“
„Aber …“, will Simon einwenden.
„Nichts, aber“, beendet Großmutter Mary resolut das Thema. „Deine Tante hat recht; so machen wir es!“
Kurz überlegt Simon noch, ob er widersprechen soll, lässt es dann aber lieber sein und bestätigt in beruhigendem Ton: „Gut, Großmutter, ich werde ein paar Tage bei euch bleiben.“
Edgar Bradshaw stellt augenzwinkernd fest: „An Bord haben wir den Befehlen des Kapitäns Folge zu leisten. Zu Hause geht die Befehlsgewalt auf die Damen des Hauses über.“
„Wenn sich daran immer alle Seemänner halten würden …“, seufzt der Kapitän.
„Simon, wann hast du das letzte Mal deinen Eltern geschrieben?“, erkundigt sich Tante Betty nun.
„Das ist schon einige Wochen her“, muss Simon mit einem schlechten Gewissen zugeben. „Genau genommen, von Portugal aus, als wir in Setúbal waren. Das war Mitte August.“
„Das sind ja zweieinhalb Monate, Simon! Dann weißt du, was du in den nächsten Tagen zu tun hast“, mahnt Großmutter Mary mit forderndem Unterton, um sich sogleich in gewohnt freundlicher Art an Betty zu wenden: „Könntest du bitte einmal schauen, was unsere Kirschtorte macht, meine Liebe?“
„Ja natürlich, Mutter.“
„Kirschtorte?“, fragt Connor O’Brien mit glänzenden Augen. „Das ist meine Lieblingstorte. Hoffentlich ist sie so gut wie die bei meinen Eltern in Boston.“
„Kirschtorte ist nicht gleich Kirschtorte, Mr. O’Brien“, meint Großmutter Mary. „Es gibt unzählige Rezepte.“
„Da wir ursprünglich aus Irland stammen, genauer gesagt, aus Dublin, habe ich die Hoffnung, dass sich die Rezepte zumindest ähneln.“
„Lassen wir uns überraschen.“ Großvater Simon schaut gelassen in die Runde, um sich sogleich zu erheben und sich an seine Frau zu wenden: „Was hältst du von einem feinen edelsüßen Wein zur Torte?“
„Großartige Idee.“
„Wein zur Torte?“, wirft Connor O’Brien verunsichert ein.
„Mr. O’Brien, Sie werden es lieben, glauben Sie mir“, beruhigt ihn Großmutter Mary.
Als Simon Hill mit der offenen Flasche in den Salon zurückkehrt, sind die Süßweingläser bereits eingedeckt und die Torte ist aufgetischt.
„Setz dich, Vater, ich werde den Wein servieren.“ Betty nimmt Simon Hill die Flasche aus der Hand und schenkt den Wein mit routinierter Hand ein. Der Großvater wartet, bis auch Betty wieder ihren Platz eingenommen hat, dann erhebt er das Glas und erklärt: „Eine herrliche Riesling-Beerenauslese zur Kirschtorte, quasi eine flüssige Praline, ein kostbares Stück Handwerkskunst. Vielleicht möchtest du den Wein beschreiben, mein lieber Simon?“
Tante Betty reicht ihrem Neffen die Flasche, damit er einen Blick auf das Etikett werfen kann.
„Wir haben es hier mit einer Riesling-Beerenauslese von unserem Weingut in Mainz zu tun“, beginnt Simon. „Der Wein stammt aus dem Jahrgang 1826 und trägt die Bezeichnung ‚Gieling‘s Finest Riesling‘ … Interessant – von August Gieling kauft mein Vater schon Trauben, seit ich denken kann. Gieling selbst füllt kaum Flaschenwein ab, sondern verkauft den größten Teil seiner Ernte als Weintrauben oder als Fasswein an größere Betriebe. Sein Weingut liegt ganz bei uns in der Nähe. Als Junge bin ich ihm häufig zur Hand gegangen.“ Kurz schaut Simon auf, dann beginnt er zu schmunzeln. „1826 – es könnte sein, das ich ihm auch bei diesem Wein geholfen habe. Das weckt schöne Erinnerungen. Seltsam ist nur, dass das Etikett in englischer Sprache verfasst ist.“ Nachdenklich verstummt er für einen kurzen Augenblick, um ein weiteres Mal ins Glas zu riechen.
Noch bevor er mit der Beschreibung fortsetzen kann, wirft sein Großvater ein: „Den Wein hat dein Vater speziell für uns abgefüllt und etikettiert.“
„Exklusiv für euch, tolle Idee“, zeigt sich Simon beeindruckt. „Nun aber zum Wein: In die Nase strömt ein intensiver Duft von satten, reifen Früchten, der mich stark an Pfirsiche und Aprikosen erinnert. Dazu kommt das Aroma von Honig. Auf der Zunge präsentiert er sich enorm vollmundig und intensiv, sowohl in seiner Süße als auch in seinen Fruchtaromen und seiner Komplexität. Seine Vitalität bekommt er durch das ausgewogene Verhältnis von edler Süße und frischer Säure. Ein interessanter Wein. Wie sagtest du doch gleich so treffend, Großvater? Eine flüssige Praline.“

Eine weitere redselige Stunde vergeht, bis sich die Offiziere der „Ocean Dream“ schließlich verabschieden. Tante Betty regt die verbliebene familiäre Runde an, im Kleinen Salon noch einen Digestif zu sich zu nehmen. Seltsamerweise finden sich neben Simon dann aber nur Tante Betty und Großmutter Mary dort ein, während Großvater Simon und Onkel Charles schon zu Bett gegangen sind.
Betty reicht Simon den Digestif mit ernster Miene. „Simon, Mutter und ich müssen noch eine recht unerfreuliche Angelegenheit mit dir besprechen.“
Erstaunt blickt Simon zunächst zu Großmutter Mary, dann zu Betty. „Unerfreuliche Angelegenheit? Nach so einem amüsanten Abend?“
„Es ist unumgänglich, du musst es erfahren! Deshalb wollte Betty auch, dass du bei uns übernachtest. Die Angelegenheit erfordert absolute Diskretion.“
„Da bin ich aber gespannt.“ Simon fühlt sich plötzlich wieder hellwach und sieht die Damen gespannt an.
„Betty, erklär du es ihm, ich bin zu aufgeregt“, seufzt Großmutter.
„Also …“ Betty knetet nervös ihre Hände. „Einen Tag, nachdem ihr nach Schottland aufgebrochen seid, erreichte uns ein Brief von deiner Mutter. Es geht um deine Schwester …“
„Was ist mit Josephine?“, platzt es aus Simon heraus. „Ist sie krank?“
„Nein, das ist es nicht … Viel schlimmer: Sie bekommt ein Kind!“ Deutlich ist die Empörung in der Stimme der Tante zu hören.
„Das ist eine Katastrophe für deine Eltern“, ergänzt Großmutter Mary, deren Stimme nicht nachsichtiger klingt als Bettys.
„Von wem ist das Kind?“, fragt Simon, nachdem er sich wieder halbwegs gefasst hat.
„Konrad von Zwangen ist sein Name.“
„Von Zwangen? Die Grafen von Zwangen stammen doch vom gleichnamigen Rittergut aus Gau-Fallersheim. Das liegt gar nicht so weit von uns zu Hause entfernt.“
Betty nickt. „In ihrem Brief erwähnt deine Mutter, dass es sich bei den von Zwangen um eine alteingesessene Adelsfamilie aus dem Hause Hessen handelt, die seit Generationen auf ihrem Rittergut südlich von Mainz lebt. Weiter schreibt Josephine-Christine, dass deine Schwester diesem Grafen Konrad vor etwa zwei Jahren auf einem Ball in Mainz begegnet ist. Im Traum konnte ihr nicht einfallen, dass die beiden sich wieder über den Weg laufen würden. Allerdings hat sie die Rechnung ohne diesen Grafen Konrad gemacht, denn der hat offensichtlich von Anfang an Gefallen an deiner Schwester gefunden. Er hat ihr einen Brief geschrieben, ihr den Kopf verdreht und sie zu einer Militärparade nach Mainz eingeladen.“
„Ist sie dort gewesen?“, fragt Simon ungläubig. „Und hat dieser Konrad denn etwas mit dem Militär zu tun?“
„Ja, sie hat die Parade besucht, es euren Eltern allerdings verschwiegen. Völlig unmöglich! Wie konnte sie nur?“ Betty holt kurz Luft und fährt dann ruhiger fort: „Konrad von Zwangen dient als Hauptmann in der Armee und ist in Mainz stationiert. Übrigens, er ist zwei Jahre älter als Josephine, wenn es dich interessiert.“
„Wie konnte sie bloß alleine und unbemerkt nach Mainz kommen?“, überlegt Simon laut.
„Na, weil sie zusammen mit deinem Bruder Christoph dorthin gefahren ist“, erklärt Tante Betty aufgebracht.
„Also war Christoph von Anfang an informiert“, schließt Simon und wundert sich. Er hat seine Geschwister so viele Jahre nicht gesehen und nie daran gedacht, dass auch sie sich weiterentwickeln und ihre eigenen Wege gehen würden.
„Eine Verschwörung“, platzt jetzt Großmutter heraus. „Man könnte fast annehmen, dass die beiden sich gegen eure Eltern verschworen haben.“
„Naja“, überlegt Simon, „wenn sich die beiden nun einmal ineinander verliebt haben …“ Er kann den Satz nicht beenden, weil Großmutter Mary ihm ins Wort fällt: „Wenn es nur das wäre, Simon, aber die von Zwangen sind Personen des öffentlichen Lebens und dazu auch noch römisch-katholisch. Das grenzt mehr an eine Katastrophe als an Liebe!“
„Aber …“ Wieder kommt Simon nicht weiter, weil seine Großmutter ihm erneut ins Wort fällt: „Schließlich heiraten Adelige doch grundsätzlich nur Leute von ihrem Stand. Diese Verbindung ist ein einziger Skandal.“
Simon nippt nachdenklich an seinem Whiskyglas. Er muss all diese Informationen erst einmal sacken lassen. Dafür ergreift Tante Betty wieder das Wort. „Josephine-Christine schreibt, dass sich Josephine und dieser Graf Konrad mithilfe deines Bruders öfters getroffen haben. Im November letzten Jahres war sie dann für einige Tage nicht auffindbar und deine Eltern haben natürlich begonnen, sich Sorgen zu machen. Christoph hat ihnen aber glaubhaft versichert, dass Josephine sich für ein Wochenende bei einer Freundin in Wiesbaden aufhält. Wie sich später herausstelle, war sie stattdessen in Gau-Fallersheim auf dem Rittergut der von Zwangen und wurde seinen Eltern vorgestellt. So wie deine Mutter weiter berichtet, ist das Wochenende aber scheinbar alles andere als angenehm für deine Schwester verlaufen. Du musst bedenken, bei den von Zwangen handelt es sich um eine ausgesprochen konservative katholische Familie. Die sind aus allen Wolken gefallen! Aber tapfer und gewohnt behutsam hat Josephine vermutlich alle Ablehnung und Anfeindungen über sich ergehen lassen. Da hat sie ihren Grafen wohl schon sehr geliebt, denn allen Widerständen zum Trotz haben die beiden wohl keine Sekunde an ihrer Verbindung gezweifelt. Dass Josephine ein standesgemäßes Auftreten mitbringt, eine ausgezeichnete Erziehung genossen hat und über ein beneidenswertes Organisationstalent verfügt, hat in den folgenden Monaten vermutlich dazu geführt, dass die Ablehnung ihr gegenüber geschmolzen ist. Im August haben sie und der Graf dann die Bombe platzen lassen, als sie seinen Eltern mitgeteilt haben, dass Josephine ein Kind erwartet. Die Stimmung auf dem Rittergut war entsprechend explosiv.“
„Mein Gott, die arme Josephine“, murmelt Simon mitfühlend.
Betty hebt nur leicht die Augenbrauen und fährt dann fort: „Zu diesem Zeitpunkt hatten der Graf und Josephine schon beschlossen, dass sie zum katholischen Glauben konvertieren wird und das Kind eine katholische Erziehung erhalten soll. Josephines mutiger Entschluss, für ihre Liebe sogar ihren Glauben aufzugeben und Katholikin zu werden, scheint seine Eltern ein wenig besänftigt zu haben. Eure Eltern dagegen tappten zu diesem Zeitpunkt noch völlig im Dunkeln. Sie wussten nicht einmal, dass sich dieser Graf Konrad und Josephine überhaupt näher kannten, geschweige denn, dass sie in anderen Umständen war und konvertieren wollte.“
„Mein Gott, warum hat Josephine ihnen denn nichts gesagt?“ Simon denkt an seine Eltern, die er immer als gütig und verständnisvoll empfunden hat.
„Sie wird ihre Gründe gehabt haben, Simon. Vielleicht hatte sie Angst … Vielleicht ist sie auch einfach so in alles hineingeschliddert und wusste nicht, wie sie es euren Eltern mitteilen sollte. Wie dem auch sei – einen oder zwei Tage später saßen Josephine und Konrad zur Kaffeestunde bei euren Eltern zu Hause und haben ihnen die ganze Geschichte erzählt. Wie Josephine-Christine schreibt, sind sie und dein Vater aus allen Wolken gefallen, und deine Mutter hatte sogar Atemnot und Herzrasen.“
„Ein uneheliches Kind … und dann auch noch von einem Katholiken … was für ein Skandal!“ Großmutter Mary schüttelt den Kopf. „Ob sich Josephine dessen überhaupt bewusst war?“
„Großmutter, bitte reg dich nicht auf“, versucht Simon sie zu beruhigen. „Tante Betty, schreibt Mama irgendetwas darüber, wie es nun weitergehen wird?“
Betty schmunzelt. „Es ist schon weitergegangen: Die Eltern von Graf Konrad und deine Eltern waren sich schnell darüber einig, dass es um jeden Preis geboten schien, einen Skandal zu verhindern. Aus diesem Grund sollte die Hochzeit unverzüglich und im engsten Familienkreis in der Kapelle auf dem Rittergut stattfinden. Am 21. September war es dann endlich so weit: Es wurde geheiratet und Josephine wurde Katholikin.“
„Unglaublich – meine Schwester eine Gräfin, Katholikin, Ehefrau und werdende Mutter. Ich muss schon sagen, das ist eine unerhörte Geschichte.“ Simon nimmt den letzten Schluck aus seinem Whiskyglas. Dann überlegt er kurz. „Wann rechnen sie denn mit dem Kind?“
„Josephine-Christine schreibt, dass es im März so weit sein soll“, erklärt Tante Betty. „Sie ist übrigens der Meinung, dass Zwillinge nicht auszuschließen sind.“
„Zwillinge?“ Jetzt ist Simon wirklich verblüfft.
„Ja, Josephine-Christine ist sich ganz sicher, dass es bei euch in der Familie schon Zwillinge gegeben hat.“
„Unglaublich, ich werde Onkel. Und dann vielleicht auch gleich doppelt.“ Simon seufzt und muss dann gähnen. Es ist spät geworden. „Ich glaube, ich werde jetzt zu Bett gehen.“ Er steht auf, aber in der Tür dreht sich noch einmal um. „Gräfin Josephine von Zwangen … klingt gut.“

Am frühen Vormittag des nächsten Tages holt George Boyt Simon im Weingeschäft der Hills ab, um bei der East India Company in der Leadenhall Street wegen des Transports nach Indien vorzusprechen. Am Empfang teilt ihnen ein freundlicher junger Soldat in Uniform mit, dass Major Griffiths von der Artillerie nach Indien abkommandiert wurde und jetzt ein Lieutenant Norman Walsh seine Aufgaben übernommen habe. Glücklicherweise sitzt Lieutenant Walsh nur ein Zimmer weiter auf demselben Flur wie zuvor Major Griffith. So hat Simon keine Probleme das Büro zu finden, obwohl er bisher nur einmal hier vor Ort gewesen ist. Als sie klopfen, hören sie zwar ein lautes „Herein“, werden aber von dem Offizier, der im Büro hinter einem Schreibtisch sitzt, gebeten, einen Augenblick auf dem Flur zu warten, da Lieutnant Walsh bereits Besuch hat. Etwa zwanzig Minuten später öffnet sich die Tür und ein Herr in dunkelblauer Offiziersjacke verlässt das Büro. „Sie können jetzt eintreten“, sagt er zu den Wartenden. „Lieutenant Walsh lässt bitten.“
Als sie in den Raum hineingehen, erhebt sich der Offizier und begrüßt sie sachlich: „Guten Tag, die Herren. Was kann ich für Sie tun?“
George tritt einen Schritt vor und ergreift das Wort. „Ich bin Kapitän Boyt und der Herr neben mir ist Mr. Brown, Eigner der ‚Ocean Dream‘. Wir haben einen Vorvertrag mit der East India Company über den Transport von Kanonen, Lafetten und anderer militärischer Ausrüstung nach Bombay, Sir.“
Der Offizier lässt sich wieder auf seinem Stuhl nieder und macht eine einladende Handbewegung: „Nehmen Sie doch Platz!" Ohne ein weiteres Wort beginnt Walsh auf seinem Schreibtisch in einem Stapel von Mappen zu kramen. „Wie war gleich der Name des Schiffes?“
„Die ‚Ocean Dream‘, Sir.“
Ohne aufzuschauen überfliegt der Lieutenant die Beschriftungen der übereinander gestapelten Vorgangsmappen. „Eigner, sagen Sie? Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?“
„Zweiundzwanzig, Sir“, antwortet Simon. „Ich bin Mitgesellschafter, einer von dreien.“
„Geerbt oder selbst schon etwas geleistet? … So, jetzt habe ich den Vorgang gefunden.“ Walsh öffnet den Aktendeckel, überfliegt die erste Seite und berichtet dann: „Die Ausrüstung ist schon in London und sollte in den nächsten Tagen zur Verladung bereitstehen. In welchem Dock liegt Ihr Schiff, Kapitän?“
„Im Western Dock, Sir“, erklärt George Boyt.
Lieutenant Walsh blättert zwei Seiten um und bemerkt: „Das trifft sich gut: Die Ausrüstung wurde in ein Lagerhaus am Ratcliff Highway verbracht; der liegt in unmittelbarer Nähe des Western Dock.“
In diesem Moment klopft es dezent an der Tür. Der Offizier schaut verwundert auf und ruft: „Herein!“
Eine elegant gekleidete Dame mit einer schmalen Ledermappe unter dem Arm betritt das Büro. Zurückhaltend tritt sie an den Schreibtisch und legt die Ledermappe ab. Kurz trifft ihr Blick den von Simon und er ist sich sicher, dass er die Dame schon einmal irgendwo gesehen hat.
„Ah, Liebes, die Mappe!“, meint Lieutenant Walsh mit einem Lächeln. „Ich hatte sie zu Hause auf der Anrichte im Salon vergessen.“
„Ich möchte nicht stören“, antwortet die Dame, „aber ich dachte mir, vielleicht würdest du sie heute noch benötigen, und da ich sowieso spazieren gehen wollte, habe ich sie gleich mitgebracht.“
„Guter Einfall von dir, danke.“
Auf dem Weg zurück zur Tür schaut Mrs. Walsh, um die es sich offensichtlich handelt, zunächst kurz zu George, dann zu Simon, den sie möglichst unauffällig mustert. Gleichzeitig sagt sie: „Bis heute Abend, Schatz. Meine Herren, entschuldigen Sie vielmals die Störung.“ Schon ist ist sie zur Tür hinaus.
Der Offizier räuspert sich und erklärt kurz: „Meine Gattin.“
„Hübsche Frau, wenn ich das bemerken darf, Lieutenant“, meint George Boyt und setzt fort: „Wie wird es nun weitergehen? Wir kennen den Ablauf bei der ehrenwerten East India Company noch nicht.“
„Ihr erster Transport für uns? Nun, Kapitän, die meisten Dokumente liegen vor. Major Griffiths arbeitet mit militärischer Präzision.“ Lieutenant Walsh wirft einen Blick auf einen Tischkalender auf seinem Schreibtisch. „In den nächsten Tagen können Sie von mir eine Materialaufstellung bekommen – sagen wir am 7. Oktober gegen 11 Uhr. Aus der Aufstellung können Sie Art und Umfang der Ausrüstung entnehmen und so den Laderaum abschätzen und den Lagerplatz an Bord organisieren. In der folgenden Woche wird die Ausrüstung an einen der Anleger im Western Dock geliefert, und wenn ich die notwendigen Unterschriften aller Verantwortlichen zügig zusammenbekomme, könnten Sie Ende nächster Woche aufbrechen.“
„Das wäre ausgezeichnet“, zeigt sich George Boyt begeistert, und auch Simon ist erleichtert.
„Organisieren Sie sich einen Liegeplatz am Anleger, Kapitän, dann können die Verladearbeiten zügig durchgeführt werden.“
Simon ist in den letzten Minuten schon ein wenig unruhig auf seinem Stuhl hin und her gerutscht und ergreift nun vorsichtig das Wort. „Entschuldigen Sie, Lieutenant, mir liegt da noch etwas auf dem Herzen.“
„Ja?“
„Dabei geht es um eine junge Inderin; ihr Name ist Marala. Ich kenne sie von Kindesbeinen auf. Nach dem Tod ihres wohlhabenden Gatten wurden seine drei Ehefrauen mit großer Wahrscheinlichkeit nach Indien verschleppt. Da wir nun ebenfalls da hinfahren, möchte ich sie suchen“, erklärt Simon.
Der Lieutenant betrachtet Simon verblüfft. „Mit Verlaub, Mr. Brown: Sie sind der Überzeugung, dass Sie diese Inderin … hm … Wie war gleich ihr Name? Marala, ja Marala … also, dass Sie sie in Indien finden werden? Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, wie groß dieses Land ist? Ich muss Ihnen sagen, ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie mutig oder naiv finden soll, junger Mann. Waren Sie schon einmal in Indien?“
„Nein, das ist meine erste Reise dorthin. Ich kenne Indien nur von Landkarten. Aber ich bin es ihr schuldig; ich muss es einfach versuchen.“
„Ehrgeiziges Ziel“, murmelt Walsh, „eher aussichtslos, aber meinen Respekt. Und Sie sagten, diese Marala ist nur eine flüchtige Bekannte aus früheren Zeiten?“
„Nein, nicht nur eine flüchtige Bekannte“, stellt George Boyt jetzt richtig. „Für Mr. Brown ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass er zeitig nach Bombay kommt. Wir wären also sehr daran interessiert, dass wir die Verladung hier in London schnell über die Bühne bekommen, damit wir keine Zeit verlieren.“
„Wir tun, was wir können, Kapitän“, versichert Norman Walsh, blättert die Aktenmappe der „Ocean Dream“ bis zum Ende durch und zieht einige Blätter heraus. „Ich habe hier einen Kurierpass und andere Dokumente vorliegen, ausgestellt auf Ihren Namen, Mr. Brown. Diese werden Ihnen uneingeschränkte Bewegungsfreiheit in unserem Herrschaftsbereich in Indien garantieren. Sie erstrecken sich auf die drei Präsidentschaften Bengalen, Madras und Bombay und auf einige Fürstenstaaten, mit denen die East India Company Verträge ausgehandelt hat, so beispielsweise mit dem Nizam Asaf Jah IV. von Hyderabad. Sollten Sie gezwungen sein, über Territorien anderer Fürstenstaaten zu reisen, sollten Sie in den einzelnen Handelsniederlassungen oder Garnisonen unserer Kompanie Rücksprache halten. Ein anliegendes Empfehlungsschreiben garantiert Ihnen die Hilfe und Unterstützung unserer  Kompanie im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die Schriftstücke wurden bereits von Mr. William Astell, einem unserer Direktoren unterzeichnet. Die noch fehlende zweite Unterschrift eines weiteren Direktoriumsmitglieds werde ich in der nächsten Woche veranlassen.“
„Danke, Lieutenant Walsh, ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet“, antwortet Simon zuversichtlich.
„Wir tun was wir können.“ Der Offizier erhebt sich von seinem Stuhl. „Ich denke, wir sind jetzt fertig für heute. Ich habe ein volles Programm – wenn Sie also keine weiteren Fragen haben, auf Wiedersehen, die Herren.“

Am Samstagabend sind Simon Brown, George Boyt und Edgar Bradshaw wieder bei Familie Hill zum Dinner eingeladen. Am Nachmittag hatte sich Großvater Simon mit seinem Enkel in den Wein- und Spirituosenkeller zurückgezogen und ausgiebig über die Weine aus der Region um Florenz und Siena diskutiert. Sie haben tannin- und säurebetonten Chianti aus den Bergen sowie einen weichen und fruchtigen Rotwein aus der Gegend unterhalb von Siena verkostet. Auch ein Montepulciano und ein Montalcino waren dabei. Gut gelaunt sitzen sie nun im Salon der Familie vor einer ausgezeichneten Lammkeule in Minzsauce mit gebackenen Kartoffeln und Rosenkohl.
„Großvater, für welchen Wein hast du dich entschieden?“, fragt Simon gespannt. Schon während ihrer Verkostung hatte Simon Hill von Mrs. Stringers Lammkeule in Minzsauce geschwärmt.
Der Angesprochene räuspert sich. „Einen Rotwein aus den Bergen oberhalb von Florenz, und zwar einen Chianti aus dem Weingut Castello del Trebbio. Die Sangiovese-Trauben für diesen Chianti Riserva stammen ausschließlich aus dem Gebiet Chianti Rufina, und zwar aus der Lage Lastricato. Der Wein reifte über viele Monate in großen Eichenholzfässern, tief in den Kellern des uralten Castello, und anschließend noch viele Jahre im Weinkeller der Familie Hill in London. Er stammt aus dem Jahrgang 1827 und zeigt sich in einem intensiv-dunklen Rot mit leicht ziegelroten Rändern. In der Nase dominieren Aromen von reifen schwarzen Kirschen sowie würzige Noten, vor allem von Pfeffer, und Röstaromen. Am Gaumen zeigt er uns seine Komplexität, er nimmt die ganze Zunge ein und präsentiert auch hier den Eindruck von Kirschen, Gewürzen und Holz. Seine prägnanten Gerbstoffe und die spürbare ausgewogene Säure machen ihn zu einem gewaltigen Wein, der sich noch über viele Jahre hinweg positiv weiterentwickeln wird.“
„Ausgezeichnete Wahl“, bestätigt Simon, zwinkert seinem Großvater zu und lässt sich einen weiteren Schluck auf der Zunge zergehen.
„Simon, was meinst du, wann wollen wir uns das nächste Mal in die Leadenhall Street aufmachen?“, fragt Kapitän Boyt.
„Dienstag … Oder wäre das zu aufdringlich und wir sollten lieber am Mittwoch …?“
„Dienstag klingt gut, Mr. Brown“, meint der Erste Offizier mit Nachdruck. „Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“
„Fragen Sie, Mr. Bradshaw.“
„Sie sind 1829 nach Amerika ausgewandert, also vor mehr als fünf Jahren. Jetzt sind Sie das erste Mal wieder in Europa und auf dem Sprung nach Indien. Haben Sie gar nicht das Bedürfnis … Ich meine, haben sie keine Sehnsucht nach zu Hause? Wer weiß, wann Sie Ihrer Heimat einmal wieder so nahe kommen?“
„Siehst du, Simon“, mischt sich George Boyt mit ernstem Tonfall ein. „Genau dasselbe habe ich dich vor einigen Tagen auch gefragt. Wenn wir quasi an Amsterdam vorbeisegeln, könnten wir uns auch vor Ort vergewissern, dass Marala dort ein Schiff nach Indien bestiegen hat.“
Simon schaut die beiden Offiziere nachdenklich an, bevor er ihnen antwortet. Er ist sich nicht sicher, wie bewusst sie sich seiner Lage sind. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass ihr nach Spuren von Marala suchen wollt, wenn wir in Amsterdam einlaufen, während ich mich unverzüglich auf den Weg nach Mainz machen soll? Ist euch klar, dass ich für einen Weg etwa eine Woche benötigen würde? Also für beide Wege zwei Wochen und dazu noch ein paar Tage in Mainz – wir würden nahezu einen Monat verlieren.“
„Mr. Brown“, erwidert Edgar Bradshaw mit entschuldigendem Tonfall, „wir möchten Sie nicht verärgern. Der Monat ist in diesem Fall zwar eine lange Zeit, auf der anderen Seite aber auch nur ein Monat. Wenn Sie diese Chance nicht ergreifen, werden Sie in Zukunft bedeutend mehr Zeit investieren müssen, um nach Hause zu kommen.“
„Ich verstehe schon, dass Sie es gut meinen.“ Simons Stimme klingt nicht so schwungvoll wie gewöhnlich. „Aber in dieser Sache ist mir der Monat einfach zu lang.“
„Manchmal muss man sich entscheiden“, seufzt Großvater Simon, „und hat nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera.“
„Die Idee, über Amsterdam zu reisen, ist mir auch schon gekommen“, erklärt Simon. „Ich gehe dabei allerdings nicht davon aus, nach Hause zu reisen, sondern davon, Maralas Spuren nicht zu verlieren. Wir sind zwar sicher, dass sie nach Amsterdam gereist ist, können aber nicht mit Sicherheit sagen, dass sie ein Schiff nach Bombay besteigen wird oder schon bestiegen hat. Sollten wir ihre Spur verlieren und sie an einen anderen Ort verschleppt worden sein, dann stehen wir in Bombay vor dem Nichts. Dann haben wir überhaupt keine Anhaltspunkte mehr.“
„Ein überzeugendes Argument“, nickt der Kapitän zustimmend. „Also, um sicherzugehen, dass Marala von Amsterdam nach Bombay verschleppt worden ist, sollten wir ihrer Spur folgen und auch nach Amsterdam segeln.“
„So wird es meiner Meinung nach am besten sein.“ Simon schaut in die traurigen Gesichter von Tante Betty und Großmutter Mary. „Der Besuch in Mainz muss noch warten.“
„Daraus können aber Jahre werden … Schade“, meint der Erste Offizier.
„Pest oder Cholera, wie mein Großvater schon gesagt hat“, stellt Simon fest.
„Schade, dass du beides nicht verbinden kannst.“ In Tante Bettys Stimme klingt Enttäuschung mit. „Ich verstehe ja, dass dir Marala unter diesen Umständen wichtiger ist, Simon, aber manchmal rächt es sich, wenn man Möglichkeiten verstreichen lässt.“
„Natürlich ist mir das auch schon in den Sinn gekommen“, muss Simon zugeben und schaut George Boyt an. „Wunderbar wäre es, wenn ihr mich in Amsterdam absetzen und weiter, um das Kap der Guten Hoffnung herum, nach Bombay segeln würdet. Ich könnte nach Maralas Spuren suchen und anschließend nach Hause fahren. Von dort aus würde ich quer durch Europa, über das Mittelmeer und durch die Wüste nach Indien reisen. Der Weg wäre viel kürzer und wir würden mit viel Glück sogar gleichzeitig in Bombay eintreffen.“
„Ein Traum“, seufzt Großvater Simon. „Vielleicht irgendwann in der Zukunft, aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.“
Plötzlich springt Onkel Charles von seinem Stuhl auf und jagt wie vom Blitz getroffen aus dem Salon. Tante Betty ruft ihm hinterher: „Charles, was hast du vor? Wo willst du hin?“
Aus dem Treppenhaus klingt es hallend zurück: „Bin gleich zurück.“
Alle schauen sich verwundert an, doch nur ein paar Minuten später setzt sich Charles, nach Luft schnappend, wieder auf seinen Platz. Aufgeregt blättert er in einer Ausgabe der „The Times“ – zweifellos eine ältere Ausgabe, da die obere Hälfte der ersten Seite bereits verblichen ist. „Ich wusste es!“, platzt es aus Charles heraus. „Hier ist der Artikel, den ich gesucht habe. Er ist mir wieder eingefallen, als du sagtest, dass du am liebsten über das Mittelmeer und durch die Wüste nach Bombay reisen würdest. Wie ihr seht, ist die Zeitung schon ein paar Monate alt. Aber hört mir einen Moment zu, denn hier steht Folgendes zu lesen: ‚Geben Sie mir Ihre Post und ich werde sie in 90 Tagen nach Indien liefern: Nachdem es im Jahre 1801 den beiden Briten Oberst Cappèr und Colonel Taylor gelungen ist, für die britisch-indische Post einen kürzeren Weg über den Isthmus von Sues zu öffnen, schickt sich nun der junge dynamische Thomas Fletcher Waghorn an, Ihre Post in nur 90 Tagen zu transportieren. Auf dem sich immer schneller drehenden Globus ist die Beschleunigung des Postwesens von fundamentaler Bedeutung für die zukünftige Entwicklung des Britischen Weltreiches. Zeitnahe Nachrichten verschaffen unserer Wirtschaft entscheidende Wettbewerbsvorteile oder lassen Britannien sogar Kriege gewinnen. Während das britische General Post Office scheinbar starrsinnig am vier- bis fünfmonatigen Seeweg rund um das Kap der Guten Hoffnung in die so wichtige Kolonie Indien festhält, scheint Mr. Waghorn in Zukunft eine echte Alternative bieten zu können. Der in Kent geborene Waghorn trat im Alter von zwölf Jahren in die Royal Navy ein und diente zunächst auf der HMS Bahama. Danach wechselte er in den Bengal Pilot Service, den Lotsenservice der indischen Präsidentschaft Bengalens, und versah seinen Dienst für die East India Company auf fast allen großen Flüssen Indiens, Ägyptens und dem Roten Meer.‘“ Onkel Charles blickt kurz von seiner Zeitung auf, blättert eine Seite um und ergänzt: „Etwas weiter ist hier zu lesen: ‚Nachdem Lieutenant Waghorn bereits im Jahre 1829 eine erfolgreiche Reise absolviert hat, die von London über Alexandria, weiter nach Kairo, durch die Wüste nach Sues und von dort über das Rote Meer nach Bombay führte, arbeitet er jetzt an einem dauerhaften Post- und Personenservice auf dieser Overland Route, wie er sie nennt‘. Hier steht auch noch, dass er sich zurzeit häufig in Ägypten aufhält, um den am besten geeigneten Weg zu finden und eine Infrastruktur für die Reisenden aufzubauen. Des Weiteren setzt er sich sehr für den Aufbau einer Flotte von Dampfschiffen im Roten Meer ein.“
Argwohn spricht aus den Augen des Kapitäns. „Sie sind der Meinung, Simon sollte sich auf so ein Abenteuer einlassen?“
Simon dagegen hat ein Strahlen in den Augen: „George, ich kann deine Bedenken verstehen. Noch weiß ich zu wenig über die Route und die Rahmenbedingungen, aber stell es dir nur einmal vor: Ich versuche, in Amsterdam herauszufinden, ob Marala wirklich ein Schiff nach Indien bestiegen hat, und reise dann weiter nach Mainz. Dort habe ich mindestens zwei Wochen Zeit für meine Familie und alte Freunde, bevor ich ans Mittelmeer weiterreise und von dort irgendwie nach Ägypten übersetze. Mit etwas Glück könnte mich vielleicht sogar einer von Waghorns Männern mitnehmen; er wird so ein Transportunternehmen doch nicht alleine aufbauen und betreiben können.“
„Davon steht in diesem Artikel nichts, aber du könntest es in 39 Cornhill versuchen – die Adresse ist hier jedenfalls unter dem Artikel angegeben. Das ist nur ein paar hundert Meter vom East India House in der Leadenhall Street entfernt.“ Onkel Charles schaut Simon erwartungsvoll an. „Versuch dein Glück; deine Eltern würden sich freuen!“

In der folgenden Woche begeben sich Simon und George Boyt erneut zur East India Company, um die Materialaufstellung in Empfang zu nehmen und möglicherweise schon einen Verladetermin zu bekommen. Strahlender Sonnenschein entschädigt sie für den bitterkalten Ostwind, der ihnen um die Ohren pfeift. Gut gelaunt klopfen die beiden Freunde an die Bürotür von Lieutenant Walsh, doch als sie den Raum betreten, merken sie schnell, das etwas anders ist als bei ihrem ersten Besuch. Schon das erste Wort des Lieutenants weckt Simons Argwohn. In seiner Stimme liegt ein ablehnender Tonfall und die Augen zeigen einen seltsam kalten Ausdruck. Knapp beginnt Walsh: „Sie sind hier, um die Materialliste in Empfang zu nehmen und den Verladetermin zu erfahren.“
„Ja“, antwortet der Kapitän und blickt verdutzt zwischen dem Lieutenant und Simon hin und her. Simon versteht nicht, was hier vor sich geht; er kann sich die ablehnende Haltung des Offiziers überhaupt nicht erklären.
Plötzlich bricht es aus Walsh heraus: „Mr. Brown, Sie trauen sich noch einmal hierher und haben auch noch die Dreistigkeit, sich mir gegenüberzusetzen? Das ist eine bodenlose Demütigung!“
Wie vom Blitz getroffen starren George und Simon den Briten fassungslos an, um dann völlig verdutzt gleichzeitig zu fragen: „Bitte?“
„Wären wir nicht in England und würde ich nicht in leitender Position für die East India Company arbeiten, so würde ich Genugtuung von Ihnen verlangen, Sie schäbige Kreatur!“
Simon wird eiskalt, aber er bemüht sich, ruhig zu bleiben. „Entschuldigen Sie, Lieutenant, was in Gottes Namen habe ich getan? Was werfen Sie mir vor?“
„Sie haben meine Frau aufs Abgrundtiefste beleidigt und besitzen jetzt auch noch die Schamlosigkeit die Unschuld vom Lande zu spielen? Nein, Mr. Brown, nicht mit mir! Die Sache wird Konsequenzen haben. Die Materialliste können Sie vorerst vergessen. Haben Sie mich verstanden?“ Mit hochrotem Kopf und deutlich hervortretenden Halsschlagadern sitzt Lieutenant Walsh ihnen gegenüber und wartet auf Simons Antwort.
Der ist allerdings völlig verblüfft und ahnungslos. Schließlich gelingt es ihm, nochmals zu fragen: „Was habe ich getan? Ich habe keine Ahnung! Um was geht es hier?“
„Dann will ich Ihnen mal auf die Sprünge helfen, junger Mann. Es muss bei einem früheren Besuch bei der East India Company gewesen sein, dass Sie hier, in unmittelbarer Nähe des East India Houses, zwei Damen begegnet sind und eine von ihnen beinahe umgerannt haben.“
Verzweifelt versucht sich Simon zu erinnern. Beim ersten Besuch war er einige Minuten zu früh und stand in der Leadenhall Street … Da war die „Wilt Confectionery“ … Und, ja, genau dort ist es passiert. „Ich stand vor den Schaufenstern einer Konditorei, die mit allerlei süßen Köstlichkeiten dekoriert waren. Ich war abgelenkt, drehte mich um und wäre beinahe in zwei Damen hineingelaufen. Die eine hieß, wenn mich nicht alles täuscht, Saunders. An den Namen der anderen kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Unmittelbar darauf trat Thomas Baxter in die Runde und verwickelte die Damen in ein Gespräch. Aber da gab es keine impertinenten Äußerungen, von keiner Seite, das kann ich Ihnen versichern …“ Plötzlich schießt Simon ein Name durch den Kopf – Abbigail. Jetzt erinnert er sich auch, wo er die Gattin des Offiziers vor dem kurzen Zusammentreffen hier im Büro schon einmal gesehen hat: vor dem East India House … Ja, der Name der zweiten Dame war Lady Abbigail Walsh!
„Sie können mir viel versichern, Mr. Brown! Ich verehre meine Frau, sie steht immer an meiner Seite und ist eine absolut ehrbare und treue Gattin. Wenn sie sich darüber beklagt, dass Sie, Mr. Brown – und sie hat sich Ihren Namen eingeprägt –, sie unmanierlich und unverschämt behandelt haben, dann ist das so als wären Sie meine Person direkt angegangen.“
„Aber, Lieutenant Walsh, das ist nicht korrekt …“
„Mr. Brown, was bilden Sie sich ein mich zu unterbrechen und meine Ehefrau auch noch als Lügnerin zu bezichtigen? Das macht diese widerwärtige Angelegenheit nicht besser!“
„Aber …“
„Nichts aber, Mr. Brown! Sich jetzt wie ein Feigling aus der Affäre zu ziehen geziemt sich nicht für einen Gentleman.“ Lieutenant Walsh legt beide Unterarme auf den Schreibtisch, beugt sich etwas vor, um sich abzustützen, und ballt seine Hände zu Fäusten. Dabei treten seine Knöchel deutlich sichtbar hervor. „Meine Gattin machte mir einen Vorschlag zur Klärung dieser unmöglichen Situation, den anzunehmen ich Ihnen raten möchte.“
Schockiert sitzt Simon da, während George ihn aufgeregt anstarrt. Er kann die Situation einfach nicht begreifen und ist sich keinerlei Schuld bewusst. Abbigail Walsh ... Was ist hier los?
„Träumen Sie, Mr. Brown? Wo sind Sie mit Ihren Gedanken?“ Blitzartig ist Simon wieder bei der Sache und wendet seinen Blick konzentriert seinem Gegenüber zu. „Mr. Brown, hören Sie mir jetzt gut zu. Sie werden die Gelegenheit haben, sich bei meiner Gattin vollumfänglich zu entschuldigen, und zwar unter Zeugen. Erst wenn sowohl meine Gattin als auch die Zeugin, Lady Olivia Saunders mir versichern, dass Sie die Angelegenheit in Ordnung gebracht haben, werden Sie die erforderlichen Dokumente für die Reise nach Indien erhalten. Haben wir uns verstanden?“
„Ja, wir haben uns verstanden, Lieutenant Walsh“, antwortet Simon, grübelt aber immer noch über die Hintergründe dieser Sache. Den Kapitän der „Ocean Dream“ scheint dieselbe Frage zu beschäftigen.
„Ort und Zeit werden Ihnen noch mitgeteilt, Mr. Brown. Vermasseln Sie es nicht, dann sind Sie bald auf dem Weg nach Indien.“

Zwei Tage später sitzt Simon mit dem Kapitän und seinem Ersten Offizier in der Messe der „Ocean Dream“ und grübelt zum wiederholten Mal über den Auftritt von Lieutenant Walsh bei der East India Company.
„Mr. Brown, was ist diese Lady Saunders denn für eine Person?“, erkundigt sich Edgar Bradshaw.
„Hm …“ Simon versucht sich zu erinnern. Die Begegnung war ja wirklich kurz und ist nun schon einige Wochen her. „Soweit ich mich an die Situation erinnere, ist sie, genau wie Lady Walsh, eine ausgesprochen hübsche Person. Beide sind in etwa gleich alt, also Anfang bis Mitte Vierzig. Lady Saunders war ausgesprochen freundlich und höflich.“
Plötzlich klopft es an der Tür und der Matrose Rodriguez Cano tritt ein. „Entschuldigen Sie die Störung, Sirs. Eine junge Lady gab mir soeben diesen Brief für Mr. Brown.“
Simon springt auf und nimmt den Brief entgegen. „Danke, Cano.“ Ungeduldig öffnet er den Umschlag und zieht eine kurze Notiz hervor. Nachdem der Matrose die Tür von außen geschlossen hat, liest er leise vor: „Mr. Brown, ich erwarte Sie am heutigen Nachmittag gegen 16 Uhr in 41 Curzon Street, Mayfair. Gezeichnet, Lady Abbigail Walsh.“
Simon räuspert sich kurz und stellt dann fest: „Jetzt kenne ich zwar Ort und Zeit, muss aber zugeben, dass ich enttäuscht darüber bin, nichts über die Beweggründe von Lady Walsh zu lesen.“ Dann legt er den Brief für die anderen lesbar auf den Tisch. „Lady Walsh verfügt über eine gestochen scharfe Handschrift und formuliert äußerst kurz und präzise. Sagt uns das etwas über die Verfasserin?“
„Sie ist des Lesens und Schreibens mächtig und meiner Meinung nach schreibt sie tadellos … zweifellos eine gebildete Person“, stellt der Erste Offizier trocken fest.
„Ja, ich schließe mich Mr. Bradshaws Meinung an“, bestätigt der Kapitän. „Bleibt aber immer noch zu klären: Was hat Lady Walsh im Sinn? Warum belastet sie dich so schwer?“
„Diese Fragen beschäftigen mich auch, das dürft ihr mir glauben. Hm … Wenn ich mich recht erinnere, trug sie bei unserem besagten ersten Zusammentreffen ein äußerst elegantes Kleid, das ihr ausgezeichnet stand. Es betonte ihre Figur, aber nicht zu übertrieben, ließ sie anmutig und adrett aussehen. Das Ganze war perfekt, genau wie ihre gestochene Handschrift, alles äußerst exakt ausgeführt. Ich würde vermuten, dass Lady Walsh eine penibel organisierte Person ist, die ihren Tagesablauf sehr vorausschauend plant. Die Nachricht enthält ausschließlich Fakten und ist äußerst kurz gehalten … Ich glaube, sie weiß was sie will und wie sie es bekommt. Hätte ich es mit einem Gegner zu tun, würde ich ihn schon ernst nehmen.“
„Sie können nicht ausschließen, dass sie ein Gegner ist, Mr. Brown“, murmelt der Erste Offizier nachdenklich.
Simon schießt ein Gedanke durch den Kopf. „Vielleicht sieht man sich einmal wieder …“ Das hatte Lady Walsh bei ihrem Abschied vor dem East India House auf eine Art gesagt, die ihm damals nicht weiter auffiel. Aber danach hatte ihr Blick ihn verfolgt und Grübchen waren auf ihren Wangen erschienen …

Exakt zum vorgegebenen Zeitpunkt betätigt Simon den Türklopfer an der schweren schwarzen Haustür in der Curzon Street. Über ihm befindet sich ein Balkon mit schmiedeeisernem Geländer, das ausgezeichnet zu dem brusthohen Zaun zu beiden Seiten des Hauses passt. Auf der rechten Seite führt eine steile Treppe in den Keller, vermutlich in den Bereich der Bediensteten. Ein metallisches Klicken sagt Simon, dass die Haustür geöffnet wird.
„Guten Tag.“ Ein freundlich lächelndes junges Hausmädchen steht vor ihm. „Mr. Brown?“
„Ja, der bin ich.“
„Sie möchten bitte eintreten, Ihre Ladyschaft erwartet Sie im Salon.“
Nachdem die Haustür ins Schloss gefallen ist, geht das Hausmädchen voran zu einer Tür im hinteren Teil des Hauses, und Simon folgt ihr. Sie klopft und öffnet die Tür. „Lady Walsh, Mr. Brown ist eingetroffen.“
„Ich lasse bitten“, kann Simon leise aus dem Raum hören.
Er betritt den Salon und hinter ihm wird die Tür vorsichtig ins Schloss gezogen. Lady Walsh steht vor einem von zwei bodentiefen Fenstern; die einfallenden Sonnenstrahlen lassen ihre Haut seidig schimmern. Sie trägt exakt dasselbe figurbetonte champagnerfarbene Kleid wie bei ihrer ersten Begegnung. Auch ihr koketter Blick ist Simon in guter Erinnerung.
„Mr. Brown, schön das Sie es einrichten konnten.“
„Guten Tag, Lady Walsh“, grüßt Simon höflich, während er denkt: Es ist alles von ihr detailliert geplant – der Platz, an dem sie im Raum steht, die Wahl des Kleides, das sie trägt, die ersten Worte, die sie spricht.
Mit anmutigen Schritten bewegt sich Lady Walsh auf ein gestreiftes Sofa zu, das zusammen mit drei passenden Sesseln und einem niedrigen, schmalen Tisch eine Sitzgruppe bildet. Langsam lässt sie sich nieder und achtet dabei peinlichst genau auf den Sitz ihres Kleides. Mit einem Lächeln deutet sie auf den Sessel neben sich. „Nehmen Sie doch Platz.“
Simon zieht es jedoch vor, sich in dem ihr gegenüberstehenden Sessel niederzulassen. Gerade als er etwas sagen möchte, öffnet sich die Tür und das Hausmädchen betritt mit einem vollen Tablett den Raum. „Entschuldigen Sie, Lady Walsh, ich bringe den Tee.“
„Danke, Marley.“
Geschickt deckt die junge Frau Tassen und Teller ein, schenkt den Tee ein und serviert Apfelkuchen mit einer kleinen Portion Sahne.
„Mr. Brown, Sie müssen wissen, der Apfelkuchen wurde heute frisch gebacken und ist für gewöhnlich exzellent.“ Mit Blick auf das Hausmädchen fragt sie: „Was ist das für ein Tee, Marley?“
„Ein chinesischer Oolong. Sie wünschen noch etwas, Lady Walsh?“
„Nein, alles in Ordnung, Marley. Sie können jetzt gehen … Ach, doch noch eine Frage: Ist die Köchin auch schon fort?“
„Ja, Lady Walsh, alle sind gegangen.“
Die ganze Zeit hat Simon keinen Ton von sich gegeben, aber sein Gegenüber genau beobachtet. Dabei ist ihm die kerzengerade Haltung der Lady aufgefallen. Ihre modische Hochsteckfrisur rahmt ihr hübsches, dezent geschminktes Gesicht und betont geschickt ihre zarten Gesichtszüge. Sie ist wirklich eine auffallend hübsche Person. Das Wort „Gegner“ schießt Simon plötzlich durch den Kopf, obwohl es objektiv keinen Grund dafür gibt. Die Lady macht einen freundlichen, ausgeglichenen Eindruck.
„Nun, Mr. Brown, wie geht es Ihnen?“ Mit ihren schmalen Fingern fasst Lady Walsh den feinen Porzellangriff ihrer Tasse und nippt am Oolong. „Herrlich erfrischend, dieser Tee! Probieren Sie ihn.“
„Im Großen und Ganzen …“
„Wie groß ist Ihre Wut auf mich? Muss ich mir Sorgen machen, dass Sie mir etwas antun?“
Simon fühlt sich unbehaglich. Wohin wird dieses Gespräch führen? „Sie sind eine Lady.“
„Mr. Brown, ich will ehrlich sein: Sie sind mir schon damals positiv aufgefallen, als Lady Saunders und ich Sie vor dem East India House getroffen haben. Als wir uns voneinander verabschiedet haben und Sie mit diesem Baxter … hm, wie war gleich sein Vorname …?“
„Thomas.“
„Ja … Als sie mit diesem Thomas Baxter auf das East India House zugegangen sind, haben Sie sich nochmals zu mir umgedreht.“
„Sie sind sich sicher, dass ich mich zu Ihnen umgeschaut habe und nicht zu Lady Saunders?“
„Absolut sicher, Mr. Brown, weil es zwischen unseren Blicken – ich will es mal so formulieren – gefunkt hat.“ Lady Walsh greift nach dem Teller mit dem Apfelkuchen, bricht mit ihrer Gabel ein Stückchen ab und schiebt es sich zielsicher in den Mund.
Simon dagegen nimmt einen ersten Schluck aus seiner Teetasse. Er hat in dieser unbehaglichen Situation keinen Appetit. „Wir sind uns nur für einen kurzen Augenblick begegnet. Sie wissen nichts von mir und doch sitze ich jetzt hier. Warum?“ Während er spricht, fragt Simon sich, ob bei ihm das Gefühl der Wut oder der Ahnungslosigkeit überwiegt.
Mit einem Lächeln auf den Lippen stellt Abbigail Walsh den Teller wieder auf den Tisch zurück und verändert ein wenig ihre Sitzposition auf dem Sofa. „Vergessen Sie nicht unsere Begegnung im Büro meines Gatten, Mr. Brown. Außerdem weiß ich mittlerweile mehr von Ihnen, als Sie denken.“
„Im Büro Ihres Gatten? Das waren doch nur ein paar Sekunden! Bin ich also ein gläserner Mensch für Sie?“
„Ziemlich gläsern, würde ich sagen.“ Wieder erscheinen diese speziellen Grübchen auf ihren Wangen. „Sie haben Ihre Wut gut unter Kontrolle, meinen Respekt. Ich wüsste nicht, ob mir das an Ihrer Stelle gelingen würde. Sie lassen sich nicht leicht aus der Reserve locken, oder?“
„Sie auch nicht, Lady Walsh … Da sind wir wohl zwei ebenbürtige Gegner.“
„Gegner, Mr. Brown?“ Sie hebt eine Augenbraue.
„Ich habe keine Ahnung. Sagen Sie es mir. Wie kann eine Person, die falsche Behauptungen über mich äußert, nicht mein Gegner sein?“
„Ich bin nicht Ihr Gegner – eher ein Geschäftspartner, der, das müssen auch Sie zugeben, erheblich im Vorteil ist.“
„Sie lieben diese Wortspiele, nicht wahr?“
„Sie doch auch“, erwidert sie kokett. „Sonst wären Sie nicht so gut darin.“
Simon nimmt einen weiteren Schluck Tee und fragt dann: „Erzählen Sie mir, warum Sie sich für mich interessieren und was Sie alles über mich wissen?“
„Nun, Sie sind gerade vor einigen Tagen aus Schottland zurückgekehrt … Ach ja, und Sie möchten so schnell wie möglich nach Indien reisen, genauer gesagt, nach Bombay.“
Simon ist verblüfft und fragt sich, wie Lady Walsh an diese Kenntnisse gelangt ist. „Steht das auf meiner Stirn geschrieben?“
Ihre Augen haben jetzt etwas Spitzbübisches. „Nein, in den Akten der East India Company. Mein Gatte berichtete mir vor einigen Tagen von einem jungen Amerikaner, der Schiffseigner ist – und das mit Anfang zwanzig – und einer jungen Inderin, die entführt wurde, nach Bombay folgen will, um sie aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien. Ich war neugierig, öffnete einen Aktendeckel und las Ihren Namen. Ach, habe ich bei mir gedacht, das könnte der junge Mann sein, den du vor dem East India House getroffen hast. Und so habe ich mir die Schriftstücke ein wenig näher angesehen.“ Von ihrer eigenen Neugier scheinbar peinlich berührt, erröten ihre Wangen. „Als ich Sie im Büro meines Mannes gesehen habe, waren meine letzten Zweifel beseitigt.“
„Sie haben Zugang zum East India House und zu den Akten?“, fragt Simon erstaunt.
„Nicht zum East India House. Aber mein Gatte hat aufgrund der kurzfristigen Übernahme der Aufgaben von Major Griffith einige Akten mit nach Hause nehmen dürfen, um sich einzulesen. Ihre Akte war auch dabei.“
„Sie haben meine Akte studiert und sind jetzt der Meinung, dass Sie sich in meinen Leben auskennen?“
„Nein, das würde ich nicht sagen. Aber Sie haben mich neugierig gemacht, und aus diesem Grund möchte ich mehr von Ihnen erfahren. Ihr Leben scheint aus einer Aneinanderreihung von Abenteuern zu bestehen und, Mr. Brown, ich liebe Abenteuer. Aber eine Lady wie ich, deren Ehemann bei der East India Company arbeitet und damit quasi bei einer Behörde, erlebt über den Tag gewöhnlich kaum etwas und ganz bestimmt keine Abenteuer.“
Simon versteht immer noch nicht ganz. „Lady Walsh, hätten Sie mir nicht einfach mitteilen können, dass Sie ein paar Erzählungen aus meinem Leben wünschen? Stattdessen bringen Sie mich bei Ihrem Gatten in Misskredit. Gott sei Dank haben Sie einen so starken Einfluss auf ihn, dass er nur verlangt, dass ich mich bei Ihnen entschuldige. Wenn Sie es wünschen, werde ich augenblicklich vor Ihnen auf die Knie fallen und Sie in aller Form um Entschuldigung bitten. Der Himmel wird wissen, wofür, aber dann ist es jetzt und hier beendet.“
Lady Walsh setzt ein strahlendes Lächeln auf und ihre Stimme vibriert vor Aufregung. „Mr. Brown, Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen; darum geht es doch gar nicht.“
„Nein?“ Simon ist verblüfft.
„Wissen Sie, junger Mann, Sie haben mich bei unserer ersten Begegnung vom Fleck weg fasziniert. Sie sind jung, wirken selbstbewusst und sind dazu auch noch höflich. Ich bin mir sicher, mit Ihnen kann eine Lady ein atemberaubendes Abenteuer erleben.“
Ein unangenehmes Gefühl macht sich in Simons Magen breit. „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen?“
„Denken Sie einen Augenblick darüber nach, was ich Ihnen erzählt habe, dann werden Sie von selbst darauf kommen.“ Erwartungsvoll schaut Lady Walsh Simon in die Augen. Dann lächelt sie kokett, setzt ihre Teetasse an die Lippen und nippt daran, ohne ihren Blick auch nur für den Bruchteil einer Sekunde von ihm abzuwenden.
„Ich habe eine Vermutung – aber wie könnte ich es wagen, diese zu äußern, wenn Sie mir schon etwas vorwerfen, was ich nicht einmal gesagt habe?“ Nun ist es Simon, der sich in seinem Sessel zurücklehnt und zur Teetasse greift.
„Sie sind der Mann, Mr. Brown, ich bin nur eine Dame.“
„Und wenn ich Ihnen meine Vermutung nicht mitteilen möchte?“
„Sie werden sehen, dann kommen wir nicht weiter.“ Da ist es wieder, dieses verführerische Lächeln.
Einige lang wirkende Sekunden sitzen sich beide wortlos gegenüber, dann entschließt Simon sich dazu, seine Vermutung zu äußern. „Lady Walsh, Sie möchten sich in nächster Zeit des Öfteren mit mir treffen, damit ich Ihnen spannende Abenteuer aus meinem Leben erzähle. Diese Treffen werden vornehmlich im Bett stattfinden und beinhalten, dass ich Sie verwöhne.“
„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, wie man so schön sagt, Mr. Brown.“
„Aber was ist, wenn ich mich weigere, Ihnen zu Diensten zu sein?“
„Dann werde ich meinem Gatten nicht mitteilen können, dass Sie sich gebührlich entschuldigt haben, und Sie werden die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate, vergeblich auf den Transportauftrag der East India Company warten.“
Simon überlegt fieberhaft, wie er einen Ausweg finden kann. „Was wird geschehen, wenn ich schon am morgigen Vormittag bei Lieutenant Walsh im Büro auftauche und ihm von unserem heutigen Treffen berichte?“
„Ich werde ihm sagen, dass wir uns getroffen haben und dass Sie es abgelehnt haben, sich zu entschuldigen … Hm, vielleicht fällt mir sogar noch mehr ein …“ Das verführerische Lächeln wird schelmisch. „Wem wird er wohl mehr Glauben schenken?“
Plötzlich steht Simon auf, sodass Lady Walsh erschrocken zusammenzuckt, geht um den schmalen Tisch herum, setzt sich neben sie und legt seinen Arm auf die Rückenlehne des Sofas. „Wir sind ganz alleine hier im Hause? Wir haben also keine Zeugen?“
„Sie wollen mich jetzt umbringen, Mr. Brown? Bedenken Sie: Sie sind die letzte Person, mit der ich lebend gesehen wurde … Marley, Sie erinnern sich?“
Unwillkürlich muss Simon an Marala denken. Wie würde sie diese Situation wohl beurteilen und was würde sie von ihm erwarten? Ganz sicher würde sie nicht wollen, dass Lady Walsh zu Schaden käme … Marala hatte sich damals dem Willen ihrer Eltern gebeugt und Meghnad Kapur geheiratet … Schnell schiebt Simon diese Gedanken beiseite und kehrt zurück in die Gegenwart. „Angenommen, ich würde Ihrem Ansinnen zustimmen …“
„Sie werden zustimmen, Mr. Brown“, versichert Lady Walsh und zeigt wieder ihr kokettes Lächeln.
„Was würde geschehen, wenn Ihr Gatte uns in flagranti erwischen würde? Wenn er einfach früher nach Hause käme als geplant?“
„Wir sind nicht bei uns zu Hause, Mr. Brown.“
Wieder ist Simon erstaunt. „Es steht zwar kein Name an der Tür, aber ich habe angenommen …“
„Wir sind im Hause meiner besten Freundin.“
„Lassen Sie mich raten: Lady Saunders.“
„Ausgezeichnete Antwort.“
Wut und Neugier hatten Simon in die Curzon Street geführt: die Wut wegen der Anschuldigungen, die allesamt erlogen waren, und die Neugier, was das alles zu bedeuten hatte. Nun aber ist er auch ein wenig beeindruckt von Lady Walshs Schlagfertigkeit und ihrer Intelligenz. „Sie wissen aber schon, dass wir in etwa eineinhalb bis zwei Wochen gedenken nach Indien aufzubrechen?“
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren, Simon … Ich darf doch Simon sagen?“ Lady Walsh legt ihre rechte Hand auf sein linkes Knie. Wie ein kleiner Blitzschlag durchfährt es ihn, er zuckt zusammen und bemüht sich, sich ihrer Hand wieder zu entledigen, während er fragt: „Wie soll es nun ihrer Meinung nach weitergehen?“
„Wir werden uns wohl in den nächsten Tagen wiederholt treffen müssen.“
„Wo gedenken Sie denn, sich in den nächsten Tagen mit mir zu treffen? Etwa hier? Lady Saunders muss schon eine sehr gute Freundin sein.“
„Ja, hier, und wie ich schon sagte, sie ist meine beste Freundin.“
„Haben Sie keine Angst, dass Ihre Freundin Mr. Walsh etwas verraten könnte? Für Geld ist vieles denkbar.“
Ein herzhaftes Lachen platzt aus Lady Walsh heraus. „Nein, Simon, überhaupt nicht. Olivia bekommt ja schon Geld von mir. Ich habe alles bedacht.“
„Wie können Sie sich so sicher sein? Das weckt meine Neugier. Wenn Sie Teile meiner Geschichte kennen, darf ich vielleicht auch Teile der Ihren erfahren.“
„Was willst du wissen?“
„Woher kennen Sie Lady Saunders?“
„Über meinen Gatten … Olivia hat früher für die East India Company gearbeitet. Dort hat sie auch ihren Gatten kennengelernt, Lieutenant John Saunders, der sich übrigens zurzeit in Indien aufhält. So schnell kommt der also nicht nach Hause.“ Lady Walsh lächelt spitzbübisch. „Unsere Männer kennen sich schon seit der Grundausbildung. Ich kannte John nur flüchtig. Auf einem Bataillonsball hat Olivia meinen Mann verführt, was er mir später gestand und für uns beinahe mit der Trennung endete. Wir waren noch sehr jung und mein Gatte hatte unglaubliche Angst, mich zu verlieren.“
„Das hat er auch heute noch, sonst hätte er mich nicht so unter Druck gesetzt.“
„Stimmt, Simon … Nun gut, ich habe Lady Saunders aufgesucht. Sie war schockiert, als ich vor ihrer Tür stand. Sie war erst kurze Zeit mit John verheiratet und hatte Angst, alles zu verlieren. Hier auf diesem Sofa haben wir gesessen und uns ausgesprochen. Ich kann nicht sagen, warum, aber wir fanden uns sympathisch. Über die Zeit wurden wir uns immer vertrauter. Außerdem hatte sie etwas, was ich nicht hatte.“ Lady Walsh scheint vor Aufregung der Atem zu stocken. „Lass es mich so formulieren: Ich habe einen fürsorglichen Ehemann, der mich fast abgöttisch liebt und der mir ein achtbares, gesichertes Leben bietet. Aber mir fehlt …“
Simon weiß, was sie sagen will, und fühlt sich langsam wieder etwas sicherer. „Ihm fehlt die Leidenschaft und so bekommen Sie sie auch nicht.“
„Genau.“
„Sagen Sie mir: Warum habe ich das Gefühl, dass Sie über das Haus von Lady Saunders verfügen können, wann immer Sie wollen? Sie ist ihre beste Freundin, das verstehe ich, aber das geht schon ein bisschen darüber hinaus.“
„Ganz so ist es auch nicht, nur in diesem, in deinem Fall, Simon. Lieutenant Saunders hat ab und zu ein Problem mit dem Gin.“
„Sie meinen, er trinkt zu viel.“
„Exakt. Und der Gin muss bezahlt werden. Aus diesem Grund unterstütze ich Olivia von Zeit zu Zeit mit kleinen Geldbeträgen.“
„Lobenswerte Einstellung, Lady Walsh. Aber meine Wut auf Sie überwiegt immer noch.“
„Du kannst deine Gefühle ausgezeichnet verbergen, aber das sagte ich ja bereits. Willst du mich nicht Abbigail nennen?“
„Ich weiß nicht recht, eigentlich nicht. Soweit ich meine Lage zurzeit beurteilen kann, scheint Ihr Plan allerdings aufzugehen.“
Lady Walsh nickt zustimmend und lächelt nun auf eine sehr provokante Art.
„Aber ich muss zugeben, es fällt mir schwer, Ihnen böse zu sein. Wenn ich mich so recht erinnere, waren es beim ersten Treffen Ihre Augen, die mich beeindruckt haben. Irgendwie machen sie einen recht freundlichen Eindruck auf mich.“ Plötzlich steht Simon auf und reicht ihr zum Abschied die Hand. „Es ist schon spät, ich sollte jetzt gehen.“
Lady Walsh hält Simons Hand fest, erhebt sich auch und schaut ihm nun direkt in die Augen. „Ich konnte dich nicht überzeugen? Du könntest mir jetzt noch von deinem ersten Abenteuer erzählen. Ich versichere dir, wir würden beide auf unsere Kosten kommen.“
„So geht das nicht. Ich muss meine Position erst noch überdenken. Vielleicht finde ich noch eine Möglichkeit …“
„Du willst dich nicht so leicht geschlagen geben?“ Blitzschnell wirft sie ihre Arme um seinen Hals, zieht ihn zu sich heran und drückt ihre Lippen auf die seinen. Reflexartig setzt Simon sich zur Wehr, aber nur langsam gelingt es ihm, sich von ihr zu trennen.
„Nein!“, erklärt er kurz mit einem ruhigen, fast sanften Unterton.
Heftig nach Luft schnappend versichert Lady Walsh: „Ich bin sehr hartnäckig, Simon!“

Den Rückweg zur „Ocean Dream“ ging ich damals zu Fuß, denn ich brauchte dringend frische Luft. Auf dem zweieinhalbstündigen Fußmarsch hoffte ich, Klarheit über zwei Dinge zu gewinnen: über die Overland Route und über Lady Walsh.
Quer durch Europa, über das Mittelmeer und durch die Wüste nach Bombay zu reisen und dabei eine Menge Zeit zu sparen – diese Möglichkeit schien mir damals sehr verlockend, um nicht zu sagen: traumhaft. Auf diese Weise hätte ich alle meine Vorhaben unter einen Hut bringen können. Auf der anderen Seite barg diese Route große Gefahren, denn sie führte durch unzählige Länder mit unterschiedlichen Kulturen und über unbekanntes Terrain.
Unbekanntes Terrain – das war auch eine geeignete Umschreibung für die Lage, in die mich Lady Walsh gebracht hatte. Oder sollte ich besser sagen, in die sie mich bewusst und äußerst geschickt hineinmanövriert hatte? Unentwegt beschäftigte mich die Frage, welche Absichten die Lady hatte. Wollte sie von meinen Abenteuern hören und meine Liebesdienste in Anspruch nehmen oder verfolgte sie etwa noch weitere Ziele? In welche Gefahren würde ich mich begeben, wenn ich mich mit ihr einließ? Zweifelsfrei taktierte sie äußerst geschickt, plante ausgesprochen routiniert und handelte absolut zielstrebig … oder, besser formuliert, selbstsüchtig.
Die Situation, in der ich mich befand, bereitete mir Kopfschmerzen und Unwohlsein. Zweifelhafte und schwierige Ereignisse hatte ich in meinem Leben schon einige zu bestehen gehabt, und immer wieder war es mir gelungen, mich herauszuwinden – aber hier? Hier fühlte ich mich wie ein in die Enge getriebener Hund. Lady Walsh hatte mich in der Hand und nutzte das eiskalt. Ich wusste, dass ich zeitnah eine Entscheidung treffen musste: für ein Ja mit allen Konsequenzen oder ein Nein mit der Gewissheit, viele weitere Monate auf dem Weg nach Indien zu verlieren. Die ganze Zeit versuchte ich, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um Marala zu retten – dazu aber musste ich sie möglichst schnell finden.
Ich ging also in dieser kalten Oktobernacht durch die Londoner Straßen und mir wurde immer deutlicher bewusst, dass Lady Walsh ein Ja von mir bekommen musste, wenn ich Marala um jeden Preis retten wollte.

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