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Eine helfende Hand auf der Nordsee
Am nächsten Morgen sitzen Simon und Balthasar wieder in der Postkutsche, diesmal auf dem Weg nach Köln. In den darauffolgenden Tagen geht es von dort über Aachen, Maestricht, Brüssel, Gent und Brügge bis zur Hafenstadt Oostende in der Provinz Westflandern.
Simon steht am Kai im Oostender Hafen, nur wenige Meter vom Wasser entfernt, seinen Blick auf das bunte Treiben gerichtet, das sich hier abspielt. Im Hafenbecken liegen große und kleine Schiffe mit Masten, die weit in den Himmel ragen. Menschen strömen durcheinander, sie beladen die Schiffe oder löschen die Ladung, zu den zahlreichen Geräuschen in der Luft gesellt sich das Kreischen der Möwen. Simon atmet tief ein und stellt erstaunt fest: „Die Luft ist so frisch hier, sie duftet nach Salz und Jod, einfach herrlich!“ Eine Hand legt sich auf seine Schulter, neben ihm steht sein Vater. „Na, Simon, nun bist du das erste Mal am Meer!“ „Papa … Riechst du die Luft?“ „Aufregend, oder? Hör zu, ich muss erst einmal ein Schiff für die Passage nach London und eine Unterkunft besorgen. Vielleicht ist ja noch etwas bei den van den Booms in der Kapucijnenstraat frei, dort habe ich schon mehrmals übernachtet. Dann können wir morgen noch einen Kunden hier in Oostende besuchen und übermorgen früh geht es dann nach London.“ Balthasar hebt seinen linken Arm und zeigt in Richtung Westen. „Wenn du dem Kai in diese Richtung folgst, kommst du an den Strand, ans offene Meer. Wenn du willst, treffen wir uns dort in einer halben bis Dreiviertelstunde.“ „Das wäre toll!“ Kaum hat er geantwortet, setzt sich Simon schon in Bewegung. Balthasar schaut ihm nach: Kein Rennen, keine Hektik – Simons Blicke gehen in alle Richtungen, überwältigt saugt er alles, was er sieht, in sich auf. Je näher er dem Meer kommt, desto stärker bläst Simon der Wind ins Gesicht. Bald steht er oben auf dem Deich: Vor ihm liegen ein langer Sandstrand und das unendliche Meer. Er läuft den Deich hinunter ans Wasser und setzt sich in den feinen weißen Sand. Die Wellen laufen rauschend und schäumend auf dem Strand aus. Möwen kreisen über Simon und auf den ein- und auslaufenden Schiffen sieht er Menschen, klein wie Ameisen, die hoch oben in den Segeln arbeiten. Simon greift mit seinen Fingern immer wieder in den feinen Sand und lässt ihn durch sie hindurchrieseln. „Hallo, Simon.“ Auf einmal steht sein Vater neben ihm. „Papa, schau dir nur die Schiffe an, sie wiegen sich in der See!“ „Ja, der Wellengang wird noch zunehmen. Am Pier hat man mir erzählt, dass sie hier mit ziemlich rauer See rechnen und daher ab übermorgen vielleicht keine Schiffe mehr über den Kanal setzen. Wir segeln also schon morgen früh.“
„Hallo, nicht drängeln dort hinten!“, schreit ein Matrose an der Gangway. „Wir nehmen Sie alle mit nach London.“ Viele Menschen wollen noch mit dem letzten Schiff über den Kanal. Nacheinander besteigen die Passagiere die schmale Laufplanke, die zum Schiff hinüberführt. An jeder Seite dient ein dickes Tau als Handlauf. Balthasar lässt Simon vor sich hergehen, damit er ihn im Auge hat. Das zweimastige Segelschiff hebt und senkt sich merklich, der Seegang hat augenscheinlich zugenommen. „Sie da, gnädige Frau, rechts herum! Die Passagierkabinen sind hinten auf dem Schiff“, ruft ein Matrose mit zerzausten Haaren. „Welche Kabinennummer haben wir?“ Fragend sieht Simon seinen Vater an. „Die Nummer Sechs.“ Ein Matrose hält die Tür zu den Kabinen auf dem Unterdeck geöffnet, damit die Passagiere mit ihrem Handgepäck ungehindert hinabsteigen können. Er lächelt Simon ins Gesicht, als der ihm ein kräftiges „Guten Morgen“ entgegenruft. Die Kabine mit der Nummer Sechs ist schnell gefunden: Sie hat zwei getrennte Betten, einen kleinen Schrank, einen kleinen Schreibtisch und ein kleines rundes Bullauge. Das Interieur ist weiß gestrichen und die Betten sehen wie zwei Kästen aus. „Warum haben die denn hier ein Brett vor dem Bett?“, fragt Simon erstaunt. „Damit wir bei Seegang nicht aus dem Bett fallen. Sollte dir unwohl werden, gehst du am besten an die frische Luft.“ „Im Augenblick geht es mir gut, mir fehlt nichts.“ „Das kann sich schnell ändern, wenn wir auf See sind. Wenn du dich übergeben musst, dann am besten über die Reling – aber nicht gegen die Windrichtung, hast du mich verstanden? Und wenn du andere Leute an Bord siehst, denen es nicht gut geht, beiß dir auf die Lippen und lach sie nicht aus.“ „Ja, ja.“ „Wenn du an Bord herumläufst, pass bitte auf dich auf! Das Deck kann rutschig sein. Am besten, du hast eine Hand immer an einem festen Punkt.“ „Bist du schon mal bei so einem Wetter gefahren?“ „Ja, vier oder fünf Jahre ist das her“, erinnert sich Balthasar. „Damals ist das Unwetter sehr plötzlich aufgekommen. Wir hatten gerade etwas mehr als die Hälfte der Strecke auf dem Ärmelkanal zurückgelegt, da wurde das Schiff dermaßen von den Wellen hin und her geworfen, dass viele der Passagiere Angst um ihr Leben hatten. „Was ist das eigentlich für ein Schiff?“ „Ein Postschiff, mehr kann ich dir nicht dazu erzählen.“ „Darf ich dann jetzt an Deck gehen?“ „Na, lauf schon!“ Kurze Zeit später sitzt Simon in der Mitte des Schiffes auf einer dicken vertauten Holzkiste und schaut den Matrosen bei ihrer Arbeit zu. Einige von ihnen stehen auf dem Deck und hantieren mit mächtigen Seilen, andere klettern geschickt die Wanten hoch in die Segel. „Na, mein Junge, wer bist du denn?“, hört Simon plötzlich eine raue, dunkle Stimme fragen. Er dreht sich um. Neben ihm steht ein bärtiger Mann in dunkelblauer Uniform, mit einer Mütze auf den weißen Haaren und einer dicken Pfeife zwischen den Lippen. „Ich heiße Simon Braun, ich bin mit meinem Vater unterwegs.“ „Aha. Mein Name ist George Thomson und ich bin der Kapitän hier.“ „Der Kapitän! Dann können Sie mir bestimmt erklären, auf was für einem Schiff wir hier sind. Mein Vater wusste das nämlich nicht.“ „Du bist das erste Mal auf See?“ „Ja, wir kommen aus Mainz am Rhein und haben eine Weinkellerei zu Hause.“ „Mit Wein kenne ich mich nicht besonders aus, aber wenn du später mal ein sehr gutes Bier trinken willst, dann erinnere dich an Smithwick’s Ale, das stammt aus einer Brauerei in Kilkenny in Irland. Du sprichst übrigens sehr gut englisch!“ „Das ist kein Wunder, meine Mutter stammt aus England.“ „Oh, da besucht ihr bestimmt eure Verwandten. Jetzt aber zu deiner Frage. Das Schiff ist auf den Name ‚The Repatriate’ getauft, was so viel bedeutet wie ‚Der Wiederkehrende’. Es heißt so, weil es immer auf der gleichen Strecke zwischen London und Oostende hin und her fährt. Vom Typ her ist es eine Brigg, sie hat zwei Masten mit Rahsegeln und ein Briggsegel am hinteren Großmast. Du siehst dort oben, dass die Rahsegel quer zum Schiff aufgehängt sind; das Briggsegel läuft parallel zum Schiffsbug und wird zwischen der Gaffel oben und dem Baum hochgezogen.“
Langsam bewegt sich das Schiff nun aus dem relativ ruhigen Wasser des Hafens auf das offene Meer zu. Immer stärker wiegt es sich auf und ab. Kapitän Thomson zieht mit ruhiger Miene an seiner Pfeife, während der Erste Offizier kurze Kommandos mit dem Wind über das Deck brüllt. Simon zeigt den Großmast hinauf. „Darf ich da auch mal hochklettern?“ Kapitän Thomson überlegt kurz und meint dann: „Schau dir das Treiben erst mal von unten an, dann können wir später immer noch sehen.“ Er fasst grüßend an seine Mütze. Vom Achterdeck kommt gerade Balthasar Braun herüber. „Papa, wir fahren auf einer Brigg.“ „Brigg – den Namen habe ich schon einmal gehört. Jetzt sind wir übrigens auf dem Ärmelkanal, Simon. Wie geht es dir?“ „Gut, alles in Ordnung!“ „Ich frage nur, dem einen oder anderen Passagier auf dem Achterdeck ist schon jetzt die Farbe aus dem Gesicht gefallen.“ Simon schaut nach oben in die Masten. Der Wind bläht die Segel auf, das Schiff liegt leicht nach rechts geneigt und schiebt sich durch die raue See. „Papa, ich bin gleich wieder zurück, ich möchte mal nach vorne gehen.“ „Sei vorsichtig! Immer festhalten!“ Einen Moment später steht Simon am Bug der „Repatriate“ und genießt den Anblick der Wellen. Vor ihm liegt das unendliche Meer. Das Schiff hebt sich mit jeder Woge scheinbar in den Himmel und senkt sich gleich wieder tief hinab. Simon kommt es vor, als würde das Schiff direkt in die Nordsee abtauchen, um im letzten Augenblick dann wieder die Nase zu heben und auf der nächsten Welle zu reiten. Er versinkt in dem Schauspiel, das ihm Freiheit, Spannung und Abenteuer verheißt.
Zurück auf dem Achterdeck, stellt sich Simon zu seinem Vater und einigen anderen mutigen Passagieren. Zwei Herren und eine Dame lehnen kopfüber an der Reling. Ihre Gesichter sehen leichenblass aus. Balthasar dreht sich zu Kapitän Thomson um. „Wie lange werden wir wohl bei diesem Wetter bis London benötigen?“ „Bei durchschnittlichem Westwind von Oostende nach Southend-on-Sea in der Themsemündung etwa zwölf Stunden und dann noch einmal sechs Stunden bis in die London Docks. Bei diesem Südwestwind schätze ich neun Stunden bis Southend-on-Sea, dann aber ungefähr eine Stunde länger auf der Themse, also sieben Stunden.“ Der Kapitän bricht ab. In das stetige Rauschen von Wind und Meer dringt ein Schrei. „Hilfe, Hilfe, Hiiilfeee …“ Ein Matrose hängt hoch oben in der Takelage des Großmastes. Schon vor einiger Zeit hatte der Erste Offizier das Reffen der Segel angeordnet. Der Matrose, der nun hilflos in den Wanten hängt, muss vom Fußpferd, dem Tau, das unterhalb der Rah verläuft, gerutscht sein. Nur mit einer Hand kann er sich daran festhalten – aber wie lange noch? Der Körper des Mannes schwingt in über dreißig Metern Höhe im Wind. Alle Augen an Deck sind nach oben gerichtet. Die Passagiere halten die Luft an. „Das ist Frank!“, ruft Kapitän Thomson und setzt sich in Richtung des Ersten Offiziers in Bewegung.
Balthasar Braun schaut zu Simon – doch der ist weg! Der Junge hat die Situation blitzschnell erkannt und damit seine Chance, hoch oben in die Segel zu kommen. In wenigen Sekunden ist er bei der vertäuten Holzkiste, auf der er vorhin gesessen hat. Dort liegt ein aufgewickeltes Tau, das er sich über Kopf und Schulter wirft. Ohne zu zögern, klettert er die Strickleiter zum Großmast hinauf. „Ruhig bleiben, konzentrieren und immer mit einer Hand festhalten!“, sagt er sich selbst vor. Kurz bevor Simon die erste Plattform erreicht, rutscht er mit seinem rechten Fuß von der nassen Strickleiter ab. Mit ganzer Kraft hält er sich fest und hat im nächsten Augenblick sein Gleichgewicht wiedergefunden. Jetzt ist es von Vorteil, dass er mit seinem Bruder Christoph so oft über die hochgestapelten Weinfässer und die Dachbalken in der Weinkellerei balanciert ist. Höhenangst und Schwindel sind ihm fremd. Zielsicher klettert er auch die kürzere Strickleiter über der Plattform bis zur höchsten Rah hinauf. Vorsichtig, um ein stärkeres Schwingen zu verhindern, steigt er auf das Fußpferd, an dem sich der schreiende Matrose mit seiner rechten Hand festhält. Simon beugt sich über die Rah, hebt das Tau, das er um sich geschlungen hat, über den Kopf und macht eine Schlaufe in das eine Ende. Dann beugt er sich langsam zu dem Matrosen hinunter und schlingt ihm die Schlaufe fest um sein Handgelenk. Das andere Ende bindet er so kurz wie möglich an die Rah fest. Damit ist die Gefahr gebannt, dass der Matrose mit seiner Hand vom Seil abrutscht und ins Meer oder aufs Deck stürzt. Jetzt stößt auch ein anderer Matrose zu ihnen. „Hey, gut gemacht, Junge! Stell dich jetzt auf die andere Seite von Frank, damit ich auch an ihn herankomme. Dann ziehen wir ihn gemeinsam hoch.“
In der großen Runde auf dem Achterdeck starren alle Augen in die Spitze des Großmastes und beobachten, wie der Matrose Frank aus seiner scheinbar aussichtslosen Lage befreit wird. „Teufelskerl, Teufelskerl!“, schreit Kapitän Thomson in den Himmel hinein. „Braun, Sie haben ja einen Sohn, keine Spur von Angst, klettert wie ein Alter in der Takelage herum!“ Oben im Mast ist von diesem Lob nichts zu hören. Simon und die zwei Matrosen steigen die Wanten hinunter. Auf der Plattform im Großmast schaut der Junge das erste Mal bewusst nach unten und sieht, dass das Deck von Menschen nur so wimmelt. Auf dem Achterdeck stehen große Trauben von Passagieren und starren zu ihnen nach oben. Simon blickt aufs Meer hinaus in die Weite und atmet die frische, salzige Seeluft tief ein. Als sie glücklich unten ankommen, kümmern sich Seeleute um Frank, dem Anstrengung und Schreck in den Gliedern stecken. Er greift Simons Hand, und ein zitterndes „Danke“ kommt über seine Lippen. Simon lächelt ihn an. In diesem Moment kommt ein Matrose auf sie zu. „Zum Kapitän, Joseph, ihr sollt euch unverzüglich beim Kapitän melden!“ „Ay, ay“, antwortet Joseph und zieht Simon an seinem Jackenärmel in Richtung Achterdeck. Als sie dort die Stufen hinaufsteigen, klatschen die Mannschaft und die Passagiere Beifall. Joseph macht dem Kapitän Meldung und zieht Simon neben sich. „Meine Damen und Herren, ich bin sehr erleichtert, dass Matrose Frank wieder gesund auf dem Deck steht. Das hätte tödlich enden können. Als Kapitän dieses Schiffes möchte ich mich bei den beiden Rettern herzlich bedanken. Erstaunt bin ich vor allem über das Verhalten unseres jungen Passagiers Simon Braun. In Ihren Augen kann ich sehen, dass Sie das alle genauso empfinden. Bevor auch nur einer von uns einen Gedanken fassen konnte, hat Simon schon die Möglichkeiten für Franks Rettung erfasst, war flink wie ein Wiesel in der Takelage der ‚Repatriate’ unterwegs und zeigte uns seinen Bärenmut.“ Der Kapitän reicht beiden Rettern seine Hand und dreht sich zu Balthasar Braun um. „Herr Braun, Ihr Sohn gefällt mir, der wird später seinen Weg gehen.“ „Das macht er jetzt schon!“, lächelt der Vater zurück. Und siehe da – als er sich umdreht, ist Simon natürlich nicht mehr da, wo er noch vor ein paar Sekunden gestanden hat. Er steht schon wieder vorne am Bug und genießt den Fahrtwind.
Das war für mich damals ein Erlebnis! Heute wundert mich schon ein bisschen die Courage, die ich aufbrachte. Aber es ist wohl so: Wenn man als junger Mensch an seine Grenzen geht oder auch ein wenig darüber hinaus, weiß man im späteren Leben genau, wo seine Grenzen liegen. Mein Vater hat damals übrigens immer zu mir gesagt: „Kann ich nicht heißt: Will ich nicht.“ Wenn man aber will, wird man immer öfter feststellen, dass man auch kann. |
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