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Ein ungewolltes Erlebnis auf dem Postweg
Es ist der 29. Mai 1824 und noch früh am Morgen. Balthasar und Simon sind samt Reisegepäck und einigen Musterflaschen Wein im Landauer zur Posthaltestelle in Mainz unterwegs. Dort wollen sie die Postkutsche nach Koblenz besteigen. Am 27. Mai, seinem Geburtstag, hatte Josephine ihrem Simon am Frühstückstisch verkündet, dass der Vater ihn in zwei Tagen mit auf seine Reise nach England nehmen werde. Den ganzen Tag war der Junge wie aus dem Häuschen, das Kaffeetrinken mit den Verwandten am Nachmittag interessierte ihn nicht besonders, er hatte nur noch England im Kopf. Auch der nächste Tag war unsagbar langsam vergangen. Allein das Packen der Koffer hatte Simon einige Zeit abgelenkt. Der Abschied von seiner Mutter heute Morgen fiel Simon jedoch gar nicht leicht. Er konnte sich die Tränen nicht verkneifen, obwohl ihn London so sehr reizt. Auch Josephine hatte Tränen in den Augen – es ist das erste Mal, dass sie drei bis vier Wochen ohne ihren Jüngsten auskommen muss. Als Joseph schließlich den Landauer vom Hof fuhr, standen die Mutter, Christoph, Josephine, Herr Vonecken und Rosi vor dem Eingangsportal und winkten den beiden Reiselustigen hinterher.
Mit den Gedanken an den Abschied vergeht die Fahrt wie im Flug und schon sind sie an der Poststation in Mainz angekommen Joseph und Simon entladen die Gepäckstücke aus dem Landauer, während Balthasar in der Poststation das Fahrgeld für zwei Personen mit der nächsten Kutsche nach Koblenz entrichtet. Mit großen Augen steht Simon neben dem Gepäck und sieht dem Treiben auf der Poststation zu. Viele Menschen laufen hier scheinbar ziellos durcheinander; Kutschen kommen an, werden ent- und beladen und fahren mit unbekanntem Ziel wieder davon. Simon saugt die Bilder und Situationen in sich auf, leise und laute, teils seltsame Geräusche dringen an seine Ohren. Er ist überwältigt, nimmt nicht wahr, dass sein Vater inzwischen wieder neben ihm steht und mit ihm spricht. Joseph legt seine linke Hand auf Simons Schulter und beugt sich etwas zu ihm herunter. „Auf Wiedersehen, Simon!“ „Oh, Joseph, Entschuldigung! Ich war wohl in Gedanken.“ Balthasar lächelt Simon an. „Das kann man wohl sagen. Ich habe dir gerade erzählt, dass wir in die gelbe Kutsche dort drüben einsteigen müssen und das wir ungefähr zehn Stunden bis Koblenz fahren.“ Dann dreht er sich zu seinem Kutscher um. „Danke, Joseph, kommen Sie gut nach Hause.“ „Ja, Herr Braun. Ihnen auch eine angenehme Fahrt und viel Erfolg.“ Joseph besteigt den Kutschbock des Landauers, löst die Bremse, und mit einer präzisen Bewegung der Zügel setzen sich die beiden Trakehner in Bewegung. Simon sieht ihnen hinterher und wird erst durch die Bewegung des Gepäckkarrens aus seinen Gedanken gerissen. Ein Mann mit Kittel und blauer Schirmmütze hat ihn angehoben und schiebt ihn zur gelben Postkutsche. Während Simon seinem Vater folgt, sieht er, wie ein Reiter im Galopp vor der Poststation ankommt, vom Pferd springt und seine Satteltaschen von der Halterung abschnallt. „Papa, schau mal, der Reiter vor der Poststation, warum hat der es denn so eilig?“ „Das ist ein Postreiter, ein so genannter Stafettenreiter, der bringt Briefe und Dokumente von einer Station zu nächsten und übergibt sie dort einem anderen Mann mit einem frischen Pferd. So kommen die Briefe schnell vom Absender zum Empfänger.“ Reisende stehen vor der leuchtend gelben Kutsche und warten darauf, dass die verschiedenen Gepäckstücke in der Dachreling verschnürt werden. Auch die Braun’schen Koffer werden ordnungsgemäß verstaut und verzurrt. Simon zählt neben den beiden Kutschern sechs Mitreisende. Zwei junge Männer nehmen ganz hinten auf der Kutsche ihre Sitzplätze ein. Unter dem ausgefahrenen schwarzen Faltdach sind sie vor allzu starker Sonne oder vor Regen geschützt. Zwei Paare besteigen vorne die Kutsche, dann folgt Simon und setzt sich mit dem Rücken in Fahrtrichtung gegenüber einer etwas molliger wirkenden feinen Dame. Zum Schluss besteigt sein Vater die Kutsche und setzt sich neben Simon, während er die Wagentür ins Schloss zieht. „Wir fahren jetzt, meine Damen und Herren!“, erklärt einer der Kutscher durch ein kleines Fenster über Simons Kopf. Mit einem kurzen Ruck setzt sich die von vier Pferden gezogene gelbe Postkutsche in Bewegung. Gleichmäßig rollen die Räder über das Kopfsteinpflaster, in der Kutsche hört man ihr Rattern nur gedämpft. Simon lehnt sich in die mit dunklem durchgesessenem Leder bezogene Sitzbank zurück. Der links neben ihm sitzende Herr unterhält sich angeregt mit der Dame gegenüber. Seine Anzugjacke hat er hinter sich in die Ecke der Kutsche an einen Haken gehängt. Das Gespräch dreht sich um Mode. Die elegant gekleidete Dame schaut kurz zu Simon, lächelt ihn an, spricht dann aber wieder über den Empire-Stil. Simon kann damit gar nichts anfangen. Bei „Empire“ fällt ihm vor allem das British Empire ein, das auf dieser Reise ja sein Ziel ist.
„Entschuldigung, Herr Braun, würden Sie bitte meine Jacke auf den Haken zu ihrer hängen?“, fragt der andere Herr und hält Balthasar die Anzugjacke vor die Nase. Der Mann macht einen eher strengen Eindruck auf Simon, ist von schmächtiger Figur. Simon schaut nun rechts aus dem Fenster und sieht Gebäude, Menschen und Fuhrwerke vorbeiziehen. Nach einiger Zeit wechseln sie mit immer mehr Grün ab: Bäume, Büsche, Gräser und Blumen. Sie lassen Mainz hinter sich. Simon schließt seine Augen, das gleichmäßige Rollen der Wagenräder lässt ihn in Tagträume verfallen. Er denkt an London, die größte Stadt der Welt, die Hauptstadt des Empire. „Bist du mit deinem Papa unterwegs?“, unterbricht die ihm gegenübersitzende Dame die Träume. Simon schaut sie an. „Ja, das bin ich.“ „Wie heißt du denn?“, fragt die Dame lächelnd. „Simon, Simon Braun aus Mainz.“ „Mein Name ist Amalie Konrath und das hier ist mein Ehemann Theodor.“ Nettes Lachen, denkt Simon, und mollig ist die eigentlich gar nicht, das wirkt nur so. Er vergleicht sie mit der rechts neben ihr sitzenden Dame, die sehr schlank ist. Dazu kommt, dass sein Gegenüber eines dieser neuen Kleider trägt, die durch an den Oberarmen angebrachte kleine Rüschenärmelchen das Dekolletee sehr weit erscheinen lassen. „Habt ihr eine große Fahrt vor euch oder geht es nur nach Koblenz, wie bei uns?“, fragt Frau Konrath. „Wir fahren nach London, zu Opa und Oma.“ „Deine Großeltern wohnen in England?“ „Meine Großeltern sind Engländer, meine Mutter auch. Das heißt, sie war es, jetzt ist sie Deutsche.“ Die Kutsche bremst ab und Simon sieht durch das Fenster, dass sie vor einem Gebäude hält, an dem in großen Lettern POSTSTATION geschrieben steht. Das kleine Fenster über ihm wird geöffnet. „Meine Damen und Herren, wir machen eine kurze Pause von zwanzig Minuten für den Pferdewechsel. In der Poststation können sie Kaffee trinken und sonstige Geschäfte verrichten.“ Balthasar legt die Hand auf Simons Schulter. „Komm, Simon, aussteigen! Wir sollten uns die Beine vertreten.“ Alle verlassen die Kutsche. Die Kutscher sind vom Bock gesprungen und zwei Männer aus der Poststation bringen vier frische Pferde. Balthasar und Simon stehen mit den beiden jüngeren Männern, die hinten auf der Kutsche gesessen haben, vor der Station und beobachten, wie geschickt und schnell der Pferdewechsel vor sich geht. Einige Minuten später sitzen alle wieder auf ihren Plätzen und die Kutsche setzt sich erneut in Bewegung. Balthasar wendet sich Simon zu: „Koblenz ist eine sehr alte Stadt, die Gegend hier ist schon seit der Steinzeit besiedelt, weil es sehr fruchtbaren Boden gibt.“ „Ja, Papa, und bei Koblenz mündet die Mosel in den Rhein.“ „Genau. Und zurzeit gibt es in Koblenz eine riesige Baustelle. Gerade wird die Stadt mit der Festung Ehrenbreitstein von König Friedrich Wilhelm III. modernisiert und erweitert. Angefangen wurde mit den Bauarbeiten schon vor neun Jahren, aber wann sie wohl fertigwerden?“ Der Balthasar gegenübersitzende Herr, Theodor Konrath, hebt den rechten Zeigefinger. „Entschuldigung, dass ich mich einmische, aber ich kann mehr dazu berichten. Ich bin Staatsbeamter und im Bereich Finanzen für Koblenz zuständig. Die Order zur Neubefestigung der Stadt und der Festung Ehrenbreitstein erging am 11. März 1815 und Fertigstellung wird voraussichtlich 1832 sein. Das kann allerdings auch ein oder zwei Jahre länger dauern, so etwas ist bei einem so großen Bauvorhaben nicht genau abzusehen.“ Simon interessieren diese Jahreszahlen nicht so sehr. Er schaut aus dem linken Fenster, wo er nur Bäume sieht. Sie fahren also durch einen Wald. Balthasar und der Staatsbeamte diskutieren nun über Steuern und Abgaben. Ist das langweilig, denkt Simon. „Wie alt bist du eigentlich?“, fragt die ihm gegenübersitzende Amalie Konrath auf einmal. Simon betrachtet sie. Etwas ist anders, denkt er, irgendetwas sieht anders aus an ihr. Das bernsteinfarbene Haar ist immer noch hochgesteckt und das Kleid ist auch das gleiche … die Ärmel! Die Ärmel sind hochgerutscht und aus dem breiten Dekolletee ist ein schmales, aber tiefes geworden. So etwas hat er ja noch nie gesehen! „Zwölf, ich … ich bin zwölf Jahre alt.“ Simon muss sich konzentrieren. Er schaut Amalie Konrath bewusst ins Gesicht. Nur nichts falsch machen, denkt er sich. „Vorgestern … vorgestern habe ich Geburtstag gehabt.“ „Vorgestern?!“ Amalie Konrath legt ihre rechte Hand auf sein linkes Knie, auf sein nacktes Knie, denn er trägt eine kurze Hose. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Simon“, sagt sie, erhebt sich dabei von der Sitzbank, beugt sich zu ihm und drückt ihm einen Kuss auf die linke Wange. Dabei erhält Simon freien Einblick tief in ihren Ausschnitt, auf zwei große runde Brüste. Nachdem sich Amalie Konrath wieder gesetzt hat, merkt Simon, wie ihm die Röte ins Gesicht steigt. Ein paar Sekunden lang hat er sehen dürfen, wovon ihm bereits sein großer Bruder Christoph vor einigen Wochen erzählt hat. Der hatte Rosi heimlich beim Umziehen beobachtet und dabei ihren nackten Busen gesehen. Amalie Konrath scheint Simons Gedanken sprichwörtlich lesen zu können und lächelt ihm kokett ins Gesicht. Simon weiß nicht, was er tun soll, die Situation ist ihm peinlich, deshalb schaut er wieder aus dem Fenster. Zum Glück wendet sich jetzt der Staatsbeamte an ihn. „Simon“, sagt er, „wenn wir gleich nach Koblenz hineinfahren, kreuzen wir die Mosel. Dann fahren wir über die Balduinbrücke, die im 14. Jahrhundert von Balduin von Luxemburg erbaut worden ist. 85 Jahre dauerte es, bis sie fertig war.“ Einige Zeit später hält die Kutsche vor der Poststation in Koblenz. Alle Reisenden steigen aus und nachdem die Kutscher das Gepäck vom Dach abgeladen haben, verabschiedet man sich. Simon wartet bei dem Gepäck, während sein Vater sich in der Poststation nach der Postkutsche von Koblenz nach Köln erkundigt. Wieder zurück, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen zu Simon: „Die Kutsche nach Köln fährt morgen früh um halb acht von hier ab. Ich habe die Billetts für uns schon gekauft.“ „Wo übernachten wir denn jetzt?“ „Im Gasthaus ‚Zum vollen Fass’, dort drüben auf der anderen Straßenseite.“ Das Gasthaus besteht aus einem weißen mit Schiefer gedeckten doppelstöckigen Fachwerkgebäude. Die Fensteröffnungen sind klein und mit vielen Sprossen versehen. Bereits von außen hört man vielstimmiges Gemurmel aus der Gaststube dringen und als sie den Schankraum betreten, hat Simon das Gefühl, auf einem Marktplatz zu stehen. Ein Durcheinander von Stimmen, Gelächter, Rauch, Qualm, Gerüchen nach Wein, Bier, Bratkartoffeln und Schweinebraten schlägt ihm entgegen. Unter einer Decke aus dunklen Holzbalken hängen kleine gelblich schimmernde Lampen über den Tischen und hüllen den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Männer und Frauen sitzen lachend oder ins Gespräch vertieft an den Tischen. Seinem Vater folgend, schlängelt Simon sich durch die Tischreihen bis zur Theke. Ein dicker bärtiger Mann steht dahinter und dreht gerade einen Korkenzieher in eine Weinflasche. „Guten Abend“, sagt Balthasar freundlich. Eine stämmige Kellnerin drückt sich mit einem Tablett leerer Gläser an den beiden vorbei zur Theke. „Mein Name ist Braun, ich …“ „Zwei Mosel Riesling Kabinett Natur, zwei Elbling und drei Bier“, ruft die Kellnerin grinsend über die Theke. „Jawohl, den Mosel habe ich gleich offen!“ „Ach ja, zwei Schweinebraten mit Kartoffeln muss ich auch noch haben!“ „Entschuldigung“, sagt Balthasar in der Hoffnung, er könne jetzt dazwischen kommen, „ich hätte gerne ein Doppelzimmer für heute Nacht.“ Mit sichtbarer Anspannung im Gesicht sieht der Wirt Balthasar an, während er mit einiger Kraft den Korkenzieher samt Korken aus der Flasche zieht. „Ja, habe ich, Zimmer elf.“ Er dreht sich um und ruft durch eine Wandklappe in die Küche: „Zwei Schweinebraten mit Kartoffeln und, Margarethe, bitte einmal nach vorne kommen und dem Herrn Braun mit seinem Sohn Zimmer elf zeigen!“ Einige Sekunden später wird eine Schiebetür hinter der Theke geöffnet und eine dunkelhaarige junge Dame kommt nach vorne. „Guten Abend, Herr Braun. Darf ich Sie in diese Richtung bitten?“ Sie zeigt den Brauns eine Seitentür, die in einen separaten Hausflur führt. „Unser Gepäck wartet noch vor dem Gasthaus.“ „Kein Problem, hier vorne ist die Eingangstür für die Herberge und dort, die Treppe hinauf, geht es zu den Zimmern.“ Zimmer elf ist ein Doppelzimmer mit separaten Betten. Es ist recht klein, aber sauber und ruhig, auch der Lärm aus der Gaststube dringt nicht bis hierhin vor. Nachdem sie in der Gaststube reichhaltig gegessen und getrunken haben, ist Simon so müde, dass er kaum noch weiß, wie er ins Bett gekommen ist. „Das war ein langer Tag“, sagt Balthasar zu ihm. Aber Simon antwortet schon nicht mehr.
Erinnern kann ich mich noch, dass ich an diesem Tag in kürzester Zeit in Träumen versunken bin und so tief geschlafen habe, dass mein Vater mich am nächsten Morgen heftig wachrütteln musste. Sie wollen wissen, was ich geträumt habe? Ich weiß es nicht mehr, aber bestimmt etwas in der Richtung „Hügel und Täler“ – wenn Sie wissen, was ich meine. |
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