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10.04.1825 Auf Hawaii wird das erste Hotel eröffnet. 06.08.1825 Bolivien erhält die Unabhängigkeit. 27.09.1825 Jungfernfahrt der ersten öffentlichen Eisenbahn der Welt, der Stockton & Darlington Railway. 13.10.1827 Russische Truppen erobern Eriwan, die Hauptstadt Armeniens.
Der geheimnisvolle "Holländer"
An einem sonnigen Samstag im Juli 1827 klettert Simon auf einem schmalen, steilen und holprigen Pfad quer durch die Weinberge einen Abhang hinunter. Für einen Moment bleibt er stehen, um zu verschnaufen. Da bemerkt er, dass er sich in den Weinbergen des „Holländers“ befindet. Sie sehen anders aus als die Weinberge der heimischen Winzer, der Besitzer wendet eine andere Reberziehung an. Simon blickt sich um. Ja - dort, etwas versteckt in den Weinbergen, liegt der Gutshof des „Holländers“. Seine Mutter, Josephine-Christine, klingt ihm noch in den Ohren: „Simon, treib dich da nicht herum, der Mann soll etwas seltsam sein. Versprich mir das!“ Von seinem Vater weiß Simon, dass es sich bei dem Mann, den alle den „Holländer“ nennen, um einen ehemaligen Seefahrer handelt, der sich vor einigen Jahren in der Nähe von Nierstein niedergelassen hat. Er soll einen ausgezeichneten Wein machen, doch weil er den ausschließlich in die Niederlande verkauft und außerdem sehr bescheiden und zurückhaltend lebt, hat kaum jemand Kontakt zu ihm. „Niemand weiß, was er dort oben treibt“, wird von Nierstein bis Mainz gemunkelt. Simon hat schon so manches Schauermärchen über den „Holländer“ gehört. Von Neugier getrieben, geht er nun den holprigen Pfad durch die Weinberge weiter entlang auf den Gutshof zu. Der Weg wird immer schmaler und steiler, plötzlich gibt ein Stein unter Simons Fuß nach und er verliert das Gleichgewicht. Bevor er sichs versieht, stürzt er zwischen den Weinreben hindurch einige Meter den Abhang hinunter. Vor seinen Augen sieht er grünes Weinlaub, den Rhein, den Erdboden, den Himmel, den Rhein - ein Schmerz schießt ihm ins Knie -, den Himmel, dann nichts mehr. Als er wieder zu sich kommt und die Augen öffnet, blendet ihm die Sonne ins Gesicht. Simon kneift die Augen zusammen, hinter den Lidern dreht es sich. Erst jetzt wird ihm bewusst, was geschehen ist. Sein Knie schmerzt und von irgendwoher hört er jemanden sprechen. „Hast du dich verletzt, Junge?“, brummt eine ruhige Stimme. Simon blinzelt mit den Augen, die sich langsam an die Helligkeit gewöhnen, und nimmt eine Gestalt wahr, die vor ihm steht. „Was ist geschehen?“ fragt er. „Du bist wohl von dort oben herabgestürzt.“ Simon mustert den älteren weißhaarigen Mann mit seinem faltigen, von Sonne und Meer gezeichneten Gesicht. „Bist du der, den alle ‚Holländer’ nennen?“ „Bist du der Rotzlöffel, den man ‚Deutscher’ ruft?“, kommt es schroff zurück. „Entschuldigung, ich bin noch nicht ganz bei Sinnen. Mein Knie“, stöhnt Simon. „Es sticht und schmerzt.“ Der alte Mann beugt sich zu ihm hinunter und betrachtet das Knie mit prüfendem Blick. „Das ist halb so schlimm. Es blutet, aber das scheint nur oberflächlich zu sein … Das müssen wir säubern. Hast du andere Schmerzen, oder meinst du, dass du gehen kannst?“ „Doch, doch, es geht schon.“ Tapfer versucht Simon, sich zu erheben, während der Alte ihn stützt. Kurze Zeit später findet er sich im sonnendurchfluteten Innenhof des Weinguts wieder. Neben ihm auf der Teakholzbank sitzt der „Holländer“. „Nur mit der Ruhe, Junge, ich bin gleich zurück.“ Der Alte erhebt sich und verschwindet im Haus. Simon schaut ihm hinterher und - seltsam - irgendwie fühlt er sich geborgen und sicher hier. Nach einigen Minuten kommt der „Holländer“ zurück, in der einen Hand einen Verband und ein sauberes, sorgfältig gefaltetes weißes Handtuch, in der anderen eine Weinflasche ohne Etikett. Er setzt sich neben Simon auf die Bank und träufelt eine wasserklare Flüssigkeit auf das Handtuch, dann sagt er mit festem Ton: „Du bist doch ein starker Kerl - es wird jetzt ein wenig brennen, ich muss die Wunde mit Alkohol desinfizieren.“ Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, presst er das Handtuch auf das blutende Knie. Simons Gesicht scheint die faltigen Züge des Alten anzunehmen, ein Aufschrei entweicht seinem Mund und sofort beißt er sich auf die Lippen, um sich keine Blöße zu geben. „Ganz schön tapfer, mein Junge.“ „Das haben Sie aber nicht zum ersten Mal gemacht?“, fragt Simon. Der „Holländer“ lacht. „In meinem langen Leben habe ich schon so viel gesehen, erlebt und gemacht.“ In diesem Moment erst fällt Simon ein, was sich gehört. „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagt er. „Braun, Simon Braun ist mein Name.“ „Braun … hmm … Vom Balthasar Braun?“ „Ja, das ist mein Vater.“ „Von dem habe ich schon viel gehört. Muss ein ordentlicher, anständiger Mann sein. Mein Name ist Jan ter Bruggen.“ Er erhebt sich und verschwindet mit Verbandszeug, Handtuch und Flasche in zügigen Schritten wieder im Haus. Simon fällt die breitschultrige und große Statur des Mannes auf. Ein paar Minuten später sitzt er wieder neben ihm. Zwischen ihnen auf der Bank stehen jetzt ein Teller mit Brot und Wurst, zwei Gläser und eine Flasche. Der Alte hebt die Flasche hoch. „Traubensaft.“ Er schneidet mehrere Scheiben Brot ab und belegt sie mit Wurst. Dann gießt er Saft in die beiden Gläser. „Jetzt stärk dich erst einmal, das wird dir guttun. Wie du ja schon richtig bemerkt hast, stamme ich aus den Niederlanden, und zwar aus Dordrecht an der Oude Maas. Ich bin für die Vereenigde Oostindische Compagnie fast drei Jahrzehnte um die Welt gesegelt. Die meiste Zeit war ich in Südafrika und Asien. Vor ein paar Jahren habe ich mich hier zur Ruhe gesetzt, und nun verbringe ich meine Zeit damit, den Weinreben beim Wachsen zuzusehen und Wein zu produzieren.“ „Wo haben Sie gelernt, Wein zu machen? Das ist wirklich nicht einfach“, staunt Simon. „Ich war einige Jahre am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika als Kaufmann für die VOC stationiert und habe dort einige Winzer kennengelernt. Weißt du, die Niederländer haben 1652 in der Tafelbucht eine Versorgungsstation für die Handelsschiffe der Compagnie auf den Routen nach Indien und China gegründet. Schon der Gründer, Jan van Riebeeck, hatte Weinreben im Gepäck, und durch den Zuzug deutscher, aber vor allem französischer Einwanderer, der Hugenotten, kam viel ‚Weinwissen’ ins Land.“ „Was wollen die Holländer denn in Indien und China?“ „Wir von der Compagnie haben begonnen, mit den Indern und Chinesen Handel zu treiben: Porzellan, Tee und vor allem Gewürze kommen aus diesen Ländern. Diese Produkte werden von uns in Europa verkauft, aber das ist eine lange Geschichte.“ „Ich würde sie sehr gerne hören, aber jetzt muss ich wohl nach Hause, sonst wird es zu spät. Übrigens kenne ich auch eine Inderin. Ich habe sie getroffen, als ich mit meinem Vater in London war. Sie heißt Marala und ist ein bildhübsches Mädchen.“ „Marala, hmm, das heißt so viel wie ‚Schöner Schwan’. Meinst du, dass du laufen kannst?“ „Ja, das geht schon, Herr … ter Bruggen.“ „Wie wäre es mit Jan? Nenn mich einfach Jan. Du kannst gerne wieder einmal vorbeischauen.“ „Das werde ich, vielleicht schon morgen!“
Das war also meine erste Begegnung mit dem geheimnisvollen Jan ter Bruggen. Ich musste mir eine Geschichte ausdenken, wo ich mir die Knieverletzung zugezogen und wer mich verbunden hatte. Den „Holländer“ durfte ich bei meiner Mutter wohl nicht ins Spiel bringen … Mir würde schon etwas einfallen. Der Jan schien ein wirklich freundlicher Mensch zu sein. Auf mich machte er einen souveränen, welterfahrenen Eindruck. In den nächsten Monaten verbrachte ich viel Zeit mit Jan ter Bruggen. Seine Art, mir die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu erklären, zog mich in seinen Bann: „Man wird dich an deinen Taten messen und nicht an deinen Worten“, „Haste nicht durch dein Leben, um unerreichbare Ziele zu verfolgen, denn wer die ganze Zeit nach den Sternen schaut, der kann den Weg nicht erkennen, auf dem er geht“, „Gib niemals auf und verliere deine Ziele nicht aus den Augen, denn der Erfolg liegt häufig in weiter Ferne.“ Für Jan spielte beim Wein die einzelne Traube, aus der er erzeugt wird, die zentrale Rolle: „Achte auf die Natur, entwickle ein Gespür für die einzelnen Ereignisse. Nur aus einer gesunden, perfekt gereiften Traube kannst du einen guten Wein gewinnen. Im Weinberg heißt das: viel pflegen und weniger ernten, denn weniger ist mehr. Im Weinkeller solltest du so wenig wie möglich und so viel wie nötig tun, dann fügen sich die einzelnen Elemente zu einem wirklich großen Wein zusammen.“ Ich habe Jan in den folgenden zwei Jahren bei allen anfallenden Arbeiten in seinen Weinbergen sehr viel geholfen, dafür hat er mir all seine Tricks und Kniffe gezeigt. Sein fast liebevoller Umgang mit den Weinreben hat mich fasziniert. Ich glaube, meine Eltern haben gewusst, mit wem ich meine freie Zeit verbrachte, aber sie haben sich wirklich groß verhalten, indem sie gar nichts dazu sagten. |
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